Neue politische Sachbücher

Krisenberichte

Fake News, Populismus, Staatsegoismen: Sachbuchautoren haben gerade viel zu tun. Eine Novitätenschau politischer Bücher – vom VW-Skandal bis zur Fundamentalkritik an den Finanz-Eliten. ULRICH BARON

USA, Türkei, Europa: Globale Brennpunkte

Eigentlich sollte man Donald Trump dafür dankbar sein, dass er die schmutzigen Wahrheiten der Politik so ungeniert ausspricht, ja geradezu verkörpert. Doch wo angesichts zahlloser ­globaler Krisenherde jeder zuerst an sich denkt ("America first"), könnten am Ende alle das Nachsehen haben. Während Trumps Lieblingsmedium Twitter als Kurznachrichtendienst noch zur Vergröberung seines Weltbilds beiträgt, bietet das politische Sachbuch Raum und auch Gelegenheit, der anderen Seite zuzuhören: Genau das hat die bekannte amerikanische Soziologin Arlie Russell Hochschild für ihr Buch "Fremd in ihrem Land. Eine Reise ins Herz der amerikanischen Rechten" (Campus, September, 450 S., 29,95 Euro) getan. Aus dem liberalen kalifornischen Berkeley ist sie in das Sumpfland von Louisiana gefahren und hat sich die Sorgen jener Bürger angehört, die das Stimmpotenzial für Stimmungspolitiker wie Trump bilden: Menschen, die sich in ihrem eigenen Land nicht mehr zu Hause fühlen. Unzufriedene, die gegen alles aufbegehren, was ihr Bedürfnis nach traditioneller Gemeinschaft, Familie und Chancen für ihre Kinder zu gefährden scheint. Für diese Amerikaner ist der große nationale Mythos geplatzt, nach dem es jeder zu etwas bringen kann, wenn er nur bereit ist, hart dafür zu arbeiten. Und sie sind wütend darüber.

Zu ähnlichen Schlüssen gelangt auch der britisch-indische Intellektuelle Pankaj Mishra in "Das Zeitalter des Zorns" (S. Fischer, 416 S., 24 Euro), er spannt den Bogen aber großzügig über die Weltgeschichte. Die Verlierer der Geschichte, für die sich die Versprechungen einer neuen Ära nicht erfüllen, werden leicht zum zornigen Fußvolk von Demagogen. Um seine globale Diagnose zu untermauern, blickt Mishra zurück bis zur Französischen Revolution. Er erklärt auch, warum heute viele Extremisten aus Ländern stammen, die doch eigentlich zu Hoffnung Anlass bieten: Der eigene Misserfolg ist nur umso schmerzlicher, je dichter einem der erhoffte Erfolg am Beispiel anderer vor Augen steht.

Von unerfüllten Erwartungen und deren Folgen handeln auch zwei weitere Krisenberichte. Der bekannte Türkei-Experte und ehemalige Redaktionsleiter bei der Deutschen Welle, Baha Güngör, beschreibt in "Atatürks wütende Enkel" die Türkei als ein Land "zwischen Demokratie und Demagogie" (Dietz, August, 248 S., 19,90 Euro). Bei aller Kritik wirbt er zugleich um Verständnis für ein "Land der unbegrenzten Widersprüche", dessen Tradi­tionen und Konflikte weiter zurückreichen als die historischen Kenntnisse so manches Kritikers.

Hasnain Kazim zeigt als Augenzeuge, wie sich dieses Land, das einst als Brückenbauer zwischen Ost und West, Islam und aufgeklärter Demokratie erschien, unter der Ägide eines Recep Tayyip Erdoğan zum "Krisenstaat Türkei" (DVA, September, 250 S., 20 Euro) gewandelt hat. Der ehemalige "Spiegel"-Korrespondent am Bosporus berichtet über ­Demokratieabbau, die reale Gefahr eines Bürgerkriegs, den Kurdenkonflikt und terroristische Bedrohungen.

Während der renommierte Historiker und Autor der "Geschichte des Westens", Henrich August Winkler, die bange Frage aufwirft: "Zerbricht der Westen?" (C. H. Beck, August, 384 S., 22,95 Euro), erblickt die Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot in ihrem Buch "Der neue Bürgerkrieg. Das offene Europa und seine Feinde" (Ullstein, 96 S., 8 Euro) in der Krise Europas auch eine Chance: Die Anhänger einer weltoffenen Zivilgesellschaft seien europaweit in der Mehrheit, und der Druck von rechts könnte sie dazu anspornen, sich zu einer politischen Bewegung zu vereinen, deren gemeinsame Werte wichtiger seien als nationale Egoismen. 

Claus Leggewie formuliert in "Europa zuerst!" (Ullstein, September, 240 S., 22 Euro) sogar eine "Unabhängigkeitserklärung", die das traditionelle Verhältnis Amerikas zum alten Kontinent umkehrt.

Wer Michael Hudsons historische Studie "Finanzimperialismus. Die USA und ihre Strategie des globalen Kapitalismus" (Klett-Cotta, September, 512 S., 27 Euro) gelesen hat, wird sich dem anschließen. Hudson beschreibt die Entfesselung des Kapitalismus seit 1917 und die Folgen für die Weltwirtschaft – Stichwort Finanzkrise. Die Spekulanten an der Wall Street sieht Hudson als Gefährder des globalen Wohlstands. Die USA unter Trump mögen noch Weltmacht Nummer 1 sein, doch sie sind kein Vorbild mehr. 

Von Brandstiftern und Populisten

"Das Volk ist nicht tümlich", schrieb Bertolt Brecht einmal. Und es wird auch nicht gern dafür gehalten. Eine pauschale Kritik des Populismus kann schnell zum Rohrkrepierer werden, wenn sie als Ausdruck intellektueller Überheblichkeit oder der Arroganz der Macht erscheint. Natürlich ist es wichtig und richtig, "Die ­Mythen der Rechten" (Societäts-Verlag, August, 144 S. 12,80 Euro) herauszustellen und zu entlarven, so wie es in der zum Buch gewordenen Artikelserie der "Frankfurter Rundschau" geschieht. Ob sich diese Mythen dadurch tatsächlich entkräften lassen, ist leider zweifelhaft. Oft steckt hinter ihnen eine verzerrte Wahrnehmung realer Probleme. Wer wollte bestreiten, dass sich die Welt tatsächlich in einem Schwindel und Ängste erregenden Wandel befindet?

Man muss kein Reaktionär sein, um sich von blauäugigem Zweck­optimismus und "Wir schaffen das"-Parolen provoziert zu fühlen. Den Fakten, die uns beruhigen könnten, setzt der Populismus erfolgreich seine "gefühlten Wahrheiten" entgegen. Johannes Hillje zeigt in seinem Buch "F*ck the Facts!" (Dietz, August, 128 S., 12,90 Euro), wie die rechten Rattenfänger vorgehen: Bewährte Mittel sind Tabubrüche, Lügen und Polarisierung. Mit immer hemmungsloseren Angriffen auf das politische Establishment steigt gleichzeitig das Gemeinschafts­gefühl. Ein Effekt, der sich noch verstärkt, je leichter die ­kritische Filterwirkung der klassischen Medien durch soziale Netzwerke umgangen wird. Wo als alleinige Währung die emotionale Qualität von Meldungen gilt, wiegt Erregungspotenzial schwerer als nüchterne Fakten.

Die stärkste Furcht ist bekanntlich die vor dem Unbekannten. Zu dessen Abwehr schaffen die neuen Medien auch eine neue Form von Populismus, ein Art Pseudo-Vertrautheit mit jenen seltsamen Gestalten, die sich als Retter präsentieren. Roman Maria Koidl analysiert in seinem polemischen Essay: "Warum wir Irre wählen" (Hoffmann und Campe, Juli, 128 S., 15 Euro), wie ein postfaktischer Wahlkampf aussieht und der "Psycho Politico" triumphiert. Wer gut lügt, gewinnt. Und wer besser lügt, kommt sogar richtig ehrlich rüber. Hauptsache ,unsere Ängste werden bestätigt – und dafür eignen sich Wahnvorstellungen besser als nüchterne Analysen.

Wie hartnäckig ein Wahn als Weltbild sein kann, veranschaulicht Heidi Benneckenstein. Sie lässt uns  in "Ein deutsches Mädchen" (Tropen, Oktober, 256 S., 16,95 Euro) an ihrem einstigen Leben in einer Neonazi-Familie teilhaben. Achtzehn Jahre lang hat sie in einer Parallelwelt gelebt, in der das Dritte Reich auf seltsame Weise fortzuexistieren schien. Ein Alltag, bevölkert von hippieartigen Weltverbesse­rern und rechten Öko-Bauern und einem Vater, der als Oberbefehlshaber agierte. Dass manche Kinder dieser Parallelwelt im richtigen Leben scheitern, ohne Schulabschluss und Berufsausbildung dastehen, stabilisiert diese Szene nur, erklärt Benneckenstein. Die Abgehängten suchten die Schuld für ihr Versagen und ihre aussichtslose Lage "nicht bei sich oder den ­Kumpels, sondern im System und im Establishment, das für Menschen wie sie nichts übrig«"habe. Und während viele Protestwähler und Wutbürger am Ende doch ihren Frieden mit dem System machen, geht bei jenen Gescheiterten der Teufelskreis der Radikalisierung weiter: Je schlechter es ihnen geht, des­to größer ist ihr Hass und desto größer auch ihre Ergebenheit gegenüber jenen, die diesem Hass eine Richtung geben.

Derweil ist das Volk, an das die Populisten sich wenden, möglicherweise dabei, sich aufzulösen. Michael Wildt zeigt in seiner Studie "Volk, Volksgemeinschaft, AfD" (Hamburger Edition, 152 S., 12 Euro), wie mit der Beschwörung von Volk und Volksgemeinschaft ein Ausschluss all jener einhergeht, die als fremd und nicht dazugehörend dargestellt werden. Für Wildt hat sich das Volk als ethnischer Begriff in Zeiten globaler Migration deshalb überlebt. Aber damit markiert er zugleich eine der Bruchstellen, entlang derer "Der Zerfall der Demokratie" sich vollziehen könnte, den der Harvard-Politologe Yascha Mounk kommen sieht. "Wie der Populismus den Rechtsstaat bedroht" (Droemer, 272 S., 19,99 Euro) lautet der Untertitel seines Buchs, das im November erscheint.

Mounk macht zwei fatale Entwicklungen aus: In den USA, Ungarn, Polen und der Türkei seien Demagogen ins Amt gewählt worden, die eine "illiberale Demokratie" betreiben und den Volkswillen beschwören, die Menschenrechte aber missachten. Dagegen gebe es in Ländern wie England, Deutschland und Frankreich einen "undemokratischen Liberalismus", bei dem die Handlungsfreiheit der Politik durch mächtige Interessengruppen zunehmend eingeschränkt werde. Im ersten Fall, so Mounk, wählt das Staatsvolk seinen eigenen Entmündiger. Im zweiten Fall spielt es keine Rolle mehr, wem es seine Stimme gibt. Aber weil das Volk eben nicht dümmlich ist, gibt es längst transnationale Netzwerke, die dem populistischen Nationalismus und seinen Lügen ebenso entgegenarbeiten wie der Lobbykratie mächtiger Interessengruppen. Die Welt ist zu groß für kleingeistigen Populismus.

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