Nina George zum Autorenprotest im Fall Amazon

"Das Wesen Autor emanzipiert sich gerade"

Deutschsprachige Autoren kritisieren unfaire Bedingungen in der Buchbranche – ihr Brief an Jeff Bezos und Ralf Kleber, den mittlerweile mehr als 200 Autoren unterzeichnet haben, soll spätestens am Montag rausgehen. Welche Ziele sie verfolgen und was sie sich von ihren Lesern und Amazon erhoffen, erklärt die Mitiniatorin Nina George. VON INTERVIEW: TAMARA WEISE

Die Initiative "Autoren und Autorinnen für einen fairen Buchmarkt", die Sie vertreten, macht gegen Amazon mobil. Was stört Sie?
Unsere Aktion richtet sich nicht gegen Amazon, uns geht es um einen fairen Handel mit Büchern. Dieser Unterschied ist uns wichtig. Natürlich sprechen wir uns gegen die sehr rüden Verhandlungsmethoden aus, wie verzögerte Lieferzeiten, oder das Unsichtbarstellen in den Empfehlungslisten. Aber Tatsache ist auch: Uns geht es um mehr als das. Es gibt viele Baustellen, die derzeit im Literatur- und Buchmarkt brennen – zum Beispiel das Binnenverhältnis Autor-Verlag, Piraterie und Preisspiralen.

Haben Sie sich von Ihren amerikanischen Kollegen anstecken lassen?   
Ja, wir haben uns von deren Brief inspirieren lassen, Douglas Preston, der Initiator von Authors United (Details dazu: Der Zorn der Autoren), weiß darüber auch Bescheid. Noch sind wir aber noch nicht ganz fertig. Am vergangenen Samstag verschickten wir die ersten Briefe an Kollegen, am Sonntag oder Montag gehen wir mit dem Aufruf an unsere Leser, an Jeff Bezos und Ralf Kleber raus. Wir kämpfen noch etwas mit technischen Widrigkeiten.

Wie viele werden dann unterzeichnet haben, aus Ihrer Sicht?
Sicher mehr als 300.

Was brachte den Stein ins Rollen?
Am Anfang stand eine Gruppe von Autoren, die sich fragten, ob sie auch so etwas machen wollen; Autoren aus dem PEN, aus dem VS und dem Syndikat. Diese Gruppe, zu der ich auch gehöre, passte den Brief also an unsere Bedürfnisse an. An den Rückmeldungen an wir sehr schnell gesehen, dass der Wunsch, selbst etwas dazu zu sagen, sehr ausgeprägt ist. Wir hörten Geschichten von Autoren, die in den betroffenen Verlagen veröffentlichen; sie berichteten, welche Nachteile sie durch Amazons aktuelle Verhandlungstaktik haben - wie ihre Bücher nicht mehr auftauchen, wie die Bücher nicht mehr empfohlen werden, wie die Lieferzeiten künstlich auf 10 bis 14 Tage verlängert werden. Andere bekundeten wiederum ihre Solidarität, und wieder andere sagten, dass es eigentlich um noch mehr gehen müsse als diesen einen Punkt, die Geschäftspraktiken von Amazon. Das heißt: Viele haben durchaus auch den Wunsch geäußert, sich künftig mehr einzumischen, sich nicht einfach nur verwalten zu lassen. Das Wesen Autor emanzipiert sich gerade.

Inwiefern trifft das die Verbindung zu Verlagen?
Also wenn uns was mit Verlagen verbindet, dann ein hervorragendes, eingespieltes Geschäftsverhältnis. An die Leistungen eines professionellen Publikumsverlages ist nicht so leicht ranzukommen. Ich bin jetzt seit 20 Jahren Schriftstellerin, und habe seit einem Jahr einen großen Erfolg – da hat sich die ganze Stärke eines professionellen Verlages gezeigt. Sie konnten schnell nachliefern, Auslandsgeschäfte tätigen, Lizenzen verkaufen, Hörbücher auf die Beine stellen. Für Autoren ist das immer noch unschlagbar.

Gab es schon Rückmeldungen von Verlagen?
Bis jetzt noch nicht. Aber das wäre auch komisch. Wir tun das alles ja nicht unbedingt für die Verlage, sondern für uns Autoren.  

Sie wünschen sich einen fairen Buchmarkt. Ist Amazon bereit für Ihre Argumente?
Ich denke nicht, dass das Unternehmen schnell einknicken wird – Jeff Bezos ist ein Mann mit einer Langzeitstrategie und verfolgt das, was er will, meist sehr hartnäckig. Es könnte zwar sein, dass er sich eine neue Taktik zurechtlegt. Aber das weiß natürlich niemand. Was am Ende steht? Vielleicht eine Dystrophie, eine Literaturdiktatur? Dass Amazon künftig die gesamte Kulturwelt verwalten möchte, ist natürlich sehr schriftstellerisch gedacht, aber solche Vorstellungen sind durchaus da.

Wie werden die Leser reagieren?
In jedem Fall entwickelt sich durch die Aktion eine neue Debattenkultur, die sich dafür interessiert, wie die Dinge zusammenhängen. Etwas anzustoßen, aufmerksam zu machen, aufzuklären - das ist unser Ziel. 

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3 Kommentar/e

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  • Uli Singer

    Uli Singer

    Wer mit Amazon nicht kann oder will... Kann den Online-Handel verlassen und den konventionellen Buchhandel nutzen... Es wundert nur, dass Autoren, die insbesondere über Amazon gut im Geschäft sind, jetzt Protestbriefe unterschreiben.... Ein Schelm, der Böses dabei denkt?

  • Galbadon

    Galbadon

    Nein, ich glaube, dass ist ein gute Sache - und einer der besten Beiträge zu dem Thema bisher.
    Wenn eine Veränderung in der Buchlandschaft gestaltet wird, dann zusammen mit den Autoren, und nicht von Amazon, den Buchpiraten und ihren Freunden oder den Nerds, die in Büchern nur Datenkonglomerate sehen.

    Und das Amazon solche Macht über die Autoren, die Verlage und die Bücher hat, liegt wohl daran, dass wir zumindest im deutschsprachigen Bereich keine Internetplattform haben, die genauso universell, vielfältig und einfach wie bei Amazon über Bücher und Autoren berichtet, Kundenmeinungen präsentiert, Biblios liefert und was Bestellkomfort bietet. Wenn das geschaffen würde, dann würde Amazon weit weniger Macht haben. Dabei die Vielfalt zu erhalten, wäre schwer, aber nicht unmöglich.

  • Melanie Ludwig

    Melanie Ludwig

    Mit zunehmendem Wachstum scheint es auch hier zu einem Qualitätsverfall (in diesem Fall zu einem Verfall der Fainess) zu kommen. So reguliert sich vieles von alleine. Meine Buchhändlerin um die Ecke liefert ohne Aufpreis binnen 24h - wenn ich will auch direkt zu mir nach Hause. Sorry Amazon.

    • ...

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