Novitäten zu Gesellschaft und Wirtschaft

Wohlstand auf Kosten anderer

Neue Debattenbücher loten aus, warum die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinandergeht – und warum Wachstum keine Strategie für die Zukunft ist. SABINE SCHMIDT

Der Zweite Weltkrieg mit seinen Gräueltaten und Katastrophen war eine Zäsur: Das neue Europa, das daraus hervorging, wollte die Menschenrechte hochhalten, das Projekt Aufklärung mit (Chancen-)Gleichheit und Gerechtigkeit sollte gelingen, global wie national. Tatsächlich ist vieles besser geworden, jedenfalls in Teilen Europas. Vieles aber nicht.

Kriege, Terror und der Klimawandel zerstören die Lebensgrundlage zahlreicher Menschen. Zwar ist die Erde noch nie ein Paradies für alle gewesen. Aus Sicht von Menschenrechtlern war das Jahr 2016 aber besonders katastrophal, auch wenn die UNO im Kampf gegen Armut durchaus Erfolge verzeichnet.

Autoren wollen die humanitären Notstände nicht hinnehmen, soziale Ungleichheit gehört zu den Themen, die in neuen Sachbüchern intensiv diskutiert werden.Der Soziologe Stephan Lessenich beispielsweise zeigt die Verflechtungen zwischen armen und reichen Ländern und beginnt mit einer Katastrophe, die 2015 in der täglichen Bilderflut der Nachrichtenkanäle nur kurz auftauchte. Damals brachen in der brasilianischen Bergbaustadt Mariana die Dämme zweier Rückhaltebecken, in denen die Abwasser einer Eisenerzmine gesammelt wurden. 60 Millionen Kubikmeter schwermetallhaltigen Schlamms vergifteten den Rio Doce. Die Industrieländer müssen diese Giftsuppe nicht auslöffeln, sind aber mitverantwortlich für sie: Das betont Lessenich in "Neben uns die Sintflut" (Hanser Berlin, 224 S., 20 Euro). "Die Hintergründe der Katastrophe liegen in der Anlage des Weltwirtschaftssystems begründet", meint der Autor – nicht zuletzt im Ressourcenhunger des reichen Nordens, in dessen Konsumpraktiken und Lebensstilen. Neu ist diese Einsicht nicht, aber nach wie vor gültig, und Lessenich belegt sie mit zahlreichen erschreckenden Beispielen.

Mit einer Welt, die von Ungleichheit geprägt ist, befasst sich der Schweizer Soziologe Jean Ziegler seit Langem, auch in seiner jüngsten Schrift, die jetzt als Taschenbuch erschienen ist. Bereits mit dem Titel betont der populäre 82-jährige Menschenrechtler, dass er weiterhin zum Handeln aufrufen will: "Ändere die Welt! Warum wir die kannibalistische Weltordnung stürzen müssen" (Penguin, 288 S., 10 Euro).

Soziale Ungleichheit und Ungerechtigkeit sind allerdings nicht nur ein Thema im globalen Kontext, auch bei uns ist nicht alles Gold, was glänzt: Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Ins­tituts für Wirtschaftsforschung, spricht vom "Verteilungskampf" (Carl Hanser Verlag, 264 S., 19,90 Euro), betont, dass Deutschland immer ungleicher wird, und erntet damit Zustimmung sowie Widerspruch. "Das Erhardt'sche Ziel 'Wohlstand für alle' ist heute nur mehr eine Illusion", meint Fratzscher. "In kaum einem Industrieland der Welt sind vor allem Chancen, aber auch zunehmend Vermögen und Einkommen ungleicher verteilt als in Deutschland." Nur einigen gehe es gut, während immer mehr am unteren Rand der Gesellschaft stünden und wenige Möglichkeiten für den sozialen Aufstieg hätten.

Eine ähnliche Sicht auf die Dinge hat "SZ"-Redakteur Alexander Hagelüken ("Das gespaltene Land. Wie Ungleichheit unsere Gesellschaft zerstört", Knaur, März 2017, 240 S., 12,99 Euro). Europa-Primus Deutschland habe die Finanzkrise zwar gut überstanden und auch der Champagner fließe reichlich. Unter der glänzenden Oberfläche stößt der Autor jedoch auf eine andere Realität: "Da bröckeln die Fundamente der Gesellschaft." Hagelüken zeigt den Riss auf, der sich durch Deutschland zieht – und will zu einer anderen Politik aufrufen.

Nicht nur Ungleichheit, auch Armut ist ein Thema in Deutschland, sagt Georg Cremer. 15,4 Prozent der Bevölkerung und damit rund zwölf Millionen Menschen seien arm und würden über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens verfügen, so der Generalsekretär des Deutschen Caritasverbands und Professor für Volkswirtschaftslehre in seinem Buch "Armut in Deutschland" (C. H. Beck, 270 S., 16,95 Euro). Auch wenn unter den statis­tisch Erfassten viele Auszubildende und Studierende seien, gebe es immer mehr Menschen, die sich wirklich in einer Notlage befinden würden. Sie brauchten nicht die übliche rituelle Empörung, betont Cremer, sondern wirkliche Hilfe.

Viele Alleinerziehende gehören zu denen, die wenig besitzen und wenig verdienen, sie gelten als eine der Hauptrisikogruppen für Armut. Aber das ist nicht alles, sagt die dreifache Mutter Christine Finke, freie Journalis­tin und Stadträtin in Konstanz: Es fehle insbesondere an Verständnis und Unterstützung. Alleinerziehende würden ausgegrenzt und stigmatisiert, ihr Alltag sei enorm anstrengend und einsam. Über ihre Erfahrungen schreibt Finke in ihrem Blog "Mama arbeitet" und in ihrem Buch "Allein, alleiner, alleinerziehend. Wie die Gesellschaft uns verrät und unsere Kinder im Stich lässt" (Bastei Lübbe,  238 S., 14,99 Euro).

Wichtige Hintergrundinformationen für das Verständnis der aktuellen Armutsdiskussion liefert auch der Politikwissenschaftler Philipp Lepenies in seiner Analyse "Armut. Ursachen, Formen, Auswege" (C. H. Beck, Februar 2017, 128 S., 8,95 Euro). Der Autor befasst sich mit der Frage, ob die Armut wirklich zunimmt. Oder ob wir es nur mit "relativer" Armut zu tun haben, wie Politiker gern abzuwiegeln versuchen – sprich: Eigentlich gibt es in Deutschland keine Not, insbesondere nicht im Vergleich mit der Situation in Hunger­regionen. "Was aber ist Armut? Kann man sie messen? Muss der Staat etwas gegen sie unternehmen? Und wenn ja, was?", fragt Lepenies.

Hartmut Kaelble sucht Antworten in der jüngeren Vergangenheit. Sein Buch "Mehr Reichtum, mehr Armut" bei Campus (März 2017, 220 S., 19,95 Euro) befasst sich mit "sozialer Ungleichheit in Europa vom 20. Jahrhundert bis zur Gegenwart". Der Professor für Sozialgeschichte schaut zurück auf die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg und auf das "Wirtschaftswunder" der 50er und 60er Jahre, um mit diesen Rück­blicken zu zeigen, dass soziale Ungleichheit vermeidbar ist.

In die Zukunft dagegen blickt Tim Jackson, dessen Standardwerk "Wohlstand ohne Wachstum" im April 2017 in einer komplett überarbeiteten Fassung bei Oekom erscheint ( 256 S., 17,95 Euro). Der britische Ökonom wendet sich dagegen, die Wirtschaftsordnung auf ewiges Wachstum festzulegen und zeigt die Notwendigkeit  zum Umsteuern.

Ähnlich sehen das Erhard Eppler und Niko Paech, die in einem Streitgespräch einen ressourcenleichten Lebensstil forcieren und in ihrem Buch "Was Sie da vorhaben, wäre ja eine Revolution ..." (Oekom, 208 S., 14,95 Euro) über eine Ethik des "Genug" debattieren. Statistiken, Studien und Ideen für soziale Gerechtigkeit gibt es also viele – vor allem im reichen Norden, wo Meinungsfreiheit herrscht und gesellschaftliche Umstände, aber auch die Politiker selbst vom schreibenden und lesenden Volk noch kritisiert werden dürfen.

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1 Kommentar/e

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  • franz wanner

    franz wanner

    Gefühlte `zigtausend Seiten kluger Gedanken. Muss man die erst studiert haben, um sich zur Sache zu äußern?
    Um welche Sache geht es denn eigentlich?
    Und wen interessiert es?
    Wären denn Interessierte an Auseinandersetzung interessiert? Hätten die eine Adresse, ein Forum, eine Plattform? Nichts dergleichen.
    Letztlich geht es fast nie um das Problem, sondern immer um dessen Lösung. Und wer sich zur Lösung nicht aufschwingen kann, macht eben einen auf besorgt.
    Wer Probleme nicht lösen und dauerhaft machen will, muss die beseitigen - und dazu muss man sie kennen.
    Wünschenswert wären also Problembeschreibungen und -analysen.
    Gibt es die auch?

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