Novitäten zum Thema Populismus

Im Namen des Volkes

Die da oben, wir hier unten – und die anderen sollen draußen bleiben: Mit Feindbildern geht der Populismus erfolgreich auf Stimmenfang. Neue Bücher zu einem gefährlichen Politikstil. ANDREA RINNERT

Immer sind die anderen schuld: beschränkte Logik bei einer rechten Demonstration in Köln

Immer sind die anderen schuld: beschränkte Logik bei einer rechten Demonstration in Köln © picture-alliance

Darth Vader im Weißen Haus
Wie hat ein Mann wie Donald Trump es geschafft, Präsident der USA zu werden? Im gängigen Erklärungsknäuel platziert Georg Seeßlen einen neuen roten Faden. Seine These: Mit dem Verschmelzen von Popkultur und Politik reagieren Menschen stärker auf gefühlsbetonte "Bildbotschaften" statt auf Argumente. Der Film- und Kulturkritiker entlarvt Trump anhand zahlreicher Beispiele als "zeitgemäße Variation des Volkshelden" in der Tradition von Robin Hood, Jesse James – und Darth Vader. Denn egal ob Outlaw oder Bösewicht: Was fasziniert, ist der gelingende Aufstand gegen das Establishment. Ein inspirierender Essay.

Georg Seeßlen: "Trump! Populismus als Politik", Bertz + Fischer, 140 S., 7,90 €

Sturm der Aufklärung
Jeder gute Politiker müsse auch Populist sein – sonst könne er nicht begeistern. "SZ"-Journalist Heribert Prantl fordert einen "Sturm der Aufklärung" gegen den neuen Rechtsextremismus: ein offensives, leidenschaftliches Werben für ein demokratisches, rechts- und sozialstaatliches Europa. Mit der sachlichen Aussage, die Probleme seien komplex, lässt sich nun mal keine Wahl gewinnen. Prantl fordert zugleich Veränderungen: Sein Maßnahmenkatalog enthält viel Konkretes, von der Entschuldung der Ruhrgebiet-Kommunen bis zum strafrechtlichen Vorgehen gegen Onlinehetze. Wortgewaltiger Rundumschlag.

Heribert Prantl: "Gebrauchsanweisung für Populisten", Ecowin, 64 S., 14 €

EU-feindliche Allianz
Europaweit sind rechtspopulistische Parteien auf dem Vormarsch – weniger geläufig ist einer breiten Öffentlichkeit, welchen Anteil Russlands Präsident daran hat. Warum unterstützt er seit einem Jahrzehnt medial und finanziell Marine Le Pen und andere Nationalisten? Weil seine geopolitischen und wirtschaftlichen Interessen mit der Vision der Rechten harmonieren. Das gemeinsame Ziel: die EU zu zerschlagen. Aufschlussreich, aber nicht sehr übersichtlich gegliedert.

Michel Reimon, Eva Zelechowski: "Putins rechte Freunde. Wie Europas Populisten ihre Nationen verkaufen", Falter, 128 S., 16,90 €

Die Partei der Angstmacher
Das A müsste eigentlich für "Angst" stehen, zeigt Melanie Amanns ebenso nüchterne wie packende Darstellung der AfD deutlich. Die "Spiegel"-Redakteurin beobachtet die Partei seit deren Gründung 2013 und hat nun alles Wissenswerte dazu gebündelt: vom »Wegbereiter« Thilo Sarrazin bis zur unklaren Zukunft. Porträts der Karrieristin Petry und der Ideologen Gauland und Höcke enthüllen, wie viel doch der heutige islamfeindliche, ausgrenzende Nationalismus der AfD mit Luckes Anti-Euro-Kurs gemeinsam hat – nämlich die Masche, Unbehagen und Ängste zu schüren. Übersichtliches Infopaket nicht nur für Wechselwähler.

Melanie Amann: "Angst für Deutschland", Droemer, 320 S., 16,99 €

Erschreckende Parallelen
Als Historiker kann man wohl kaum ein Fortschritts­optimist sein, doch den Glauben an die Aufklärung hat Volker Weiß trotzdem nicht verloren. Sein Porträt der Neuen Rechten – ihrer Wurzeln, Strategien und Ziele – enthüllt in detailreichen Einzeldarstellungen, dass überwunden geglaubte, (prä)faschistische Diskurse des 20. Jahrhunderts in die Politik zurück­gekehrt sind, etwa als Identitäre Bewegung mit poppigem, subkulturellem Anstrich. Souverän zeichnet der Autor eine Entwicklunglinie von Sarrazin bis zu Trump nach und bezieht dabei den fundamentalistischen Islam als Baustein eines globalen Antihumanismus ein. Nicht alarmistisch, aber warnend. Nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse.

Volker Weiß: "Die autoritäre Revolte", Klett-Cotta, 304 S., 20 €

Verlogene Wahrheitsliebe
So neu wie der Begriff ist die Sache selbst keineswegs: Gelogen wird in der Politik nicht erst, seitdem das postfaktische Zeitalter ausgerufen wurde. Aber ist die Grauzone zwischen Lüge und Wahrheit durch Trump und Konsorten größer geworden? Warum müssen die Trennlinien zwischen Vereinfachen und Verfälschen, zwischen Meinung, Urteil und Tatsachenbehauptung bisweilen unscharf bleiben? Inwiefern taugt der Populismus-Vorwurf, um berechtigte Kritik abzuschmettern? Das »Kursbuch« verleiht hochaktuellen Fragen intellektuelle Tiefenschärfe, entlarvt die Rede von einem homogenen Volk(swillen) als demagogisch und erörtert, was Verantwortung für Führungskräfte heißt. Nahrhaftes Lesefutter für Denkfleißige.

"Kursbuch 189. Lauter Lügen", Murmann, 188 S., 19 €

Wählen gehen reicht nicht
Jetzt gilt's: Engagiert euch, am besten ehrenamtlich! So ließe sich der Appell auf den Punkt bringen, mit dem der Mitbegründer der "Initiative Offene Gesellschaft" die demokratisch gesinnte Mehrheit aufrütteln will – damit sie die überlaute Minderheit der Neurechten rechtzeitig zurückdrängt. Nicht im islamistischen Terror sieht der Sozialpsychologe die Hauptgefahr, sondern in jenen, die wie Horst Seehofer aus den Anschlägen gleich politisches Kapital für eine restriktivere Einwanderungs- und Sicherheitspolitik schlagen wollen. Welzer legt ein oft übersehenes Zusammenspiel offen: Rechtsradikale und Islamisten "brauchen einander innig", um ihre jeweilige Gefolgschaft aufzustacheln. Kluger Weckruf.

Harald Welzer: "Wir sind die Mehrheit", Fischer Tb., 128 S., 8 €

Abwehrkräfte der Mitte stärken
Beim Terrorismus zuerst an den Islam zu denken, das entlarven die Herausgeber als Fehler: Angesichts Tausender gegen Flüchtlinge gerichteter Gewalttaten und den Morden des NSU fassen sie den Rechtsextremismus ins Auge. Die Beiträge eröffnen sozialpsychologische Perspek­tiven auf Vorurteile, ordnen Verunglimpfungen wie "Gutmensch" und "Lügenpresse" historisch ein, betrachten Gegenstrategien: Wie kann Bildungsarbeit die Abwehrkräfte der Bevölkerungsmehrheit gegen rassistische Feindbilder stärken? Wie lassen sich irrationale Ängste nachhaltig entkräften? Anstöße fürs Umdenken.

Björn Milbradt u. a. (Hrsg.): "Ruck nach rechts?", Verlag Barbara Budrich, 220 S., 24,90 €

Aggressive Aufmärsche
In Dresden – wo sonst!, mag angesichts von Pegida so mancher (Besser-)Wessi gedacht haben.
Ein wissenschaftlicher Sammelband erkundet nun, warum sich ausgerechnet hier die (gefühlten) Verlierer der Wiedervereinigung kollektiv empör(t)en. Und welche Rolle spielt der gesamtdeutsche Erfolg rechtspopulistischer Strömungen bei den Auf­märschen? Auch diese Frage wird im Rahmen der mehr als 20 Beiträge hinlänglich diskutiert. Ein facettenreicher Überblick.

Karl-Siegbert Rehberg u. a. (Hrsg.): "Pegida. Rechtspopulismus zwischen Fremdenangst und 'Wende'-Enttäuschung?", Transcript, 377 S., 29,99 €

Selbstkritik statt Revolution
Den Populismus deutet Bernd Stegemann als Symptom für eine katastrophale Krise des Liberalismus: Seit der Französischen Revolution global auf Erfolgskurs, diene er heute nicht mehr der Freiheit, sondern der Ausbeutung. Soll nun wie bei Marx eine Revolution von unten dem Kapitalismus den Garaus machen? Nein, der Autor setzt auf "Selbstkritik": auf eine Elite, die ihre Privilegiertheit aufgibt. Liberale aller Länder, besinnt euch? – Eine teils redundante Generalabrechnung mit der Political Correctness.

Bernd Stegemann: "Das Gespenst des Populismus", Theater der Zeit, 178 S., 14 €

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