Novitäten zum Thema Zukunft

Kristallkugel reloaded

Klimawandel, Plastikmüll, Staubsaugroboter – sind wir noch zu retten? Und wenn ja, durch welche ökologischen, technologischen und politischen Lösungen? Neue Bücher wissen mehr. ANDREA RINNERT

Nur keine Berührungsängste: Was bringt die Zukunft?

Nur keine Berührungsängste: Was bringt die Zukunft? © istockphoto

Die schlechteste aller Nachrichten zuerst: „Früher war auch die Zukunft besser.“ Freilich hatte Karl Valentin damit bereits recht, als der Klimawandel noch keine stattliche Drohkulisse abgab oder smarte Staubsauger uns heimlich fotografieren konnten – doch heute scheint der Satz irgendwie wahrer als je zuvor. Warum eigentlich? Wieso stimmen die vielen guten Nachrichten – beispielsweise gibt es inzwischen weniger Hunger und Armut auf diesem Planeten – nicht optimistischer? Oder braucht es Alarmismus, damit sich überhaupt etwas bewegt? Lesenswerten neuen Sachbüchern zum Thema Zukunft gelingt der Balanceakt zwischen Schwarzmalerei und Schönfärberei – mit dem Effekt, dass die Lektüre aufrüttelt, ohne zu entmutigen. Tenor: Es ist eigentlich zu spät, aber packen wir’s trotzdem an! Eine weitere Gemeinsamkeit der Novitäten, die zu verraten kein Spoiler ist: der Befund, dass die Digitalisierung an einigem Unbehagen schuld ist, weil Entwicklungen dynamischer, unübersichtlicher und unberechenbarer verlaufen.

Als modernes Mittel gegen solche Überrumpelungsgefühle empfiehlt Bernhard von Mutius „Disruptive Thinking“ (Gabal, 232 S., 25,99 Euro): Aus der digitalen Transformation will der Coach das Beste herausholen durch ein Denken, das unerwartete Innovationssprünge nicht als Störungen ablehnt, sondern zupackend begrüßt – für einen Zugewinn an (unternehmerischem) Gestaltungsspielraum. Ebenfalls geeignet als eine Art Rundum-sorgloser-Paket: die Prognosen aus „Werden wir auf dem Mars leben?“ (Brandstätter, Oktober, 168 S., 22,50 Euro) In 33 Kapiteln äußern sich Wissenschaftler aus ihrer jeweiligen Forschungsperspektive differenziert über alle erdenklichen Ungewissheiten. Selten fällt daher eine Antwort so eindeutig aus wie die von Carsten Scharlemann auf die Titelfrage: „Aber ja! Natürlich. Ohne Frage“, bekräftigt er – weil er von einer unvermeidlichen Ressourcenknappheit auf der Erde ausgeht.

 

Planetarische Ökologie

Von Ausweichmanövern auf andere Himmelskörper hält Prinz Charles hingegen wenig: „Wir haben nur diesen einen Planeten, der unsere Existenz sichert“, versichert der Thronfolger in seinem Vorwort für „Unsere Erde unter Druck“ (Dorling Kindersley, 224 S., 19,95 Euro), und deshalb sei eine detaillierte Bestandsaufnahme des hiesigen Status quo das Allerwichtigste. Mit Tony Junipers doppelseitigen Infografiken ist sie im Folgenden so ansprechend ausgefallen, dass es geradezu Vergnügen bereitet, sich mit globalen Herausforderungen wie Wüstenbildung, Artenschwund und Verstädterung zu befassen. Endzeitstimmung? Nein, eher Aufbruchstimmung – auch dank Vorschlägen für individuelle Handlungsspielräume nicht nur in puncto Kohlenstoff-Fußabdruck.

Eine Kurskorrektur in Richtung Nachhaltigkeit propagiert der Club of Rome bekanntlich schon seit Längerem. Anlässlich seines 50-jährigen Bestehens haben 34 seiner Mitglieder nun für „Wir sind dran“ (Gütersloher Verlagshaus, 394 S., 24,99 Euro) auch viele hoffnungsvoll stimmende Denkansätze und Ideen zusammengetragen – von der Yin-Yang-Philosophie bis zu Passivhäusern oder einer 3-D-Austernfarm. Das wachstumskritische Fernziel dabei: den „materialistischen Egoismus“ zu schwächen und Wohlstand vom „Naturverbrauch“ abzukoppeln.

 

Innovative Technologien

Ranga Yogeshwar wiederum, Diplomphysiker und eloquenter Wissensvermittler, legt mit „Nächste Ausfahrt Zukunft“ (Kiepenheuer & Witsch, 400 S., 22 Euro) ein Buch vor, das ebenso anschaulich wie informativ auslotet, wie durchgreifend die digitale Revolution unser Leben transformiert (hat). Egal ob es um Medizinisches oder eine Banküberweisung geht: In einer zunehmend übertechnisierten Umgebung werden wir zu Abhängigen. Bei unserem Koffeinkonsum sind wir schon längst den Marotten reparaturanfälliger Espressovollautomaten ausgeliefert, und allmählich verwandeln wir uns unbewusst selbst in Computer: Wer beispielsweise bei Tinder entweder nach links oder nach rechts wische, trainiere ein Verhalten, das von der Logik eines Algorithmus geprägt sei, warnt Yogeshwar – ein Mann, der mitnichten an übertriebener Zukunftsangst leidet.

Mehr Vorfreude auf ein womöglich besseres Morgen vermittelt das Ehepaar Kelly und Zach Weinersmith mit „Bald!“ (Carl Hanser, Oktober, 480 S., 22 Euro): Aufgelockert durch Cartoons und anderen Humor, erkundet das Gemeinschaftswerk zehn potenziell revolutionäre Technologien, darunter einen Aufzug ins Weltall oder das Herstellen synthetischer Organe durch „Bioprinting“. So weit, so wünschenswert? Selbstironisch stellt sich das Autorenduo zwar als nerdhaft technikbegeistert dar, drückt sich aber beileibe nicht davor, Bedenken zu erläutern: etwa einen Arbeitgeberzugriff auf Implantate bei Gehirn-Computer-Schnittstellen.

Weltpolitik und Utopisches  Während die Aufsatzsammlung „Globale Sicherheit und die Zukunft politischer Ordnungen“ (Barbara Budrich, 276 S., 42 Euro) aus einer politikwissenschaftlichen Perspektive die Leistungsfähigkeit und Schwächen ( inter)nationaler politischer Ordnungen beleuchtet, schätzt der Bericht „Die Welt im Jahr 2035“ (C.H. Beck, 318 S., 14,95 Euro) die künftige Weltlage für das außenpolitische Handeln der USA ein. Beide Neuerscheinungen verdeutlichen eine ungünstige Tendenz: Einerseits erfordert eine Reihe globaler Gefahren immer dringlicher kollektives Handeln; andererseits wird Kooperieren schwieriger, weil immer mehr Akteure mitmischen. Die Bevölkerung verlangt Wohlstand und Sicherheit vom Nationalstaat, doch dessen Spielräume schwinden – was das Wahlvolk nicht hören will. Mangelt es womöglich an einer mitreißenden Zukunftsvision?  

Rutger Bregman, Historiker und Journalist, beweist mit „Utopien für Realisten“ (Rowohlt, 304 S., 18 Euro), wie wenig Scheu er hat, als naiver Weltverbesserer dazustehen. Bereits der Untertitel verrät die Kühnheit seiner Visionen: „Die Zeit ist reif für die 15-Stunden-Woche, offene Grenzen und das bedingungslose Grundeinkommen“. Stimmt, auch die Sklaverei wäre nicht abgeschafft worden, wenn niemand das – vermeintlich – Unmögliche gefordert und angestrebt hätte. Für Bregman sind radikale Ideen ein Fortschrittsmotor: „Das wahre Problem unserer Zeit“ sei, „dass wir uns nichts Besseres vorstellen können.“

Den Grund dafür formuliert Dietmar Wischmeyer gewohnt unverhohlen in seinen leicht verdaulichen „Vorspeisen zum Jüngsten Gericht“ (Rowohlt Berlin, 320 S., 16,99 Euro): „Der Deutsche – je besser es ihm geht – neigt nun mal zum Jammerlappentum.“ Wenn negative Zukunftserwartungen ein Wohlstandseffekt sind, vielleicht könnten wir uns ja dann wenigstens zu folgender Haltung durchringen: das Schlimmste zu befürchten und das Beste zu hoffen.

Noch mehr Bücher zum Thema Zukunft

Arno Barth, Stefan Brakensiek, Dennis Gschaider (Hg.): Möglichkeitshorizonte. Zur Pluralität von Zukunftserwartungen und Handlungsoptionen in der Geschichte. Campus, November, 320 S., 36,95 Euro

Weder zwingend noch zufällig: Im Zwischenraum des Möglichen ist jedwede Zukunft angesiedelt. Für den Zeitraum von der Antike bis in die Gegenwart erschließen Historiker, wie Erwartungen unser Handeln beeinflussen.

 

Stefan Bonner, Anne Weiss: Planet Planlos. Sind wir zu doof, die Welt zu retten? Knaur, 320 S., 16,99 Euro

So ernst kann keine Lage sein, dass bissiger Witz fehl am Platz wäre: Das bewährte Autorenduo heizt den „Klimaleugnern“ ein – damit eine Generation Weltungergang möglichst nie geboren wird.

 

Winfried Brömmel, Helmut König, Manfred Sicking (Hg.): Populismus und Extremismus in Europa. Gesellschaftswissenschaftliche und sozialpsychologische Perspektiven. Transcript, 184 S., 19,99 Euro

Zerbricht die EU bald an nationalistischen Egoismen? Bedrohen rechte Protestparteien die Demokratie erst, sobald sie Teil der Regierung sind?Eine wissenschaftliche Vortragsreihe dokumentierend, erörtert der Band eine besorgniserregende Verrohung und deren Ursachen.

 

Matthias Horx: Future Love. Die Zukunft von Liebe, Sex und Familie. DVA, 336 S., 19,99 Euro

Heute Dating-Apps, Polyamorie und serielle Monogamie, morgen vielleicht Robotersex? Der Gründer des Zukunftsinstituts spielt lustvoll Szenarien für Liebe, Partnerschaft, Ehe und Familie durch.

 

Massimo Livi Bacci: Planet und Mensch. Bevölkerungswachstum im 21. Jahrhundert. Wagenbach, 203 S., 14,90 Euro

Führt die Globalisierung zu einer weltweiten Angleichung des Bevölkerungswachstums? Livi Bacci, Professor für Demografie, hält diese Hypothese für unrealistisch – und fordert die internationale Gemeinschaft auf, endlich den Teufelskreis von Armut und hoher Fertilitätsrate zu durcbbrechen.

 

Carsten Knop: Zurück in die Zukunft. Warum wir für die Digitalisierung von morgen den Mut von gestern brauchen. Frankfurter Allgemeine Buch, Oktober, 200 S., 19,90 Euro

Was wurde aus den innovativen Ideen der Silicon-Valley-Pioniere? Der „FAZ“-Wirtschaftsredakteur blickt auf die Unternehmensgeschichten von Paypal, Adobe und Co. – und zeigt, wie unabdingbar unternehmerische Risikofreude für den digitalen Fortschritt ist.

 

Oliver Schlaudt: Die politischen Zahlen. Der neoliberale Quantifizierungswahn, seine Ursprünge und seine Folgen. Vittorio Klostermann, Oktober, 150 S., 19,80 Euro

Arbeitslosenquoten, PISA-Studien, Universitätsrankings oder Indizes wie das BIP: Politik argumentiert gern mit der Wucht des Faktischen, um Entscheidungsprozesse zu steuern. Oliver Schlaudt entlarvt die Indienstnahme der Metrologie.

 

Max Tegmark: Leben 3.0. Mensch sein im Zeitalter künstlicher Intelligenz. Ullstein, November, 512 S., 24 Euro

Werden kybernetische Wesen mit dem Homo sapiens friedlich zusammenleben oder wird künstliche Intelligenz unsere natürliche verdrängen? Als Professor für Physik am renommierten Massachusetts Institute of Technology ist der Autor bestens gerüstet für seriöse kosmische Szenarien.

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