Romane von Doyle, Christie und Greene neu bearbeitet

Klassiker neu verpackt

In zahlreichen Neueditionen und -übersetzungen werden Klassiker des Spannungsgenres entstaubt und rekonstruiert – weil Plots und Figuren die Leser bis heute faszinieren. MICHAEL ROESLER-GRAICHEN

Fremdsprachige Literatur ist so lange lebendig, wie ihr neue Übersetzungen immer wieder Leben einhauchen. Das ist bei Kriminalromanen nicht anders, vor allem dann, wenn sich ihre Helden ungebrochener Beliebtheit erfreuen, während sich Lese- und Rezeptionsgewohnheiten grundlegend verändert haben. Für kaum eine andere literarische Figur gilt dies wie für ­Sherlock Holmes, dessen Abenteuer seit ­Jahren in erfolgreichen Kino- und TV-­Verfilmungen wie "Sherlock" und "Elementary" Furore machen.
Knapp 130 Jahre nach seinem ersten Auftritt im "Beetons Christmas Annual" ist Holmes mehr denn je eine Ikone der Unterhaltungswelt. Das regt Zuschauer an, die Erzählungen selbst in die Hand zu nehmen. Den Erzählungen Arthur Conan Doyles neue Frische zu verleihen, ist die Absicht des Schriftstellers und Übersetzers Henning Ahrens, der für ­Fischer Taschenbuch sämtliche Holmes-Abenteuer bis Ende 2017 neu übersetzt. Band 1, "Eine Studie in Scharlachrot" (176 S., 10 Euro), ist inzwischen erschienen. Alles Verstaubte und Geschraubte, das einem in älteren Übersetzungen begegnet, hat Ahrens' Übersetzung abgelegt. Modern, ohne einem Zeitgeist-­Jargon zu huldigen, kommt die Übersetzung daher. Von überzähligen Adjektiven entschlackt, wirkt die Sprache flüssiger, schneller und unpathetischer als in früheren Übertragungen. Es ist eine heutige Sprache, die in den historischen Kontext eingebettet ist und den Bewusstseinsstand ihrer Figuren nicht verleugnet.

Die Reihe der Neuübersetzungen wird in diesem Jahr fortgesetzt mit "Sherlock Holmes. Das Zeichen der Vier" (Mai, ca. 160 S., 10 Euro), "Die Abenteuer des Sherlock Holmes" (Juli, ca. 368 S., 12 Euro) und "Die Memoiren des Sherlock Holmes" (September, ca. 368 S., 12 Euro).

Eine Grande Dame der Kriminalliteratur, die ebenfalls bis heute eine riesige Fangemeinde hat, ist Agatha Christie. Ihre Miss-Marple- und Hercule-Poirot-Fälle bringt der Verlag Hoffmann und Campe mit seinem Imprint Atlantik seit einigen Jahren neu heraus. In diesem Jahr nun feiert man in Hamburg – und hoffentlich im gesamten Buchhandel – den 100. "Geburtstag" Hercule Poirots, des belgischen Privatdetektivs, den ­Agatha Christie erstmals in ihrem Roman "The Mysterious Affair at Styles" (deutsch: "Das fehlende Glied in der Kette") auftreten lässt. Das 1920 erschienene Buch liegt seit dem vergan­genen Herbst in einer Neuausgabe bei Atlantik vor (224 S., 9,99 Euro). 

Im ­Poirot-Jahr sind bereits weitere Bände erschienen – unter anderem im Taschenbuch "Das ­Geheimnis von Greenshore Garden" (128 S., 10 Euro) und "Mord auf dem Golfplatz" (256 S., 10 Euro). Weitere sechs Titel sind zudem für September angekündigt, darunter "Das Haus an der Düne" (224 S., 10 Euro) und "Tragödie in drei Akten" (224 S., 10 Euro).

Die Poirot-Festspiele werden auch im Hardcover fortgesetzt – mit einem neuen Fall, den Sophie Hannah in Christie-Manier geschrieben hat: "Der offene Sarg" (344 S., 20 Euro).

Moralische Konflikte waren die Spezia­lität Graham Greenes (1904 – 1991), ­Großneffe des Schriftstellers Robert Louis Stevenson. Sein berühmtester Roman, "Der dritte Mann", wurde zunächst durch die Verfilmung von Carol Reed im Jahre 1949 berühmt, für die Greene das Drehbuch geschrieben hatte.  1950 erschien die Romanfassung, die Nikolaus Stingl (bekannt für seine ­Henry-James- und Thomas-Pynchon-Übersetzungen) jetzt für Zsolnay neu übersetzt hat (160 S., 18,90 Euro, Nachwort von Hanns Zischler). Die Geschichte des anscheinend skrupellosen Harry Lime (im Film von Orson Welles verkörpert), der im Wien der Nachkriegszeit tödliche Geschäfte mit verdünntem P­enizillin macht, liegt so wieder in einer literarisch brillanten deutschsprachigen Fassung vor.

Zum 25. Todestag Greenes hat dtv ein Buchpaket für das Sortiment zusammengestellt, das fünf Taschenbuchtitel und ein Plakat enthält – darunter den Roman "Das Herz aller Dinge" (400 S., 12,90 Eu­ro, übersetzt von Edith Walter).

Große Verdienste hat sich der Alexan­der Verlag mit seiner Neuedition der Thriller des US-Schriftstellers Ross Thomas erworben. Die früher meist gekürzt erschienenen deutschen Ausgaben hat der Berliner Verlag in überarbeiteten oder neu übersetzten vollständigen Fassungen neu herausgegeben. Inzwischen liegt mit "Porkchoppers" Band 16 vor, von Jochen Stremmel neu übersetzt (309 S., 14,90 Euro). In der Nachbemerkung zur Übersetzung erläutert Stremmel auch den Titel: "Porkchopper" (wörtlich "Abstauber") nennt man in den USA einen Gewerkschaftsfunktionär, der in erster Linie den Eigennutz im Sinn hat. Band 17, "Protokoll einer Entführung", ist für Oktober angekündigt (260 S., 14,90 Euro).
Die Reihe der Krimiklassiker-Neu­ausgaben ist mit Thomas nicht ab­geschlossen: Bei Atlantik kommen die Werke Eric Amblers neu heraus und bei Diogenes liegen die Werke George ­Simenons und Patricia Highsmiths in Neuausgaben oder frischen Übersetzungen vor.

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1 Kommentar/e

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    Bei den Neuübersetzungen können wir uns dann ja auf die Denglifizierung freuen und deshalb die alten Ausgaben lesen!

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