Strategien zur Konfliktbewältigung

Runter von der Palme

Kochen hat mit Leidenschaft und Emotion zu tun. Das gilt auch für viele Konflikte. Aus dieser Analogie haben zwei Mediatorinnen aus Österreich ein Buch mit Rezepten zur Streitbeilegung entwickelt. MARCUS SCHUSTER

Konflikte entstehen dort, wo Menschen kommunizieren: am Arbeitsplatz, in der Familie, unter Freunden. Konflikte sind nicht immer schlecht. Entscheidend ist, wie man mit ihnen umgeht. Möglichst zielführend sollte ein Streit sein, möglichst wenig Scherben hinterlassen – und wenn man daraus noch etwas für zukünftige Konflikte lernen kann, umso besser. Als Mediatorinnen haben die Psychologin Susanne Lederer und die Juristin und ORF-Journalistin Kathrin Erhardt-Neger schon vieles gesehen. Sie teilen ihre Erfahrungen in dem Buch "Konflikte einkochen. Rezepte zur Streitbeilegung" (C. H. Beck, 142 S., 19,80 Euro). Der eher ungewöhnliche Titel ist der Tatsache geschuldet, dass beide leidenschaftliche Köchinnen sind. Angelehnt an ein Kochbuch haben sie ihre Konfliktlösungsmenüs in verschiedene Kapitel aufgeteilt. Die Lösung, das Dessert, kommt erst zum Schluss. Denn spricht man zu früh über diesen Punkt, eskalieren Konflikte meist noch viel stärker, wissen die Autorinnen.

Also geht es erst einmal los mit der Warenkunde: Konflikte zu erkennen. Zwei Menschen, die im Büro nicht mehr miteinander sprechen – und wenn, dann nur mit Vorwürfen und Missverständnissen – haben mit Sicherheit ein Problem. Man misstraut sich, zieht andere Kollegen mit rein und schnell ist der Konflikt eskaliert. Was also tun? Zunächst braucht man besonders gute Zutaten – "die Voraussetzung dafür, dass die Rezepte in dem Buch funktionieren". Lederer und Erhardt-Neger empfehlen, einfach mal die Außenperspektive einzunehmen und einen Konflikt so zu betrachten, als wäre man ein unbeteiligter Dritter. Auch gut: den Kochlöffel selbst in die Hand nehmen und etwas bewirken, statt sich in der Opferrolle zu ergehen. Geduld aufbringen, Zuversicht.

Zum Abschluss jedes Kapitels können die Leser Stichworte zur Selbstreflexion eintragen. "Konflikte einkochen" besticht durch eine übersichtliche Struktur, wenngleich sich die Autorinnen stellenweise zu sehr in ihre Analogie verliebt haben ("Wie viel Gramm Geduld brauchen Sie, um ..."). "Das Buch mag vielleicht auf den ersten Blick unterschätzt werden, weil die Beschreibungen und Bilder einfach wirken", heißt es im Vorwort (die Illustrationen stammen von Monika Frick). Dabei sei es "gerade eine Kunst, vor allem in der Konfliktarbeit, komplexe und schwierige Sachverhalte so auszudrücken, dass sie gut verstanden werden können".

Diesem Vorhaben kommt das Buch nach. Ein Kapitel beschäftigt sich mit Handlungsoptionen, "wenn alles überkocht". So könnten sich Streithähne über ein Auszeit-Signal, das natürlich vorher vereinbart worden sein muss, eine Verschnaufpause verschaffen. Ein Glas Wasser holen, das Fenster öffnen, ein paar Schritte gehen, den Raum verlassen – das hat schon manchem geholfen, von der Palme wieder runterzukommen und vor allem Äußerungen zu vermeiden, die man hinterher vielleicht bereut. Ebenfalls hilfreich kann es sein, im Streit plötzlich an etwas Schönes zu denken oder den Konfliktpartner unter der Maßgabe zu betrachten, was man an ihm oder ihr mag – und seien es nur die Augen. Eher physisch wird es beim "Konflikt-Yoga": Wer seine eigene Körperhaltung während eines Streits ändert, ändert mit hoher Wahrscheinlichkeit auch die äußere und innere Haltung des Gegenübers.

Welche Strategie auch immer hilft: Man sollte sie sammeln und künftig in ähnlichen Situationen parat haben, empfehlen die Autorinnen. Bestimmte Rezepte für "Gesprächseintöpfe" funktionierten immer wieder, etwa die "Schleife des Verstehens", bei der man dem anderen mit voller Aufmerksamkeit zuhört, dessen Argumente nicht kommentiert, sondern stattdessen mit eigenen Worten wiederholt, was man verstanden hat und nachfragt, ob man es richtig verstanden hat.

Gegenseitiges Verständnis "ist der Dreh- und Angelpunkt jeder Konfliktbewältigung", schreiben die Autorinnen. Das heißt konkret: öfter mal "Ich-Botschaften", statt "Du-Vorwürfe" verwenden. Oder per "Verhinderungsvertrag" auf bestimmte Dinge wie Tür knallen einfach mal zwei Wochen lang verzichten.

"Konflikte einkochen" ist – trotz der überschaubaren Seitenzahl – eine reichhaltige Fundgrube für den nächsten Zoff, aber auch für die eigene, langfristige Konfliktstrategie. Leider wirken manche Ratschläge mitunter ein wenig esoterisch: Unerfüllte Wünsche, die Basis für einen Konflikt waren, könne man in der eigenen Fantasie möglichst konkret und bildhaft verbrennen lassen – oder den anderen Elementen übergeben: Wasser, Erde, Luft. Dann sind sie vielleicht für immer verschwunden. Wenn es nur so einfach wäre.

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