Ulrich Störiko-Blume über das Lesen in Parteiprogrammen

"Lesen ist ein elementares Lebensmittel einer demokratischen Gesellschaft"

Ulrich Störiko-Blume, Literaturagent und früherer Verlagsleiter Hanser Kinder- und Jugendbuch, fordert auf, sich zur Bundestagswahl einmal die Wahlprogramme der Parteien auf ihre Position zum Lesen und zu Büchern anzusehen.

Ulrich Störiko-Blume

Ulrich Störiko-Blume © Monique Wüstenhagen

"Grundsatzprogramme heißen so, weil sie grundsätzlich keiner liest« hat Heribert Prantl neulich in der Süddeutschen Zeitung geschrieben. Wir sind kurz vor der Bundestagswahl, die viele erstaunlicherweise für langweilig halten – bis wir nachher wieder den Salat haben, den keiner wollte. Es geht auch bei dieser Wahl um Grundsätzliches. Und es gibt genügend Grund zur Aufregung. Die elementare Bedrohung durch nordkoreanische und andere Atomraketen können wir nicht abwählen, aber ob eine Partei sich für die Förderung einer elementaren Basis unserer Kultur einsetzt oder nicht, das sollte die Stimmabgabe schon beeinflussen. Es geht ums Lesen. Lesen ist ein elementares Lebensmittel einer modernen demokratischen Gesellschaft. Keine der zur Bundestagswahl antretenden Parteien (die eine Chance haben, über 5 Prozent zu kommen) hat klare Worte zum Thema Lesen und Schreiben gefunden – bis auf eine, und die lauten so: »Wir ... fordern die Vermittlung der Grundfertigkeiten Lesen, Schreiben und Rechnen in den Grundschulen. Zu unserem Anspruch an die weltbeste Bildung gehört, dass jedes Kind lesen, schreiben und rechnen kann.«

Eine Selbstverständlichkeit? Schön wär´s. Bei allen Parteien wird sehr viel über Medienkompetenz geschrieben, aber nichts über Bücher. Allenfalls hier und da mal ein Bekenntnis zur Preisbindung, aber Diffuses bis Gruseliges zum Urheberrecht. Darauf angesprochen, wo denn die Bücher bleiben, wird mancher Politiker gleich einlenken und sagen: Jaja, damit sind Bücher natürlich auch gemeint, die sind ja auch ein Medium.

Wir kennen das von den vielen Sonntagsreden, die besonders gern auch über das Kinderbuch gehalten werden. In den Werktagsreden ist man oft ebenso flott dabei zu behaupten, die Kinder und Jugendlichen würden doch eh viel weniger als früher lesen – was ja gar nicht stimmt und nicht damit zusammenpasst, dass seit Jahren das Kinder- und Jugendbuch der gesamten Branche die Bilanz rettet.

So wie der globale Klimawandel ein Thema ist, so sollte auch die schleichende Veränderung unseres Leseklimas für unsere Zukunft von Belang sein. Auf beeindruckende Weise hat das die Autorin Meg Rosoff getan, zur Eröffnung des Internationalen Literaturfestivals in Berlin: »In einer Gesellschaft, die der Phantasie zutiefst misstraut, werden Kreativität und Künste systematisch aus dem Bildungssystem entfernt. Es ist Zeit, dass wir uns dagegen wehren.« Dem Satz des britischen Autors Richard Dawkins, dass es wissenschaftlich unmöglich sei, Stroh zu Gold zu spinnen, entgegnete sie, Phantasie und die Fähigkeit, eine Geschichte zu erzählen, seien in allen Bereichen förderlich: »Eine reiche Phantasie macht uns zu umsichtigeren Eltern, klügeren Anwälten, mitfühlenderen Ärzten, besseren Physikern, weiseren Lehrern, netteren Freunden.«

Rosoff forderte auf, sich einen Menschen vorzustellen, der nie ein Buch liest: »Was macht es mit dem Verstand, wenn man immer nur man selbst ist, immer nur in seinem eigenen Hier und Jetzt lebt. Wenn man keine Ahnung von Geschichte hat oder nicht weiß, wie es ist, schwarz zu sein oder arm, ein Flüchtling, ein Muslim, ein Nordkoreaner, eine Frau, ein Homosexueller, ein Krieger – wenn man sich nicht in einen anderen hineinversetzen kann. Ohne Geschichten sind wir in einer starren Version unseres Selbst gefangen. Geschichten erschließen uns neue Wege.«

Im Herbst 2017 bekommt man jedoch zunehmend den Eindruck, wir beschäftigen uns lieber mit spekulativen Fragen der Zukunft, statt anstehende Aufgaben der Gegenwart zu bewältigen. Es macht sich gut, wenn man in den Wahlprogrammen zum Ausdruck bringt, wir müssten uns für eine in erheblichem Maße unbekannte Zukunft rüsten, wir stünden an einer medialen Zeitenwende, und wer diese Kurve nicht kriegt, bleibe am analogen Straßenrand bankrott und unbeachtet liegen.

Es wird uns nicht die vermeintliche Erkenntnis retten, dass Bücher eben content sind, und wir so clever, dass wir ebendiesen Inhalt in allen Formen anbieten, die der geneigte Käufer sich wünscht. Wir probieren an neuen digitalen Möglichkeiten, wir sind ständig online, wir probieren etwas Neues aus, versuchen dabei nicht unnötig viel Geld zu verbrennen – aber schließlich werden wir uns damit beschäftigt haben, verdammt gute Bücher zu machen.

Das Monopol der gedruckten Bücher ist schon gefallen. Digitale Lehrmittel werden großartige neue Arten des Lernens bieten. Daraus aber den Schluss zu ziehen, unsere Kinder müssten nicht mehr mit Büchern auf Pappe und Papier lesen lernen, wäre ein fataler Irrtum. Es ist und bleibt eine Aufgabe der Eltern wie der Schule, Kinder geneigt zu machen, dass sie das Lesen von Büchern als Genuss erleben. Das kann und muss das Schulwesen fördern, dafür sind Verlage und Buchhandel Partner und es kostet weniger Milliarden als vielmehr Verstand.

Übrigens propagiert dieselbe Partei, die ich wegen ihrer Aussage zum Lesen gern lobe, auf einem ihrer Wahlplakate »Digital first – Bedenken second«. Abgesehen von der Geschmacklosigkeit, einen fatalen Spruch zu variieren, raubt einem diese Absage an den Verstand fast den Verstand. Lesen Sie die Wahlprogramme – und wählen Sie!"

Ulrich Störiko-Blume

Lesen Sie auch den boersenblatt.net-"Wahl-Check" zu acht unterschiedlichen Fragen an die Parteien.

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