Verlegerin Verena Rannenberg über Non-Book-Trends

"Unser Einhorn lebt länger"

Auch im Non-Book-Segment geht es darum, Geschichten zu erzählen und nachhaltig zu denken. Meint Verena Rannenberg, die mit ihrem Label Rannenberg & Friends schon viele Trends hat kommen und gehen sehen.

Verena Rannenberg

Verena Rannenberg © Stefan Bungert

Wie entsteht ein Trend? Jemand fährt in andere Länder, entdeckt etwas Neues, nimmt es mit nach Hause – und setzt damit einen Trend im eigenen Land. Das ist die klassische Wahrnehmung. Eine andere: Künstler machen etwas Neues und werden damit zum Trendsetter. Das Malbuch für Erwachsene etwa hat seinen Ursprung in der subversiven Popkultur der 60er und 70er Jahre. Vor ein paar Jahren tauchte es als harmloses Entspannungsmittel für Erwachsene wieder auf. Heute wird das Thema über alle möglichen Produktideen hinweg gespielt.

Längerfristige Trends gehen auf Bedürfnisse zurück, die tief in Kultur und Gesellschaft verwurzelt sind. Ein Beispiel: Sorgen Kriege oder Umweltkatastrophen für Angst und Unsicherheit bei den Menschen, dann liegen Themen wie Haus, Garten und Hygge im Trend. Zu solchen großen, dauerhaften Trends gehört das Thema Nachhaltigkeit. Schon lange, bevor daraus eine Frage des Lebensstils wurde, konnten wir mit unseren Coffee-to-go-Bechern aus Porzellan hervorragende Umsätze machen.

Wie wir damals auf den Coffee-to-go-Becher gekommen sind? Mich haben diese Berge von Pappbechern immer gestört. Es gehörte zum Lifestyle, mit Pappbecher in der Hand herumzulaufen. Aber mal ehrlich: Schmeckt das? Heißgetränk aus Pappe und Plastik? Vom Gesundheitsaspekt mal ganz abgesehen? Der Fall ist typisch für eine gute Produktidee: Man ist für ein Thema sensibilisiert und im Gespräch mit anderen entsteht der Gedanke, daraus etwas Neues zu entwickeln. Dann einen Produzenten suchen und los geht’s, was nebenbei gesagt nicht einfach ist.

Natürlich bedienen auch wir bei Rannenberg & Friends kurzlebige Trends. Auch wir haben ein Einhorn im Programm. Aber unser Einhorn ist nicht nur eine bunte eindimensionale Figur, sondern ein humoristischer Charakter. Denn es geht immer darum, eine Geschichte zu erzählen. Und nicht nur darum, ein Motiv zu platzieren. Nehmen Sie die Ananas, die im Moment überall zu finden ist. Einfach nur eine Ananas, ohne inhaltlichen Bezug. Das ist oberflächlich, kurzlebig, nichtssagend.

Unser Einhorn lebt länger, weil es etwas zu sagen hat. Wir versuchen, die Alltagsthemen der Menschen aufzugreifen: Glück, Liebe, Faulheit, Konflikte, Enttäuschung. Wir sind ein Verlag. Wir machen Inhalte. Und bevor wir zu einem neuen Thema eine breite Produktpalette auf den Markt bringen, starten wir erst mal einen Testlauf im Postkartensegment. Läuft das Motiv dort gut, wird ausgebaut. Trendartikel auf einen Schlag gleich in hundertfachen Varianten in den Markt zu drücken, wie es manche Anbieter tun – das ist für mich eine Form von Umweltverschmutzung.  Nicht durch Schnelligkeit entwickeln wir ein gutes Programm, sondern durch Qualität, und die muss Zeit haben zum Wachsen.  

Wenn ein Thema sehr breit in der Werbung gespielt wird, also zum Supertrend wird, hat es den Zenit meist überschritten. Ein aktueller Fall ist der Handkreisel, der Fidget-Spinner. Sollte der Buchhandel solche Umsätze nicht mitnehmen? Doch, unbedingt. Denn was die Menschen aus Werbung und Medien kennen, ist ihnen vertraut. Vertraute Dinge braucht man, um sich sicher zu fühlen. Und kaufen fällt leichter, wenn man sich sicher fühlt. 

Gleichzeitig ist es nicht sinnvoll, nur dem neuesten Trend hinterherzulaufen. Denn Menschen stellen heute die Frage nach der Sinnhaftigkeit, auch beim Konsum. Die Schlagworte hierzu sind: Slowfood und Slowliving. Unser Briefpapier, das sehr schön ist, aber gar nicht laut, verkauft sich extrem gut, weil es die Menschen bei ihren Wünschen abholt. Niemand hat den Briefpapier-Trend ausgerufen. Und dennoch können wir hier ganz eindeutig einen Trend erkennen.


Verena Rannenberg, lange als Verlagsvertreterin im Buchhandel unterwegs, betreibt heute den Verlag Rannenberg & Friends in Hamburg und produziert Postkarten, Lifestyle- und Geschenkartikel.

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1 Kommentar/e

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  • Momentum

    Momentum

    Tränen in den Augen, lange nicht mehr so gelacht. Danke!

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