Weihnachtliche Lektüre für jeden Geschmack

Jedem sein Weihnachten

Sieben Kilo in drei Tagen? Entfesselte Familienkriege? An den Feiertagen ist alles möglich. Eine Lesereise durch Bücher, die sich dem Fest der Liebe auf besondere Weise nähern – literarisch, achtsam, stachelig.  CONSTANZE KLEIS

© HLPhoto - stock.adobe.com

Weihnachten – ganz poetisch  Angeblich, so behauptet die Wissenschaft, sind Zeitreisen nach dem jetzigen Stand der Forschung nicht möglich. Aber da hat sie ihre Rechnung ohne Weihnachten gemacht. Nichts bringt einen schneller zurück in die Vergangenheit, nichts verbindet uns ­enger mit unserem inneren Kind als das Fest. Alle träumen wir dabei von einer Weihnachtsidylle, "als wären deine Eltern noch zusammen", so das Motto einer Berliner Hip-Hop-Party. 

Überhaupt ist Nostalgie der Schlüsselreiz, an dem sich die schönsten Weihnachtsgefühle entzünden, ein Phänomen, das sich auch die Verlage für ihre aktuellen Neuerscheinungen zunutze machen. So wie bei "Das Weihnachtsgeschenk" von Palmer Brown (Insel, 37 S., 8 Euro). Das Büchlein mit seinen niedlichen Illustrationen wurde erstmals 1958 veröffentlicht und hätte damals eigentlich schon serienmäßig mit Taschentüchern ausgeliefert werden müssen: So rührselig ist die Geschichte von der Mäusemutter, die sich von ihrem Sohn nichts weiter zu Weihnachten wünscht als seine Liebe. Das erklärt vielleicht, weshalb manche Männer heute noch glauben, an sich schon Geschenk genug zu sein. 

Eines der wichtigsten emotionalen Ausstattungsmerkmale für den weihnachtlichen Gefühlshaushalt ist sicher "Stille Nacht, heilige Nacht". Klaus Sauerbeck (SCM Hänssler, 96 S., 9,95 Euro) erzählt die Geschichte zum berühmtesten Weihnachtslied der Welt, der Generalschlüssel zur Weihnachtsstimmung schlechthin. Das gleichnamige Büchlein ist eine schöne Würdigung dieses wundervollen Liedes, das bis heute in über 300 Sprachen und Dialekte übersetzt wurde. 

Wem noch die letzte zündende Idee für Weihnachtsfans und Leseratten fehlt, der kann getrost auf "Wunderweiße Tage. Zwölf winterliche Geschichten" von Jeanette Winterson (Wunderraum, Oktober, 352 S., 24 Euro, ) zurückgreifen. Die mehrfach ausgezeichnete Schriftstellerin würdigt das Fest auf ihre ­eigene Weise, mit herrlichen Lesestücken und flankierenden ­Rezepten wie "Meine Dreikönigs-Fischfrikadelle".

Nicht so launig, aber ein Must-have für Literaturfans: "Im Winter" von Karl Ove Knausgard (Luchterhand, November, 320 S., 22 Euro). Das Buch ist nach "Im Herbst" der zweite Teil der aus vier Bänden bestehenden Jahreszeitenbetrachtungen. Darin schreibt der Bestsellerautor auch Herzerwärmendes über Weihnachtszeitbegleiter wie Weihnachtsmänner oder Geschenke: "Als Hoffnung segeln sie von den imaginären Inseln der Zukunft zu den Ufern der Wirklichkeit, wo sie Gewicht und Bedeutung erlangen, doch nur für kurze Zeit, ehe sie weiter­müssen, hinaus auf die andere Seite, zur verlorenen Vergangenheit, wo ihr Leben als körperlose Erinnerungen weitergeht, was vielleicht der wichtigste Teil ihrer Existenz ist, die Bewahrung der Erinnerung an die Weihnachtsfeste der Kindheit."

Das hätte sicher auch den größten Weihnachtshasser aller Zeiten berührt. Ja, die Rede ist von Scrooge aus der "Weihnachtsgeschichte" von Charles Dickens, die Robert Ingpen ganz zauberhaft neu für Knesebeck illustriert hat (Oktober, 192 S., 24,95 Euro). "Wenn es nach mir ginge", sagt Scrooge empört, "würde man jeden Idioten, der sein 'fröhliche Weihnachten' herumposaunt, mit seinem eigenen Weihnachtspudding kochen, ihm einen Stechpalmenzweig ins Herz spießen und ihn begraben. Jawohl!" Aber da weiß er ja noch nicht, was wir längst wissen: Dass Weihnachten die größte Supermacht der Welt ist. Auch, weil das Fest die Menschen alle Jahre wieder dazu bringt, sich mit Büchern ganz einfach glücklich zu machen. 

Manchmal erscheint einem die Adventszeit wie eines dieser sozialpsychologischen Experimente, bei dem völlig mitleidslose Wissenschaftler ­herausfinden wollen, wann genau einem die Sicherung durchbrennt: Was? Es genügt nicht, dass auf der Post von zehn Schaltern nur zwei besetzt sind? Dann stellen wir doch einfach noch 100 Menschen in die Schlange, von denen die Hälfte ihre Paketkarte nicht richtig ausgefüllt hat, spielen dazu Last Christmas und lassen den Ehemann anrufen, der einem mitteilt, dass er keine Zeit habe, die Schwiegermutter vom Bahnhof abzuholen. 

Trotzdem soll man total entspannt sein, weil das ja ganz oben auf der Christmas-to-do-Liste steht. Bevor man anfängt zu schreien, sollte man sich lieber schon vor dem Fest zu bescheren: Mit "Weihnachten kommt immer so plötzlich" von Marielle Enders zum Beispiel (ars Edition, 112 S., 14,99 Euro). Das sehr schön gestaltete Büchlein führt durch die verschiedensten Christmas-Disziplinen, wie Dekorieren, Backen, Schenken, und exerziert überzeugend durch, dass gerade weniger Aufwand zu mehr Weihnachtsgefühlen wie Freude und Harmonie führt. Zugänglicher waren die Voraussetzungen für ein herrliches Selfmade-Fest vermutlich selten.

Dass zu Weihnachten die kalorische mit der emotionalen Versorgung eine ideale Beziehung eingeht, würdigt ein anderes "Beruhigungsmittel" in Buchform: "White Christmas. ­Rezepte & Geschichten für eine entspannte Weihnachtszeit" von Lisa Nieschlag, Lars Wentrup, Christin Geweke und Julia Cawley (Hölker, 176 S., 24,95 Euro). Der Plan ist offenbar: Der Mann sitzt in der Küche und liest seiner Frau eine der schönen Weihnachtsgeschichten vor, während sie Cranberry-Kardamom-Cookies oder Erbsenschaumsüppchen mit Jakobs­muscheln vorbereitet. Vielleicht liest ja auch die Frau und der Mann versucht sich am Feigen-Zwiebel-Chutney. Hey, es ist Weihnachten und also im Prinzip alles möglich. Jedenfalls sind die Rezepte großartig und fotografisch hinreißend umgesetzt. Dazu noch all die Bilder von träumerisch-verschneiten Winterlandschaften, die einen erfolgreich darüber hinweg­täuschen, dass der Deutsche Wetterdienst lediglich die Jahre 1963, 1969, 1970 und 1986 als "überwiegend weiße Weihnacht" in seiner Statistik führt.

Den Ärger über die frühlingshaften Temperaturen draußen, über die Tanne, die wieder viel zu mickrig ausfällt, weil der Gatte viel zu spät zum Weihnachtsbaumkauf loszog – den kann man sich aber auch hübsch von der Seele malen, etwa mit Schlüsselszenen aus Dickens' "Weihnachtsgeschichte", die der Illustrator Vladimir Aleksic vorgezeichnet hat (360 Grad Verlag, Oktober, 80 S., 10 Euro). Der Klassiker passt eben auch zum neuen Megatrend Achtsamkeit, der zur Weihnachtszeit einen idealen Nährboden findet. 

Weshalb das schön gestaltete "Achtsam durch die Weihnachtszeit" von Rafael Collowino (Naumann & Göbel, 96 S., 7,99 Euro) auch einen Beitrag zu "Frieden schaffen ohne ­Waffen" leisten kann. Mag sein, dass einem im Spätsommer Tipps, wie tief durchzuatmen, einen Keks ganz bewusst zu ­genießen oder ein enorm süßes Heißgetränk mit der Kalorienzahl einer Schwarzwälder Kirschtorte zu sich zu nehmen, ziemlich lapidar erscheinen. Aber spätestens ab dem ersten Advent ist man bestimmt sehr dankbar, dass einen jemand daran er­innert, was es noch mal war, wofür es sich zu leben lohnte. 

Dass die ewigen To-do-Listen der Weihnachtstretmühle längst nicht so wichtig sind wie das Fest selbst, für diese frohe Botschaft ist "Am Arsch vorbei geht auch ein Weg" angetreten, die Weihnachtsedition von Alexandra Reinwarth (mvg Verlag, Oktober, 64 S., 8 Euro). Praktisch, dass die "Spin-offs" des Bestsellers mittlerweile ganze Regalwände füllen – da hat man sich mit dem Am-Arsch-vorbei-Kapuzenpullover, Am-Arsch-vorbei-Kalender, Am-Arsch-vorbei-Shirt und dem Am-Arsch-vorbei-Ausmalbuch den Geschenkestress gespart und die Familie weiß gleich, weshalb es dieses Jahr Tiefkühlpizza statt Ente mit Klößen und Rotkraut gibt.

Alle Jahre wieder poppt auch sie wieder auf: die total ironische Distanz zum Fest. Manche wollen oder können sich eben einfach nicht ganz und gar unkritisch, nachgerade bewusstlos, dem süßlichen Kitsch, dem beinharten Kommerz, der sentimentalen Gefühligkeit, der religiösen Folklore in die Arme sinken lassen. Aber wie heißt es so schön: Auch Reibung erzeugt Wärme. Und so muss man die satirischen Betrachtungen, die das Fest so zuverlässig begleiten, auch als eine Liebeserklärung betrachten. Zumal nur ein Insider dem Fest so viel Absurdes abgewinnen kann wie ­Loriot. Seine Tochter hat mit anderen nun eine neue Version von "Weihnachten mit Loriot" herausgegeben (Diogenes, Oktober, 128 S., 12 Euro), darin all die Klassiker, die uns schon seit der Kindheit begleiten, inklusive 130 Zeichnungen des Großmeisters der Ironie. Ein Buch, das einen einmal wieder mit der beruhigenden Gewissheit zurücklässt, dass Weihnachten immer noch schlimmer geht als das eigene daheim.

"Zwei wie Ochs und Esel. Don Camillo und Peppone feiern Weihnachten" von Giovanni Guareschi (St. Benno, 80 S., 7,95 Euro) will gleichfalls an Zeiten anknüpfen, als eindeutig noch mehr Lametta und Schwarz-Weiß-Fernsehen war – und sich Kinder angeblich schon freuten, wenn ihr Holzauto einen neuen Anstrich bekam. Das Buch könnte trotzdem auch bei jenen funktionieren, die jung genug sind, um "Don Camillo und Peppone" für einen ziemlich coolen Pizzalieferservice zu halten.

Vielleicht legt man aber gerade den Jüngeren besser das Buch "Der Ostermann" von Marc-Uwe Kling (Carlsen, 48 S.,  12,99 Euro) auf den Gabentisch – wegen der wunderbaren ­Illustrationen von Astrid Henn und der schönen Geschichte, die Marc-Uwe Kling in Gedichtform gefasst hat. Der Sohn des Weihnachtsmanns will nicht tun, was man von ihm erwartet: in die Fußstapfen seines Vaters treten, die Rentiere vor den Schlitten spannen und ein sonores Ho-ho-ho lernen. Sehr zur Irritation auch seiner Mutter, die klagt: "Wieso nur fühlst du dich nicht wohl? Es ist doch wunderschön am Pol?"

Ja, die Familie. Ein Glück – gerade an Weihnachten –, eine zu haben. Und gleichzeitig ein Fluch. So wie für Bastian, Held in Christian Pokerbeats' Roman "7 Kilo in 3 Tagen. Über Weihnachten nach Hause" (Rowohlt, November, 160 S., 9,99 Euro). Er steuert zum Heiligen Abend den Heimathafen an, wo nicht nur Vater, Mutter, sondern auch die Ex – jetzt an der Seite seines Bruders – darauf warten, ausgerechnet das Fest der Liebe mit ihm zu feiern.

Im Unterschied zum befreienden Humor dieses Buchs ist "Make Weihnachten great again" von Hartmut Ronge (riva, Oktober, 64 S., 6,99 Euro) bitterböse. Erzählt wird die Weihnachtsgeschichte im Trumpschen Diktum: "Dear Mr. President. This is a message from the government of God. Welcome to these introductory papers about the Weihnachtsgeschichte. It's gonna be a great story. From this day forward, it's going to be only: Weihnachten first! Weihnachten first! Read it. Believe it. It's true."

Unsere Autorin Constanze Kleis kennt sich mit Weihnachten aus: Anfang Oktober erscheint bei Piper ihre "Gebrauchsanweisung für Weihnachten" - mit den schönsten Traditionen und mit Tipps für Harmonie am Gabentisch (224 S., 15 Euro).

Constanze Kleis

Constanze Kleis © privat

Constanze Kleis arbeitet als freie Journalistin in Frankfurt unter anderem für die "FAZ" und Magazine wie "Donna", "myself", "Für Sie" und "Elle". Gemeinsam mit Susanne Fröhlich schrieb sie mehrere Bestseller, beispielsweise "Runzel-Ich" und "Diese schrecklich schönen Jahre".

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