Über die digitale Revolution

Profunde Warnungen

30. Mai 2015
von Börsenblatt Online
In seinem grundlegenden Essay »Warum wir jetzt kämpfen müssen« warnte der Präsident des Europäischen Parlaments Martin Schulz am 6. Februar 2014 in der FAZ vor der Gefahr eines »technologischen Totalitarismus« – und eröffnete damit eine Debatte, die nun in Gänze nachzulesen ist.

In vielen Sammelbänden stehen Artikel unverbunden hintereinander. Sie betrachten ein Thema aus verschiedenen Perspektiven, kommen aber nur selten miteinander ins Gespräch. Ganz anders funktioniert die jetzt bei Suhrkamp erschienene Dokumentation der von Martin Schulz eröffneten und von Frank Schirrmacher moderierten Diskussion über die Folgen der digitalen Revolution in der FAZ, an der sich von Februar bis Juli 2014 weitere 27 Vor-, Nach- und Querdenker (teils mehrfach) beteiligt haben.

In seinem Eröffnungsbeitrag zu dieser so notwendigen wie vehement und geschliffen geführten Debatte zieht Martin Schulz eine Parallele zwischen der industriellen und der digitalen Revolution und leitet aus den Erfahrungen der Vergangenheit die Verpflichtung der Politik ab, den Wandel der Gesellschaft in eine digitale Weltgemeinschaft gestaltend zu begleiten, um den Einzelnen (und die Gesellschaft) vor der Ausbeutung durch global agierende Konzerne zu bewahren.

Darauf antworten Schriftsteller und Journalisten, Politiker und Blogger, Unternehmer und Gewerkschafter, Verbraucherschützer und Wissenschaftler unterschiedlichster Coleur. (Fast alle Autoren machen in ihren Beiträgen – übrigens wie Martin Schulz selbst – deutlich, dass sie die Digitalisierung positiv sehen, es jedoch für notwendig erachten, gesellschaftliche und politische Fehlentwicklungen mit Vehemenz anzumahnen.) Seine Spannung erreicht das Buch dadurch, dass alle Beiträger sich entweder auf den Eingangsartikel von Martin Schulz, oder auf einen anderen oder mehrere Beiträge beziehen. So ist tatsächlich ein Diskurs in Buchform entstanden, ein Austausch von Meinungen, ein Abwägen der facettenreichen Positionen. Man sollte die Artikel und Essays, Einwürfe und Antworten deshalb nicht wie ein Rosinenpicker, sondern von A-Z lesen.

Da reagiert Mathias Döpfner mit einem offenen Brief auf einen Beitrag von Google-CEO Eric Schmidt, Christian Lindner mokiert sich über eine »ebenso elegant wie naiv« geschriebene »Satire« von Hans Magnus Enzensberger, der Unternehmer Robert M. Maier gesteht seine »Angst vor Google« und wird dafür wiederum von Eric Schmidt gescholten.

Gestritten wird über Google und unser derzeitiges Nutzungsverhalten im Netz, mit dem wir den amerikanischen Internet-Konzernen erst zu ihrer globalen Macht verholfen haben. Ranga Yogeshwar verweist hierzu auf die ungemein praktischen Vorteile der digitalen Welt, ihre Komfortabilität, auf die ja niemand von uns mehr verzichten möchte und zitiert in diesem Zusammenhang aus dem Essay Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? von Immanuel Kant: »Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum so ein großer Teil der Menschen […] gerne zeitlebens unmüdnig bleiben; und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein.« Heftig kritisiert wird natürlich die Massenausspähung der NSA, aber auch die Konzentration unglaublicher Datenmengen in den Händen weniger Konzerne. Beklagt wird die Ohnmacht der europäischen Politik, die der technologischen Entwicklung scheinbar hilf- und hoffnungslos hinterherhinkt. Juli Zeh fasst ihr Entsetzen darüber so zusammen: »Mit jedem vergehenden Tag des 21. Jahrhunderts wird es unhaltbarer, dass nur Journalisten, Schriftsteller und Blogger über eine der wichtigsten Fragen unserer Epoche sprechen.« Vielleicht erreicht die hier publizierte Debatte ja, dass sich dieser Zustand ändert. Zu wünschen wäre es dem Buch – und unserer Gesellschaft.