Vom Buch zum Nutzen

Die Zukunft des Buches, das haben mittlerweile praktisch alle Branchenteilnehmer erkannt, ist nicht seine Vergangenheit. Das gilt insbesondere für Fachbücher. Wenngleich von einigen als digitale Avantgarde der Verlage verstanden, sind auch die Player dieses Segments immer stärker gefordert. Der Grund: Die radikal andere Zukunft ihres Leitmediums.

Früher war alles besser – gerade in Fach- und Wissenschaftsverlagen. Geringes, aber stetiges Wachstum, eine leistungsfähige Wertschöpfungskette, in der sich die Marktteilnehmer aufeinander verlassen konnten, sehr ordentliche Gewinnmargen. Einzig die fortschreitende Konsolidierung durch große Verlage bereitete dem einen oder anderen Sorgen, längst aber keine schlaflosen Nächte. Selbst Innovationsschübe wie die Digitalisierung wurden von nicht wenigen ordentlich gemeistert. Kein Vergleich mit der über ein Jahrzehnt gebeutelten Musikindustrie, die von der Radikalität der Veränderungen zu Beginn der 2000er Jahre förmlich zerrissen wurde. Das ist Fach- und Wissenschaftsverlagen bisher erspart geblieben, für Tageszeitungs- und Zeitschriftenanbieter stehen die Zeichen allerdings eher schlecht.

Und heute? Ruhige Zeiten in den Verlagen? Tempi passati. Und daran sind ausnahmsweise nicht Bibliothekskonsortien oder Gesetzgeber schuld, wenngleich sich die Branche an diesen Fronten noch immer verkämpft.

Druck kommt längst aus anderen Richtungen, und die Themen sind fast austauschbar. Open Access, Digital Humanities, Self-Publishing: Kunden und Nutzer erwarten immer stärker Services, die mit der reinen Bereitstellung von Inhalten nur noch wenig zu tun haben. Ihre Helfer sind: Startups, kleine, wendige Unternehmen ohne einen Rucksack von Geschichte und Rücksichtnahmen, die mit viel Energie Neues bieten, ohne sich um Bestehendes zu scheren.

Zum Beispiel Inkitt.com. Das Versprechen: Diese Maschine kann Bestseller in der Belletristik identifizieren, natürlich nicht allein, sondern mit Hilfe tausender Leserinnen und Leser, die lesen, bleiben und wiederkehren. Ein Angstszenario für Lektoren? Wohl kaum, eher ein Instrument, das bei richtigem Einsatz helfen kann, Bilanzrisiken zu reduzieren und Kundenmeinungen besser zu berücksichtigen.

Oder Blinkist: Speedreading war gestern, heute helfen gut gemachte Digests, in nur 15 Minuten unterwegs das Wichtigste aus Sach- und Fachbüchern aufzunehmen und zu verstehen.

Die Liste ließe sich um viele smarte Ideen verlängern. Ob sie alle wirtschaftlich reüssieren werden, bleibt fraglich. Die Richtung aber ist deutlich: Dienstleistungen gewinnen an Bedeutung, helfen Nutzern, mit Inhalten zu arbeiten und sie zu genießen. Kundenbedürfnisse zu verstehen und aus dem Kauf- und Nutzungsverhalten von Leserinnen und Lesern Schlüsse auf deren Vorlieben zu ziehen, kann erheblichen Nutzen für Kunden und Verlage bedeuten. Dass hierfür moderne rechtliche Rahmenbedingungen geschaffen werden müssen, versteht sich von selbst.

Und die Zukunft des Buches? Für all jene, die mit dem Aufstieg von Ebooks den Untergang des Abendlandes haben heraufziehen sehen, wird es wohl anstrengend. Natürlich wird es auch in Zukunft „klassische“ Leserinnen und Leser geben. Aber immer mehr Nutzer wagen es eben auch, Inhalte anders zu nutzen als Verlage sich das vorher überlegt haben. Die Bereitschaft, das zu akzeptieren wächst. Doch Unternehmen – und das sind Wissenschaftsverlage eben auch – werden nicht darum herumkommen, ihre Strukturen weiter anzupassen, um den Veränderungen Rechnung zu tragen. Drei Maßnahmen können dabei helfen.

Professionelles Innovationsmanagement

Verlage brauchen ab einer kritischen Größe ein professionelles Innovationsmanagement. Das systematische Screening des Marktes nach neuen Ansätzen und jungen Unternehmen, die sich auch in Nachbarbranchen finden können, ist Chefsache und sollte entsprechend verankert werden. Ein klares Verständnis von ökonomischen Bewertungsmodellen, der Arbeitsweise von Startups, genaue Kenntnis ihrer Gründer und eine höhere Risikobereitschaft als im Kerngeschäft erforderlich, sind unabdingbare Voraussetzungen für Erfolg.

Strategische Partnerschaften

Diese werden stärker in den Fokus rücken, nicht in erster Linie aufgrund fehlender investiver Mittel, sondern weil sie Newcomern und Platzhirschen ermöglichen, sich auf ihr jeweiliges Kerngeschäft zu konzentrieren und gleichzeitig die dringend erforderlichen Kompetenzen anderer für sich gewinnen können. Und das bedeutet nicht in erster Linie das Outsourcing von Produktionsschritten an Dienstleister, sondern die Zusammenarbeit mit (Teil-) Wettbewerbern in zentralen unternehmerischen Fragestellungen.

Workflow

Arbeitsprozesse ändern sich weiterhin, und zwar mit wachsender Geschwindigkeit. Viele Unternehmen sind erschöpft von ständiger Veränderung. Die Systematisierung und  eine teilweise Auslagerung von Innovationsprozessen kann helfen, Druck aus dem Tagesgeschäft zu nehmen, ohne sich Neuem zu verschließen.

Fach- und Wissenschaftsverlage haben sich im vergangenen Jahrzehnt geöffnet für neue Ansätze und Arbeitsweisen. Es gilt nun, diese Kultur weiterzutragen, um die nächste Welle der Digitalisierung zu meistern. Den Kunden und seine Anforderungen an die Nutzung wissenschaftlicher Publikationen, die über den Inhalt hinausgeht, ins Zentrum der Bemühungen zu stellen, ist bereits heute für erfolgreiche Unternehmen ein wesentlicher Treiber – und er wird an Bedeutung gewinnen.

7 Kommentar/e

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  • Aljoscha Walser

    Aljoscha Walser

    Vieles Richtig, aber kein Wort zum "IT" und "Industrialisierung". Warum?

  • Lektor

    Lektor

    Fachbücher dienen der beruflichen Aus- und Weiterbildung und werden wegen des Inhalts und nicht wegen der Präsentationsform gekauft. Das werden auch die "Startups, die sich nicht um Bestehendes scheren" und die Verlage, die auf diese hereinfallen, bald einsehen.

  • Michael Kühnapfel

    Michael Kühnapfel

    Sehr wahr! Die genannten Maßnahmen würde auch allen anderen Verlagen gut anstehen, denn gerade auch für Verlage wird in Zukunft der Wandel zur Normalität. Zum Innovationsmanagement gehört daher auch eine adäquate Unternehmenskultur - Kreativitätsförderung und Raum für Experimente. Und nicht nur der Workflow ändert sich - auch die Märkte sind in einer rasanten Änderung, wobei nicht immer klar ist, wohin die Reise geht. Und das soziale Umfeld der Mitarbeiter, der Kunden, der Instituionen unterliegt dem schnellen Wandel. Das macht ein gut implementiertes Change und Gesundheits-Management notwendig, denn auch in Zeiten von Inkitt und Co. bleiben für Verlage die flexiblen, innovationsaufgeschlossenen, ideenreichen Mitarbeiter eine der wichtigesten Ressourcen.

  • J. Braun

    J. Braun

    Ich wundere ich doch sehr. Hier sind so viele Kenner der Verlagswelt unterwegs, daß man doch meinen könnte, daß sie selbst einen höchst erfolgreichen Verlag gründen könnten, um den bestehenden ach so altmodischen das Fürchten lehren zu können. Aber nur mit unverstandenen englischen Ausdrücken um sich zu werfen, scheint eben weder für einen eigenen Verlag noch für die Rettung der Verlagswelt zu reichen. Anders ist nicht zu erklären, daß die Umsätze sinken und sinken -- nur nicht die der sogenannten Berater.

  • Heinrich Berta

    Heinrich Berta

    Verlag sein im "digitalen Zeitalter" heißt eben, so wie eine von diesen großen, automatischen Kaffeemaschinen zu arbeiten: Bohnen, Milch, Wasser und das Teil macht daraus eine ganze Palette von "Heißgetränken". Den Einen Kaffeetrinker-Typ gibt es nicht mehr. Verlage werden auch in Zukunft nur aus Buchstaben, Bildern und Informationen "Produkte" machen, aber eben nicht nur ein, zwei oder drei. Die "Kunst" wird darin liegen, die Zutaten neu zu mischen, auszuprobieren, zu kombinieren und Verschiedenes zu kreieren, was dem Leser schmeckt. Beispiel Fachbücher: Muss man heute noch ein Fachbuch lesen, um sich fortzubilden? Kann man, geht auch anders, viele Möglichkeiten.

  • Rosa Riebl

    Rosa Riebl

    Das Lesen gedruckter Bücher ist die einzig produktive Form des Lernens komplexer Inhalte. Wer etwas anderes behauptet, ist entweder ein Scharlatan oder hat noch nie ein Fachbuch gelesen.
    1. Fachbücher werden nicht nur linear von vorne bis hinten, sondern auch ab-/ausschnittsweise gelesen. Unabdingbar sind deshalb ein Stichwort- und ein Inhaltsverzeichnis. Diese sind nur im gedruckten Buch möglich.
    2. Nur im gedruckten Buch ist das Querlesen und Vor- und Zurückblättern effizient möglich. Aus diesem Grund hat man sich auch schon lange von der Schriftrolle abgewandt.
    3. Nur beim gedruckten Wort ist es dem Lernenden möglich, seinen individuellen Arbeitsrhythmus und seine Lerngeschwindigkeit selbst festzulegen.
    Nur bei Büchern kann ein qualitatives Lektorat für richtige und gut aufbereitete Inhalte sorgen. Fachbuchverlage sollten deshalb lieber in das Lektorat investieren anstatt in digitalen Firlefanz.

  • Heike Ossenkop

    Heike Ossenkop

    Es war schon vor dem Zeitalter der Digitalisierung so, dass nur etwa 10% der Bevölkerung gelesen hat, bezeichnen wir diese mal als "klassische Leser". Der Rest waren Nicht-Leser. Nun ist eine Klasse dazu gekommen, Herr Fund nennt sie "Nutzer". Digitalleser, die Ansprüche erheben an die Benutzbarkeit eines - nein, nicht "Buches" sondern "Produktes". Man möchte in 10 Sätzen die Plots oder Kernaussagen zusammengefasst bekommen oder man möchte wissen ob andere das auch gelesen haben, nach dem Motto "das haben wir auch viel verkauft!". Man tut alles um der geringen Lesekompetenz dieser Nutzer genüge zu tun. Diese Bedürfnisse von "Nutzern" sind keine Bedrohung für diejenigen Verlage, die den Leser in den Fokus ihrer Zielgruppe stellen. Es entgeht einem vielleicht Umsatz, aber mit welchem Investitionsaufwand und welchem Qualitätsabfall der "Produkte", nicht gesprochen von Imageverlust wäre es verbunden aus seinen Büchern solche "Produkte" zu machen? Und wo bleibt der Autor, der qualitätvolle Texte schreibt? Mit welcher Motivation soll er arbeiten? Oder andersherum gefragt zu welchem Verlag würde ein Autor künftig gehen, zu einem, der seine Plots in 10 Sätzen für den Nutzer zusammenfassen lässt, oder der nur dann verlegt wird, wenn gerantiert ist, dass auch genug Leseinkompetente sein Buch genügend toll finden? Oder zu einem, der auf Vertrauensbasis und mit den Risiko operiert "vorzulegen", was man für gut befunden hat.

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