ARD + ZDF für junge Menschen

funk – Was ist das für 1 Programm?

»WTF?! Das Internet ist vorbei – jetzt kommt funk.« Mit diesen Worten startete funk am 1. Oktober sein Programm. funk, das ist das neue junge Angebot von ARD und ZDF. bookbytes-Blogger Tony Stubenrauch hat sich funk genau angesehen.

Bis zum Start war es ein langer Weg. Ende 2012 hatten sich die ARD-Intendanten erstmals für einen Jugendkanal gemeinsam mit dem ZDF ausgesprochen. Die Mainzer antworteten zunächst mit Zurückhaltung. Denn maßgeblich musste die Politik beteiligt werden und so war die Entstehungsgeschichte des Programms alles andere als »funk« – langwierig, zäh, bürokratisch. Unter anderem mussten sich die Ministerpräsidenten der Länder auf eine Novelle des Rundfunkstaatsvertrags einigen. Schließlich wurden ZDF Kultur und Eins Plus zu Gunsten von funk eingestellt. Das funk-Publikum dürfte das herzlich wenig interessieren.

Doch »was ist überhaupt das junge Angebot von ARD und ZDF«? Ironisch und ambitioniert zugleich wird auf der zugehörigen Website verkündet: »Das junge Angebot ist die Lösung aller Probleme, die der öffentlich rechtliche Rundfunk jemals mit seiner Zielgruppe hatte. Oder so.« Zumindest die internen Erwartungen dürften riesig sein. Und an wen richtet sich funk nun? Alle 14- bis 29-Jährigen wurden als Zielgruppe definiert. Auch der Autor dieses Artikels soll demnach angesprochen werden. Völlig richtig stellten die funk-Verantwortlichen aber von Vornherein klar: DIE Zielgruppe der 14- bis 29-Jährigen gibt es nicht. Es sind vielmehr dutzende Zielgruppen. Und dutzende Medien(-marken) buhlen um diese schwierig zu erreichenden jungen Menschen, die zugleich als entscheidend für die künftige Medienlandschaft ausgemacht werden. Doch war nicht eigentlich 2015 das Jahr der »jungen Angebote«? Der Spiegel gründete Bento, DIE ZEIT launchte ZE.TT, Burda startete BNOW. Letzteres scheint ein knappes halbes Jahr nach seinem Start bereits wieder eingestellt worden zu sein. Schon 2014 ging Buzzfeed nach Deutschland. Zehn Jahre zuvor VICE.

Für ARD und ZDF ist funk dennoch ein großer Schritt. Ein Schritt, der in die Zukunft führen soll. funk ist kein Fernsehprogramm, sondern online only zu sehen. Mit funk soll außerdem keine »zentrale« Anlaufstelle für junge Menschen entstehen, sondern diese dort erreichen, wo sie sich sowieso aufhalten: Auf Facebook, YouTube, Snapchat, Instagram & Co. Das ist ein Paradigmenwechsel. Es wird gar nicht erst versucht, ein lineares Programm aufzubauen. Das ist einerseits schlau und macht es andererseits schwer, funk, das sich selbst eher als Netzwerk denn als Programm sieht, zu durchblicken. Und zu finden. Wer funk bei Google eingibt, findet zuerst einmal vieles, aber nicht das junge Angebot. Natürlich gibt es eine App. Die ist aber nur für das Smartphone optimiert und sieht auf Tablets entsprechend bescheiden aus. Und selbst auf dem Smartphone lässt sich mit der funk-App nur ein Bruchteil des Programms finden – vor allem jene Serien, die von Partnern wie der BBC eingekauft wurden. Konsequenterweise hätte man auf eine eigene App gleich ganz verzichten können.

Worauf funk setzt, sind die Social Plattformen der »Drittanbieter«. So kann man dann unter anderem auf YouTube Auf Klo entdecken. Der Name ist Programm: Mai, das Gesicht der Sendung, trifft sich in einer Folge auf dem dann nicht mehr ganz so stillen Örtchen mit Hengameh, die sich selbst stolz als dick und hübsch bezeichnet. Niemals aber als übergewichtig. Am Ende des zehnminütigen Beitrags, der primär auf YouTube zu sehen ist, liefern sich beide eine Song-Challenge mit möglichst viel Baklava im Mund – wer summt unter diesen Umständen deutlicher in der Toilettenkabine? Hengameh ist am internationalen Baklava-Tag geboren, so schließt sich der Kreis.

Investigative Themen soll es dagegen bei Jäger und Sammler geben. Da spricht dann Nemi El-Hassan beispielsweise mit Rapper Komplott, der der identitären Bewegung zuzuordnen ist. Ruhig, manchmal bohrend, manchmal fast süffisant interviewt Nemi – im Video mit einem Kopftuch bekleidet – den Rapper. Ernst und politisch will funk also ebenfalls sein. Auch Ronja von Rönne war dafür eingeplant, stieg aber nach nicht einmal zwei Wochen bei Jäger und Sammler aus, um sich auf ihr neues Buch zu konzentrieren. Internationale Serien – Hoff the Record, Twentysomething, Banana, The Aliens – wurden ebenfalls eingekauft und sind im Stream zu sehen. Als weltweit erste Soap auf Snapchat wurde dagegen iam.serafina konzipiert. 14 Tage lang kann man die 19-jährige Serafina nahezu rund um die Uhr live auf Snapchat begleiten. Die Soap um die junge Frau, die den Einstieg in die Modewelt sucht und dabei fast über den Seitensprung ihres Freundes stolpert, ist gescriptet, aber angeblich eng am Leben der Hauptdarstellerin angelehnt. Die Dialoge sind nicht vorgeschrieben, Serafina ist »Hauptdarstellerin, Kamerafrau und Cutterin in einem«.

Insgesamt 40 Formate verbinden sich derzeit zu funk, das informieren, Orientierung bieten und unterhalten will. Der Gedanke von funk als Netzwerk wird hier deutlich: Denn das junge Angebot hat auch einige bekannte Youtuber wie Kathrin Fricke (a.k.a. Coldmirror), Florian Mundt (a.k.a. LeFloid), Max Krüger (a.k.a. Frodoapparat), Rayk Anders oder Moritz Neumeier verpflichtet. Deren bisherige Sendungen laufen teilweise unter gleichem Namen weiter, werden nun aber von funk unterstützt oder produziert.

Insgesamt 45 Millionen Euro werden künftig jedes Jahr in funk gesteckt, das weiter wachsen soll. Ab November kann man mit Guten Morgen, Internet montags bis freitags um 7.30 Uhr in den Tag starten. Wie viele der 14- bis 29-Jährigen damit zu begeistern sind? funk ist ein veritabler Versuch, junge Menschen mit einem öffentlich-rechtlichen Programm zu erreichen. So vielfältig wie die Zielgruppe, so unterschiedlich ist das bisherige Programm. Manches wirkt dabei bräsig, gewollt, nicht wirklich lustig. Einiges aber ehrlich, authentisch, jung und witzig. Auch wenn man sich als 26-Jähriger fragt, wer um alles in der Welt eine Soap wie iam.serafina sehen will, ist es ein guter und notwendiger Schritt, den ARD und ZDF getan haben. Denn der ist vor allem eines: eine Chance. Was die Buchbranche davon lernen kann? Das wird sich erst in den nächsten Monaten zeigen.

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