Beim immersiven Lernen scheint das gedruckte Buch vorne zu liegen

Print schlägt Digital – zumindest beim Lernen

Seit einigen Jahren wird diskutiert, wie sich Digitales Lesen und Lesen im gedruckten Produkt unterscheiden, wo die jeweiligen Vor- und Nachteile liegen. Naomi S. Baron, Professorin für Linguistik an der American University in Washington DC, hat in lerndidaktischen Studien untersucht, wie Studenten sich mit Literatur beschäftigen. Ihr Credo – vor allem, wenn man Studenten nach ihrer präferierten Lese-Situation befragt – ist recht eindeutig: Print wirkt.  STEFFEN MEIER

Naomi S. Baron trieb vor allem die laufende „Content versus Container“-Debatte in Bezug auf das akademische Umfeld an: Spielt es eine Rolle, in welcher Form - elektronisch oder Print - die gewünschten Inhalte (Texte) sind? Für sie fokussieren die meisten Studien zu „Digital versus Print“ auf Verstehen und Gedächtnis/Erinnern. Defizite dieser Studien sind, dass sie Lernen nur oberflächlich betrachten und den Mitwirkenden keinen Raum bieten zu artikulieren, was sie mögen und nicht mögen, wenn sie in einem bestimmten Medium lesen, und warum dies so ist. Genau dies hat sie in Ihren Studien untersucht. Hierzu einige Fragen an sie.

Spielt das immersive, also ablenkungsfreie Lesen eine große Rolle für die Studenten?
Es gibt Inhalte, die funktionieren ganz außergewöhnlich gut im Digitalen: das Referenzieren zum Beispiel bei Nachschlagewerken und Enzyklopädien ist ideal. Zusätzlich funktionieren adaptive Lern-Plattformen wunderbar, zum Beispiel bei Selbsttests zu „Auf welchen Niveau befinde ich mich?“, „Welches ist mein nächstes Level?“ und „Worauf muss ich mich beim Lernen konzentrieren?“. Aber beim Lesen vom längeren Texten präferierten Studenten, die an der Studie teilgenommen haben, das Gedruckte. In den Kommentaren sagten einige, dass es einfacher wäre, immersiv ins Print abzutauchen als in einen digitalen Text.
In der Regel empfehlen Professoren in Amerika heute ihren Studenten häufig digitales Lernmaterial, weil es billiger ist und weil sie annehmen, dass die Studenten das Digitale bevorzugen, weil sie intensiv andere Geräte nutzen, wie ihre Smartphones. Realität ist aber, dass wir sehr wenig darüber wissen, wie wir digital lernen. Ich denke, wir sind uns einig darüber, dass das Digitale uns dazu drängt, schnell voranzukommen, wir neigen dazu, Texte zu überfliegen. Meine Studien belegen, dass, wenn Geld keine Rolle spielt, Studenten lieber ablenkungsfrei lesen und dies bei Print am besten gegeben ist. Ganz subjektiv empfinden Studenten auch, dass sie akademisch besser abschneiden, wenn sie mit Print gelernt haben.

Die Didaktik spielt ja eine große Rolle, könnte es nicht auch sein, dass digitale Medien den intrinsischen Vorteil wie Bewegtbild oder Nicht-Linearität im Moment gar nicht richtig abbilden? Beispielsweise scheint für einen physischen Ablauf ein Video doch besser geeignet zu seien, auch im didaktischen Sinne, als eine Folge von Zeichnungen?
Ich stimme Ihnen zu, dass wir mit verschiedenen Ausführungsarten sehr produktiv umgehen können und dass Videos häufig besser sind als eine schlichte Abfolge von Zeichnungen. Es gibt einen großen Bedarf, geeignete digitale Inhalte für spezifische Medien zu kuratieren, aber auch zu kreieren. Was ist das beste Medium, was ist die beste Mischung? Aber Didaktik ist ein weites Feld, das bedeutende Fragen über die Rolle des digitalen Lernens aufwirft. In Amerika gibt es sehr viele Diskussionen darum, was der Sinn von Unterricht von Angesicht zu Angesicht ist, wenn Studenten viele Seminare und Vorlesungen digital abrufen können sowie Lerninhalte online gestellt bekommen. Wir haben noch keine Antwort darauf, aber ich vermute, dass es in die Richtung gehen wird, Studenten zu helfen, sich eine eigene grundsätzliche Meinung zu bilden und das neu Gelernte in das zu integrieren, was sie schon wissen.

Die von Ihnen befragten Studenten sind ja noch stark mit haptischen Medien aufgewachsen und dadurch geprägt worden. Spielt dies eine große Rolle, also könnte es sein, dass die nächste Generation, die viel stärker mit digitalen Endgeräten und digitaler Information aufwächst, auch per se mehr digital liest, oder spielen hier auch ganz grundlegende neurologische Phänomene eine Rolle?
Nach wie vor lernen anfangs nahezu alle Schüler noch das Lesen mit Print. Aber in Amerika gibt es von Seiten der Öffentlichkeit, aber auch von der Politik viel Druck, Kinder zu Digital-Inhalten hinzuerziehen. Die Befürchtung ist, dass, wenn wir dies nicht tun, unsere Kinder in der Zukunft schlecht wegkommen bzw. nicht mehr mitkommen. Als Konsequenz durchdringt das Digitale unsere Schulen. Hinzu kommt die Wahrnehmung, dass Digital kostenlos oder billiger ist. Das treibt viele Entscheidungen zum Digitalen. Aber man muss einfach wissen dass Forschungsarbeiten darüber, wie wir mit den unterschiedlichen Medien lernen, noch ganz am Anfang sind.

Das Interview führte Kornelia Holzhausen, Strategic Product Manager Education bei Elsevier und ist in ganzer Länge im „digital publishing report“ nachzulesen. Das digitale Magazin ist kostenlos erhältlich. E-Mail an info@digital-publishing-report.de schicken, fertig.

1 Kommentar/e

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  • David P. Steel

    David P. Steel

    Genauso wie die Erfinding von Motorädern nicht Fahrräder ersetzt haben, werden langfristig – wie bei vielen ähnlichen Beispielen – sowohl analoge als auch digitale Angebote nebeneinander ihre Daseinsberechtigung behaupten. Im Juni habe ich zum Thema digitales Lernen eine Workshop gehalten, indem alle (vorwiegend junge) Teilnehmer*innen selbst erstaunt waren, dass es z.B. früher gedruckte Fahrpläne gaben – für die man sogar noch Geld ausgegeben hat. Am Ende werden sich die neue digitale Angebote erst durch Nutzen beweisen. Das was es Sinn macht, wird schlussendlich angenommen und bestimmt dabei den Weg nach vorn.

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