Blockchain-Bibliothek



Wie man den Weiterverkauf von E-Books (vernünftig) organisieren könnte

Wer gegen Digital Rights Management (DRM) ist, muss auch gegen den Weiterverkauf von E-Books sein. Oder doch nicht? Eine neue Technologie bietet prinzipiell einen Ausweg aus dem Digitalbuchdilemma.



© Theymos/Wikimedia Commons & AP (remix)


Die Facebook-Gruppe Onliner in Verlagen und einige andere Foren diskutieren regelmäßig über die langfristige Vermarktungsstrategie von E-Books. Dass DRM – vor allem hartes – ein Auslaufmodell ist, scheint dabei niemand mehr ernsthaft in Zweifel zu ziehen. Die Produktionsabteilungen verhalten sich entsprechend kundenfreundlich bzw. klug und entfernen zunehmend nervige wie sinnlose Kopierschutzmechanismen.

Das mittelfristige Ende von DRM hat jedoch neue Diskussionen entfacht, die um ein verwandtes Thema kreisen: Die Möglich- bzw. Unmöglichkeit, digitale Bücher »richtig« zu besitzen und damit weiterverkaufen zu können. Ein lesenswerter, ausführlicher Post von Publishing Hurts beschäftigte sich damit zu Beginn des Jahres. Ich möchte an dieser Stelle nicht genauer auf die juristischen, technischen und ökonomischen Details eingehen, sondern nur die Quintessenz des Beitrags wiedergeben: Entweder kehrt man im Falle der Einführung eines Weiterverkaufsrechts für E-Books zu DRM zurück – was ja eigentlich keiner will. Oder es droht eines der folgenden Szenarios:

Erstens ein völlig ungehegter Markt, der Verlagen, Autoren und ultimativ auch Lesern schadet.
Zweitens ein technisch-administrativer Overkill mit unzähligen Verwaltungsplattformen, deren Tücken kein bisschen besser als DRM sind.

Daraus folgt schlussendlich: Wer gegen DRM ist, muss auch gegen die Option der privaten oder kommerziellen Wiederveräußerung digitaler Bücher sein. Und so stand es dann auch (zum wiederholten Mal) beim Börsenverein bzw. in der Facebook-Gruppe.

Wie es aussieht, haben die Diskussionsteilnehmer ihre Rechnung aber ohne die Blockchain gemacht. Die bietet nämlich prinzipiell einen Ausweg aus dem Digitalbuchdilemma. Nicht zuletzt, weil ich zu diesem Gedanken bislang kein vernünftiges Feedback bekommen habe, schreibe ich diesen Beitrag. Der entscheidende Grund aber lautet: Bei einem Interview mit dem Blockchain-Startup ascribe.io wurde mir kürzlich versichert, dass sich DRM-freie und registrierte (also weiterverkaufbare) Ebooks mittlerweile tatsächlich ohne größeren Aufwand realisieren lassen.

Vielleicht sollte ich spätestens jetzt noch einmal kurz erklären, was die Blockchain ist. Wikipedia hält eine griffige Definition bereit: »A block chain or blockchain is a permissionless distributed database based on the bitcoin protocol that maintains a continuously growing list of data records hardened against tampering and revision, even by its operators.«

Wir haben es also mit einer öffentlichen, dezentralen, sehr sicheren Datenbank zu tun – in der man eben auch den Besitz (und damit die Erlaubnis zum einmaligen Verkauf) von E-Books erfassen könnte.

Nun gibt es noch den Einwand, dass die im Zuge der Bitcoin-Technologie bekannt gewordene Blockchain einige Macken aufweist, und die Entwickler-Community zerstritten ist. Dazu gab es im Januar einen umfassenden Post bei Medium (den man als Publisher nicht unbedingt lesen muss). Um etwaigen Problemen aus dem Weg zu gehen, sollte die E-Book-Erfassung deshalb in jedem Fall mittels einer alternativen, skalierbaren Blockchain realsiert werden, wie sie erst diesen Monat – ebenfalls bei Medium – vom CEO des bereits erwähnten Startups vorgestellt wurde.

Eine neue Chain in Kombination mit einer modernen, userfreundlichen Webplattform à la ascribe würde es Verlagen bzw. Autoren ohne weiteres gestatten, eine bestimmte Anzahl von offiziellen Digitalexemplaren eines Buchs anzubieten (1.000, 10.000, 100.000, völlig egal), deren Verkauf und Weiterverkauf ähnlich wie bei Bitcoins transpartent und sicher getrackt werden könnte – wohlgemerkt ohne, dass die Käufer ihre Identität preisgeben müssten. Mit Überwachung im klassischen Sinne hat das also nichts zu tun. Und mit DRM auch nicht.

Im deutschsprachigen Raum scheint die Idee Blockchain-Buch momentan ausschließlich von der Schweizer Firma lyrx Books verfolgt zu werden. Deren Website wirkt allerdings noch sehr spartanisch und bietet weder weiterführende Informationen noch elektronische Kontaktadressen – von einem fertigen Interface ganz zu schweigen. Ich bin gespannt, ob und wann sich da etwas entwickelt.

Die Blockchain kann natürlich keine E-Book-Piraterie verhindern. Aber darum geht es ja auch gar nicht. In Digitalien wird immer jemand etwas klauen und ohne Erlaubnis verbreiten. Mit DRM-freien, weiterverkäuflichen Blockchain-Büchern könnte die digitale Buchbranche jedoch einen offiziellen 2nd-Hand- und Sammlermarkt etablieren, besonders schöne und limitierte Editionen inklusive. Das wäre doch was.

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7 Kommentar/e

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  • Thorsten Theis

    Thorsten Theis

    Endlich mal ein vernünftiger Artikel zu diesem Thema. Hier hat die Buchindustrie den Fehler der Musik/Filmindustrie eiskalt wiederholt. DRM wird vom Kunden abgestraft, weil er die damit versehenen Inhalte einfach nicht kaufen wird. Warum auch? Warum sollte ich, weil mir ein Werk digital vorliegt, nicht auch einfach weiterverkaufen dürfen, wenn ich es gelesen/gehört/angesehen habe? Ich bezahle doch in aller Regel dasselbe Geld, wenn ich es in gedruckter/gepresster Form erwerbe. Die Industrie stellt sich immer wieder selber ein Bein, indem Sie die Kundschaft unverschämterweise bevormundet und limitiert. Dann braucht man sich über schlechte Zahlen am Ende des Jahres auch nicht beschweren.

  • IF

    IF

    Es ist tatsächlich schade, dass die Branche in Teilen den digitalen Wandel verschläft. Statt die gesparten Druck- und Logistikkosten zur Optimierung der elektronischen Angebote zu nutzen, sind die meisten Marktteilnehmer offenbar nur daran interessiert kurzfristig die Marge zu erhöhen. Es ist doch ein Witz, dass E-Books preislich nahe an der gebundenen Ausgabe sind und ich sie dann noch nicht einmal weiterverkaufen oder im Freundeskreis ausleihen kann. Auch in Sachen Endgeräten wäre noch deutliche Luft nach oben.

  • Rosa Riebl

    Rosa Riebl

    Hier wird alles wild durcheinandergewürfelt.
    1. Kauf von ebooks:
    ebooks sind keine Bücher. Es handelt sich um immaterielle Daten, die in einem Lesegerät interpretiert werden, ganz so wie Computerprogramme und elektronische Bilder. Weil man ebooks nicht anfassen kann, können sie auch nicht den Eigentümer wechseln. Das ist auch der Grund, warum ebooks nicht weiterverkauft werden können, sie wurden ja niemals eingekauft. Die Nutzer erwerben vielmehr nur eine Nutzungserlaubnis (Lizenz) für die Daten.
    Das hat rein gar nichts damit zu tun, ob ein Buch kopiergeschützt ist oder was auch immer. Auch ein Nicht-DRM-geschützes ebook kann nicht weiterverkauft werden, weil es nicht eingegekauft wurde.

    2. DRM (= Kopierschutz).
    Wie der Nutzer schlußendlich mit den Daten verfahren darf, bestimmt ausschließlich der Lizenzgeber. Er darf zum Beispiel die Weitergabe der Daten verbieten. Das heißt in der Praxis, daß er einen Kopierschutz anbringen darf.

    Die Schlußfolgerung des Autors, "Entweder kehrt man im Falle der Einführung eines Weiterverkaufsrechts für E-Books zu DRM zurück [...]" ist auch in anderer Hinsicht grundlegend falsch. Kopierschutz heißt nämlich, daß das Werk nicht vervielfältigt werden darf. Ein immaterielles Gut weiterzugeben bedeutet aber automatisch, daß es kopiert werden muß. Wie sollen aber kopiergeschützte Daten kopiert werden?

    Die Aussage, "Wer gegen Digital Rights Management (DRM) ist, muss auch gegen den Weiterverkauf von E-Books sein." ist grundlegend falsch.

  • Matthias Ulmer

    Matthias Ulmer

    @IF: Die Druck/Papier/Bindung macht bei einem Durchschnittswerk unseres Programms 8% des Ladenpreises (unter der Fiktion, dass die ganze Auflage verkauft wird) aus. Die Logistik kostet zwar beim Transport nichts, die Auslieferung, Fakturierung, Lagerhaltung ist aber tendenziell sogar teurer als beim gedruckten Werk, weil hier sehr viele Einmalkosten entstehen, die dann auf die Absatzzahlen umgelegt werden können, bei den sehr geringen Absatzzahlen aber als Stückkosten hoch bleiben. Da meistens die Autoren bei E-Books auch noch ein höheres prozentuales Honorar fordern und die Mehrwertsteuer bei E-Books statt 7% 19& beträgt, ist der Deckungsbeitrag des Verlags bei einem E-Book niedriger als beim gedruckten Buch. Wenn Sie also hier eine direkte Weitergabe der Kosten oder Kostenersparnis an den Kunden fordern, dann müsste E-Books teurer sein als gedruckte Bücher.
    Und: ich glaube, dass kein Verlag eine direkte Beziehung zwischen Umsatz (oder gar Deckungsbeiträgen) aus E-Books und Investitionen in Digitale Geschäftsmodelle herstellt. Das eine ist beschämend niedrig, das andere ist seit Jahren ziemlich hoch. Irgendwann wird das schon Früchte tragen.
    Ja, die Verlage hinken deutlich hinter den Digitalisierung-Propheten hinterher. Aber sie liegen immer noch meilenweit vor ihren Lesern in diesem Rennen.

  • ebooker

    ebooker

    Sehr geehrter Herr Ulmer,
    Sie haben mit Ihrer Aussage "Ja, die Verlage hinken deutlich hinter den Digitalisierung-Propheten hinterher. Aber sie liegen immer noch meilenweit vor ihren Lesern in diesem Rennen." nicht ganz recht.
    Die Leser sind alle schon längst weiter, die Kunden leider nicht. Beim aktuellen illegalen Angebot von mehreren 10.000-ebook-Titeln in den Börsen kann man nicht davon sprechen, daß die Leser nicht so weit seien.
    Der Abverkauf von ebooks hängt von drei Faktoren ab:
    1. Der Qualität der technischen Aufbereitung.
    Diese ist bei 95% der ebooks mindestens bedenklich und mit der Qualität eines gedruckten Buchs nicht vergleichbar. Der allgemeine Grund ist die mangelnde Qualität der Dienstleister und ihrer Software. Über das Thema Qualität könnte ich ganze Bücher schreiben.
    2. Die Art des "Kaufs" von ebooks und die Erschwernisse, die die Verlage dem ehrlichen Käufer gegenüber den Schwarzkopierern auferlegen.
    3. Der von allen, mit denen man redet, als zu hoch empfundene VK der ebooks. Ihre Ausführungen über die Kosten und Preisgestaltung sind sicherlich korrekt, aber dem Endkunden nicht zu vermitteln.
    Die Verlage sollten sich gut überlegen, ob der Umsatz mit ebooks den hohen Aufwand tatsächlich rechtfertigt. Ein ebook ist eben kein Abfallprodukt bei der Vorbereitung eines gedruckten Buchs, die Daten müssen immer gesondert und manuell bearbeitet werden.

  • Thorsten Theis

    Thorsten Theis

    @Rosa Riebl,

    ich kann ihre Einstellung grundlegend aus zwei Gründen nicht unterstützen.

    1.: Es geht wohl nicht nur um die Tatsache, ein physisches Medium erworben zu haben. Immerhin habe ich kein Abo-Angebot erworben, was mich in meiner Nutzungsdauer des Mediums zeitlich limitert.

    2., und noch viel wichtiger: Habe ich mit Falschgeld bezahlt? Ich glaube, Nein! Also ist es auch mein Recht, mit dem mir vorliegenden Produkt so zu verfahren, wie ich es für richtig halte. Das impliziert auch den Weiterverkauf.

    Sie gehen hier auf reine technische Komponenten ein. Klar, die lassen sich immer per Gesetz beschränken. Richtig und anständig ist es dadurch noch lange nicht.

  • Rosa Riebl

    Rosa Riebl

    Sehr geehrter Herr Theis,
    Sie haben es nicht begriffen: Sie kaufen ebooks nicht, sondern erhalten vom Verlag nur ein Nutzungsrecht. Dieses kann der Verlag ausgestalten wie er will.
    Im Impressum von ebooks finden Sie immer einen Eintrag wie

    "Sämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten. Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken. Die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Wiedergabe ist ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben."

    Das können Sie nicht wegdebattieren und ist die rechtliche Situation, auch wenn sie Ihnen (oder mir) nicht gefällt.

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