Denkanstoß

Innovation? Fehlanzeige

Höchste Zeit, dass sich die Buchbranche um qualifizierte Fachkräfte aus IT und Wirtschaftswissenschaften bemüht, um die eigene Innovationskraft anzukurbeln. Erfolgsbeispiele aus anderen Branchen zeigen, wie Innovationen neue Märkte begründen können.

9,32 Mrd. Euro setzte die deutsche Buchbranche im Jahr 2014 um – ein Niveau, auf dem der Markt seit vielen Jahren stagniert. Es bedarf also dringend neuer Ansätze, Wertschöpfung zu generieren. Doch alle vermeintlichen Innovationen, die der Buchmarkt in den vergangenen Jahren hervorbrachte, sind genau genommen nicht als solche zu bezeichnen. Wenn ergänzend zu Print auch e-Books verkauft werden oder Autoren vom traditionellen Verlag zum Self-Publishing wechseln, dann findet doch lediglich eine Umverteilung von einem Vertriebskanal zum nächsten und von einer Veröffentlichungsform zur anderen statt. Vielmehr wären neue, ungewöhnliche und mutige Marketingkonzepte und Präsentationsformen von Nöten, um beispielsweise Nicht-Leser als Kunden zu gewinnen und damit dem Markt Wachstum zu bescheren.

Neue Wachstumsfelder erschließen

Ein Blick auf andere Branchen zeigt, dass kluge und innovative Geschäftsideen neue Marktfelder begründen können. Man nehme das Beispiel Car Sharing: Ein Geschäftsfeld, das die Automobilkonzerne in den vergangenen Jahren sukzessive für sich erschlossen haben. Mittlerweile gibt es über eine Million Carsharer in Deutschland (Quelle: www.carsharing-experten.de). Zwar sind dies erst wenige Prozent der Führerschein-Besitzer in Deutschland. Doch wenn etwa Dienste wie DriveNow und car2go ihre Nutzerzahlen innerhalb eines Jahres fast verdoppeln, lässt sich mit Fug und Recht von einem stark und schnell wachsenden Markt sprechen, der in den kommenden Jahren einiges Potenzial bieten wird. Entsprechend groß ist das Vertrauen der Investoren in diesen noch jungen Markt neuer Mobilitätsangebote. So konnte sich in einer vermeintlichen starren Branche wie dem Taxiwesen das wohl derzeit teuerste Start-Up der Welt etablieren: Auf einen Gesamtwert von 50 Mrd. Dollar wird der Fahrdienst-Vermittler Uber derzeit geschätzt – das Fünffache dessen, was die deutsche Buchbranche insgesamt in einem Jahr erwirtschaftet. Sichtbar schlecht werden im Vergleich mit solchen Start-Ups die Zukunftsprognosen von Verlagen bewertet, wie sich an einem Vergleich der Kursentwicklung ablesen lässt. Stieg etwa der Unternehmenswert des Fahrdienstes Uber innerhalb von zwei Jahren um ganze 1.329 Prozent, hat sich derjenige des börsennotierten Publikumsverlags Bastei Lübbe im selben Zeitraum kein bisschen erhöht.

Bei Young Professionals unbeliebt

Unter welchen Voraussetzungen ist es möglich, die Innovationsbereitschaft  und -fähigkeit einer Branche zu erhöhen? Einer der Motoren dafür sind Quereinsteiger und talentierte Nachwuchskräfte, die etablierte Branchenstandards hinterfragen bzw. mit neuen konzeptionellen Ansätzen aus starren Denkmustern befreien. Gut ausgebildete Wirtschaftswissenschaftler und Informatiker zieht es allerdings nicht in die Verlagsbranche, sondern zu Firmen wie Apple, Microsoft, Sony, Ernst & Young oder BMW. Das ermittelte gerade wieder das Beratungsunternehmen Universum, das jedes Jahr junge Berufstätige aus verschiedenen Disziplinen zu ihren Traum-Arbeitgebern befragt. Verwunderlich sind diese Ergebnisse nicht, angesichts des attraktiven Gehaltsniveaus, die diese Branchen den Absolventen bieten. 80.400 Dollar im Jahr verdient allein ein Praktikant bei Apple, wie das Magazin Business Insider kürzlich berichtete – fast das Fünffache dessen, was laut Angaben von gehalt.de ein Verlagsvolontär hierzulande erhält.

Weg vom Inhaltsdenken

Das Pfund, mit dem die Buchbranche gegenüber den Lesern wuchern kann, sind gute, spannende, lehrreiche oder humorvolle Inhalte. Junge Talente für das eigene Unternehmen werden aber nicht über Inhalte gewonnen. Firmen wie Nestlé, Siemens oder IBM gewinnen gut ausgebildeten Nachwuchs mit attraktiver Vergütung, starken Marken, guten Aufstiegschancen und einer interessanten Bandbreite der beruflichen Tätigkeiten. Davon abgesehen ist eine Affinität zum Produkt selbst keine zwingende Voraussetzung für eine erfolgreiche Vermarktung desselben. Wer etwa als Vertriebsmanager Creme oder Waschmittel an den Mann bringen will, muss nicht deren exakte Herstellungsweise und Zusammensetzung kennen, sondern in erster Linie intelligente Werbe- und Vertriebsstrategien für das Produkt entwickeln. Auch die Buchbranche lebt nur dann von starken Inhalten, wenn diese auch verkauft werden.

Nicht billig, sondern preiswert

Wenn eine geringe Innovationsbereitschaft dauerhaft stagnierende Umsätze bedingt, wird es kaum möglich sein, neue Talente mit entsprechenden monetären Anreizen als motivierte und leistungsfähige Arbeitnehmer zu gewinnen. Wie kann sich die Buchbranche aus diesem Teufelskreis befreien? Ein erster Ansatz könnte sein, das im Markt etablierte Preisgefüge grundlegend zu hinterfragen mit der Maxime, Inhalte nicht billig, sondern buchstäblich preiswert zu verkaufen. Muss ein e-Book 4,99 Euro und ein Taschenbuch 9,90 Euro kosten? Oder sind auch ganz andere Preisschwellen beim Leser durchsetzbar? Welchen Stellenwert hat der Preis wirklich als Kaufkriterium für den Endkunden? Welche Leistung ist nötig, um höhere Preise durchsetzen zu können?

Während sich Marketing und Vertrieb diesen Fragen widmen sollten, müssten in personalpolitischer Hinsicht die Stellschrauben definiert werden, die eine gesunde Fluktuation – also kontinuierlichen, gut ausgebildeten Nachwuchs – in der Buchbranche möglich machen. Welche Incentivierungsmodelle lassen sich schaffen, um Nachwuchskräfte zu werben? In anderen Branchen sind unterschiedliche Modelle der Beteiligung von Mitarbeitern am Umsatz und Erfolg eines Unternehmens oder am Unternehmen selbst gang und gäbe. Um noch einmal Apple als Beispiel anzuführen: Dort haben die Mitarbeiter im Rahmen des »employee stock purchase plans« die Option, auf einen Teil ihres Gehalts zu verzichten und stattdessen zu einem Preis unter Marktwert Aktienanteile am Unternehmen zu erwerben. Jeder Mitarbeiter hat also die Möglichkeit, über die eigene Leistung den Unternehmenserfolg zu steigern und daran zu partizipieren.

Im Verlagswesen werden solche Prämienmodelle bisher kaum bis gar nicht evaluiert.  Unter welchen Voraussetzungen ist es möglich, Mitarbeiter zu Unternehmern werden zu lassen? Welche leistungsabhängigen, variablen Gehaltsbestandteile können definiert werden? Selbst wenn es nicht für jeden dieser Aspekte einen unmittelbaren Lösungsansatz gibt, ist es höchste Zeit, diese Fragen zu stellen und die bisherigen gedanklichen Grenzen einfach einmal zu sprengen.

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13 Kommentar/e

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  • Aljoscha Walser

    Aljoscha Walser

    Die These, dass es der Buchbranche an Innovationskraft mangelt, weil sie zu wenig zahlt, halte ich für sehr steil und durch Fakten nicht belegbar. Die Korrelation zwischen Gehalt und Innovationskraft kann weder bei Banken noch in der Energiewirtschaft nachgewiesen werden. Motivation ohne Identifikation erzeugt keine Innovation - höchstens gekaufte Loyalität.

    Relevanter finde ich in dieser Frage die Auffassung des CEO von Bonnier Books, Jacob Dalborg. Er vertritt die Auffassung, dass die Bedeutung von verlagsspezifischen Kompetenzen für die Innovationskraft der Branche überschätzt wird. Es geht ihm primär um die fehlende Erkenntnis in der Verlagsbranche, dass man Spezialisten überhaupt braucht.

    Abgesehen davon hält Dalborg die Entwicklung von Geschichten und Autorenbeziehungen immer noch für das eigentliche Kerngeschäft.

    http://blog.narses.de/2015/05/29/jacob-dalborg-the -publishing-industry-needs-more-specialists/"

  • Lektor

    Lektor

    Es wäre hilfreich, wenn sich der Autor mit dem Verlagswesen auch nur annähernd beschäftigt hätte. Die Verlage waren die ersten, bei denen mit Computern gearbeitet wurde. Sehr früh wurde die Druckvorstufe auf DTP umgestellt, und heute drucken viele Verlage digital, was ganz neue Verkaufsstrategien ermöglicht.
    Verlage verlegen nun mal Inhalte, und ein Betrieb, der Taxis vermietet, ist kein Verlag, sondern ein Taxiunternehmen. Das werden selbst Heerscharen von Betriebswirten und Computerfachkräften nicht ändern, auch wenn der Autor das gerne hätte und vorschlägt, heiße Luft zu verkaufen.

  • Howard-Jürgen

    Howard-Jürgen

    @ Aljoscha Walser

    Auch wenn der Buchhandel die "Gehaltsfrage" gerne wegdrückt. Fakt ist: Ohne attraktives Gehalt keine klugen Köpfe. Das Gehalt ist die halbe Miete. Denn ein kluger und innovativer Kopf möchte nicht jeden Cent zweimal umdrehen. Er möchte für seine Leistung anständig bezahlt werden. Der Buchhandel fordert gerne Top-Leute mit Top-Qualifikationen aber bitteschön am besten zum Praktikantengehalt. Das funktioniert nicht, weil die heutigen "Klugen Köpfe" durchaus wissen, was sie Wert sind. Das muß der Buchhandel einfach noch lernen. Wobei es nun allerdings zu spät ist. Die Buchbranche hat den Anschluss verpaßt und taucht bei den meisten jungen Menschen überhaupt nicht mehr auf dem Schirm auf.

  • Lektor

    Lektor

    @Howard-Jürgen:
    An was hat "die Buchbranche den Anschluss verpaßt"? Können Sie Ihre hohlen Phrasen vielleicht konkretisieren?

  • Howard-Jürgen

    Howard-Jürgen

    @ Lektor

    "An was hat "die Buchbranche den Anschluss verpaßt?"

    Die Frage meinen Sie jetzt nicht Ernst, oder!?!

  • Aljoscha Walser

    Aljoscha Walser

    @ Howard-Jürgen, wen meinen Sie bitte mit "Buchhandel " und verwenden Sie diesen Begriff synonym zu "Buchbranche"?
    Ihre Aussage: "Ohne attraktives Gehalt keine klugen Köpfe" bedeutet im Umkehrschluss: Wer kein hohes Gehalt hat ist ein Dummkopft bzw. inkompetent. Sie beleidigen so ganz nebenbei, alle jene Kollegen, die in den Medienhäusern einen tollen Job machen, ohne ihr Gehalt zu optimieren. Für die Verlagsseite kann ich nur sagen, dass das Bild so uneinheitlich, wie vielfältig ist.

    Bitte belegen Sie Ihre Behauptung "die Buchbranche hat den Anschluss verpasst", die Studentenzahlen an den Unis und Fachhochschulen belegen ihre Behauptungen nicht.

  • Heinrich Berta

    Heinrich Berta

    Also ein paar Fakten gibt es ja schon: 1. Der Buchmarkt ist ein "reifer Markt", mit fast keinem Wachstum bzw. Stagnation. 2. Das Gehaltsniveau der Branche liegt unter dem von anderen Branchen. 3. Die Buchbranche ist eine "alte" Industrie. 4. Neue Technologien und neue Marktakteure wirken auf die Branche ein. Neben den o.g. Fakten kann man noch beobachten: Sämtliche Verlage müssen stärker auf Ihre Kostenseite achten. Auf die vorgenannten "Ereignisse" kann man reagieren durch "Innovation" oder auch einfach nur durch "Anpassung", also quasi ein "Leader" oder "Follower" sein. Der Eindruck ist aber tatsächlich, dass die Verlage eher "Follower" sind. Mir fällt immer nur, der schon tausendfach bemühte, Vergleich mit der "Musikindustrie" ein. Die wollte sich anfangs noch nicht einmal anpassen. Es gibt Situationen, da muss man sich "neu erfinden", um nicht "kaputt zu gehen". Und dann spielt Innovation schon eine Rolle. Beispiele:
    - TV Sender vs. Streaming Portale
    - Filmproduzenten vs. Youtube
    - Plattform-Ökonomie vs. Einzelhandel
    Ich finde, der zentrale Denkanstoß steckt doch hier in einem Satz im o.g. Beitrag:
    "..., um beispielsweise Nicht-Leser als Kunden zu gewinnen und damit dem Markt Wachstum zu bescheren." Hinzufügen muss man nur: Was mach ich tun, um meine Bestandskunden zu halten und auszubauen?

  • skreutzer

    skreutzer

    Heinrich Berta hat bereits ein paar wichtige ergänzende Punkte genannt, dass es Verlagen vielleicht gar nicht möglich sein könnte, mit den Gehaltsangeboten anderer Branchen mit weit höherem Umsatz zu konkurrieren. Um aber trotzdem etwas (eigene) Innovation mit kleinem Geld vorantreiben zu können, halte ich es für angebracht, mehr zu kooperieren und das Rad nicht an vielen Orten ständig neu erfinden zu wollen, sprich: es sollte nicht um die Technik konkurriert werden, sondern um den Inhalt. Ich sehe da wenig Bewegung auf dem Gebiet, nicht zuletzt müssten sich auch die Rolle von Verlagen und Buchhändlern schon längst grundlegend geändert haben.

    Dass es kein Uber der Buchbranche geben kann, liegt meiner Meinung nach an der Buchpreisbindung, die niemals auf E-Books hätte angewendet werden dürfen, wo sie nicht nur völlig ihren Zweck verfehlen muss, sondern auch neuen Geschäftsmodellen im Weg steht.

    Solche “Employee Stock Purchase Plans” dürften in der Buchbranche wohl nur bedingt als Anreiz von Interesse sein, weil die nämlich folgendermaßen funktionieren: wenn bei einem Startup der Börsengang oder ein Exit in Aussicht steht, hat der Mitarbeiter durch solche Anteile bzw. Aktienoptionen die Möglichkeit, in kurzer Zeit sehr reich zu werden, wenn beim Exit viel geboten wird (und demnach seine Anteile sprunghaft sehr viel wert werden) oder der Börsenkurs durch die Decke geht, der Mitarbeiter aber die Optionen zum Startpreis in Anspruch nehmen kann, um sie sodann mit großem Gewinn zu verkaufen. Bei erfolgreichen Unternehmen in Wachstumsmärkten, die bereits an der Börse gehandelt werden, besteht die Aussicht auf einen Aktiensplit, sodass sich der Wert der vom Mitarbeiter gehaltenen Aktien auf einen Schlag vervielfacht. Für solche Anreize sind manche Berufseinsteiger gewillt, unter Verzicht auf ein höheres Gehalt ihr Äußerstes zu leisten, manchmal bis hin zur Beeinträchtigung der eigenen Gesundheit, was einem Unternehmen in der Startphase Ausgaben einspart oder einen Innovationsschub hervorbringt. Selbstverständlich besteht das Risiko, dass der Plan nicht aufgeht, weil sich das Geschäft nicht gut entwickelt, welches an der Stelle aber allein der Mitarbeiter trägt. In der Buchbranche ist so etwas womöglich nicht unbedingt denkbar, denn welcher Verlag, welcher Buchhändler erfüllt denn die Voraussetzungen, damit sich so ein Modell für den Mitarbeiter lohnen könnte? Dazu müsste die Buchbranche insgesamt oder das jeweilige Unternehmen für sich aus eigener Kraft erstmal soviel Wachstum hervorbringen, damit dieser Effekt zum Selbstläufer wird. Ungeachtet dessen kann so etwas durchaus bei dem einen oder anderen Naivling funktionieren, aber jemand, der die Wahl hat, geht dann im Zweifel eben in eine andere Branche.

    @Lektor (06.07.2015 19:32h):
    Es ist zwar richtig, dass in der Buchbranche Digitaltechnik schon lange im Einsatz ist, aber eben immer nur aus der Verlagsdenke heraus zur Optimierung bestehender Prozesse. Jemand mit digitaler Denke würde das umgekehrt machen, nämlich: wie baue ich mit softwaregestützten Prozessen einen Verlag? Die Amazons und Googles dieser Welt sollten als Beleg für diese Behauptung reichen.

  • Lektor

    Lektor

    @skreutzer:
    "Jemand mit digitaler Denke würde das umgekehrt machen, nämlich: wie baue ich mit softwaregestützten Prozessen einen Verlag? Die Amazons und Googles dieser Welt sollten als Beleg für diese Behauptung reichen."

    Wie kommen Sie auf diese absurde Idee? Zuerst kommt die Geschäftsidee (= welches Produkt, welche Zielgruppe), dann überlegt man sich, wie man sie am effizientesten und kostengünstigsten in die Realität umsetzt. Ob man dafür Software nimmt oder ein liniertes Blatt Papier, ist vollkommen egal, nur daß bei der Papierlösung keine sogenannten IT-Berater viel Geld verdienen. Sie haben offensichtlich nicht verstanden, daß Computer nicht das Denken ersetzen, sondern nur standardisierte Aufgaben schnell ausführen können. Wer keine sich ständig wiederholenden Arbeiten zu erledigen hat, kann durchaus auf Computer verzichten.
    Außerdem ist Amazon kein Verlag, sondern ein Warenhaus, und Google ist eine Internetsuchmaschine mit angeschlossener Werbeagentur.
    Ich schlage vor, Sie nehmen eine Software, die Ihnen gefällt,und bauen Ihren Verlag darumherum. In einem Jahr machen wir Bestandsaufnahme.

  • skreutzer

    skreutzer

    @Lektor:
    Und damit haben Sie eben jenen Punkt, welchen ich kurz zu beschreiben versuchte, auf’s eindrücklichste demonstriert: es scheint wohl Unklarheit darüber zu herrschen, was eigentlich das Produkt ist, dass das heute eben nicht mehr länger ein bedrucktes Blatt Papier ist. Was die Einordnung von Amazon und Google angeht, braucht man ja auch nur mal einen Schritt weiterzudenken... Autoren schreiben digital, Lektoren lektorieren digital (oder etwa nicht?) und Leser lesen digital (oder es wird digitalgestützt gedruckt). Da bietet es sich doch an, all diese Komponenten zu integrieren und aus einer Hand anzubieten, der fragmentierten Buchbranche fehlt allerdings der Wille dazu.

  • Aufklärung

    Aufklärung

    @ Lektor

    Leider muß Ihnen in einigen Punkten widersprochen werden....

    I) "Zuerst kommt die Geschäftsidee"..... ist nicht immer zwingend nötig. Eine Reihe erfolgreicher Unternehmen haben bestehende Ideen einfach nur verbessert und nicht das Rad neu erfunden.
    II) "daß Computer nicht das Denken ersetzen, sondern nur standardisierte Aufgaben schnell ausführen können".... der Begriff KI sagt Ihnen etwas!? es gibt durchaus schon Software, die in der Lage ist, einfach-komplexe Szenarien zu entwerfen.
    III) "Google ist eine Internetsuchmaschine mit angeschlossener Werbeagentur"... das war einmal. Mittlerweile tummelt sich Google u.a. auf dem Software- und Hardwaremarkt und noch einigen Märkten mehr.
    "

  • Lektor

    Lektor

    @skreutzer:
    Wie kommen Sie zu der Behauptung, daß heute "digital gelesen" wird? Nur knapp 4% aller Bücher sind ebooks, alle anderen sind gedruckt.
    Aber abgesehen davon: Inwiefern soll der Buchbranche "der Wille dazu fehlen", dies alles "aus einer Hand" anzubieten? Der Zweck der Verlage ist es, Autoren zu betreuen, Bücher herzustellen und diese zu vertreiben. Und genau das machen sie, und zwar ganz individuell, weil jeder einzelne der 2000 deutschen Verlage sein eigenes, nur auf ihn zugeschnittenes Verlagsprogramm besitzt. Der eine druckt Bücher mit der Handpresse, der andere läßt sie digital in China drucken, der dritte widmet sich intensiv den Buchinhalten, der vierte setzt auf seine flächendeckende Buchhandelsbetreuung. Wo soll da eine Integration fehlen?

    Wenn die Händler jedoch keine ebooks verkaufen wollen/können, hat das mehrere sehr gute Gründe. Die meisten haben wohl verstanden, daß ebooks mit aller Kraft verhindert werden müssen. ebooks machen Buchhändler nämlich überflüssig, weil kein Lager mehr benötigt wird, sondern nur noch eine immaterielle Datenbank, die über das Internet geöffnet wird. Und die gibt es zum Beispiel bereits in Form des VLB.
    Vielleicht haben auch manche Verlage bereits eingesehen, daß sie mit ebooks
    ihr eigenes Todesurteil unterschrieben haben. Wozu braucht ein Autor noch einen Verlag, wenn er sein Buch selbst mehr oder weniger schlecht aufbereitet und lektoriert direkt an den Kunden bringen kann?
    Leute wie Sie faseln von verpaßten Anschlüssen, können aber nicht sagen, was denn nun verpaßt wurde (sagen Sie es mir doch bitte!) und verunsichern die Verleger mit Ihrem unverstandenem DV-Geschwafel. Diese reagieren vor Angst prompt kopflos und geben auf Ihr Anraten ihr Kerngeschäft (die Autorenbetreuung) zugunsten des von Ihnen gepredigten "digitalen Wandels" (besser: digitalen Wahns) auf und treiben sich selbst und die ganze Branche in den Ruin.
    Falls Sie es nicht wissen: Es kommt nicht auf die Art der Produktherstellung an oder die involvierten Prozesse, sondern auf das Produkt selbst! Ob ein Buch per Kartoffeldruck oder per digitaler Vor- und Endstufe hergestellt wird, ist egal, solange es seine Zielgruppe findet, die dafür bereit ist, Geld auszugeben. Stimmt der Inhalt des Buchs nicht, können Sie ein digitales Kasperltheater veranstalten und trotzdem wird es keiner lesen. Und hier liegt seit einigen Jahren der Hase im Pfeffer: die Inhalte stimmen nicht mehr, die Lektorate sind ausgedünnt und die Übersetzer sind unprofessionell.

  • skreutzer

    skreutzer

    @Lektor:
    Ich komme darauf, weil wir hier im Bookbytes-Blog lesen und schreiben und debattieren, ohne dass es der gedruckten Form bedürfe. Ich komme darauf, weil die Wikipedia den Brockhaus und die Encyclopædia Britannica ersetzt hat. Die 4% an E-Books ist ja nur der Anteil, den die Buchbranche an ihren Umsätzen ermittelt hat, und keineswegs das Gesamtvolumen an verkauften oder produzierten/konsumierten textbasierten Inhalten, gerade auch hinsichtlich der branchenfremden Akteure. Das klassische E-Book ist da auch längst noch nicht das Ende der Fahnenstange. Ich will ja gar nicht bestreiten, dass die traditionelle Buchwelt für sich genommen gut integriert ist, aber wie sieht es aus im Bereich der Einspeisung in digitale Distributionskanäle oder der Online-Kollaboration? Hier sind die Vorreiter bisher nicht aus der Buchbranche hervorgegangen, die historische Chance dazu bestand aber und kann evtl. mit einigen Mühen zukünftig doch noch wahrgenommen werden.

    Ich denke, dass die Händler gar nicht in der Lage sind, E-Books zu verkaufen, denn dafür fehlt ihnen mindestens die Hoheit über das Lesegerät. Wer ein eigenes Lesegerät im Markt hat, bestimmt auch ultimativ, was wie zu welchen Konditionen gelesen wird, und auf die Mitglieder der Tolino-Allianz will man sich beileibe auch nicht beschränken. E-Books „mit aller Kraft verhinder[n]“ zu wollen, ist jetzt nicht nur bereits zu spät, sondern zementiert ja gerade den weiteren Relevanzverlust. Man kann das auch folgendermaßen rechnen: Arbeitsplätze und Ladenfläche, die weggefallen sind bzw. ist, wurde mit nur 4% des E-Book-Anteils am Branchenumsatz nur unzureichend kompensiert, wobei die Differenz bei der branchenfremden Konkurrenz hängen geblieben ist, was aber der traditionelle Handel für sich in Anspruch hätte nehmen können. Dass Buchhändler „überflüssig“ werden, weil es keines Lagers mehr bedarf, ist auch grundsätzlich sehr begrüßenswert, denn Lagerhaltung um der Lagerhaltung willen als Selbstzweck ist reichlich ineffektiv und keine Leistung, die man irgendwie bräuchte oder wofür der Kunde Verständnis aufbringen könnte. Stattdessen muss sich der Buchhändler von morgen (oder besser gesagt, der Inhaltehändler von morgen) auf seine Kernkompetenz konzentrieren, seine Existenzberechtigung aus der Beratung und Empfehlung beziehen. Hier gibt es mehr denn je zu tun, und niemand kümmert sich so recht darum, auch (noch?) niemand erfolgreich genug aus dem Silicon Valley.

    Es ist ganz richtig, dass der Autor den Verlag nicht mehr wirklich braucht, jedenfalls nicht in seiner herkömmlichen Funktion, wohl aber als Dienstleister und Partner für neuartige Modelle des Veröffentlichens. Das alles ist auch gar nicht weiter schlimm, sondern höchst begrüßenswert, denn – all die üblichen Bedenken und Einwände mal für einen kurzen Moment beiseite geschoben – wer würde es denn als einen Nachteil auffassen, auf das gesamte Wissen der Menschheit, die Kunst und Kultur von überall aus, jederzeit und ungehindert für jede beliebige Verwendung zugreifen zu können? Die Antwort auf die anschließende Frage, mit welchen Modellen man die Produktion solcher Inhalte entlohnen kann, ist dann freilich von dieser Zielsetzung her zu denken, und nicht von den Antworten her, die in Zeiten der physisch bedingten Knappheit gegeben wurden.

    Was die von mir geäußerten Ansichten angeht, so ist natürlich kein Verlag dazu gezwungen, selbigen eine Bedeutung beizumessen, aber mindestens kann ich sagen, dass ich potentieller Kunde bin bei Angeboten, die das von mir gewünschte zu bieten haben, und dass ich bei Ermangelung von ebensolchen mein Möglichstes tue, um hier und da das eine oder andere selbst umzusetzen, weil es auch einfach ein gutes Stück weit unerträglich ist, wie wenig das digitale Potential bis ins Jahr 2015 hinein ausgeschöpft wird.

    Was den letzten Absatz angeht, so kommen wir wieder zurück auf meinen Kommentar vom 10.07.2015 14:33h, dass es zwar schon auf das Produkt ankommt, aber sich weite Teile der Branche im Irrtum darüber befinden, was das Produkt sein kann und sein sollte, denn wenn es um die Frage geht, was man mit dem einzelnen, konkreten Produkt machen kann, dann schneidet das gedruckte Buch weit schlechter ab als jede Datei. Zweifellos wird man weiter schöne Bücher zum anschauen haben wollen (überspitzt gesagt), die eigentliche Musik der Publizistik spielt aber ganz woanders.

    @Aufklärung:
    Auf KI würde ich soviel nicht geben, wirklich intelligent ist die nämlich nicht oder nur ganz selten und dann auch nicht richtig. Die schnelle Ausführung standardisierter Aufgaben ist jedoch ein derart gewaltiger Hebel, dass sie die herkömmliche Produktionsmethodik locker in den Schatten stellt. Die Intelligenz, die in die Ausführung und Standardisierung von immer mehr Aufgaben fließt, sorgt dafür, dass man immer weniger menschliche Mühen dafür aufwenden muss und mehr Zeit übrig hat, sich um die Inhalte zu kümmern.

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