Freiwillige Selbstkontrolle bei E-Books

Willkommen in der Mottenkiste!

Verblüffung in der Szene erntet der Börsenvereins-Justiziar Dr. Christian Sprang als er in der vergangenen Woche den Verleger Ausschuss darüber informierte, dass spätestens ab 2017 E-Books im Wege einer freiwilligen Selbstkontrolle (FSK) eingestuft werden müssen. Damit wären möglicherweise E-Books wie Spielfilme mit FSK 0, 6, 12, 16 oder 18 zu kennzeichnen.

Die kurze Meldung darüber auf boersenblatt.net sorgt über den Kreis der Mitglieder des Börsenvereins hinaus auch in der Klein- und Selbstverleger-Szene für Verwunderung und wirft Fragen auf. Welche Folgen bringt es, wenn Jugendschutzbeauftragte der Verlage ab 2017 E-Books einstufen müssen? Welchen Sinn macht es, den Jugendmedienschutz-Staatsvertrag auf E-Books auszuweiten und ein FSK-Siegel analog zur Filmwirtschaft einzuführen?

Zurück ins 20. Jahrhundert

Kinder und Jugendliche sollen beim Erwerb von E-Books vor politisch radikalem Gedankengut, Pornographie, Gewaltverherrlichung und sonstigen schädlichen Einflüssen bewahrt werden. Klingt gut, jedenfalls auf den ersten Blick. Bei genauerer Betrachtung stellt sich jedoch heraus, dass der gesamte Jugendschutz eine zwar wünschenswerte Idee ist, die Strategien ihrer Umsetzung aber aus der Welt des 20. Jahrhunderts stammen und im Zeitalter des Internet anachronistisch sind.
Jeder Jugendliche kann sich heute ohne nennenswerte Schwierigkeiten ISIS-Gewaltvideos und Pornographieszenen im Netz anschauen. Soll aber »Stille Tage in Clichy« als E-Book nicht erwerben dürfen? Wenn ein Jugendlicher unter 18 Jahren dieses Buch haben will, wird er Wege dazu finden. Willkommen in der Illegalität!
Die Einführung einer freiwilligen Selbstkontrolle für E-Books ist außerdem schon deshalb widersinnig, weil sie dazu führen wird, dass identische Inhalte in verschiedenen Ausgabeformaten unterschiedlich bewertet werden. (Es sei denn, wir führen auch gleich eine entsprechende Regelung für gedruckte Bücher ein.) Nach dem preußischen Militär und Polizeistaat und zwei Diktaturen sind wir gegen jede Ausweitung zensorischer Maßnahmen. Ganz unabhängig davon, dass diese im digitalen Zeitalter sowieso unsinnig sind.

Wer soll das bezahlen?

Nehmen wir nur mal die freiwillige Selbstkontrolle der Filmbranche. Hier sind in Deutschland 250 Prüfer beschäftigt, die von der Filmwirtschaft finanziert werden müssen, ihr aber nicht angehören dürfen. Ein durchschnittlicher Spielfilm dauert 90 Minuten. Und es gelangen etwa 500 oder vielleicht sogar 1.000 Werke der Filmkunst pro Jahr in die deutschen Kinos. Für die Lektüre (Prüfung) eines durchschnittlich langen belletristischen Werkes braucht man vielleicht fünf Stunden. Und es erscheinen in dieser Warengruppe etwa 10.000 pro Jahr. Wie viele Prüfer werden wohl für diesen Bücherberg benötigt? Und sollen diese Kosten auch von den Verlagen getragen werden?

Aufwand für Verlage, Schwellen für die Kunden

Zu bedenken bei dieser Schildbürgeridee ist, welcher Aufwand bei digitalen und stationären Händlern getrieben werden muss, um eine effektive Alterskontrolle einzurichten. Vom US-amerikanischen Gemischtwarenhändler bis zur deutschen stationären Buchhandlung mit Webshop. Und die jugendlichen, nein, im Grunde alle Kunden müsste sich wohl bei jedem Anbieter registrieren lassen, um ein E-Book erwerben zu können. Es sei denn, dieses Anmeldeverfahren wird zentralisiert. Das wiederum schafft neue Schwellen beim Erwerb von E-Books. Und genau die wollen wir doch gerade überwinden, beispielsweise beim DRM.

Kinder- und Jugendschutz neu denken!

Der tatsächliche Schutzwert der FSK ist mir als Vater zweier Teenager immer zweifelhaft erschienen. Ich weiß noch wie heute, wie ich im Kino zusammenzuckte als mein Sohn in Disneys König der Löwen (FSK 0) erleben musste, wie Simbas Vater Mufasa zu Tode gequält wird. Sein erster Kinofilm. Danke. Um nicht missverstanden zu werden. Es geht hier nicht darum, den Kinder- und Jugendschutz ökonomischen Interessen zu opfern. Es geht im Gegenteil darum, einen wirklich effektiven Schutz im Zeitalter des Internet und der Digitalisierung zu finden, zu erfinden. Mit den Jugendliche in Kontakt treten und diese besser zu bilden. Neue Generationen auf die Untiefen des Internet – einer Welt mit Gewaltvideos, C-Movies und Dino-Romane – vorzubereiten. Das wäre gut angelegtes Geld.

2 Kommentar/e

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  • Isautor

    Isautor

    Ein guter Artikel, der die wesentlichen Pferdefüße (nix gegen die schnaubenden Fellkollegen) aufzeigt. Das System ist so undurchdacht, dass man andere Interessen als den Jugendschutz dahinter vermutet. Klingt wie ein Schnellschuss, bei dem nicht nachgedacht wurde.
    Allein was die Bewertung für einen Zeitverzug bei der Veröffentlichung mit sich bringt, am Ende haben wir kaum noch Bücher, die sind dafür teurer und einen riesigen Schwarzmarkt für Ebooks. Applaus!

  • Dieter Dausien

    Dieter Dausien

    Super Meinungsbeitrag! Das sollte der Börsenverein sich offiziell zu eigen machen! Was ich bisher nicht mitbekommen habe: Wodurch kam denn dieses Thema eigentlich auf die Tagesordnung?

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