Impulse für die Analog-Digital-Debatte

Haptisch, praktisch, arg phantastisch?

Warum ich keine gedruckten Bücher brauche, aber trotzdem noch welche kaufe – und wie ich mir den Printmarkt der Zukunft erträume.

Seien wir ehrlich: Gedruckte Bücher sind relativ unpraktische Medien. Einen dicken Wälzer kann man nur schlecht in einer vollen Straßenbahn lesen, und selbst wenn der Wagen leerer ist, tut einem nach spätestens zehn Minuten das Handgelenk weh. Wer bei frühlingshaftem Wetter in leichter Kleidung zum Ausflug ins Grüne startet, fragt sich, wo genau er seine Lektüre verstauen soll. Dass Taschenbücher wirklich in Jacken- oder Hostentaschen passen, ist nämlich ein Gerücht. Ist man länger unterwegs und daher auf mehr Lesestoff angewiesen, wird auf jeden Fall eine Extra-Tasche für das bedruckte Totholz fällig – der kleine Rucksack ist schließlich für Shorts, Shirts, Socken und Zahnpasta reserviert.



Zu Hause gibt’s zwar mehr Platz und auch bequeme Lesesessel – eine große Printbuchkollektion bringt dennoch Nachteile mit sich: Sie verstopft die Regale und ultimativ ganze Zimmer. Sie beansprucht Wohnraum, der gerade in Großstädten teuer ist, und den man anderweitig besser nutzen kann. Hinzu kommt, dass abgelegte Bücher eigentlich nur noch den Zweck erfüllen, Eindruck zu schinden. Oder lesen Sie einen Roman zehnmal, fünfmal, zweimal? Zu Recherchezwecken ist eine klassische Bibliothek auch nicht wirklich geeignet. Wer eine bestimmte Textpassage sucht, muss oft Hunderte von Seiten durchblättern – schlimmstenfalls bei sämtlichen Werken des Autors. Der objektivste Einwand gegen Printbücher lautet schließlich: Sie sind ganz schön unweltschädlich.

Auftritt: Das E-Book. Physisch quasi nicht existent, mit handlichen Gadgets überall lesbar, dank schicker Software und Metadaten perfekt durchsuch- und archivierbar. Und natürlich jederzeit zu erwerben – sofern es eine Netzverbindung gibt. Dank fortgeschrittener E-Ink-Technologie ist das Leseerlebnis auch für Printbuchfetischisten mindestens zufriedenstellend. Das grüne Gewissen wird ebenfalls beruhigt: Wer digital statt analog liest, und das bei mehr als 10 Titeln pro Jahr, schont nachhaltig natürliche Ressourcen.


Die Argumente gegen das gedruckte Buch sind zu Beginn des 21. Jahrhunderts also zahlreich. Trotzdem möchte ich das Medium nicht missen – und gebe regelmäßig Geld dafür aus. Warum?

Weil auch ich gerne Bücher anfasse und das haptische Erlebnis als Teil der Leseerfahrung begreife. Weil ich mich an toller Typographie, luftigem Satz oder geschmackvollen Covern erfreuen kann. Und weil ich bei einer Lesung den Autor nicht bitten möchte, auf ein weißes Blatt Papier »für Alex« zu kritzeln, damit ich das Ganze abfotografieren, nachbearbeiten und als PNG neben dem bereits auf meinem Server befindlichen EPUB ablegen kann, um es später via Sigil & Co. in den digitalen Roman zu integrieren. Ich möchte stattdessen: Eine gediegene, analoge Widmung in einer gebundenen, wohlriechenden Erstausgabe. Ich investiere auch gerne in großzügige Bildbände und Ausstellungskataloge – hier kann das digitale Format selten mithalten.



Investieren ist übrigens ein guter Begriff: Wenn Printbücher weiterhin eine echte Daseinsberichtigung haben wollen, müssen sie noch viel hochwertiger und exklusiver werden. Sie sollten in erster Linie aktuelle Literatur, Kunst und Wissenschaft abbilden und konservieren. Die 20. Auflage eines 20 Jahre alten Krimis braucht dagegen niemand. Das ist Altpapier. Gleiches gilt für Reiseführer, Wörterbücher oder Nachschlagewerke, die einfach unfassbar unpraktisch und bei Drucklegung schon nicht mehr aktuell sind.

Der Printbuchmarkt in der Zukunft meiner Träume würde dem heutigen Vinylmarkt ähneln und
ungefähr so aussehen: Weitgehend hochwertiger Output, Labels, die sich viel Mühe geben, Special Editions, die den Namen verdienen; eine stabile, hochgeschätzte Nische. Massenware ist nahezu komplett in den digitalen Bereich verlegt. Produzenten und Verleger verdienen zudem einen beträchtlichen Teil Ihres Geldes im Livegeschäft: Die Autorenlesung  als neues Indierock-Konzert. Mit Protagonisten-T-Shirt (Fair Trade) und Autogramm auf dem Cover des Debutromans – Büttenpapier, limitierte Auflage, natürlich inkl. E-Book und/oder Buch in der Wolke (s. sobooks), da bis dahin auch alberne Bundle-Probleme der Vergangenheit angehören. Und wer die analoge Ausgabe verpasst, erwirbt eben für schmales Geld die Digitaledition im Netz bzw. kann sie höchst komfortabel leihen/streamen. 



Natürlich wird das alles ziemlich lange dauern, denn: Große Teile der Leserschaft kaufen weiterhin sehr generische Papierpublikationen. Viele Verleger sind ängstlich und unkreativ, was die Wahl und Ausstattung der Medien angeht. Mehr als 30% von ihnen produzieren noch immer keine E-Books, Backkataloge sind selten komplett aufgearbeitet. Der Umsatzanteil digitaler Bücher am deutschen Publikumsmarkt liegt derzeit bei weniger als 5%. Und es gibt eben rechtliche Hindernisse. Aber man darf ja träumen.


Fest steht: Meine Printbuchschatztruhe, deren Platzbedarf sich in Grenzen hält, werde ich weiter hegen und pflegen. Lyrikbände von Kleinverlegern, Coffee-Table-Books von großen Publishern, zum Klassiker avancierte Erstlingswerke und Uromas Kochbuch brauchen Gesellschaft. Für lieblose Paperbacks und Pseudo-Sondereditionen werde ich aber nie wieder einen Cent ausgeben. Und unterwegs setze ich natürlich zu 100% auf (grüne) E-Books, gerne auch in der Cloud.

1 Kommentar/e

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  • Micha Wied

    Micha Wied

    Wie traurig wäre meine Welt, wenn ich Krimis nicht mehr als Paperback lesen könnte. Nach einem langen Arbeitstag vorm Bildschirm möchte ich abends nicht auch noch digital lesen müssen.

    Reiseführer sind da schon etwas schwieriger zu bewerten: Unterwegs mit Smartphone und Tablett ist manchmal auch ganz schön unpraktisch. Da kann ein gedruckter Reiseführer durchaus noch punkten.

    • ...

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