Neues von Apple, neues?

Das Evangelium nach Tim

Glaubt man Apple-Chef Tim Cook, dann schreibt der Computer-Riese aus Cupertino wieder Geschichte: Komparative wie »besser« und »schöner« reichen da einfach nicht.

Es war ein Gewaltmarsch durch die Produktreihen, vor ein paar Tagen: mit der Uhr ging’s los, dann über das iPad zum neuen iPhone und der Fernsehbox Apple TV. Das live übertragene Apple Event fand im Billy Graham Center statt, so gehört sich das auch für Evangelisten und ihre Botschaften. (Für die mit der Gnade der späten Geburt: Billy Graham, das Maschinengewehr Gottes, war ein besonders einflussreicher und sehr lauter Diener seines HErrn.) Dazu passt dann auch die Rhetorik des Chefansagers Tim Cook: »The new [Produktname] is [faster|better|smaller] then every [Produktname] we ever built!« Jedes neue Produkt macht das Leben anders, ja besser, es ist ein säkulares Heilsversprechen.

Tatsächlich scheint vieles neuer Wein in alten Schläuchen, viele Funktionen sehen aus wie Erweiterungen der Vorgänger, sind aber tatsächlich »innendrin« komplett neu. Das kann dem Verbraucher in der Regel herzlich egal sein, bedeutet aber natürlich schon so etwas wie Neuausrichtung: Apples Uhr soll selbständiger werden, nicht nur ein Extension des iPhones, das iPad soll den PC ablösen, mithin auch den Mac, und das neue iPhone versucht mit spektakulären Neuerungen die Konkurrenz mal wieder ein halbes Jahr lang abzuhängen, Apple TV definiert Fernsehen neu und die Uhr … tja, das wissen wir noch nicht genau.

»Sechs Tage sollst du arbeiten und all dein Werk tun.«

Der Bildschirm des neuen iPad Pro hat Laptop-Format, und eine eigene Apple-Tastatur macht aus dem Guckkastsen ein Arbeitsgerät: Das ist ein Statement! Cook redet in der Anmoderation von Schwergewichten wie IBM und Cisco, bevor Microsoft und Adobe ihre Office- und Design-Anwendungen auf dem neuen iPad vorführen, productivity. Mit einer Tastatur kann aber eigentlich nur richtig gearbeitet werden, wenn statt der eigenen Finger auch noch ein Maus-Ersatz da ist … Apples neuer Stift! Auch wenn mit diesem Stift bei der Präsentation gemalt und gezeichnet wird müssen wir festhalten: Mit Keyboard, Maus-Ersatz und schlankem Rechner können alle gängigen persönlichen Computer ersetzt werden. Ist das nun der Anfang vom Ende des Mac? Tim Cook geht davon aus: »This is the future of personal computing!«.

»Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der Herr aber sieht das Herz an.«

Bei der Apple Watch waren die gezeigten neuen Anwendungen körperbezogen, ja, medizinisch. Der Kontakt zum Leib macht schließlich den Unterschied zwischen einem Wearable wie der Uhr und einem »Steckable« wie dem Telefon. Die Uhr klebt am Körper und sendet das Herzklopfen eines Ungeborenen an den Hausarzt, der dann die werdende Mutter beruhigen kann (da man das Herzklopfen in der Präsentation auch hören kann sind alle ganz gerührt!). 

Ansonsten ist man mit neuen Armbändern von Hermès auf sehr deutlichem Kurs ins Luxussegment, und wenn ich Citizen, Swatch oder Seiko wäre, dann würde ich genau jetzt anfangen nachzudenken. Nicht im nächsten Jahr, nicht im übernächsten, aber irgendwann sind die aktuellen Luxusuhren wie die Siemens- und Nokia-Handys als das iPhone rauskam: alt, von einem Tag auf den anderes. Erinnern wir uns an die Profi-Fotografen, die um 2000 rum Digitalkameras als Spielzeuge im Amateurbereich ansehen: kein ernsthafter Lichtbildner würde je … Der Vorsprung an Intelligenz kann schon jetzt von den besten Uhrenproduzenten nicht mehr aufgeholt werden. Wer sich die goldene Watch mit dem Luxusarmband leistet, der muss sich dann auch nicht mehr vor dem Kollegen mit der Rolex verstecken.

»Jeder Augenblick ist von Gott her bestimmt«

Mit dem neuen iPhone, davon ist Tim Cook überzeugt, werde das SmartPhone neu definiert: es kann quasi nur durch Kryptonit zerstört werden, knipst mit höchster Auflösung schärfste Fotos, die dazu noch eineinhalb Sekunden dauern. Fotos – dauern? Apple hat das Live-Picture erfunden, aufgenommen wird nicht mehr der Augenblick (der dauert etwa eine Zehntel Sekunde), sondern das Jetzt (das erstreckt sich über zweieinhalb Sekunden). Und dass der neue Bildschirm verschiedene Druckintensitäten des zeigenden Fingers wahrnehmen kann hilft vermutlich Spielen und Erotikfilmen.

»Denn siehe, ich will ein Neues machen«

Zm Schluss noch Apple-TV: Auch hier geizt Tim Cook nicht mit Superlativen. Apple habe verstanden, wie das Fernsehen der Zukunft aussieht, und das könne man hier und jetzt sehen: Der große Bildschirm macht mit der kleinen Set-Top-Box aus jedem Fernseher ein Super-iPad, denn – dass weiss Tim Cook – die Zukunft des Fernsehen ist die App. 

Aber interaktives Glotzen wird, jedenfalls in Deutschland, noch eine Weile dauern, denn der Großteil der Fernsehgucker (und wir reden hier über um die drei Stunden täglich) klebt an der Fernbedienung und an den vorhandenen Sendern mit ihrem Trash-Programm: Die Trägheit der Couch Potatoe kann gar nicht überschätzt werden! Akademiker und Besserverdienende werden mit Apple-TV und der zugehörigen Fernbedienung in Bälde auf Staats- und Privatfunk komplett verzichten, aber dort, wo das Gras nicht so grün und die Kirschen nicht so rot wachsen, hält die Treue zur Telenovela und Scripted Reality vermutlich noch die nächsten zehn Jahre. 

Zusammengefasst: Apple macht die Geräte nicht besser, sondern fast neu, fast jedes Jahr: »Die einzige Änderung: Alles!« The only thing that’s changed is everything – das ist der neue iPhone-Claim. Beeindruckend ist auf jeden Fall, dass Apps jetzt Displays aller Größenordnungen bevölkern, vom Schlüsselloch Watch bis zum Fenster Apple TV – eine Frohe Botschaft.

 

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