Petfluencer

Wenn Schweine Bücher verkaufen …

Aufgeschreckt durch einen längeren Artikel in der Süddeutschen Zeitung vom 19. August haben sich Stephan Selle und Detlef Bluhm Gedanken über das Phänomen der Petfluencer gemacht. Dabei herausgekommen ist ein munteres Pro & Contra, das wir hier dokumentieren.

Mein Haustier ist ein Goldesel | Von Stephan Selle

Haben Sie in den Sozialen Netzwerken schon Werbevideos mit Haustieren gesehen? Wenn ja (oder auch nicht), bereitet Ihnen der Gedankte daran nicht schon eine Art physischen Schmerz, gemischt mit leichtem Abscheu? Wie soll man das bewerten – muss man das überhaupt?

All in Love Is Fair (Im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt): pustekuchen! Die Genfer Konvention und die Emanzipation der Frau haben dafür gesorgt, dass sowohl im Krieg als auch in der Liebe bestimmte Regeln zu beachten sind. Ungestraft bleibt bislang allerdings die zweckgerichtete Anthropomorphisierung von Haustieren: im Marketing ist noch immer alles erlaubt!

Petfluencer nennt der Volksmund die niedlichen Haustiere, die in kleinen viralen Youtube-Filmchen Produkte bewerben, beeinflussende Haustiere würde man korrekt auf Deutsch sagen. Fur sells statt Sex sells. Ein Beispiel: Manny the French, eine französische Bulldogge, hat auf Facebook knapp zwei Millionen Fans, die sich gern das Buch zum Hund oder die T-Shirts mit den lustigsten Manny-Fotos kaufen. Während Manny gewissermaßen in eigener Sache wirbt, geraten aber zunehmend Haustiere in die sozialen Netzte, die dabei helfen, völlig sachfremde Produkte zu verkaufen: xxx, yyy, zzz.

Bekanntermaßen sind mehr als die Hälfte aller Bilder im Internet Katzenfotos, aber fast immer zweckfrei, einfach weil die Besitzer angesichts der flauschigen Vogelfresser die Knipsfinger nicht ruhig halten können. Mir ist es leider nicht gegeben, Tränen zu vergießen, wenn ein zwei Wochen altes Kätzchen »unschuldig« in die Linse blickt. Die Mechanismen, die unser Mitleid, unseren Beschützerinstinkt oder einfach nur unsere Empathie anheizen sind sattsam bekannt, vom Kindchenschema über die Ähnlichkeit mit menschlichen Stereotypen. (»Grumpy Cat« sieht aus wie der gehässige Opa, der mich enterbt hat.)

Irgendetwas stört an der Idee, Hund, Katz & Maus wie Kinder in Werbevideos spielen zu lassen. Sie kennen nicht, was sie bewerben und bekommen kein Honorar, sie sind entrechtet und ausgebeutet. Andererseits: was stört’s den Dackel, wenn er von Frauchen geknipst wird: von den entgangenen Honorar-Brekkies wird er nie erfahren, und das die Dame von ihm besessen ist erfährt er jede Minute des Tages. Man könnte also an dieser Stelle unseren Umgang mit Haustieren allgemein und moralisch hinterfragen und zum Video-Vegetarier werden oder sich über den Konsumenten erregen, der mit jedem Quatsch zum Erwerb überflüssiger Güter bewegt werden kann.

Vielleicht – kann man argumentieren – sollte es jedem selbst überlassen bleiben, ob er seine Gesundheit mit Doping oder sein öffentliches Ansehen mit Haustier-Werbefilmen ruiniert. Öffentlich zur Schau gestellte Dummheit oder Peinlichkeit sind nicht strafbar, weder Kategorischer Imperativ noch die Zehn Gebote lassen sich wirksam gegen die Tierfilmer in Stellung bringen, ähnlich wie bei den Tweets von Donald Trump kämpft die eigene Machtlosigkeit mit dem Gefühl, das irgendjemand diesen Blödsinn mal abstellen müsste.

Mit Katzen zum Erfolg! | Von Detlef Bluhm

Wie bei so vielen Digitalthemen sollte man die Kirche im Dorf lassen und sich an die weise Erkenntnis des Predigers aus dem Alten Testament erinnern. »Was gewesen ist, wird wieder sein, und was geschehen ist, wieder geschehen: Es gibt nichts Neues unter der Sonne.« (Prediger 1, 9)

Also: Der werbliche Einsatz von Tieren – vor allem von Hunden und Katzen – zur Promotion eines Produktes ist ein uralter Hut. Und da ich mich vor allem bei Katzen gut auskenne, hier zwei Belege: Eine der dienstältesten Werbekatzen ist die (ursprünglich) buckelnde und fauchende schwarze Katze auf einem Weinfass, die seit 1863 für den Moselwein Zeller Schwarze Katz eingesetzt wird. 1876 betrat eine weitere Werbekatze die Welt der Gebrauchsgraphik. Der Unternehmer Eduard Hoffmann entwickelte 1876 für seine Stärke-Fabrik in Salzuflen ein neues Stärkemittel, die Hoffmanns Ideal-Stärke. Zu deren Bewerbung wurde eine sich die Pfote leckende weiße Katze als Symbol für Sauberkeit eingesetzt. Mit dieser Kommunikationsstrategie entwickelte das Unternehmen den ersten Markenartikel in Deutschland!

Der heutige Einsatz von individuellen Tieren als Petfluenzer ist nichts anderes als eine Fortsetzung uralter Werbestrategien mit Tieren unter Nutzung der aktuellen technologischen Netzwerkmöglichkeiten. Den Grund für den Einsatz von Tieren in der Werbung hat Dörte Spengler-Ahres, Kreativchefin der Agentur Jung von Matt, im o.g. Artikel der Süddeutschen Zeitung genannt. »Gleich nach Babys und hübschen Frauen erzielen Hunde und Katzen in der Werbung die höchste Aufmerksamkeit und Sympathie beim Zuschauer.« Und das gilt schon seit über 150 Jahren! Außerdem wissen wir, dass Katzenbilder und Katzenvideos im Netz zum beliebtesten Content zählen. So hat die Agentur Jung von Matt im Juni 2016 für den Discounter Netto ein Werbevideo mit Katzen gedreht, das inzwischen über 15 Millionen Aufrufe nur auf YouTube verzeichnet. (Wer mag, kann sich hier auch das Making-off dieses Films anschauen.) Warum also nicht mit Tieren werben?

Um bei den Katzen zu bleiben. Sie tauchen ja immer häufiger in zeitgenössischen Romanen auf. So spielt beispielsweise eine Katze mit dem seltsamen Namen Die Kugel in den Kriminalromanen von Fred Vargas eine witzige Neben- und manchmal sogar eine tragende Hauptrolle. Warum also nicht Die Kugel als sympathische Werbebotschafterin einsetzen? Vielleicht findet sich sogar eine deutsche oder französische felide Petfluencerin, die dazu gecastet werden kann?

Instagram, Facebook, YouTube & Co. sind die Kanäle, auf denen sich Werbung (für Bücher) mit Tieren witzig und intelligent, also wirksam inszenieren lässt. Warum wird davon so wenig Gebrauch gemacht?

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