SZ Wirtschaftsgipfel 2016 | Teil 1

Das Silicon Valley und die Antwort Europas

Der alljährlich im November stattfindende, dreitägige Wirtschaftsgipfel der Süddeutschen Zeitung zählt zu den exklusivsten Klassentreffen der Spitzen aus Wirtschaft und Politik in Deutschland. Nirgendwo sonst lässt sich präziser verorten, welche wirtschaftspolitischen und digitalen Themen auf der Agenda stehen und wohin die Reise gehen könnte. Unser zweiteiliger Kongressbericht fragt auch nach Learnings für unsere Branche.

© Detlef Bluhm

Dieser erste Teil der Berichterstattung wird sich mit Fragen der Digitalisierung, insbesondere den Themen  Künstliche Intelligenz und Platforming vs. Industrie-Internet befassen. In einem zweiten Teil werden die Zukunft des Einzelhandels und die Perspektiven der Automobilindustrie unter die Lupe genommen. Und schließlich wird es dort auch um die ökonomischen Chancen Europas, Donald Trump und die Folgen sowie die Risiken des Populismus für Deutschland gehen.

Künstliche Intelligenz (KI) – The next Big Thing

Eines galt in mehreren Penals als sichere Erkenntnis: Der Einsatz von KI wird sich nicht auf die industrielle Produktion beschränken. Aber die Vorstellung, dass eines Tages denkende Maschinen die Herrschaft über den Menschen ergreifen, wird Dystopie bleiben.

Nachdem Maschinen in der Fertigung industrieller Prozesse längst ihren Einsatz gefunden haben, werden intelligente und selbstlernende Algorithmen bald nicht nur Prozesse steuern, sondern auch eigenständige, vom Menschen unabhängige Entscheidungen treffen. Yvonne Hofstetter, CEO der Big-Data-Firma Teramark, schilderte sehr konkret die Einsatzmöglichkeiten der KI, an denen ihr Unternehmen arbeitet. Diese Art der KI ist autonom, nicht mehr auf menschliche Eingaben angewiesen und fällt selbständig strategische Entscheidungen, die »übermenschlich gut« sind bzw. sein werden. Diese künstliche Intelligenz geht also weit über Bild-, Sprach- und Texterkennungssysteme oder Übersetzungssoftware hinaus. Seitdem wir mit unseren Smartphones voller Sensoren in der analogen und digitalen Welt unterwegs sind, hinterlassen wir durch unser individuelles und kollektives Verhalten unvorstellbare Datenmengen, die mit gigantischer Rechenleistung verarbeitet werden. KI kann darin Muster erkennen und bald optimierend in sozioökonomische Systeme eingreifen. Der Finanzmarkt, industrielle Anlagen, Nah- und Fernverkehrssysteme – KI lernt, mit all dem umzugehen und selbstständig mit hoher Effektivität optimierend in laufende Prozesse einzugreifen. Teilweise ist dies ja schon Realität.

Gleichzeitig warnt Yvonne Hofstetter aber auch vor den gesellschaftlichen Folgen dieser technologischen Entwicklung, die sie zwar als menschliche Kulturleistung bezeichnet, die aber auch einer Risiko- und Gefährdungsanalyse unterzogen werden muss. Mit welchen Folgen muss unsere Gesellschaft durch die breitflächige Anwendung von KI rechnen? An dieser Stelle kommen die Themen Überwachung und Arbeitslosigkeit ins Spiel.

Während das Thema Überwachung auf dem Kongress keine nennenswerte Rolle spielte gab es zum Problem der künftigen Arbeitslosigkeit erstaunliche Äußerungen. Auf dem Hintergrund der Prognose des Forschungsinstituts der Bundesagentur für Arbeit, dass im kommenden Jahrzehnt über 1,5 Millionen traditionelle Arbeitsplätze in Deutschland verschwinden werden, hat Siemens-Chef Joe Kaeser unwidersprochen festgestellt, dass »eine Art Grundeinkommen völlig unvermeidlich sein« wird. Die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens ist also aus der Sphäre linker und anthroposophischer Vordenker nun in den Topetagen der deutschen Wirtschaft angekommen.

Die Kommunikationszentrale des Wirtschaftsgipfels auf dem Balkon des grossen Ballsaals

Die Kommunikationszentrale des Wirtschaftsgipfels auf dem Balkon des grossen Ballsaals © Detlef Bluhm

Platforming und Internet der Dinge

Den deutschen Mittelstand zeichnet die intelligente Kombination von Hardware und Software aus, also das Internet der Dinge. Deutschland ist gewiss nicht der richtige Standort für das Consumer-Internet. »Da sind wir schon lange abgehängt. Und wir sollten nicht versuchen, das nächste Google oder Facebook zu bauen.« So äußerte sich Felix Reinshagen, CEO des Start-up NavVis, im Gespräch mit Telekom-Chef Timotheus Höttges und brachte damit eine Einsicht auf den Punkt, die auf mehreren Panels geteilt wurde. »Ich glaube wir haben sehr gute Chancen, die zukünftigen Weltmarktführer im Bereich Internet der Dinge und Industrie 4.0 hervorzubringen.« Höttges unterstützte diese selbstbewusste Aussage mit dem Hinweis, dass Deutschland zwar die erste Halbzeit im Spiel um die Führungsrolle im Netz »krachend verloren« hat. Aber die in Deutschland traditionell starke industrielle Fertigung und Vormachtstellung auf vielen Gebieten der Produktion und Distribution (Maschinenbau, Autobau, Pharmaindustrie, Logistik u.v.m.) gepaart mit intelligenter Software sollte dazu führen, dass Deutschland Weltmarktführer im Internet der Dinge wird. In dieser zweiten Halbzeit steht es für Deutschland seiner Meinung nach bereits 1:0. [Heute wurde übrigens bekannt, dass nach einer breit angelegten Studie der Deutschen Akademie für Technikwissenschaften Deutschland in der Industrie 4.0 vor allen anderen Ländern einen Vorsprung von etwa zwei bis drei Jahren verbuchen kann. Allerdings haben die Vereinigten Staaten und China die Aufholjagd bereits begonnen.]

Ganz ähnlich wurde dieses Thema in einem Gespräch zwischen Thorsten Dirks, Noch-Vorstandschef von Telefónica Deutschland sowie Präsident des Bitkom, und  Till Reuter, CEO des Roboterherstellers KUKA, erörtert. Beide waren der Meinung, dass Deutschland keine einzige global relevante horizontale Plattform wie Google, Facebook & Co. hervorgebracht hat und hervorbringen wird. B2C hat Deutschland im Netz an Amerika verloren. Aber den Wettlauf um B2B kann Deutschland langfristig gewinnen. Voraussetzung dazu ist allerdings, dass die erhobenen Daten in deutschen Rechenzentren gehostet und verarbeitet werden, denn für deren Nutzung im Internet der Dinge sind Latenzzeiten von einer Millisekunde notwendig. Die Daten können also nicht einmal um den Globus geschickt werden.

Bei einem Besuch in China ist Till Reuter übrigens aufgefallen, dass dort auf Messen sehr viele junge Menschen zu sehen sind, viel mehr als in Deutschland. Er wertet das als Zeichen dafür, dass chinesische Unternehmen sich für die Fortbildung ihres Nachwuchses ungleich stärker engagieren, als dies in Deutschland der Fall ist. Da sollte sich auch unserer Branche angesprochen fühlen. Warum, frage ich an dieser Stelle, sehen wir auf den einschlägigen Kongressen zu digitalen Fragestellungen so wenig Nachwuchskräfte?

Der Kongress stärkt sich

Der Kongress stärkt sich © Detlef Bluhm

Der Start-up Pitch des Wirtschaftsgipfels

Beim Gipfelstürmer Start-up Pitch der Süddeutschen Zeitung kamen acht Gründer auf die Shortlist des Wettbewerbs und damit auf die Bühne. Sie hatten drei Minuten Zeit, um ihr Unternehmen und ihre Geschäftsidee vorzustellen. Adhesys Medical hat als erstes Unternehmen einen Klebstoff entwickelt, um Wunden auf der Haut und im Körper zu verschließen. Africa Green Tec bringt mit einem mobilen kleinen Sonnenkraftwerk Strom in Gebiete Arikas, die über keinen Stromanschluss verfügen. eightyLEO will mit Hunderten Satelliten auf einer erdnahen Umlaufbahn, dem Low Earth Orbit (LEO), Autos und Industrieanlagen in Echtzeit überwachen und fernsteuern. Evopark hat eine Plattform gebaut, mit der man automatisch und bargeldlos bei monatlicher Abrechnung in Parkhäusern Einlass findet. INVENOX hat ein völlig neuartiges Batteriesystem zur Anwendung in der Elektromobilität entwickelt. KIWI öffnet schlüssellos Türen in Mehrfamilienhäusern. Leaf republic fertigt Einmalgeschirr aus Laub. Und Toposens hat einen 3D-Sensor entwickelt, der (wie Fledermäuse) Ultraschallwellen sendet und empfängt.

Der Kongress kürte per App Adhesys Medical mit deutlicher Mehrheit zum Sieger des Wettbewerbs.

Den zweiten Teil des Berichts vom Wirtschaftsgipfel der Süddeutschen Zeitung finden Sie hier: http://bit.ly/2g2ZTj8

Der Gewinner des Pitch: Alexander Schüller

Der Gewinner des Pitch: Alexander Schüller © Detlef Bluhm

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