Zur »Künstlichen Intelligenz« | Teil 2

Der dritte Frühling der KI

Im ersten Teil seines Artikels über »Künstliche Intelligenz« hat bookbytes-Blogger Stephan Selle einen Blick zurück geworfen. Heute macht er sich über die Machbarkeit der KI Gedanken.


Nun hebt der Leviathan KI zum dritten Mal sein schreckliches Haupt. Gegenüber der ersten und der zweiten Phase scheint nun Hardware gar kein Problem mehr: PCs denken mit, Supercomputer schlagen menschliche Schach- und Go-Genies. Die Hürde der Definition »Künstlicher Intelligenz« wurde allerdings auch noch mal um ein paar Meter tiefer gelegt: Nicht eine glaubwürdige Unterhaltung mit einer Software – das Turing-Problem – ist das Ziel, sondern eine halbwegs sinnvolle Reaktion auf eine an den Computer hingesprochene Anweisung. Unter solchen Umständen gelten dann Siri und die entsprechenden Quassel-Agenten von Microsoft und Google als Künstliche Intelligenzen. Alles, was zwei von dreimal auf entsprechende Anfrage die Uhrzeit oder die Außentemperatur korrekt ansagt gilt als intelligent.

Apple Siri, Microsoft Cortana und Google Now sind technisch gesehen Schnittstellen zwischen Menschen und Maschinen, keine Produkte. Sie ersetzen lediglich Tastatur und Maus. Dahinter werden im besten Fall prothetische Funktionen angeboten, digitale Agenten für allerlei Problemlösungen. Kombiniert die Maschine alle verfügbaren Daten, dann erzeugt sie den Eindruck von Intelligenz. Da ist nichts, was »die Macht« übernehmen und uns zu Assistenten machen könnte. Das Gerede vom kommenden Jahrzehnt der maschinellen Intelligenz hat die prophetische Relevanz wie der von den Zeugen Jehovas ausgerufene Weltuntergang. Es gibt derzeit nicht eine einzige Maschine, die irgendetwas kann, was auch nur annähernd menschlichem Denken oder menschlicher Intelligenz ähnelt.

Woran wir Intelligenz erkennen

Wenn wir über Intelligenz reden, dann gehört nach Ansicht von Aristoteles, Plato, Leibniz, Kant und ein paar anderen, die sich über das Thema Gedanken gemacht haben, Begriffsbildung dazu. Wo sind Gemeinsamkeiten, wo Unterschiede, fragt Herr Linné und baut so die Ordnung der Pflanzenreiches auf. Begriffe sind die Münzen des Geistes, man kann ohne sie nicht denken. Ohne Begriffe gibt es nur Vorstellungen, Abbilder der Gegenstände. Damit kann man leben aber nicht denken.

Im Silicon Valley gilt als intelligent, was uns die Illusion von Intelligenz gibt. Siri, Auto-Autos und die gehypten »KI-Apps« sind solche Simulanten. Wir freuen uns an der Darstellung von Intelligenz bei Maschinen wie an der von Superkräften in einem Batman-Film: niemand rettet uns die Welt, aber es wäre doch schön.

Wie Computer denken

Aber was macht ein digitaler Schachspieler? Nun, er simuliert glaubwürdig und messbar einen Schachspieler, das ist die Idee. Technisch ist sein Programm eine enorm schnelle und leistungsfähige »Was-passiert-wenn«-Maschine: Wenn ich, sagt Deep Thought, diesen Bauern vorziehe, dann kann der Gegner folgende 23 Züge machen, die ich dann jeweils beantworte mit … rattatatattatatata. Das ist es. Dazu packt man noch alle aufgezeichneten Schachspiele der Welt in eine Musterbibliothek, und die Illusion ist perfekt. 

Auch hier wirken wieder frames, rahmen-setzende Regeln. Die Figur des Königs zu Beginn in einen elektrischen Anspitzer zu drücken und dann »Schachmatt!« zu rufen, das könnte nur ein Mensch. Die Maschine muss sich an die Regeln halten. Intelligenz, mal ehrlich, macht erst jenseits davon Spaß! 

Wenn das also keine Intelligenz ist, was wir da bauen, dann basteln wir immerhin etwas, mit dem wir so interagieren können als wäre es uns ähnlich. So wie wir mit Goldi, dem Goldfisch, oder Waldi, dem Dackel oder Auti, unserem Diesel interagieren: auch sie sind nur durch unsere Projektion intelligent. Mit unseren Haustieren reden wir ja auch dauernd, aber niemand fürchtet sich vor der Weltherrschaft der Kanarienvögel.

Und wo bleibt die Dummheit?

Kommen wir zum letzten und möglicherweise entscheidenden Punkt: Nicht alles, was redet, ist intelligent. Nicht alles, was einem Regelbuch – und sei es noch so komplex – entsprechend spielt, ist intelligent.

Der eigentliche Sprung ist die Erkenntnis, dass nicht wir die Welt wahrnehmen, sondern unsere Wahrnehmung. Bewusstsein ist intelligent, weil es das weiß und im Umgang mit der Wirklicheit berücksichtigt. Und da wir selbst auch Teil unserer Umwelt sind, ist unser Blick auf uns ähnlich indirekt: wir sehen uns selbst als Andere und können so andere verstehen, damit beginnt Zivilisation.

In all diesen zuvor erläuterten Sinnen sind wir noch hundert oder mehr Jahre von irgend einer intelligenten Mechanik entfernt. Die Hirnforscher verstehen nach 25 Jahren der Erforschung das Gehirn eines Wurms mit 302 Neuronen immer noch nicht, und der Mensch hat mehrere Milliarden! Thomas Sudhoff, Neurobiologe und Nobelpreisträger, sagt offen, dass seine Zunft noch Lichtjahre von einem Bauplan des Gehirns entfernt ist, vom funktionalen Verständnis ganz zu schweigen.

Wir werden uns in den nächsten Jahren möglicherweise mit tollen Intelligenz-Simulationen vergnügen. Wir werden uns dann aber immer wieder die Frage stellen müssen: Warum künstlich simulieren, was uns die Natur so reichhaltig zur Verfügung stellt? Allein ich kenne mindestens zwanzig Intelligenz-Simulanten persönlich und mit Namen. Wenn Sie also in entsprechend aufklärerischen Magazinen und Zeitschriften in naher Zukunft von den Gefahren der künstlichen Intelligenz lesen, entspannen Sie sich und lächeln Sie milde: Intelligenz ist keine Eigenschaft, sondern eine Gabe, man kann sie nicht basteln, sondern nur bilden und pflegen. Ich werde es nicht erleben, dass ein Computer diesen Text auch nur halbwegs versteht. Fürchten wir uns also vor der Herrschaft der natürlichen Dummheit.

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