Zwischenruf

Eine neue Buchkultur am Ende des Buchzeitalters

Zu den BuchTagen 2017: Ein nachdenklicher Zwischenruf zur Zukunft des Buchhandels am Ende des Buchzeitalters von Hermann-Arndt Riethmüller.

Schon seit 20 Jahren treibt Amazon mit seinen innovativen Ideen die Konkurrenz vor sich her und stellt inzwischen die traditionelle Funktion des stationären Einzelhandels insgesamt radikal in Frage. Denn bereits heute kann der Onlineriese Millionen lieferbarer Bücher zusammen mit allen anderen Gegenständen des täglichen Bedarfs innerhalb weniger Stunden in die entlegensten Regionen liefern.

Das Internet hat den Buchhandel als Informationslieferanten abgelöst. Überall, in Sekundenschnelle und multimedial stellt das Netz die Informationen zur Verfügung, die früher dem Buch vorbehalten waren. Noch vor 20 Jahren besaß jede Buchhandlung mit dem »Verzeichnis lieferbarer Bücher« quasi das gedruckte Informationsmonopol darüber, ob ein Buch lieferbar war oder nicht. Heute erhält jeder Buchinteressent mit seinem Smartphone den unbeschränkten Zugang zu allen Katalogen und ist nicht mehr auf das Nachschlagewissen einer Buchhändlerin angewiesen.

Der dritte Schlag, den das Internet dem klassischen Buchhandel versetzt hat, liegt im Einreißen der zum Teil sehr hohen Hürden, die im Gutenberg-Zeitalter einer Veröffentlichung im Wege standen. Heute kann ein Autor sein literarisches Werk als eBook praktisch ohne Herstellungskosten selbst heraus bringen. Jede Veröffentlichung im Internet ist im Prinzip sofort überall abrufbar, sie benötigt keinen Verleger, keinen Drucker und keine Buchhandlung mehr zum Vertrieb.

Onlinehandel ohne Ladenschluss und Parkplatzprobleme, allgemeiner Zugang zu jedweder Information, barrierefreie Alternative für Selbstverleger: das Internet hat das "Ende des Buchzeitalters" eingeläutet, wie es Marshal McLuhan vor 50 Jahren vorhergesagt hat.

Ist damit auch der traditionelle Buchhandel am Ende, hat der Buchhändler als "Führer und Ratgeber" der literarischen Produktion ausgedient? Technische Innovationen auf dem Buchmarkt wurden in dessen über zweitausendjähriger Geschichte im Spannungsfeld zwischen Kultur und Kommerz zunächst meist als Tabubruch empfunden, weil sie die überkommenen Traditionen und Rechte und damit das Auskommen der bisherigen Nutznießer in Frage stellten. Die schlimmste Geißel des kommerziellen Buchhandels nach Erfindung des Buchdrucks waren die Raubdrucker. Und doch kamen sie dem Bedürfnis der lesehungrigen Bürgerschichten nach bezahlbarem Lesestoff entgegen und wurden so auch zu Wegbereitern einer allgemeinen Lesekultur. Als neue Drucktechniken und die Erfindung des Papiers aus Zellstoff im 19. Jahrhundert die Buchherstellung revolutionierten, entwickelte der Verleger Carl Joseph Meyer mit seiner preiswerten Miniaturbibliothek und dem Direktvertrieb seiner Bücher ganz neue Vertriebsstrategien, die auf Empörung im traditionellen Buchhandel stießen, aber sehr erfolgreich waren. Und bereits vor dem Marktauftritt von Amazon geriet der Buchhandel auf Verlags- wie auf Sortiments-Seite, von den Traditionalisten als Verrat am "echten" Buchhandel verdammt, in die Schere zunehmender Konzentration durch Buchhandelsketten und das Entstehen der großen Verlagskonzerne.

Es scheint mir zu einfach, nur den guten alten Zeiten nachzutrauern, die unwiederbringlich vorbei sind und im Rückblick gerne verklärt werden. Wir sollten vielmehr versuchen, die Veränderungen positiv zu begleiten und zu gestalten, dem Motto Hesses folgend: "Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne". Auch die tiefgreifenden Strukturveränderungen, denen die klassischen Medien durch das neue Medium Internet ausgesetzt sind, bieten neue Chancen. Diese Chancen will ich kurz in drei Überlegungen skizzieren.

1. Wir brauchen Literatur und wir haben immer Literatur gehabt, die sich dem Zeitgeist widersetzt, sich der Kürze verweigert, Gedanken nicht als Gebrauchsanweisung, sondern als Aufforderung zum Denken formuliert. Literatur kann in der Kombination von Sprache, Form und Inhalt ein komplexes Kunstwerk schaffen, das produktive Verwirrung einer eineindeutigen Wahrheit vorzieht und erst in der dialogischen Form des Lesens seine Wirkung entfaltet. Diese Art von Literatur war immer das Werk von Wenigen für Wenige, ob auf der Agora in Athen oder in den Hörsälen und Lesezirkeln von heute.

2. Literatur sucht sich die Vertriebskanäle selbst, wie das Wasser seine Wege. Technische Neuerungen setzen sich dann durch, wenn ein Bedürfnis dafür da ist. Das Internet ist die Antwort auf das Bedürfnis der Menschen nach unmittelbarer und allgemeiner Kommunikation. Die grenzenlose Kommunikationsfreiheit schafft neue Vertriebskanäle vom großen Technologiekonzern Amazon über elektronische Marktplätze bis zum hoch spezialisierten Online-Vertrieb, neue Editionsformen wie das kostenlose digitale Projekt Gutenberg, eBooks und die Flatrate, und natürlich auch neue Formen der Literatur und der Literaturrezeption. Literatur im Netz wird zu Netzliteratur. Die ständige Veränderbarkeit als Prinzip, die Verlinkung zu anderen Texten und multimedialen Darstellungsformen, der direkte Kontakt mit dem Leser, der Leser als Co-Autor sind Merkmale, die den klassischen Literaturbegriff auflösen. Aus dem Literatur-Feuilleton, der Autorenlesung und dem Lesekreis werden die sozialen Netzwerke, Literaturblogs und Lese-Communitys. Und diese ganze Entwicklung ist erst 20 Jahre alt …

3. Bedeutet das Ende des Buchzeitalters auch das Ende des Buches und des Buchhandels? Die erste große Euphorie über das neue grenzenlose Medium Internet ist verflogen, allmählich werden die dunklen Seiten deutlicher sichtbar, die Ballung globaler Wirtschaftsmacht bei GAFA (Google, Apple, Facebook, Amazon) einerseits, die vielseitigen Manipulationsmöglichkeiten andererseits. Trotz aller berechtigten Ängste vor dem neuen Medium, trotz des rigiden Verdrängungswettbewerbs bedeutet das Internet für das Buch und für den Buchhandel auch eine neue Chance, gerade weil es die Buchkultur als Leitkultur abgelöst hat. Diese Chance besteht meiner Meinung nach in einer Rückbesinnung auf die Besonderheiten des Buches, nicht als Gegenentwurf zur digitalen Welt des Internets, sondern, in aller Bescheidenheit, als ergänzendes Angebot, das sich selbstverständlich auch der Möglichkeiten des Internets bedient. Verbindlichkeit, Langsamkeit, Entspannung, Dialog statt Chat, Reflexion statt Statement, persönliche Begegnung im Lesen: das sind Attribute einer Buchkultur, die den Buchhandel weiter braucht. Denn der Buchhandel ist dafür verantwortlich, dass das Buch in der Öffentlichkeit sichtbar bleibt. Nur Buchhandlungen bringen Bücher dorthin, wo sie vom Publikum direkt wahrgenommen werden können: ohne die großen Buchhandelsketten gäbe es heute in vielen frequentierten 1a-Lagen keine Schaufenster für Bücher mehr, um die vielen inhabergeführten Buchhandlungen in ihrer thematischen Vielfalt beneidet uns die ganze Welt. Es sind die Verlage, die mit ihrem Marketing und ihrer Pressearbeit dafür sorgen, dass die kleine Buchbranche immer noch mehr journalistische Aufmerksamkeit erfährt als wirtschaftlich weit mächtigere Branchen. Und in der persönlichen Begegnung von Autoren, Lesern, Buchhändlerinnen und Buchhändlern können Leseerfahrungen ganz unmittelbar ausgetauscht, Bücher empfohlen werden. Buchhandlungen sind mit ihrem Angebot an Unterhaltung nicht nur Türöffner für das Lesen allgemein, sondern schaffen es immer wieder, auf Bücher aufmerksam zu machen, die ohne den bekennenden Buchhandel den Durchbruch nicht geschafft hätten. So kann der Buchhandel im Schatten des großen Bruders Internet überleben – indem er sich auf seine Kernkompetenz besinnt und diese auch im Internet wahrnimmt.

Letzten Endes spielt es keine Rolle, wie und durch wen und von wem Literatur entdeckt, gelesen, vertrieben wird, ob sie ihre Wirkung im Buch, im Blog, im Film, als Hörbuch oder als eBook entfaltet. Literatur braucht eine Gemeinde, die ihr treu bleibt, sie in den unterschiedlichen Medien wahrnimmt und darüber spricht. Der Buchhandel kann dazu einen kleinen, aber wichtigen Beitrag leisten.

Dieser Beitrag von Hermann-Arndt Riethmüller ist eine gekürzte Version seines Essays "Das Ende des Buchzeitalters? – Literatur und Buchhandel", der vor kurzem in dem Buch "Zurück zur Literatur! – Streitbare Essays" (herausgegeben von Gert Ueding und Jürgen Wertheimer) im Dietz Verlag erschienen ist.

 

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