Rechtschreibreform

Schüler machen doppelt so viele Fehler

Schüler an deutschen Schulen machen seit dem Inkrafttreten der Rechtschreibreform vor zehn Jahren annähernd doppelt so viele Fehler wie zuvor. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die Uwe Grund auf der Jahrestagung der Forschungsgruppe Deutsche Sprache (FDS) am Wochenende in Stuttgart vorstellte.

Die Fehler hätten sich gerade in den Bereichen vermehrt, in denen die Reformer regulierend in die Sprache eingegriffen haben, heißt es in der Pressemitteilung des FDS. Dies entspreche bei gleichen Bewertungsmaßstäben einer Absenkung um eine ganze Note. „Diese Untersuchung leiste, was man von den Kultusministerien hätte erwarten müssen: eine objektive Erfolgskontrolle der Reform“, wird Reinhard Markner, der Vorsitzende der FDS, in der Mitteilung an die Medien zitiert. Die Forschungsgruppe Deutsche Sprache ist ein Zusammenschluß von Reformgegnern, unter ihnen die Sprachwissenschaftler Theodor Ickler und Horst Haider Munske sowie die Schriftsteller Reiner Kunze, Sten Nadolny und Adolf Muschg. Der Beitrag von Uwe Grund soll in den nächsten Tagen unter folgendem Link eingestellt werden:

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4 Kommentar/e

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  • Haubold, Bettina

    Haubold, Bettina

    Vorab: Ich war nicht unbedingt ein Befürworter der Rechtschreibreform, die sowohl Erleichterungen als auch Erschwernisse gebracht hat. Aber da wir nun einmal mit ihr leben müssen, hätten Pädagogen, Didaktiker und Deutschlehrer besser darauf vorbereitet werden sollen, sie zu vermitteln. Wie oft werden denn - natürlich im besten Sinne - alte und neue Rechtschreibung einander gegenüber gestellt? Das fördert doch nur Verwirrung, Überforderung, Ranschburgsche Hemmung beim Merken. Wenn wir die psychologischen Grundlagen des (Sprach)-Lernens besser beherrschen würden und bessere Bedingungen für Lernschwache an den Schulen schaffen würden könnten wir neben anderen vielleicht auch die Rechtschreibreform besser in den Griff bekommen.

  • Jörg Jahn-Meyer

    Jörg Jahn-Meyer

    Eine kleine Anmerkung zum Text: Schreibt man "Zusammenschluß" nicht mit Doppel-s???
    Vielleicht irre ich da ja auch....

    Jörg Jahn-Meyer
    Inhaber The Book Buchhandlung Stolzenau
    Inhaber The Book Buchhandlung Liebenau

  • Brügelmann

    Brügelmann

    Verschlechterung der Schreibleistungen durch die Rechtschreibreform:
    Trägt die empirische Grundlage?

    Aktuell geistern Befunde durch den Blätterwald (BILD, FOCUS, Börsenblatt usw.), die belegen sollen, dass sich die Schülerleistungen als Folge der Rechtschreib-Reform deutlich verschlechtert haben. Die Medien beziehen sich auf einen Vortrag des Germanisten Uwe Grund vor der Forschungsgruppe Deutsche Sprache, die der Rechtschreibreform generell kritisch gegenübersteht.

    Auch wenn die in seinem Bericht publizierten Daten (z. B. zur s-/ss-/ß-Schreibung) Anlass für ernsthaftes Nachdenken und weitere Analysen sein müssen, rechtfertigen sie das harsche Urteil nicht. Die berichteten Urteile sind mit großer Vorsicht zu interpretieren:

    • Der Autor selbst vergleicht Klassen einer (!) norddeutschen Schule 1970/72 mit Klassen einer (!) südwestdeutschen Schule 2004/06, wobei es sich um vier Diktate in maximal 6 Klassen der Jahrgänge 5-7 handelt, die Anzahl der in den Vergleich jeweils einbezogenen Lerngruppen und SchülerInnen aber unklar bleibt.

    • Die von ihm ergänzend zitierte Abiturstudie zeigt bereits vor der Rechtschreibreform deutliche Anstiege der Fehlerquoten, so dass es auch andere Gründe für den beobachteten Fehleranstieg unter den Abiturienten geben kann (z. B. die erheblichen Veränderungen der Population in dieser Schulform).

    • Grund zitiert drittens eine Untersuchung von uns, deren Ergebnisse wir selbst sehr viel zurückhaltender gedeutet haben (Brügelmann 2003b) und nach weiteren Analysen später sogar korrigieren mussten (Brügelmann 2004m).

    • Er verwendet dramatische Prozentwerte („330%“), die sich zum Teil auf marginale Größenordnungen beziehen (z. B. Zuwachs einer Fehlerkategorie von 0,2 auf 0,6 Fehler pro 100 Wörter).

    • Er bezieht wesentliche Daten und Erklärungsversuche nicht ein, die zu einem differenzierteren Bild führen würden, wenn z. B. als Ursache neben den orthographischen Regelungen auch die Lernsituation (langes Nebeneinander von alter und neuer RS) und gesellschaftliche Veränderungen der Schreib- und Medienkultur einbezogen würden.

    Betrachtet man die immer noch karge empirische Grundlage insgesamt, so sind die Daten zu widersprüchlich, ihre möglichen Deutungen zu vielfältig (vgl. Marx 1999; 2004; Brügelmann 2003b; 2004m+n; Grund 2006; 2008), als dass man daraus klare Folgerungen für den „Erfolg“ der Rechtschreibreform ableiten könnte.

    Es stellen sich interessante Fragen, z. B. zum Einfluss des Umfeldes vs. der Rolle der neuen Schreibungen selbst, aber Antworten geben die Daten auf diese Fragen noch nicht.


    Brügelmann, H. (2003b): Rechtschreibleistungen am Ende der Grundschulzeit: 1991-2001. NRW-Kids 2001 und der Schreibvergleich Bundesrepublik-DDR. In: Panagiotopoulou/ Brügelmann (2003, 173-178).
    In: Panagiotopoulou, A./ Brügelmann H. (Hrsg.) (2003): Grundschulpädagogik meets Kindheitsforschung: Zum Wechselverhältnis von schulischem Lernen und außerschulischen Erfahrungen im Grundschulalter. Leske+Budrich: Opladen, 173-178.

    Brügelmann, H. (2004m): Textmenge und Rechtschreibfehler in freien Texten (Klasse 4 bis 12). Eine Sekundärauswertung der Studie NRW-KIDS. Vervielf. Ms. FB 2 der Universität: Siegen.  http://www.agprim.uni-siegen.de/nrwkids

    Brügelmann, H. (2004n): Die Rechtschreibleistung in Kurztexten von SchülerInnen der achten Klasse in der internationalen IEA-Lesestudie 1991. Vervielf. Ms. FB 2 der Universität: Siegen.  http://www.agprim.uni-siegen.de/iea

    Grund, U. (2006): Nahaufnahme: Rechtschreibleistungen in Abituraufsätzen.
    http://forschungsgruppe.free.fr/grund.pdf [30.7.2008]

    Grund, U. (2008): Vergleichende Studien zu Rechtschreibleistungen in Schülertexten vor und nach der Rechtschreibreform. Erste Ergebnisse und Desiderate der Forschung
    http://www.sprachforschung.org/Pdf/Grund_Vortragst ext_FDS.pdf [29.7.2008]

    Marx, H (1999): Rechtschreibleistung vor und nach der Rechtschreibreform: Was ändert sich bei Grundschulkindern? In: Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und pädagogische Psychologie, 31. Jg. H. 4, 180–189.

    Marx, H. (2004): Rechtschreibung wurde erschwert. Interview in: Neue Osnabrücker Zeitung v. 21. 8. 2004
    http://www.sprachforschung.org/index.php?show=news &id=86 [30.7.2008]

  • Uwe Grund

    Uwe Grund

    (1) Die von H. Brügelmann vermißten Zahlen findet man im veröffentlichten Text meines Vortrages bei der Forschungsgruppe Deutsche Sprache auf den Seiten 3f. Die Vergleichsdiktate bezogen ein:
    • 230 (105 + 125) Texte von Schülern und Schülerinnen der 5. bis 7. Klasse
    • 43.496 niedergeschriebene Wörter (Token).
    Das ist in der Tat eine immer noch schmale empirische Basis (4 Gymnasien, 9 Klassen), doch teilt sie dieses Merkmal mit anderen Untersuchungen. In der Studie NRW-KIDS werden für das Jahr 2001 untersucht:
    • 162 Viertkläßler-Texte
    • 10.368 Wörter (Token )
    In einem vom Schweizerischen Nationalfonds geförderten Projekt „Muttersprachliche Fähigkeiten von Maturanden und Studienanfängern in der Deutschschweiz“ werden für das Korpus der Abiturarbeiten zu den Stichjahren 1962 – 1978 – 1989 ausgewertet:
    • 106 Texte
    • 83.144 Wörter (Token)

    (2) Mit dem Stichwort „marginale Größenordnungen“ trifft Brügelmann exakt das, was ich an dieser Stelle aussagen wollte: Die von ihm zitierte, von 0,25 auf 0,5 Fehler je 1000 Wörter steigende Fehlerkategorie betrifft nämlich die Wörter, die gemäß §25 des neuen Regelwerks nunmehr anders, nach „Heyse“, zu schreiben sind. 1970/72 fanden wir in fünf Klassenarbeiten mit knapp 20.000 Wörtern 5 (!) Fehler in Wörtern des Typs schließ-, Schloß (jetzt: Schloss), geschlossen. Das zeigt mit hinreichender Deutlichkeit die Irrelevanz (oder Marginalität) dieser Regeländerung in Hinblick auf die schulischen Bedürfnisse.

    (3) Der von niemandem in Abrede gestellte Fehleranstieg in allen mir bekannten Untersuchungen hat, da stimme ich H. Brügelmann gern zu, „auch andere Gründe“. Nach der Rechtschreibreform ist nicht unbesehen wegen der Rechtschreibreform. Welche Rolle das neue Regelwerk oder die Art seiner Vermittlung oder außerschulische Kontexte bei den einzelnen Fehlerkategorien spielen, ist eine noch unbefriedigend beantwortete Frage. Was z.B. dringend fehlt, sind quellenkritisch edierte Korpora, an denen die Interpretationsarbeit ansetzen kann. Ich werde in Kürze einen Versuch in dieser Richtung vorlegen.

    (4) Der Vorwurf der „Dramatisierung“ kehrt sich gegen die seinerzeitigen Reformer: Wir sollten uns noch einmal in Erinnerung rufen, wie die Reform begründet wurde: „Das umfangreiche und komplizierte Regelwerk [erg. des Duden] sowie schlechte Rechtschreibleistungen (Fehler in der Orthographie […]) haben immer wieder den Wunsch geweckt, die heutigen Rechtschreibregeln zu vereinfachen.“ (W. Mentrup 1985, S. 21). In Wirklichkeit lauteten damalige Urteile so:
    • „Mit unseren Ergebnissen können wir zeigen, dass die heutigen Maturandinnen und Maturanden im Durchschnitt keine nennenswerten Schwierigkeiten im Bereich der sprachformalen und orthographischen Korrektheit haben. Ihre Texte sind sprachlich-formal und orthographisch überwiegend bis weitgehend korrekt.“ (P. Sieber, 1994, S. 210).
    • „Der Rechtschreibunterricht mit den heute [erg. 1985] vorliegenden Sprachbüchern, Rechtschreibprogrammen und selbst erstellten Übungen ist […] so effektiv, daß
    - Grundschüler in ihren Texten im Durchschnitt etwa 93% der verschiedenen Wörter, die sie selbständig verwenden, richtig schreiben,
    - Hauptschüler am Ende des 10. Schuljahres rund 96%
    - und Realschüler am Ende des 10. Schuljahres rund 98% der Wörter“ (W. Menzel, 1985, S. 9).

    Sollen wir als „Erfolg“ der Rechtschreibreform werten, wenn es den Bildungsinstitutionen gelingt, irgendwann einmal dieses Ausgangsniveau wieder zu erreichen?


    Literaturhinweise

    U. Grund: Rechtschreibleistungen in gymnasialen Eingangsklassen der 1970er Jahre. Fallstudie und Quellendokumentation (i. V.)

    W. Menzel: Rechtschreibfehler – Rechtschreibübungen. In: Praxis Deutsch 69 (1985), S. 9ff.

    W. Mentrup: Die „Kommission für Rechtschreibfragen“ des Instituts für deutsche Sprache 1977 bis 1984. In: Kommission für Rechtschreibfragen des Instituts für deutsche Sprache (Hrsg.): Zur Neuregelung der deutschen Rechtschreibung, Düsseldorf: Schwann, 1985, S. 9ff.

    P. Sieber (Hrsg.): Sprachfähigkeiten – Besser als ihr Ruf und nötiger denn je! Ergebnisse und Folgerungen aus einem Forschungsprojekt. Mit Beiträgen von E. R. Brütsch und anderen. Aarau usw.: Sauerländer, 1994 (Reihe Sprachlandschaften; Bd. 12)

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