Interview mit Steffen Möller

"Musik ist die letzte Religion des Abendlandes"

Bestsellerautor Steffen Möller („Viva Polonia”) über sein neues Buch „Vita Classica – Bekenntnisse eines Andershörenden”, Police und Bruckner und darüber, wie die Klassik seine Jugend ruinierte. Das aktuelle BÖRSENBLATT stellt alle weiteren wichtigen Sachbücher des Herbstes vor. VON INTERVIEW: WOLFGANG SCHNEIDER

Steffen Möller

Steffen Möller © privat

Herr Möller, waren Sie eigentlich selbst  überrascht vom Bestseller-Erfolg von „Viva Polonia“?
Steffen Möller: Ja, sehr. Es gibt offensichtlich eine viel größere Zahl deutscher Polen-Liebhaber als allgemein bekannt ist. Dazu kommt die immense Zahl deutscher Ehemänner mit polnischen Ehefrauen. Die haben, ob sie nun Interesse an Polen haben oder nicht, mein Buch zu Weihnachten gleich mehrfach von ihren Verwandten geschenkt bekommen. Polen und Polinnen sind ja die beliebtesten ausländischen Ehepartner der Deutschen. Da vollzieht sich eine untergründige Verschmelzung zweier Völker, die sich angeblich nicht mögen.  

Nach dem Thema Polen  widmen Sie sich jetzt der Klassik. Gibt es da etwa Gemeinsamkeiten?

Steffen Möller: Die Gemeinsamkeit liegt ganz simpel in meiner Person. „Polen“ und „Klassik“ sind zwei meiner Passionen. Das Klassik-Interesse fing allerdings viel früher an, mit dreizehn Jahren. Es löste meine Leidenschaft für die Märklin-Eisenbahn ab. Worüber soll man Bücher schreiben? Wohl nur über das, wofür man sich wirklich interessiert.

Sie spielen mit dem Motiv des „Outings“ – als Klassik-Fan, der „Bekenntnisse eines Andershörenden“ vorlegt. Ist das etwa eine Passion, die man besser geheim hält? Fühlen Sie sich gar stigmatisiert?

Steffen Möller: Das ist das richtige Wort. Ich habe mir durch die Klassik meine Jugend ruiniert, weil ich mit fünfzehn eine Weile lang so blöd war, auf Klassenfahrten herumzuposaunen, dass ich Brahms besser finde als Police und KISS. Im Bus habe ich dem Fahrer sogar Beethoven-Kassetten nach vorne gereicht, damit endlich mal was Vernünftiges läuft. Man kann sich die Reaktion meiner Klassenkameraden vorstellen. Später bin ich dann völlig in den musikalischen Untergrund gegangen. Nicht ohne Grund gebe ich im Buch die vier Tarn-Gebote des Klassik-Fans an. Eins davon lautet: „Pfeife auf öffentlichen Toiletten keine Schubert-Melodien“. Glauben Sie mir: Das Beispiel ist aus dem Leben gegriffen.  

Aber worin  liegt der Leidensdruck? Klassik ist doch anerkannte Hochkultur!
Steffen Möller: Vielleicht im Feuilleton oder auf dem Grünen Hügel in Bayreuth. Aber versuchen Sie mal als Zwanzigjähriger, an der Uni oder in jeder anderen Ansammlung von Zeitgenossen, von Klassik zu reden. Bei der nächsten Einladung zum gemeinsamen Filme-Gucken stehen Sie nicht mehr auf der Gästeliste. Klassik gilt als Greisen-Musik. Deswegen bleibt dem Klassik-Fan eigentlich nichts anderes übrig, als hinter irgendeiner Schallmauer schnellstmöglich zu altern. Mit vierzig darf man sich dann langsam wieder unter Menschen trauen – und da bringt Klassikhören dann sogar Pluspunkte. Man gilt als intellektuell elaboriert.

Der Jugendliche, der Klassik hört, macht sich zum Außenseiter? War das bei Ihnen wirklich  so?
Steffen Möller: Ja, extrem. Wenn meine Klassenkameraden am Freitagabend zur Bhagwan-Disko nach Düsseldorf getrampt sind, saß ich zwischen Silberhaarigen in der Wuppertaler Stadthalle beim dreizehnten Abonnementskonzert und habe die „Phantastische Symphonie“ von Hector Berlioz gehört.

Gibt es aber heute nicht sogar wieder diese Sehnsucht nach dem Bürgerlichen? Man lässt die Kinder Klavier üben und geht gut gekleidet in die Philharmonie. Gerade jetzt: Klassik als krisenfester Wert?

Steffen Möller: Tatsächlich hat mir mein Verlag gesagt, dass in Krisenzeiten vermehrt Klassiker gekauft werden, weil die Kunden auf das Bewährte zurückgreifen. Aber in der Musik gilt das wohl eher für die Rock-Klassiker. Für Konzerte von den Rolling Stones oder Depeche Mode langt man tief ins Portemonnaie. Das sind heute die Hofmusiker des Bürgertums. Wenn Sie Fotos von Minister zu Guttenberg sehen, wie er am Wochenende eine Baseball-Kappe aufsetzt und mit der Gattin zum AC/DC-Konzert spaziert, wissen Sie, wie ich als Bruckner-Fan mich fühle: Wie ein abgehalfterter Michael Glos.

Warum ist es überhaupt so wichtig, welche Musik man hört? Muss man darüber 500 Seiten schreiben?

Steffen Möller: 500 Seiten sind noch zu wenig. Musik ist die letzte Religion des Abendlandes. Wenn noch vor zwei Generationen die Frage lautete: „Woran glaubst du?“, so ist es heute die Frage: „Was hörst du?“ Techno oder Rock, Bohlen oder Beethoven: Das sind Fragen, in denen es um alles geht, Lebensgefühl, Kleidermode, Sexualität. Bob Marley, Tupac oder Madonna sind Ikonen, und da war es an der Zeit, auch Anton Bruckner zu positionieren. Wenn die wahren Klassik-Fans sich zu schade dafür sind, in den Ring zu steigen: Ich mache mir gerne die Hände schmutzig. Seit meinem dreizehnten Lebensjahr streite ich mit meinen Brüdern über E- und U-Musik.

Wie bei „Viva Polonia“ verbinden Sie in Ihrem neuen Buch ein Sachthema mit der Erzählung  sehr
persönlicher, oft kurioser Erfahrungen. „Vita Classica“ ist eine Autobiografie – am Leitfaden der Musiksucht?
Steffen Möller: Ja. Ich glaube, man kann über Musik, genauso übrigens wie über Religion, nur autobiographisch sprechen. Sachliche Argumente haben da noch niemanden überzeugt. Wie oft habe ich meinem jüngeren Bruder bewiesen, dass ein beethovenscher Sonatenhauptsatz mehr Substanz hat als ein Song von Phil Collins. Was hat es genutzt?

Autobiografien schreiben in Ihrem Alter sonst  nur Gangsta-Rapper und Sportidole. Haben Sie nicht die Sorge, man könnte meinen, Sie nähmen sich zu wichtig?
Steffen Möller: Seit meinem 14.Lebensjahr habe ich dieses Ich im musikalischen Kampf gegen die gesamte Mitwelt entwickelt. Seitdem sind 26 Jahre vergangen, da darf man schon mal einen kleinen Zwischenbericht veröffentlichen. Andere Leute feiern nach so vielen Jahren Silberhochzeit. Ich bin übrigens der Meinung, dass wir noch viel mehr Berichte von jüngeren Klassikfans brauchen. Nur so kommt die Klassik raus aus der Senioren-Ecke.

Sie sind Jahrgang 1969 und gehören zur „Generation Golf“. Aber Sie machen  eine Gegenrechnung zu Florian Illies auf. Sie tun nicht so, als gäbe es eine Kollektivbiografie…
Steffen Möller: Ja, richtig. Auch ich habe mit dem Playmobil-Schiff gespielt. Auch ich habe Samstag abends im Pyjama „Wetten, dass“ geguckt. Aber das war die harmlose Oberfläche. Die wahren Seelendramen spielten sich ganz woanders ab. Illies hat nur den kleinsten gemeinsamen Nenner herausgearbeitet und in Wahrheit keinen einzigen meiner Altersgenossen gezeichnet, wohl nicht einmal sich selbst. Ein verlogenes Buch, das „uns“ alle in eine furchtbare Schublade geschmissen hat.

Auch in Ihrem Buch gibt es nebenbei viele musikalische Erläuterungen und Empfehlungen. Haben Sie insgeheim doch den Ehrgeiz, die Generation Klingelton zu Bruckner zu führen?
Steffen Möller: Ach, es geht mir weniger um Missionierung als um Gerechtigkeit. Nicht einmal meinen eigenen Bruder konnte ich zur Klassik bekehren. Aber ich konnte ihm immerhin klar machen, dass seine Verachtung der Klassik-Hörer eine himmelschreiende Ungerechtigkeit ist. Er hielt sie für Bildungs-Streber. Wenn er mich aber dann gesehen hat, wie ich zum Finale des ersten Satzes aus Bruckners neunter Symphonie durchs Zimmer gesprungen bin, ist ihm der Spott vergangen.

Wie viele CDs haben Sie inzwischen in Ihrer Sammlung?
Steffen Möller: Ich besitze im Moment etwa 2500 CDs, erst letzte Woche sind wieder dreizehn Stück dazu gekommen. Eigentlich brauche ich sie aber nur noch, um sie dann sofort auf den Laptop zu überspielen, eine Heidenarbeit. Die Klassik-Label können heilfroh sein, dass wir Klassik-Fans überwiegend immer noch zu blöd sind, um zu kapieren, wie man Musik kostenlos aus dem Internet runterlädt. Wir leben nun einmal ein bisschen hinter dem Mond. Aber das soll ja auch manchem Pink Floyd-Fan so gehen.

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