Verlage
03.08.2009Google
Bücher in der digitalen Wolke
Aus heiterem Himmel kommt es nicht, was Google bei seiner Infoveranstaltung in München verkündete. Bisher macht Google urheberrechtlich geschützte, vergriffe Bücher in Auszügen zugänglich. Nun sagte der Suchmaschinenbetreiber mehr zu seinen kommerziellen Plänen: Wer ein ganzes Buch lesen will, kann sich künftig einen Online-Zugang bei Google kaufen. Dabei seien auch Abos für Firmen und Organisationen vorgesehen. Urheber sollen 63 Prozent der Einnahmen aus den Buch- und Aboverkäufen und den Werbeeinahmen im Umfeld des Buchtitels erhalten.
Dieses Modell sei zunächst nur für die USA geplant. In Deutschland sollen die Partner der Google Buchsuche den kostenpflichtigen Online-Zugang freischalten können, womöglich schon Ende des Jahres.
Der Google-Vorstoß reißt die Gräben zwischen Befürwortern und Gegener der Google Buchsuche weiter auf. Während die FAZ von der "Operation Parasitenverlag" schreibt und in den Kommentaren zahlreiche Kritiker auf den Plan ruft, geht Perlentaucher-Autor Ilja Braun das Modell nicht weit genug: "All die vergriffenen Bücher werden nur dem amerikanischen Publikum gezeigt. Deutsche Leser schauen in die Röhre. Autoren auch."
In den USA schmiedet Dan Clancy, Chefingenieur bei Google Buchsuche, Pläne für die Zukunft. Seine Ideen stellte er bei einem Vortrag im Computer History Museum in Mountain View, USA, vor.
Seine Annahme: Buchleser werden Ihre E-Books künftig im Internet statt auf ihren privaten Rechnern und Endgeräten speichern. Der ausgelagerte Speicherort, kurz, die "Cloud", soll von überall und mit allen Endgeräten zugänglich ist. Für diese Art der Speicherung brauche der User einen Partner, zu dem er Vertrauen hat, "dass das E-Book auch in fünf Jahren noch nutzbar ist". Der Ort des Vertrauens soll der Google-Server sein.
Die zweite Annahme: Lokale Buchhandlungen spielen eine wichtige Rolle für Buchkäufer. Ein großer Teil der Buchkäufe werden im Laden getätigt. Die Verbindung zwischen E-und Print-Büchern wird weiter zunehmen.
Clancys Vision: Google schließt mit interessierten Buchhändlern Partnerschaften. Die Buchhändler bieten neben dem gedruckten Buch eine "Google Edition" an, ein E-Book, das auf der Google-Cloud gespeichert wird und von überall mit allen Geräten zugänglich ist, egal ob E-Reader, Smartphone, PC oder Netbook. "Wir wollen eine Welt mit vielen Händlern, vielen Endgeräten und einem Speicherort, der Cloud."
Auszüge aus Clancys Rede hier.
Sandra Schüssel
- 25.06.2009
- Lokale Suche im Internet: Gelbe Seiten und Google kooperieren
- 22.06.2009
- E-Books: Google Buchsuche mit neuen Funktionen
- 08.06.2009
- Kommentar: Googles E-Book-Outing



1. Matthias Ulmer 04.08.2009 11:44h
So richtig überraschend ist das jetzt "enthüllte" Geschäftsmodell der Google Buchsuche nicht. Es gibt drei Elemente, die mehr oder weniger neu sind:
1. Google mutiert jetzt direkt zum Buchhändler, in zweiter Linie auch zum Verleger. Zwar wurde uns jahrelang vorgebetet, dass Google eine Suchmaschine sei und man gar kein Interesse daran habe Inhalte zu verkaufen. Jedoch hat das wohl nie jemand geglaubt.
2. Mit der direkten Stoßrichtung auf den Einzelhandel zu hat Google ein Problem: Bisher ist die Buchsuche eine Spezialistenveranstaltung für Wissenschaftler und Studenten. Jenseits dieser Welt hat sie praktisch keine Relevanz. Für einen Verkauf von Inhalten ist das aber uninteressant, weil die Wissenschaft sich schon bei ihren Bibliotheken bedient und dort den Zugang auf elektronische Inhalte erhält. Google möchte zwar als Bibliotheksdienstleister hier zum Zwischenhändler werden. Ob aber wirklich das institutionelle Geschäft von den Verlagen an Google abgegeben wird bezweifle ich. Hier riskiert Google eher mit seinen engsten Freunden, den wissenschaftlichen Verlagen in Konflikt zu geraten.
Um aber im Einzelhandel eine dominierende Stellung zu bekommen und gegen Amazon antreten zu können benötigt Google nicht nur die populären Inhalte in der Buchsuche (die zum großen Teil ja schon enthalten sind), Google braucht vor allem Nutzer jenseits der Wissenschaft. Um an diese heran zu kommen, wählt Google den Weg der Allianz mit dem Sortiment. Jede Buchhandlung soll auf ihrer Webseite die Buchsuche und den E-Book-Verkauf von Google einbinden. So kommt Google zu Marktanteilen und man positioniert sich noch als Helfer des kleinen Sortiments.
3. Das letzte Element ist die Cloud. Im Prinzip ist das auch nicht originell, es ist vermutlich in Zukunft der Standard für die dezentrale Speicherung großer Datenmengen. Statt zentraler Server setzt man auf dezentrale Speicherung, statt einem streng organisierten geschlossenen Netzwerk auf ein offenes, moderneres System.
Die drei Elemente kommen einem bekannt vor. Das entspricht sehr genau dem Konzept der Volltextsuche online, nur dass die Cloud zwar diskutiert wurde, technisch aber noch nicht realistisch erschien. Aus technischen Gründen musste man sogar den Schritt zurück zum zentralen Server wählen.
In der Diskussion wird bei der Google Buchsuche immer wieder betont, wie toll es sei, dass damit vergriffene Bücher wieder erhältlich werden. Das ist ein Placebo.
Bücher sind vergriffen, weil sie ökonomisch nicht mehr interessant sind. Anders gesagt: es will sie niemand mehr kaufen. Wenn es Käufer für ein Buch gibt, dann ist es nicht vergriffen.
Deshalb ist für das Google-Konzept die Sphäre der vergriffenen Titel zwar eine Spur interessanter als die der rechtefreien. Aber wirtschaftlich - und das bedeutet: für den Traffic - sind auch die vergriffenen Titel unerheblich. Interessant wird das Geschäft eben erst bei den lieferbaren, den kommerziellen Werken. Und da wird Google sich einiges einfallen lassen müssen, um den Verlagen klar zu machen, warum sie diese Titel an Google ausliefern sollten, wenn Google zunehmend zum Konkurrenten des gesamten Buchhandels wird. Die Verlage sind hier in einer starken Position. Zumindest dann, wenn sie und die Sortimenter den Handel mit E-Books ernsthaft aufbauen und betreiben.
2. Arnoud de Kemp 04.08.2009 16:54h www.ape2009.eu
Grenzenlos über die Wolken?
Wie alle Eroberer hat Google es eilig seine Flagge in neuen Territorien zu pflanzen. Es geht aber nicht mehr um neues Land, sondern gleich um das Universum. Das allseitig anwesende Internet wird zu einem digitalen Informationsökosystem. Google wartet nicht auf das Ergebnis oder Kompromiß aus schwierigen Verhandlungen (Google Settlement), sondern ist schon viel weiter. Wer bei der APE 2009 Konferenz im Januar dabei war, hat hören können was Dan Clancy alles überlegt und bereits in Planung hat. Für manche Verlage und Buchhandlungen, aber auch für Bibliotheken, mögen seine Vorstellungen wie 'science fiction' klingen, Informatiker arbeiten schon längst an das 'semantic web' und die angekündigte 'cloud' sollte man deswegen schon als eine ernst zu nehmende dunkele Wolke wahrnehmen. Es geht nämlich längst nicht mehr um vergriffene Bücher, sondern vor allem um neue Bücher. Alle Bücher! Google bietet Autoren direkt eine weitaus bessere Erlösverteilung (über 60% der Nettoerlöse) und Nutzer (nicht Käufer denn das Buch schwebt weiter in der Wolke) werden von einem einfacheren Zugang und von besseren Nutzungsbedingungen profitieren können. Keine DRM- oder Kompatibiltätsprobleme. Wer ein iPhone hat, weist schon wohin die Reise geht. Wer künftig noch Bücher besitzen will, muss eine gedruckte Ausgabe kaufen. Auch das kann Google bald anbieten, denn "printing-on-demand' ist die heimliche Revolution im elektronischen Publizieren. Verlage und Bibliotheken können mit Minimalinvestitionen mehr Geld verdienen: gib die Inhalte an Google. Google finanziert auf jedem Fall die Digitalisierung und kann Rechte bis hin zum Leistungsschutzrecht verwerten. Und Google kümmert sich um alle Formate, auch um die, die es noch nicht gibt. Kein Wunder, dass Tausende Buchverlage, Zeitungsverlage, Bibliotheken und Archive weltweit begeistert mitmachen und Bibliotheken auf die Kollegen, die als Erste ihre Bestände zur Verfügung gestellt haben, neidisch sind. Selbstverständlich wird es weiterhin traditionelle Verlage und Buchhandlungen geben und werden wir jedes Jahr Preise für die besten Inhalte und die schönsten Einbände ausreichen. Wenn man seine Nische kennt und gut betreut, macht das immer noch Spaß. Deswegen brauchen auch Buchhandlungen-mit-einer-guten-Kundenbindung sich vorläufig keine allzugrosse Sorgen zu machen. Schwieriger könnte es für kommerzielle Dienstleister von elektronischen Büchern und Volltextsystemen bald werden, sei es, auch da spezialisiert man sich. Das gilt übrigens auch für die vielen Projekte, wo mit Geld der öffentlichen Hand Volltextserver aufgebaut werden. Google und Amazon: grenzenlos über die Wolken!
Arnoud de Kemp
Initiator und Organisator
APE <Academic Publishing in Europe> Konferenzen
www.ape2009.eu
www.ape2010.eu
info@digiprimo.com
3. Dennis Schmolk 05.08.2009 19:13h http://www.anouphagos.com/
Das Modell geht räumlich tatsächlich nicht weit genug, denn auch ich würde es möglicherweise gerne in Anspruch nehmen. Es klingt nach einem sinnvollen Service für den User (für Konservative: lies "Leser"
und nach einem mehr oder minder fairen Ausschüttungsverfahren für die Produzenten der Inhalte. Vermutlich wäre eine Kulturflatrate das bessere Modell, aber darauf wird man sich wohl nicht einigen können - dank dem Widerstand bestimmter Interessengruppen. (Womit ich der Kulturflatrate nicht das Wort reden will; es gibt in meinen Augen schlicht keine realisierbare Alternative. Ob die Kulturflatrate realisierbar ist, wird sich - vielleicht! - noch zeigen.) Also darf der Monopolist (in spe?) Google hier zuerst agieren.