Franz-Werfel-Menschenrechtspreis

Herta Müller: Frankfurter Aufklärung

Herta Müller schreibt seit Jahrzehnten gegen das Vergessen an, gegen politische Willkür und Diktatur. In der Frankfurter Paulskirche nahm sie heute den Franz-Werfel-Menschenrechtspreis in Empfang, vergeben vom Zentrum gegen Vertreibungen. Tief bewegt sprach sie über die zahllosen Verleumdungskampagnen, denen sie sich immer wieder ausgesetzt sah – und darüber, wie die Evangelische Kirche ihr vor 20 Jahren aus purem Opportunismus kurzerhand den Stuhl vor die Tür setzte... VON TW

Die Verleihung: in der Frankfurter Paulskirche

Die Verleihung: in der Frankfurter Paulskirche © Rainer Rüffer

Herta Müller las vor: das Prokoll einer Diffamierung

Herta Müller las vor: das Prokoll einer Diffamierung © Rainer Rüffer

Herta Müller mit dem Franz-Werfel-Menschenrechtspreis

Herta Müller mit dem Franz-Werfel-Menschenrechtspreis © Rainer Rüffer

1989 lebte Müller bereits zwei Jahre in Deutschland. Gemeinsam mit ihrem Mann Richard Wagner war sie zum Evangelischen Kirchentag in Berlin eingeladen worden – sie sollten über das Leben in Rumänien berichten. Doch soweit kam es nicht: Müller und Wagner wurden kurzfristig ausgeladen, mit der schnöden Begründung, so Müller, dass sie ja katholischen Glaubens seien.

Die Hintergründe kennt sie erst seit wenigen Tagen: In ihrem Briefkasten habe sie ein Tonband gefunden, ohne Absender, erzählte Müller - den Mitschnitt eines Telefongesprächs zwischen zwei Geistlichen aus dem Jahr 1989, zwischen Albert Klein (Evangelische Kirche A.B. in Rumänien) und Joachim Heubach (Evangelische Kirche in Deutschland). Sie hat das Gespräch niedergeschrieben und las dieses Protokoll heute in der Paulskirche vor – in kompletter Länge, mit einem Zittern in der Stimme. Entweder oder, soll Klein gedroht haben. Würden Müller und Wagner zu Wort kommen, müsse er seinen Besuch in Berlin absagen...

Dass sich die Evangelische Kirche vor Repressalien fürchtete, hinter den Kulissen letztlich mit der rumänischen Staatsmacht paktierte und ihr den Mund verbot: Müller wollte das alles in ihrer kurzen Ansprache heute nicht kommentieren, ließ aber dennoch keinen Zweifel daran, wie sehr sie das Verhalten verurteilt und welchem Thema sie sich als nächstes widmen wird: Für sie habe sich ein neue, bislang zu wenig beachtete Frage geöffnet, erklärte sie - „Was ist mit der evangelischen Kirche in Rumänien?“

Knapp 1.000 Menschen waren in die Paulskirche gekommen, um die diesjährige Literaturnobelpreisträgerin für ihr unentwegtes Eintreten für die Menschenrechte zu würdigen – und dabei zu sein, wenn sie aus den Händen der CDU-Politikerin Erika Steinbach den Franz-Werfel-Menschenrechtspreis der Stiftung Zentrum gegen Vertreibungen entgegen nimmt.

Mit ihrem Roman „Atemschaukel“ habe Müller auf eindringlichste Weise „ein Tor zur Mahnung und zum Mitgefühl geöffnet“, lobte Steinbach – für Millionen Zwangsarbeiter, die nach dem Ende des zweiten Weltkrieges europaweit in sowjetische Lager gezwungen wurden. Die persönlichste Rede des Nachmittags hielt Laudator Ilija Trojanow: Herta Müller schaffe Aufklärung und gebe auch denen, die sonst gern totgeschwiegen würden, eine Stimme – sie decke Missstände auf „mit der Beharrlichkeit eines Schmieds beim Dengeln“.  
 
Der Franz-Werfel-Menschenrechtspreis wird alle zwei Jahre vergeben und ist mit 10.000 Euro dotiert. Die bisherigen Preisträger: der Schriftsteller György Konrad (2007), der Bischof der Diözese Banja Luka, Franja Komarica (2005), und Mihran Dabag, Leiter des Instituts für Diaspora- und Genozidforschung an der Universität Bochum (2003).

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