Gewinner des open mike

Welthaltig und wohltuend weit vom Hype des Prenzlauer Berg entfernt

"Peng peng peng peng!” Fünfzehn Minuten hat jeder Teilnehmer des jährlichen open mike, des internationalen Wettbewerbs junger deutschsprachiger Prosa und Lyrik, um sich mit seinem Text dem Publikum und der Autorenjury  zu präsentieren. Mit vier Schüssen in seiner Geschichte hat an diesem Wochenende bei der 17. open mike-Veranstaltung in der bestens besuchten Berliner WABE der Leipziger Matthias Senkel einen der drei Jurypreise und zugleich den "taz"-Publikumspreis erringen können. VON ELISABETH GRüN

Die Jury: Ursula Krechel, Jens Sparschuh, Kathrin Röggla

Die Jury: Ursula Krechel, Jens Sparschuh, Kathrin Röggla © Gerald Zörner

Christiane Lange (LWB) und die Preisträger Matthias Senkel, Inger-Maria Mahlke und Konstantin Ames

Christiane Lange (LWB) und die Preisträger Matthias Senkel, Inger-Maria Mahlke und Konstantin Ames © Gerald Zörner

Senkels „Familienroman auf sieben Seiten“ mache, so die Publikumsjury, „den Leser zum begeisterten Komplizen, gewinne beim mehrfachen Lesen hinzu, sei selbstironisch und der kürzeste García Márquez, den wir je gelesen haben“. Ein treffender Vergleich, denn so lakonisch knapp, so abstrus und freihändig reisend geht es in Senkels Text zu.

Welthaltig, summierte Ursula Krechel, neben Kathrin Röggla und Jens Sparschuh Mitglied der diesjährigen Autorenjury, sei dieses Literaturjahr und wohltuend weit vom Hype des Prenzlauer Berg entfernt. In der Tat waren unter den rund 700 deutschsprachigen Einsendungen 2009 auch Beiträge aus China, der Türkei und Kasachstan, und die Autoren sind nicht nur Gelsenkirchener oder Berliner, sondern kommen gebürtig aus Prag oder von unweit der Schwarzmeerküste. Und ironisch gebrochen oder auch tragisch subtil loten einige der vorgestellten Texte die Wirkungen von Interkulturalität, Sprachgrenzen und sprachlosen Räumen aus.

In der Gesamtheit der 580 Prosabeiträge allerdings seien Welthaltigkeit und Politik, wie übrigens auch Komik, tendenziell weniger stark vertreten gewesen, lautete das Fazit der sechsköpfigen Lektorenrunde, die ihre Text-Vorauswahl für das öffentliche Finale des open mike trifft. Erheblich stärker seien, präzisierte Lektor Klaus Siblewski, Beziehungsschwierigkeiten thematisiert worden, „teils so groß, dass an Literatur gar nicht mehr gedacht werden könne“.

Die zwanzig Texte der Endrunde jedenfalls führten von der Merowingerzeit über Amerika im Jahr 1917 bis in die kleinstädtische deutsche Gegenwart. Dort situiert ist auch Inger-Maria Mahlkes Ausschnitt aus einem Romanprojekt über einen xenophoben, verwahrlosten Ex-Polizeibeamten, der eher unfreiwillig eine schwarz arbeitende Polin bei sich aufnimmt; als „dichte Milieustudie auf engem Raum“ wurde dieser Text ebenfalls mit einer Prämie gewürdigt.

Bei seiner Vorauswahl aus den 120 Einsendungen im Bereich Lyrik konstatierte Verleger Urs Engeler Stärke und vermehrtes Experimentieren mit Sprache. Letzteres traf offenbar auch den Gusto der Autorenjury, und der sprachverspielteste der Lyriker, Konstantin Ames, durfte sich daher über den Lyrikpreis freuen. Mit einem Gedichtband allerdings will er nicht in der Öffentlichkeit reüssieren; momentan schreibt er an einem Theaterstück. Bescheidener gibt sich der doppelte open mike-Gewinner Matthias Senkel. Er möchte erst mal „den einen oder anderen Euro zurückzahlen“; dafür hat auch schon ein Verlag Interesse an seinem Schreibstoff gezeigt.

 

Die open-mike-Preisträger sind am Dienstag, 17. November 2009, um 20 Uhr im Literaturhaus Frankfurt/M. zu erleben. Am Freitag, 25. November 2009, treten sie um 20 Uhr im Schauspielhaus Wien vors Publikum.

 

Deutschlandradio Kultur sendet in der Nacht vom 21. auf den 22. November 2009 um 0.05 Uhr die Reportage zum open mike.

 

Open mike facts:

Der open mike Literaturwettbewerb in Berlin leitete 1993 einen Paradigmenwechsel in der Literaturszene mit ein: Nicht mehr beknieten junge Autoren die großen Verleger, ihre Texte zu drucken, sondern die junge Szene zeigte auf Lesebühnen, poetry slams und mittels Editionen auf eigene Faust, welches Potenzial in ihr steckt. Mittlerweile rekrutieren die Verlage ihre Autoren aus dieser Szene. Julia Franck, Tilman Rammstedt, Zsuzsa Bánks waren Gewinner des open mike. Aus im Schnitt 650 bis 700 deutschsprachigen Texten internationaler Autoren wählen sechs Lektoren aus Verlagen mit literarischem Profil bis zu 21 Texten aus, drei davon werden mit Preisen in Höhe von insgesamt 7.500 Euro ausgezeichnet: zwei für Prosa und einen für Lyrik vergibt die aus namhaften Autoren bestehende Jury. Die taz initiierte vor drei Jahren den Publikumspreis.

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