19.01.2005Veranstaltungen
Das Hörbuch erobert Raum und Zeit
Bei geschlossenen Augen ein Buch verzehren. Edisons Erfindung machts möglich. Denn mit seiner Erfindung des Phonographen 1877 bereitete Thomas Alva Edison den Weg für das Hörbuch vor, ermöglichte sein Phonograph doch Tonaufzeichnungen und deren Wiedergabe. Das war damals so sensationell, dass sogar Gelehrte nicht daran glaubten und die Erfindung für den Trick eines Bauchredners hielten. Hundert Jahre nach Edisons Phonograph kommen in Deutschland die ersten "Sprechenden Bücher" auf den Markt. Der Begriff Hörbuch wurde 1987 eingeführt. So könnten sich Leseratten von der Mühsal des Lesens befreien oder sich erlösen lassen.Einen solch spannenden Einstieg in das Seminar "OhrenZeuge. 100% Hörbuch Trend oder Zukunftsmedium?" bescherte die Doktorandin Sandra Rühr aus Erlangen dem Publikum. Sie stieß bei ihren Recherchen auch auf das teurste Hörbuch. Das Hörspiel "Otherland" von Tad Willams aus dem Hörverlag verschlang eine Million Euro Produktionskosten. Allerdings sind die Stimmen von 250 Sprechern zu hören.
Viele Buchhandlungen besitzen eigene Hörbuchabteilungen. Dagegen sei die Spezial-Hörbuchhandlung wie die in Berlin, Hamburg, Lübeck, München noch selten.
Leipziger finden die größte Hörbuchabteilung bei Hugendubel. Dort sind auf rund 20 Quadratmeter über 500 Titel versammelt, weiß Buchhändlerin Birka Sonntag. An zwei großen Hörsäulen kann der Kunde probehören. "Als wir 1997 öffneten, hatten wir nur ein Regal für Hörbücher reserviert. Seit zwei Jahren präsentieren wir das Hörangebot auf zwei großen Warenträgern, und zwar frontal und dort, wo sich die Belletristikregale befinden. Seit der frontalen Aufstellung habe sich der Hörbuch-Umsatz sprunghaft entwickelt. CD-Cover nur mit dem Rücken zu zeigen, habe keinen Sinn, so Sonntag, die auch nichts von viel Deko-Material hält. "Das wirkt überfrachtend, irritiert und lenkt nur ab."
Allerdings verkaufe sich das Hörbuch, bis auf wenige Ausnahmen, nicht von selbst. Solche Ausnahmen sind Agatha Christie, das Rilke-Projekt, "der Alchimist" von Paulo Coelho, natürlich "Der kleine Prinz", zählt sie auf. "Wenn das gedruckte Buch gut geht, dann lohne sich auch das Hörbuch, gibt Birka Sonntag ihre Erfahrung weiter. Und: Der Buchhändler müsse selbst viel hören, um weitgefächerte Empfehlungen geben zu können. Die Kundenstruktur sei sehr vielgestaltig. Der durchschnittliche Hörbuchkäufer sei unter 35, gebildet, gut verdienend, hatte Sandra Rühr festgestellt.
"Was die Preise anbetrifft, so orientieren wir uns nach der Vorgabe der Verlage. Ein Preismarketing versuchen wir zu vermeiden", so die Hugendubel-Mitarbeiterin.
"Wir haben nur ein Regal mit rund 200 Hörbüchern", berichtet Gerti Funk von Buch & Kunst am Augustusplatz in Leipzig. Angeboten werden aktuelle anspruchsvolle Titel der Bereiche Belletristik, Kinderhörbuch und Regionalgeschichte. Zum Beispiel verkaufe sich "Der kulinarische König" als Lese- und Hörbuch ganz gut, weiß Gerti Funk. Wenn der Kunde zwischen Lesung und Hörspiel die Wahl hat, entscheide er sich häufig zugunsten des Hörspiels. Das erfreue sich zunehmender Beliebtheit. Das sagt auch Birka Sonntag und nennt als Beispiel "Die Päpstin". Das Hörspiel gehe besser als die Lesung. Auch "Otherland" werde gut verkauft.
Katja Krause von DAV beschrieb den Weg vom Buch zum Hörbuch, Kerstin Kaiser von Lübbe Audio den Weg vom Vor-Lesen zum Hör-Erlebnis. Vom Ansturm auf Hörbücher in der Bibliothek Berlin-Mitte berichtete Kerstin Berger. Es sieht ganz so aus, als sei das Zuhören im Kommen oder wieder im Kommen, auch wenn der Gesamtanteil des Hörbuchs am Markt nur rund drei Prozent beträgt, wie Michaela von Koenigsmark feststellte. "Das Hörbuch wird das Buch nie verdrängen, aber Buch und CD befruchten sich gegenseitig", betont Cornelia Waldenmaier und erntete Beifall.
Marianne Stars


