07.12.2005Verlage

Ende für Reclam in Leipzig - Label soll weitergeführt werden

Die Entscheidung, mit der Branchenkenner bereits seit längerem rechneten, fiel bereits auf einer außerordentlichen Gesellschafterversammlung im September. Nun ist es amtlich: Der Reclam Verlag (Ditzingen) wird die Zelte in seiner Gründungsstadt Leipzig abbrechen, will jedoch die Marke Reclam Leipzig weiterführen.

"Zukunft braucht Herkunft", nahm Reclam Geschäftsführer Frank R. Max zum Verlagsjubiläum 2003 ein Wort des Gießener Philosophen und Reclam-Autors Odo Marquard auf - gemünzt auf die Philosophie seines Hauses. "Reclam Leipzig" wird ein Imprint - für die Stadt selbst geht eine 177jährige Verlagstradition zu Ende.

"Die Gesellschafter haben es sich mit ihrer Entscheidung nicht leicht gemacht", erläutert Max gegenüber dem BÖRSENBLATT, "aber sie ist nachvollziehbar. Mit der Universal-Bibliothek lag das Herzstück des Verlages, das, was die Marke Reclam im Kern ausmacht, in Stuttgart. In Leipzig unter dem Namen Reclam ein Programm zu bauen, das inhaltlich und ökonomisch trägt, war nie einfach. Man hat das 15 Jahre redlich versucht - und wir versuchen es weiter."

Das noch von Programm-Chefin Maria Koettnitz betreute Programm 2006 steht; soeben wurde die Frühjahrsvorschau - neun Hardcover, 7 Taschenbücher - ausgeliefert. "In dieser Größenordnung", so Max, "soll es weitergehen". Im Januar soll in Ditzingen über die künftige Ausrichtung des Labels "Reclam Leipzig" beraten werden. Zuständig wird der langjährige Reclam-Lektor Dr. Stephan Koranyi, der für Reclam Leipzig bislang Titel aus dem Niederländischen betreute.

Während in den offiziellen Verlautbarungen zum 175. Verlagsjubiläum 2003 noch die Leipziger Tradition beschworen wurde, hatte der Verlag in den letzten Jahren sukzessive Funktionen nach Stuttgart geholt. Bereits nach der Schließung der Herstellungsabteilung in der Leipziger Inselstraße Anfang 2005 und dem angekündigten Wechsel von Maria Koettnitz zu Econ war über einen Rückzug von der Pleiße auf Raten spekuliert worden. Von den in Leipzig verblieben Mitarbeitern ist nur Lektor Bert Sander von einer Kündigung betroffen; Pressefrau Christin Dölz wechselt zu Lehmanns, der Zweijahresvertrag von Lektoratsassistentin Thirza Albert läuft zum Jahresende aus. Spätestens zum Ende von Sanders Arbeitsvertrag im April 2006 dürften in der Leipziger Inselstraße die Lichter ausgehen.

Für die einstige Buchstadt nach dem Aus für Gustav Kiepenheuer 2003 eine weitere bittere Pille: Hier gründete der 21jährige Anton Philipp Reclam 1828 den "Verlag des literarischen Museums", der ab 1837 unter dem Namen Philipp Reclam jun. firmierte. Nach 1945 entwickelten sich unter Reclams Namen zwei Häuser mit fakisch eigener Geschichte - der Reclam Verlag Leipzig wurde der Taschenbuchverlag der DDR. Zu Nachwendezeiten führen die ungeklärten Eigentumsrechte am Leipziger Verlag zu einem Zwist, der die Feuilleton-Spalten monatelang füllte. Während Ditzingen bei der Treuhand einen Reprivatisierungsantrag stellte, suchte der zum neuen Verlagsleiter von Reclam Leipzig gewählte junge Lektor Stefan Richter nach einer eigenständigen Zukunftslösung für den Verlag. Er favorisierte ein Stiftungsmodell, Stuttgart legt ein eigenes Konzept zur Weiterführung von Reclam Leipzig vor. Juristisch abgeschlossen war die Hängepartie erst im Sommer 1992 mit der Reprivatisierung des Leipziger Verlags.



Anzeige