SERVICE BESTENLISTEN ALFRED-KERR-PREISTRÄGER EMPFEHLEN

Kerr-Preisträger empfehlen

Einmal im Jahr vergibt das BÖRSENBLATT den Alfred-Kerr-Preis für herausragende Leistungen in der Literaturkritik.

An dieser Stelle empfehlen die Preisträger Novitäten in- und ausländischer Autoren.

Maike Albath (Deutschlandradio)
Das neue Buch des Öffentlichkeitsverweigerers Pablo Tusset, dessen Gesicht niemand kennt. Auf einem Schlachthof wird eine fachgerecht zerlegte Frauenleiche gefunden. Kaum tritt der ermittelnde Kommissar in Aktion, beginnt die Wirklichkeit zu zerfransen. Eine Geschichte über das zeitgenössische Spanien, spannend und abgründig, halb Krimi-Persiflage, halb Groteske.
Pablo Tusset, »Im Namen des Schweins«. Aus dem Spanischen von Ralph Amann. FVA Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt
am Main 2008, 565 Seiten, 19,80 Euro
Paul Ingendaay (»FAZ«)
Dieser Erzählband des in Deutschland kaum bekannten Madrider Schriftstellers Juan Eduardo Zúñiga, Jahrgang 1929, ist eines der würdigen literarischen Zeugnisse zum Spanischen Bürgerkrieg, eine Hommage an Menschen unter Bomben, in Angst und Bedrückung: lakonisch, ohne Beschwörung oder Effekthascherei.
Juan Eduardo Zúñiga, »Stadt des Ruhms«. Erzählungen. Aus dem Spanischen von Eva Steiner. 200 Seiten, Stockmann Verlag, Bad Vöslau 2008, 204 Seiten, 19,80 Euro
Felicitas von Lovenberg (»FAZ«)
Wäre es keine Literatur, müsste man dieses Buch über Freundschaft, Zivilcourage und die Macht der Fantasie als pädagogisch wertvoll empfehlen: Als letztem Weißen der südpazifischen Inselwelt von Bougainville fällt Mr. Watts die Aufgabe zu, die Kinder zu unterrich-ten. Während das Dschungelidyll ringsum Guerillakämpfen zum Opfer fällt, lauschen die Kinder Dickens’ »Großen Erwartungen« und finden in der fernen Romanwelt des viktorianischen Englands Freunde.
Lloyd Jones, »Mister Pip«. Roman. Aus dem Englischen von Grete Osterwald. Rowohlt, Reinbek 2008,
282 Seiten, 19,90 Euro
Burkhard Müller (»Süddeutsche Zeitung«)
Sobald man sich in die alphabetisch gestaffelten Donaulandschaften und Lobpreisungen der erotischen Vorzüge dicker Frauen vertieft hat, beginnt man das Durcheinanderlesen in diesem Lexikonroman zu schätzen, wie es Andreas Okopenko geradezu gebieterisch verlangt. Das dickleibige und doch sensibel zarthäutige Werk lehrt, um wie viel schöner Wildern ist als lineares Funktionieren.
Andreas Okopenko, »Lexikon-Roman. Lexikon einer sentimentalen Reise zum Exporteurtreffen in Druden«.
Deuticke, Wien 2008, 381 Seiten, 24,90 Euro
Andreas Nentwich (Freier Publizist)
Die Auslöschung Dresdens ist an ein einziges Bild delegiert, so diskret wie entsetzlich: das Verglühen der Vögel. Der Genius loci dieser Stadt ist der Atemraum eines großen Romans, der sehr deutsch ist, sehr ernst, sehr kultiviert. Und voll dunkler Energie. Wenn sich am Ende die Rätsel um einen Leverkühn der Tierforschung irritierend lösen, kennen wir Geruch und Geschmack des Kalten Krieges und der verlöschenden Bürgerwelt der DDR.
Marcel Beyer, »Kaltenburg«. Roman. Suhrkamp, Frankfurtam Main 2008, 395 Seiten, 19,80 Euro