Wie alles begann
Verleger, Grossisten, Barsortimente, Verlagsauslieferungen, Buchhändler, Antiquariate waren alle in einem einheitlichen Verband vereint. Es gab vorher zahlreiche Zusammenschlüsse auf regionaler Ebene oder den Buchhändlerverein in Leipzig und vieles mehr. Nur jetzt entstand die große Standesorganisation für das Buch, deren Grundprinzipien noch heute gelten.
»Schon die erste Nummer enthielt Gesetzesinformationen zur Zollordnung und -sonstige Vorschriften, vornehmlich aus dem Königreich Sachsen«
Es war kein Zufall, dass diese Organisation in Leipzig entstand, denn Leipzig war die Buchhandelsstadt par excellence. Mehr als die Hälfte der deutschen Verlage hatten ihren Haupt- oder Nebensitz in Leipzig oder unterhielten ihre Verlagslager dort. Leipzig war das absolute Zentrum des Zwischenbuchhandels mit den damals noch getrennt operierenden Firmen Koehler beziehungsweise Volckmar, dann auf der anderen Seite Fleischer und viele andere, die als Verlagsauslieferungen oder Zwischenhändler im Buchbereich tätig waren. Leipzig war ebenso das Zentrum des deutschen Exports der Bücher und Zeitschriften weltweit. Und Leipzig war auch das Zentrum des Antiquariatsbuchhandels mit den hier wiederum weltweit besten und bekanntesten Firmen.
Der Börsenverein entwickelte sich sehr schnell, und schon nach wenigen Jahren waren innerhalb des In- und Auslands so gut wie alle wichtigen Verlage und Buchhandlungen Mit-glied. Es war auch möglich, dass Ausländer, die deutsche Bücher handelten oder mit dem deutschen Buchhandel in geschäftlicher Verbindung standen, Mitglied waren. Die Mitgliedschaft beruhte auf persönlicher Mitgliedschaft, das heißt, die Herren Inhaber waren persönlich Mitglieder, und es konnte durchaus sein, dass aus einer Firma mehrere Personen in den Börsenverein eintraten. Um Mitglied zu sein, musste man Geschäftsführer oder zumindest Prokurist einer Buchhandelsfirma sein.
Es war absolut folgerichtig, dass 1834 dann das »Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel und für die mit ihm verwandten Geschäftszweige«, herausgegeben von den Deputierten des Vereins der Buchhändler zu Leipzig, gegründet wurde. Die erste Nummer erschien am 3. Januar. Redakteur war Otto August Schulz, der schon vorher in den Diensten des Börsenvereins stand, Geschäftsführer des Vereins und ab 1839 Herausgeber des »Adressbuches des Deutschen Buchhandels« war.
Das »Börsenblatt« sollte aus zwei Abteilungen bestehen. Die erste Abteilung sollte die Bekanntmachung des Vorstands der Deutschen Buchhändlerbörse und aller gesetzlich anerkannten Vertreter von Buchhändlerkooperationen enthalten. Zweitens Gesetzkunde, drittens merkantilisch-technische Mitteilungen, viertens historisch-statistische Mitteilungen mit Aufsätzen zur Geschichte der Buchdruckerkunst und des Buchhandels aller Länder. Und die zweite Abteilung sollte Bekanntmachungen im hauptsächlichen Interesse der Einsender gegen die unten bemerkten Inserationsgebühren liefern.
Die geordneten Rubriken für diese Abteilungen sind:
- gerichtliche Anzeigen über Konkurse usw.
- Pränumerations- und Subskriptionsanzeigen
- Bücher, Musikalien usw. unter der Presse
- Verkaufsanzeigen neu erschienener und älterer Literatur, Musikalien usw.
- Kaufgesuche
- Tauschanerbietung und Gesuche
- Zirkulare, Bekanntmachungen, Aufforderungen und Rügen, Erwiderungen usw.
- Gesuche und Anbietungen von Geschäften, Teilnehmern und Gehilfen usw.
- Übersetzungsanzeigen
- Anzeigen von Bücheraktionen.
Pro Woche sollte ein Register erscheinen, das jährlich kumuliert werden sollte. Schon die erste Nummer enthielt Gesetzesinformationen zur Zollordnung und sonstige Vorschriften, vornehmlich aus dem Königreich Sachsen. Ebenfalls in der ersten Nummer erschienen bereits Anzeigen, und im Januar 1935 wurde erstmals ein Mitgliedsverzeichnis aller Firmen des Börsenvereins veröffentlicht.
Eine Familie
Das Wochenmagazin »Börsenblatt« hat Zuwachs bekommen – und widmet sich mehrmals im Jahr einem Thema beziehungsweise Segment des Buchmarkts in einer Spezialausgabe. Zur Familie gehören auch Beilagen zu bestimmten Anlässen wie der Friedenspreisverleihung oder das »ABC des Zwischenbuchhandels«
Nachdem das »Börsenblatt« zunächst dreimal wöchentlich erschien, wurde schon nach wenigen Jahren auf tägliches Erscheinen von Montag bis Freitag umgestellt. Die Hinrichs’sche Hofbuchhandlung, die das »Hinrichs’sche Bücherverzeichnis« – Vorläufer der »Deutschen Nationalbibliografie« – herausbrachte, lieferte das sogenannte TV. Dies war nicht ein Vorgriff auf Fernsehnachrichten, sondern das sogenannte tägliche Verzeichnis der Neuerscheinungen des deutschen Buchhandels. Das heißt, der Leser des »Börsenblatts« wurde umfassend über alle Belange des Buchhandels und Verlagswesens informiert, wurde durch die Anzeigen frühzeitig von den Verlagen über Neuerscheinungen, Preisänderungen, Verramschungen und Ähnliches informiert und erhielt eine komplette Bibliografie aller Neuerscheinungen mitgeliefert. Das »Börsenblatt« war dann im Mitgliedsbeitrag des Börsenvereins einbezogen. Das heißt, jedes Mitglied bekam automatisch ein »Börsenblatt«. Aber schon nach wenigen Jahren erhöhte sich die Auflage auf über 6000 Exemplare, denn jede Bibliothek im deutschsprachigen Raum gehörte dann zu den Beziehern des »Börsenblatts«.
»Die typografische Gestaltung und die Frage der Lesbarkeit beschäftigten mehr oder weniger jede Hauptversammlung des Börsenvereins«
Das »Börsenblatt« war nicht das erste buchhändlerische Organ. Von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis etwa 1900 erschien eine Reihe von verschiedenen Buchhändlerzeitschriften, Informationsorganen und sonstigen Fachzeitschriften, die dem Börsenverein durchaus Konkurrenz machten, aber das »Börsenblatt« setzte sich immer stärker durch. Im Jahr 1834 wurden 544 Seiten veröffentlicht, 1875 zum ersten Mal 5000 Seiten überschritten mit dann 303 Nummern. 1913, auf dem Höhepunkt der deutschen Buchproduktion, als erstmalig 31000 Neuerscheinungen im Deutschen Reich herauskamen, spiegelte sich das auch im »Börsenblatt« wider mit 22000 Seiten Umfang. Ab 1933 reduzierte sich der Umfang dramatisch. Zahlreiche Mitglieder des Börsenvereins wurden durch die Nationalsozialisten vom Verband ausgeschlossen, jüdische Buchhandlungen und Verlage mussten schließen oder die Inhaber emigrierten. Viele Betriebe wurden arisiert. Das Produktionsvolumen sank erheblich. Insgesamt wurden von 1834 bis 1945 880000 Seiten im »Börsenblatt« veröffentlicht, mehr als in den allermeisten sonstigen Fachzeitschriften je.
Die typografische Gestaltung und die Frage der Lesbarkeit beschäftigten mehr oder weniger jede Hauptversammlung des Börsenvereins. Jedes Mitglied fühlte sich befugt, sein Urteil abzugeben und Vorschriften zu machen. Jeder Verlag war am »Börsenblatt« mehr oder weniger beteiligt; denn aufgrund seiner Anzeigenaufträge trug er zum finanziellen Erfolg des Blatts entscheidend bei. Die Anzeigenpreise waren von Anfang an außerordentlich niedrig, wesentlich niedriger als bei vergleichbaren Konkurrenzzeitschriften, aber aufgrund der sich immer stärker entwickelnden Monopolstellung des »Börsenblatts« nahmen die Anzeigen derartig zu, dass für den Börsenverein immer ein erheblicher Gewinn aus der wirtschaftlichen Tätigkeit mit dem »Börsenblatt« übrig blieb.
Leser-Blatt-Bindung
Das »Börsenblatt« ist nach wie vor die auflagen- und anzeigenstärkste Fachzeitschrift der Buchbranche. Auch im 21. Jahrhundert ist die Leser-Blatt-Bindung hoch, wie eine repräsentative Studie Mitte 2006 bestätigt hat. 48 Minuten pro Ausgabe widmet der durchschnittliche Leser der Lektüre.Wenn es einmal nicht erschiene, würden vier von fünf Lesern ihr Branchenmagazin sehr stark oder stark vermissen.
Dieser führte dazu, dass die Beiträge des Börsenvereins grundsätzlich erheblich niedriger lagen als bei allen vergleichbaren Verbänden.
1945 kam die Teilung Deutschlands. Georg Kurt Schauer, Mitarbeiter des Börsenvereins, zog 1945 mit dem berühmten Treck, der, bedingt durch die amerikanische kurzfristige Besatzungszeit Leipzigs, veranlasst wurde, gemeinsam mit anderen Verlagen wie Brockhaus und Breitkopf & Härtel nach Wiesbaden. Dort gründete er als Treuhänder das -»Börsenblatt« neu. Nachdem der Börsenverein zunächst als Börsenverein buchhändlerischer Landesverbände in Frankfurt neu gegründet worden war, übernahm der Verband auch wieder die Publikation des »Börsenblatts«, das nun mit dem Untertitel »Frankfurter Ausgabe« erschien. Die ersten Jahre erreichte es die Leser wöchentlich und in direkter Konkurrenz zur -Leipziger Ausgabe, die weiterhin in Leipzig herauskam. In Leipzig kehrte sehr schnell die komplette Zensur ein, und das »Börsenblatt« veröffentlichte nur noch Anzeigen der direkten Mitglieder des Börsenvereins der Deutschen Buchhändler zu Leipzig, wie er sich nach wie vor nannte, und im redaktionellen Teil absolut parteikonforme Beiträge.
Erster Chefredakteur des »Börsenblatts« in Frankfurt wurde der bisherige Treuhänder Georg Kurt Schauer, der auch an der Gründung der Deutschen Bibliothek maßgeblich beteiligt war, und später Geschäftsführer der Stiftung Buchkunst wurde. 1951 übernahm Berthold Hack die Redaktion, die er bis 1964 leitete. Er sorgte sich sehr um die typografische Weiterentwicklung des Blatts, erweiterte das Rezensionswesen und kümmerte sich vor allem um die Buchhandelsgeschichte. In diesem Zusammenhang begann 1956 das »Archiv für Geschichte des Buchwesens« als Teil des »Börsenblatts« zu erscheinen. Unter Hacks Ägide wurden thematische Sonderhefte eingeführt, die sich sowohl mit der Deutschen Bibliothek anlässlich der Einweihung ihres Neubaus 1958 als auch der Deutschen Buchhändlerschule, aber auch Themen wie der Buchwerbung widmete. Daneben betreute Berthold Hack gleichfalls die Buchwerbezeitschrift »Die Barke«, die von den vielen Beispielen wirtschaftlicher Erfolglosigkeit auf diesem Sektor zeugte. Von 1974 bis 1981 gab er die Beilage »Buchhandelsgeschichte« heraus.
Viele Jahre gab es im Börsenverein einen eigenen Ausschuss für die Verwaltung des »Börsenblatts«. Durften kritische Berichte oder Rezensionen zu Mitgliedsfirmen gebracht werden? Bis in die späten 1960er Jahre war es verboten, die Abkürzung DDR ohne Anführungsstriche zu bringen. Wann durfte, wann musste ein Jubiläumsartikel für einen Buchhändler, Verleger, zu welchem Geburtstag, von wem geschrieben, erscheinen? Dies ergab intensive Diskussionen. Es wurde natürlich eine Reformkommission berufen unter Vorsitz von Wilhelm Braun-Elwert, Roland Ulmer, Ludwig Muth, Dietrich Ruprecht, Kurt-Georg Cram und des dann amtierenden und eingesetzten Chefredakteurs Gerd Schulz. Diese legte nun fest, dass die Redaktion personell erweitert werden müsste, dass auch Polemiken zu Sachfragen aufgenommen werden dürften, wenn auch nicht überbetont. Um die Zeitschrift lebendiger zu machen, sollten schließlich die Berichte über Tagungen und Versammlungen auf das kürzest mögliche Maß zurückgeführt werden. Die typografische Gestaltung sollte ansprechender, der Eindruck der Langweiligkeit vermieden und verschiedene typografische Entwürfe eingeholt werden. Wirklich realisiert wurden diese Vorhaben erst ab 1975 – Zug um Zug. Zunächst einmal wurde die Leitung der Redaktion dem Leiter der Abteilung Information und Öffentlichkeitsarbeit des Börsenvereins, Alexander U. Martens, unterstellt, und Gerd Schulz, der bisherige Chefredakteur, wurde leitender Redakteur. Die Aktualität des Blatts nahm erheblich zu, die politischen Auseinandersetzungen auch. Im Rahmen der politischen Auseinandersetzungen, insbesondere auf der Frankfurter Buchmesse in der Zeit der Studentenunruhen, bezog das »Börsenblatt« mehr und mehr Stellung.
»Die Aktualität des Blatts nahm erheblich zu, die politischen Auseinandersetzungen auch. Das ›Börsenblatt‹ bezog mehr und mehr Stellung«
Der Anzeigenumfang stieg immer stärker an. Während in den 1960er Jahren noch zahlreiche Anzeigen mit beispielsweise acht oder auch 20 Titelmeldungen auf der Seite erschienen, wurde in den 1970er Jahren immer häufiger die ganze Seite für einen Titel verwendet. Insbesondere die Publikumsverlage buchten für ihre Neuerscheinungen ganze Anzeigenstrecken mit 16 oder 32 Seiten Umfang. Die Bebilderung nahm zu. Gleichzeitig verbreitete sich das »Börsenblatt« auch unter Journalisten und wurde intensiv gelesen. Das »Börsenblatt« wurde immer stärker zitiert und das wichtigste Instrument der Öffentlichkeitsarbeit des Börsenvereins. Der Anzeigenpreis blieb über viele Jahre ungewöhnlich moderat. Jahrelang war es möglich, für 350 DM die Seite zu belegen, als vergleichbare Zeitschriften bereits 2000 bis 2500 DM für eine ganzseitige Anzeige verlangten. Beim britischen »Bookseller« kostete sie neunmal so viel, die Seite bei »PublishersWeekly« in den USA war etwa 14-mal so teuer. Die Messe-Sondernummern des »Börsenblatts« wurden so umfangreich, dass man hier eine prohibitive Preispolitik einführte. Ab der vierten Seite mussten pro Anzeige 50 Prozent Aufschlag bezahlt werden.
Zu Beginn der 70er Jahre, 1975, entstand eine erste Konkurrenz auf dem deutschen Markt. In Düsseldorf erschien neu der »BuchMarkt«, der monatlich herauskam. Aufgrund seiner erfrischend unorthodox geschriebenen Artikel und vor allem seiner vielen Informationen, die man im »Börsenblatt« vergeblich suchte, fand er sehr schnell Zustimmung. Viele Verlage inserierten bewusst im »Buchmarkt«, um die Zeitschrift zu stärken. Dies entwickelte sich noch mehr, als dann Bodo Harenberg in Dortmund seinen »buchreport« gründete. Dieser kam zunächst als Newsletter heraus, entfaltete in der gesamten Branche eine beachtliche Wirkung und wurde zum Magazin weiterentwickelt. Das »Börsenblatt« sah sich zum ersten Mal einer echten Konkurrenz von Fachorganen gegenüber, was natürlich mit einem Rückgang der Anzeigen einherging.
Nach dem Ausscheiden von Alexander U. Martens kam als neuer Chefredakteur Hanns Lothar Schütz. Er aktualisierte und belebte das »Börsenblatt« ganz erheblich. Dieser Trend wurde unter seinen Nachfolgern Hendrik Markgraf und Torsten Casimir entsprechend fortgesetzt. Das Magazin hat 2003 den letzten umfassenden Wandel vollzogen und sich dem modernen Informations- und Leseverhalten angepasst. Die Printausgabe erscheint seither wöchentlich, Tag für Tag wird online über das aktuelle Branchengeschehen berichtet, ein kostenloser Newsletter fasst das Tages-geschehen zusammen und kommt per E-Mail ins Haus.
Das »Börsenblatt« ist aus der buchhändlerischen, aber auch aus der literarischen Diskussion heute überhaupt nicht mehr wegzudenken. Es hat eine breite Resonanz, die immer wieder in alle Presseorgane hineinreicht. Es wird vergleichsweise intensiv gelesen und findet große Aufmerksamkeit, vor allem bei den Bibliothekaren, sowohl im wissenschaftlichen wie im öffentlichen Bibliotheksbereich. Es spielt auch für den Export eine große Rolle. Zahlreiche ausländische Universitäts- und Staatsbibliotheken gehören zu den Abonnenten des »Börsenblatts«, aber beispielsweise auch der komplette japanische Buchhandel neben dem west- und mitteleuropäischen. Fast jedes Mitglied schimpft immer wieder auf das »Börsenblatt«, dass es ihm zu langweilig, zu unergiebig oder sonst etwas sei – verzichten würde keiner darauf.
Klaus G. Saur
Der Autor ist geschäftsführender Gesellschafter der Verlagsgruppe Walter de Gruyter und Vorsitzender der Historischen Kommission des Börsenvereins

