Kerr-Preisträger empfehlen© Palabra - Fotolia

Kerr-Preisträger empfehlen

Einmal im Monat geben bisherige Preisträger des Alfred-Kerr-Preises für Literaturkritik Empfehlungen zu Neuerscheinungen in- und ausländischer Autoren.

Der Alfred-Kerr-Preis wird vom Börsenblatt jährlich für herausragende Leistungen auf dem Gebiet der Literaturkritik verliehen und ist mit 5.000 Euro dotiert.
Die Alfred-Kerr-Preisträgerin des Jahres 2013 ist die Literaturwissenschaftlerin und Kritikerin Daniela Strigl.

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Ina Hartwig, geboren 1963 in Hamburg ,wuchs in Lüneburg auf. Sie studierte Romanistik und Germanistik in Avignon und Berlin. Ihre Dissertation „Sexuelle Poetik“, erschien 1998 im Fischer Verlag. 1997 wurde sie Literaturredakteurin bei der Frankfurter-Rundschau. Als freie Autorin arbeitet sie seit 2009 und schreibt weiterhin Literaturkritiken für die „Zeit“ oder die „Süddeutsche Zeitung“. Ina Hartwig wurde 2011 für Ihre Intellektualität und Leidenschaft als Literaturkritikerin mit dem Alfred-Kerr-Preis ausgezeichnet. Clemens Meyer bezeichnet Hartwig in seiner Laudatio als eine passionierte Literaturkritikerin.

Empfehlung

Uwe Kolbe

Vinetas Archive. Annäherungen an Gründe

Wallstein , 224 S. , 19,90 EUR , ISBN: 978-3-8353-0882-4

Die Hoffnung sei das schlimmste Übel gewesen aus der Büchse der Pandora namens DDR, schreibt der Lyriker Uwe Kolbe in seiner spielerisch-ironischen, aber auch sehr ernsten Essaysammlung, die zu den Perlen des Bücherfrühlings zählt. Die Verheißung eines besseren, wahren Sozialismus hatte auch er gekannt. »Vinetas Archive« erzählen vom rauschhaften Abfall von der Utopie. Glasklar.

Dorothea von Törne, 1948 in Berlin geboren, wurde 2010 mit dem Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik ausgezeichnet. Sie hat Germanistik und Anglistik studiert. Sie schreibt Beiträge über deutschsprachige und internationale Lyrik und Prosa für verschiedene Zeitungen, unter anderen für die »Welt« und den »Tagesspiegel«. Sie hat eine Brigitte-Reimann-Biografie veröffentlicht, die im Jahr 2000 bei Aufbau erschienen ist. Dorothea von Törne lebt in Berlin.

Empfehlung

Kathrin Schmidt

Blinde Bienen. Gedichte

Kiepenheuer & Witsch, 80 Seiten, 16,95 EUR , ISBN: 978-3-462-04193-4

Die Überlebende in der Lakengruft befreit sich mit allen Sinnen aus Zuständen gegenwärtigen und erinnerten Eingeschnürtseins. Ihre selbstironischen Verse gleichen einer vorläufigen Lebensbilanz in wortschöpferisch variierenden Echos. Bei allen miteinander verwobenen Sprachklängen und Bildern bauen sie auf umgangssprachlich saloppe Rede und Mutterwitz. Lachen und Grauen liegen dicht beieinander.

Maike Albath (Deutschlandradio)
Maike Albath, geboren 1967, ist promovierte Romanistin und arbeitet für das Deutschlandradio. Sie lebt als Literaturkritikerin und Journalistin in Berlin. 1997 wurde sie mit dem Joachim-Tiburtius-Preis ausgezeichnet, 2002 erhielt sie den Alfred-Kerr-Preis.

Empfehlung

Edmundo Desnoes

Erinnerungen an die Unterentwicklung

Suhrkamp, 154 Seiten, 13,80 EUR , ISBN: 978-3-518-22435-9

Das Tagebuch eines Müßiggängers: knapp, ironisch und mit lustvoller Schärfe nimmt der Ich-Erzähler sein kubanisches Leben unter die Lupe und schildert seine private Lage kurz nach der Revolution. Erotische Verwicklungen können das Unbehagen nur kurzzeitig überdecken. Er ist ein Fremder im eigenen Land.

Gregor Dotzauer (Der Tagesspiegel)
Gregor Dotzauer, Jahrgang 1962, arbeitete dem Studium der Germanistik, Philosophie und Musikwissenschaft unter anderem für »FAZ«, »Süddeutsche« und »Zeit«. Seit 1999 ist er Literaturredakteur des Berliner »Tagesspiegel«. 2009 erhielt er den Alfred-Kerr-Preis.

Empfehlung

Tom McCarthy

8 1/2 Millionen

Diaphanes, 320 Seiten, 19,90 EUR , ISBN: 978-3-03734-055-4

Was tut einer, der bei einem Unfall sein Gedächtnis verloren hat und mit 8,5 Millionen englischen Pfund Entschädigung in die Leere seines posttraumatischen Lebens entlassen wird? Rund um seine Erinnerungsreste baut er Kulissen und engagiert Schauspieler, die ihm seine Welt zurückbringen sollen. McCarthy erzählt von authentischer Erfahrung aus zweiter Hand – philosophisch gewitzt und mit leichter Hand.

Hubert Winkels (Deutschlandfunk)
Hubert Winkels, 1955 geboren, studierte Germanistik und Philosophie und promovierte über deutsche Gegenwartsliteratur. Er war Fernsehmoderator beim SWR und bei 3sat. Seit 1988 schreibt er Literaturkritiken für die »Zeit«, seit 1997 ist er Literaturredakteur beim Deutschlandfunk in Köln. Hubert Winkels erhielt 2007 den Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik.

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A. J. Liebling

"Die artige Kunst"

Berenberg, 168 Seiten, 19,00 EUR

Beim Boxen kann jeder nach oben kommen – und wieder abstürzen. Liebling schaut den Schwergewichtlern bei der Arbeit über die Schulter, schildert die Schönheit eines rechten Hakens, mischt sich unters Publikum und liefert nebenbei eine kleine Kulturgeschichte des Faustkampfs. Seine Reportagen sind hinreißende Heldengesänge aus dem Ring.

Hubert Spiegel (FAZ)
Hubert Spiegel, geboren 1962, war der Alfred-Kerr-Preisträger 2005. Der Germanist ist seit vielen Jahren Redakteur bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Empfehlung

Thomas Bernhard

Meine Preise

Suhrkamp, 139 Seiten, 15,80 EUR , ISBN: 978-3-518-42055-3

Die Literaturpreisverleihung als Dichterfolter – das ist das Thema des letzten Buches, das Thomas Bernhard seinem Verleger Siegfried Unseld versprochen hatte. Jetzt ist es aus dem Nachlass erschienen, eine Sammlung von auto-biografischen Texten, die kunstvoll und leidvoll belegen, dass Ruhmeslorbeer und Almosen im Dichterleben oft kaum voneinander zu unterscheiden sind.

Lothar Müller (Süddeutsche Zeitung)
Lothar Müller wurde 1954 geboren und ist Redakteur im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung mit Sitz in Berlin. Nach einer Dozentur für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der FU Berlin. arbeitete er als Redakteur im Literaturblatt der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Den Alfred-Kerr-Preis erhielt Müller im Jahr 2000, im Jahr 2008 den Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay, 2013 den Berliner Preis für Literaturkritik.

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Szilárd Rubin

Kurze Geschichte von der ewigen Liebe

Rowohlt Berlin, 220 Seiten, 17,90 EUR , ISBN: 978-3-87134-631-6

Der Roman gehört zur Gattung der Schaukelbücher, in denen den Abwärtsbewegungen der Geschichte die Aufwärtsbewegung des Tons gegenübersteht. Murmelt der Held: »Orsolya liebt mich«, fügt er hinzu: »Es klang wie das Glaubensbekenntnis eines Papageis.« 1963 kam diese Papageienschaukel in Ungarn heraus. Der Autor des Buchs, in dem noch Kut­schen durch die pannonische Nacht fahren, lebt in Budapest.

Burkhard Müller (Süddeutsche Zeitung)
Burkhard Müller, 1959 geboren, studierte Deutsch und Latein in Würzburg, wo er mit einer Arbeit über Karl Kraus promovierte. 1993 wurde er Dozent für Latein an der Technischen Universität Chemnitz. Seit 1996 arbeitet er zusätzlich als Kritiker, vor allem für die »Süddeutsche Zeitung«.

Empfehlung

Bendixen, Katharina

Der Whiskyflaschenbaum

Poetenladen, 20,5 x 13,5 cm, 15,80 EUR , ISBN: 978-3-940691-07-1

Plötzlich kommt ein Kind unbestimmbaren Geschlechts mit Latzhose und riesiger Kamera in den Garten und fotografiert einen. »Bevor du mich fotografierst, solltest du mich fragen, ob ich etwas dagegen habe.« »Mama hat gesagt, ich soll nicht fragen.« Das kommt leise und doch unheimlich daher. Die raffiniert schlichte Sprache in den häuslichen Geschich-ten der jungen Leipziger Autorin Katharina Bendixen lässt ahnen, dass hier überall etwas tief nicht in Ordnung ist.

Meike Feßmann (Süddeutsche Zeitung)
Meike Feßmann, 1961 geboren, studierte Germanistik, Philosophie und Theaterwissenschaften in München und Berlin und promovierte 1991. Sie lebt als freie Literaturkritikerin und Essayistin in Berlin. Sie schreibt für die »Süddeutsche Zeitung« und den »Tagesspiegel«.

Empfehlung

Matias Faldbakken

Unfun. Skandinavische Misanthropie III

Bumenbar, 270 Seiten, , 19,90 EUR , ISBN: 978-3-936738-51-3

Eine skandinavische Anarchistin mit afrikanischem Vater, ihr Ex-Mann Slatkus, der seine Energie in die Entwicklung eines Slasher-Games steckt, und ihre nichtsnutzigen Söhne stehen im Zentrum dieses abgedrehten Familienromans. Den perfi-den Mix von Gewalt- und Befreiungsdiskurs, typisch für die Gamer-Szene, trifft der 1973 geborene Autor äußerst genau und überführt ihn in einen Slapstick von grausiger Komik.

Paul Ingendaay (FAZ)
Paul Ingendaay, 1961 geboren, war mehrere Jahre Redakteur im Literaturblatt der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« und lebt inzwischen als deren Kulturkorrespondent in Madrid. 1997 erhielt er den Alfred-Kerr-Preis und 2006 den Aspekte Literaturpreis für sein Prosadebüt.

Empfehlung

Kappacher, Walter

Der Fliegenpalast

Residenz, 20,5 x 12,5 cm, 17,90 EUR , ISBN: 978-3-7017-1510-7

1924 begegnet der alternde Hugo von Hofmannsthal im Kurort Fusch seinem jüngeren Selbst wieder, erinnert sich an Verlorenes und schaut zitternd in eine ungewisse Zukunft, die keine Meisterwerke mehr verheißt: Walter Kappachers Künstlerroman erzählt mit tiefer Einfühlung und in wunderbar nachhallenden Sätzen von der Lebenssuppe, in der alle schwimmen, die Kleinen wie die Großen.

Ulrich Weinzierl (Die Welt)
Ulrich Weinzierl, geboren 1954, promovierte über Alfred Polgar und lebt als Autor, Journalist und Literaturkritiker in Wien. Er schreibt unter anderem für die »Welt«. Er ist der Kerr-Preisträger von 2001. 2009 wurde ihm der Preis der Frankfurter Anthologie übergeben.

Empfehlung

Fabjan Hafner

Peter Handke. Unterwegs ins Neunte Land

Zsolnay, 384 Seiten, 24,90 EUR , ISBN: 978-3-552-05427-1

Einen besseren Interpreten konnte Handke nicht finden als diesen Lyriker, Übersetzer und Literaturwissenschaftler. Ungemein präzise analysiert der Kärntner Slowene Hafner Handkes Texte und Mentalität, die Wege und Abwege auf der Suche nach dem verlorenen Sehnsuchtsreich des Slawischen, des Slowenischen. Die Handke-Forschung ist um ein gutes, ein phrasenloses Stück weitergekommen.

Andreas Nentwich (Freier Publizist)
Andreas Nentwich, geboren 1959, war Literaturkritiker für SZ, Zeit und NZZ und Redakteur bei »du«. Seit 2008 ist er Redakteur der schweizer Wochenzeitschrift »Sonntag« sowie freier Publizist und lebt in Zürich.

Empfehlung

Franz Tumler

Der Mantel

Suhrkamp, 235 Seiten, 15,80 EUR , ISBN: 978-3-518-22438-0

Ein Mann erzählt vom Erwerb und Verlust eines Mantels. Unter dem Zwang, kein Detail zu verlieren, verlieren sich die Gewissheiten über den Vorgang. Die Details unterdessen lassen Landschaft entstehen, verlorene Lieben, falsche Leben, eine ganze Stadt mit ihren Schicksalen. Sie verschränken sich zum magisch leuchtenden Text, der auch 50 Jahre nach Erscheinen frisch ist wie Morgentau.

Felicitas von Lovenberg (FAZ)
Felicitas v. Lovenberg, geboren 1974, studierte Neuere Geschichte in Bristol und Oxford. Bei der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« ist sie verantwortliche Redakteurin für Literatur und Literarisches Leben. Im SWR-Fernsehen moderiert sie regelmäßig die Sendung „Literatur im Foyer“. Ihre Arbeit wurde 2003 mit dem Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik gewürdigt.

Empfehlung

Claudio Magris

Ein Nilpferd in Lund. Reisebilder

Carl Hanser, 221 Seiten, 17,90 EUR , ISBN: 978-3-446-23086-6

In »Ein Nilpferd in Lund« überschreitet Claudio Magris Grenzen und Epochenschwellen – indem er erzählt, wie es ihm in Spanien, Russland, Tschechien und Polen, Vietnam oder Mexiko-Stadt ergangen ist. Reisen seien »Wege ohne Wiederkehr«, sagt Magris, die Entdeckung, dass es Wiederkehr nicht geben kann – außer in die Literatur, wie der beglückte Leser dieses welthaltigen Buches erleben darf.