Meinung

Bloß kein blanker Busen!

Was man nicht abbildet, das gibt’s auch nicht? Mladen Jandrlic hat Zweifel. VON MLADEN JANDRLIC

Mladen Jandrlic, Chef der Literaturagentur Books & Rights in Zürich

Mladen Jandrlic, Chef der Literaturagentur Books & Rights in Zürich © Stefan Hauck

Kinderbücher unterhalten und belehren, erziehen und verwirren, bringen ihr Publikum zum Lachen und zum Staunen. Und sie werden von Optimisten gekauft, die unerfreuliche Themen, ungemütliche Bilder und unangenehme Fragen von ihren Kindern fernhalten wollen, indem sie ihnen den Zutritt zum Buch verwehren. Das ist vielleicht nicht nur optimistisch, sondern auch reichlich naiv. Verlage wissen das und spielen mit: Kein Streit auf dem Cover – und wenn doch, dann mit einem klaren Hinweis auf die Versöhnung am Schluss. Keine Trennung – es sei denn, man kommt irgendwie wieder zusammen oder Mamas neuer Freund ist netter als Papa. Was nur auf den ersten Blick sein darf – auf den zweiten ist Papa genauso nett, und am Ende wird ein großes Fest gefeiert wie bei Asterix. Dieser Optimismus wird erst richtig lustig, wenn man über die Landes- und Marktgrenzen schaut: Bilderbuchamerikaner glauben offenbar, dass bei Berners Wimmelbilderbuch mit einer politisch korrekten und anatomisch verkehrten Retusche an einer Menschendarstellung heutige Kinder zu späteren Pornografiegegnern werden. Weitere Beispiele? Der kleine Hase in »Ich kann das!« hat zu viel und zu hastig gegessen. Nun hat er Bauchzwicken und muss dringend auf Toilette. So hatte ihn die Illustratorin denn auch gezeichnet: von der Seite auf der Toilette, die Beinchen in der Luft baumelnd, den grimmigen Blick auf den Betrachter gerichtet. Das Buch sollte auch in den USA erscheinen – aber es gab einen Einwand: »The picture of the rabbit in the bathroom is too aggressive«! Die Illustratorin hat daraufhin ein neues Bild gemalt: Die Tür zum Badezimmer ist zu, und nur der davor wartende Teddy ist ein Hinweis auf den Hasen drinnen. Ein Messer, das in einer Bilderbuch-Bäckerstube von der Wand hing, wurde als zu »gefährlich« eingestuft und trug dazu bei, dass das Buch nicht in den USA erscheinen konnte. Eine von Lisbeth Zwerger illustrierte Kinderbibel durfte in den USA erst erscheinen, nachdem – Photoshop sei Dank! – Evas lange Haare über ihren Busen gelegt wurden. Und der kleine Punkt unter dem Kaninchenschwänzchen der Serienfigur Pauli musste für die US-Ausgaben mit lästiger Regelmäßigkeit wegradiert werden. Der Fairness halber muss ich erwähnen, dass es nicht immer die Amerikaner sind. Vor ein paar Jahren habe ich einen niederländischen Erstleseroman bearbeitet: Papa ist ausgezogen, eines Abends kommt ein Mann zu Besuch und setzt sich zu Mama aufs Sofa, sie plaudern und lachen. Das Problem: Mamas Rock war zu kurz. Was in Amsterdam als der Situation und Tageszeit angemessen empfunden wurde, rief in Zürich und Hamburg ein Naserümpfen hervor. Durch Photoshop bekam Mama einen züchtigeren Rock, und die deutschsprachigen Optimisten waren zufrieden. Dass Kinderbücher die Nähe zum jeweiligen kulturellen Hintergrund suchen, ist verständlich, und dies sollte, gelegentliche Absurditäten hin oder her, mit Gelassenheit betrachtet werden. Trotzdem: Wo derlei Bedenken Vorurteile und überkommene Ansichten zementieren helfen, anstatt sie mit Neugier und Humor zu überwinden, wünscht man sich mehr Mut – und etwas weniger Optimismus.

Schlagworte:

3 Kommentar/e

Diskutieren Sie mit ...

  • Hera

    Hera

    Herr Jandrlic,
    Sie sprechen mir aus der Seele.
    Was mich aber sehr ärgert, ist die Tatsache, dass in den USA ohne weiteres Waffen(auch von Kindern und Judendlichen) erworben oder zumindest benutzt werden können und werden(siehe die Amokläufe in den Schulen etc.).
    Der Hass, der gepredigt wird auf andere Kulturen, Die Kreuzugkultur (natürlich im Namen der Terrorbekämpfung, die Bilder im Fernsehen über die Kriege usw., das alles stellt für mich mehr Potenzial für die Felleitung von Kinder und Jugendlichen dar, als ahrmlose Darstellungen in Kinderbüchern.
    Man kann vieles mit Humor sehen, aber wenn es nur noch lächerlich wird, ist es auch bei mir mt dem Humor vorbei.
    Ein Hoch auf die verklemmte und bigotte Sichtweise.
    Mut? Den sucht man wirklich vergebens

  • Alka S.

    Alka S.

    Hallo Hera,

    jetzt muß ich doch einmal fragen, was Dich zu solch einem Kommentar treibt.

    Aus meiner Sicht stellt sich die Sache so dar: Die US-Amerikaner sind uns zwar kulturell recht nahe, aber eben nicht identisch. Das bedeutet für mich aber nicht, daß meine Wertvorstellungen den anderen überlegen sind. Jetzt wirst Du mir vermutlich vorhalten, daß man nicht eine -übrigens für uns beide- harmlose Sache (Darstellung von anatomischen Details ) verbieten kann, und dafür eine andere (vgl. Waffen) so akzeptieren darf (von deutschen Jugendlichen und ihren Amokläufen will ich hier gar nicht reden).

    Aber das ist bereits eine Wertung aus Deinem kulturellen Verständnis heraus. Für jemanden anderes mag sich diese Wertung ganz anders darstellen.

    Du solltest also mal in Dich gehen und prüfen, ob Deine Wertvorstellungen stringent durchgehalten sind, und falls nicht, diese korrigieren. Wenn Du dann immer noch der Meinung bist, daß andere Vorstellungen falsch sind, dann hilft Überzeugungsarbeit vermutlich mehr, als Gift und Galle zu spucken (was sich übrigens reichlich negativ auf Deine Rechtschreibung auswirkt).

    Falls Du an Dir selbst jedoch keinen Fehler finden kannst, und ich nur einfach völlig falsch liege, dann gib mir bitte einen Freifahrtschein um den Asiaten die Stäbchen beim Essen zu verbieten. Eine solche kulturelle Minderleistung in unserer hochtechnisierten Zeit ist nämlich inakzeptabel.

    LG
    Alka

  • Teresa

    Teresa

    Also, so ein Theater!
    An Alka die Bemerkung, dass doch auf eine gewisse Höflichkeit zu achten ist. Einfach jemand zu duzen ist eine Frechheit. Erst mal selbst in sich gehen, bevor man andere kritisiert. Außerdem ist es doch möglich, jedem seine Meinung zu lassen. Ihre Antwort hinsichtlich Hera´s Bemerkung ist unsachlich und fast schon beleidigend.

    Man muss nicht in allem konform sein, aber eine gewisse Berechtigung hat die Anmerkung von Hera.
    Mir scheint, dass einige entschieden zu dumm sind um freie Meinungsäußerung gelten zu lassen und sich auf ebenfalls niedrigem Niveau begeben.

    • Informationen zum Kommentieren

      Bitte kommentieren Sie zur Sache. Aggressive, polemische und beleidigende Kommentare werden nicht veröffentlicht. Wir werden Ihren Kommentar so schnell wie möglich freischalten. Hier lesen Sie unsere Netiquette.

    • Mein Kommentar

      Bitte kommentieren Sie zur Sache. Aggressive, polemische und beleidigende Kommentare werden nicht veröffentlicht. Wir werden Ihren Kommentar so schnell wie möglich freischalten. Hier lesen Sie unsere Netiquette.

      Ihr Profilbild können Sie über den externen Dienst Gravatar einbinden.

      (E-Mail wird nicht veröffentlicht)
      CAPTCHA image
      Wenn Sie die Buchstabenkombination nicht entziffern können, erhalten Sie durch Klick auf die Buchstaben eine neue Kombination.

      * Pflichtfeld