Verlage

Die Tropen-Tour

Michael Zöllner: Er ist Verleger, Lektor, Übersetzer, Buchgestalter in einem – und vor allem leidenschaftlicher Leser. Den Tropen Verlag hat der Kölner mit Verve und Phantasie zu einer ersten Adresse für die Literatur gemacht. Ein Porträt, erschienen in BÖRSENBLATT 2 / 2004. VON TEXT: NILS KAHLEFENDT, FOTOS: PETER RIGAUD

Michael Zöllner (links) und Christian Ruzicska

Michael Zöllner (links) und Christian Ruzicska © Peter Rigaud

Bücher des Tropen-Verlags

Bücher des Tropen-Verlags © Peter Rigaud

Vom Büro des Tropen Verlags zum Taxifahrer- Büdchen am Brüsseler Platz sind es nur ein paar Schritte. Wenn sich Michael Zöllner dort einen frisch gebrühten Kaffee holt, kommt es vor, dass die Jungs aus der Nachbarschaft den hoch aufgeschossenen Verleger zum Streetbasketball einladen. Nebenan im Hallmackenreuther, einem charmanten Bistro im 60er-Jahre-Stil, wird Zöllner ebenfalls freundlich begrüßt. Man kennt sich: Die Autorenabende des Tropen Verlags lassen den Veranstaltungskeller des Kölner Szene-Treffs regelmäßig aus allen Nähten platzen – auch ohne Werbung. Der Brüsseler Platz ist das grüne Herz des Belgischen Viertels, entspannte Vorstadt-Atmosphäre mitten in Köln. Der Blick auf Backsteinkirche und grüne Baumwipfel ist Lehrern, Werbern oder Fernsehleuten, die im nahen Media Park oder beim WDR arbeiten, eine ganze Stange Geld wert. Mancher Investor bekommt da glänzende Augen. Als der »Kölner Stadtanzeiger« vom geplanten Kahlschlag des Platzes berichtet – 40 alte Straßenbäume, so munkelte man, sollten einer gigantischen »Außengastronomie« weichen –, initiiert Michael Zöllner eine Bürgerinitiative für den Erhalt der Idylle. Keine große Sache, eher »direkte Demokratie«, beschwichtigt der Verleger und grinst in seinen Milchkaffee. Es ist eigentlich ganz einfach: Er lebt gern hier. Die besondere Schwingung von Orten ist das eine. Doch Verlagsgeschichten wie die des Tropen Verlags sind oft auch Freundschaftsgeschichten. Die zwischen Michael Zöllner und Christian Ruzicska beginnt 1998 – aus nahe liegenden Gründen in einer Buchhandlung. Zöllner, ursprünglich für Germanistik und Kunstgeschichte in Köln eingeschrieben, studiert Typografie an der Düsseldorfer Kunstakademie und gibt nebenher eine kleine Kunstbuchedition heraus. Die Auflagenhöhe übersteigt selten zwei, drei Dutzend Exemplare; Bestellungen nimmt der Akademiepförtner entgegen. Ruzicska jobbt neben seinem Germanistik- und Philosophiestudium in der akademienahen Buchhandlung Rudolf Müller. Eine auffällige Erscheinung, meistens mit Hut – und ganz offensichtlich ein Verkaufsgenie. »Christian hatte die Eigenschaft, einem Bücher zu empfehlen, die man zwar nicht lesen wollte – am Ende aber lesen musste, um beim nächsten Besuch darüber diskutieren zu können.« Selbst gewählte Wege Vieles ist Zöllner so nahe gebracht worden, bis Ruzicska eines Tages ganz direkt auf ihn zuging: »Du machst doch diesen Verlag? Sollen wir nicht mal Bratkartoffeln essen gehen?« Bratkartoffeln, ein paar Kölsch und kühne Pläne – man kennt das. Aber Zöllner, Ruzicska und der Schriftsteller Leander Scholz, der, bevor er sich ganz dem Schreiben widmet, zu den Gründern des Tropen Verlags gehört, wissen, wie Bücher in die Welt kommen. Sie sind nicht nur Verleger, Lektoren und Hersteller in Personalunion, sie übersetzen auch selbst: Ruzicska aus dem Fanzösischen, Zöllner aus dem Englischen und Amerikanischen. Eine so ungewöhnliche wie glückliche Kombination von persönlichem Know-how. Und ein wenig auch der Versuch, vorgezeichnete Lebensläufe zu überlisten. Zöllner etwa hätte als Meisterschüler einer Kunstakademie kaum die Chance gehabt, in die Verlagsbranche zu wechseln. Der eigene Verlag ist für ihn eine neue »Kommunikationsplattform«; die einmalige Chance, sich »über selbst gewählte Wege und Motivationen zu qualifizieren«. Zöllner und Ruzicska wollen die Bücher verlegen, die sie selbst gern lesen. Texte, die Sprachgrenzen überschreiten, literarisches Neuland erobern. Und sie wollen, was in manchen Kleinverlegerkreisen schon fast suspekt ist: kommerziellen Erfolg. Ist das schlicht Naivität? Oder der Schuss gesunder Größenwahn, ohne den am Ende nichts läuft? Die beiden starten in einer schwierigen Zeit: Als sie um 1998 die ersten Bücher herausbringen, hebt der »Spiegel« die blechtrommelnden Enkel von Grass & Co. aufs Cover; wenig später kassieren nicht wenige von Zöllners Altersgenossen unter dem Label »Pop- Literatur« Riesenvorschüsse für die Weg-Zeit- Diagramme der eigenen Adoleszenz. Zöllner und Ruzicska halten dagegen. Sie entwickeln ein neues Verlagsprofil, das einem sich offenkundig wandelnden Leseverhalten Rechnung trägt: So sorgt der Tropen Verlag zunächst nicht mit dickleibigen Romanen, sondern mit günstigen Originaltaschenbüchern über Computerhacker, Skater und Streetbasketball für Furore. Das Tropen-Flaggschiff aber sind die »Trojanischen Pferde« – die gebundenen belletristischen Bücher der Kölner. Längst sind die Umschläge mit dem ins Auge springenden Strichcode – Zöllner nennt sie scherzhaft »frisierte Suhrkamp- Streifen« – zum Markenzeichen geworden: Exoten einer Buchlandschaft, in der Originalität gemeinhin als Risikofaktor gilt. Mit Harald Schmidt beim Italiener Zöllner, der bei der holländischen Typografie-Legende Walter Nikkels studiert hat, legt großen Wert auf die sorgfältige Innenausstattung der Bücher, auf neue, schöne, auch ungewöhnliche Schriften. Zwischen den Buchdeckeln der »Trojanischen Pferde« versteckt sich meist mehr als eine gute Geschichte. Nach Autoren aus den USA, Frankreich, Deutschland, Österreich, Argentinien und Island haben die Kölner im kommenden Frühjahr mit Wenedikt Jerofejews Frühwerk »Aufzeichnungen eines Psychopathen« ihren ersten Russen im Programm. Wie, so fragt man sich, ist das zu schaffen – ohne Scouts, ohne Heerscharen von Gutachtern? Statt über die Haifischmentalität der Branche zu lamentieren, werfen sich die Kölner mit Herzblut und Phantasie ins Geschäft. So gelingt es ihnen nicht nur, Autoren zu entdecken, die durch die Schleppnetze der großen Konzerne geschlüpft sind – sie können sie auch halten. Manchmal heißt es allerdings einfach nur: schnell sein. Nur wenige Tage, nachdem Harald Schmidt »Inzest« der Französin Christine Angot für eine Reich-Ranicki-Parodie in die Kamera gehalten hatte, trafen Zöllner und Angot den Entertainer am Tresen eines Kölner Italieners. Der Verleger stellte seine Autorin vor, Schmidt kalauerte, bestens gelaunt, in schlechtem Französisch – und lud Angot postwendend in seine Show ein. Nach dem Verkauf der Taschenbuchrechte an »Inzest« zog der Tropen Verlag von einem Industriehof auf dem ehemaligen Henkel-Gelände, wo man beim nächtlichen Vorschau- Texten die Transaktionen zwielichtiger Autoschrauber beobachten konnte, in die Kölner Innenstadt. Hohe, stuckverzierte Räume in der Beletage eines verwitterten Gründerzeithauses: Die drei Stockwerke über dem Büro sind leer – Einsturzgefahr. Telefonklingeln, Computersummen – alle Türen sind weit geöffnet. Zöllner, der anfangs fürchtete, dass »hier jeden Tag 1 000 Leute zum Kaffeetrinken kommen«, genießt die Arbeitsatmosphäre. Es bereitet ihm sichtlich Spaß, ohne Punkt und Komma von einem Adorno- Zitat zu Fördermodellen für kleinere Verlage zu springen; zwischendurch doziert er schon mal über die unterschiedlichen Fahreigenschaften von Long- und Streetboards. Manchmal sieht man ihn selbst auf so einem Brett ins Büro rauschen. Aber stehen sich der Verleger, Übersetzer, Buchgestalter und leidenschaftliche Leser Michael Zöllner nicht manchmal im Weg? Die strenge Teilung zwischen Arbeits- und Privatleben scheint auf spielerische Weise aufgehoben; für Zöllner ist ein Wochenende eher »ein entspannterer Werktag«. Von der Kunstszene mit ihren »Sektkelch- Zeremonien« hat sich Zöllner verabschiedet – sein Interesse für bildende Kunst ist wach geblieben. Seine Künstler-Freunde – mit einigen hat er schon die Schulbank gedrückt – sind ihm wichtig. Ein Verlag, zitiert Zöllner Inge Feltrinelli, muss ein offenes Haus sein – so versteht auch er seinen Beruf. »Man ist nicht, wie ein Galerist, ›Meta-Künstler‹ – sondern noch viel stärker in den Diskurs verstrickt. Man muss neugierig sein, bereit, sich auf neue Ideen wirklich einzulassen. « Wer dieses Kunststück schafft, wird reich belohnt. Ist es nicht fast wie damals, als der Akademie-Pförtner die Buchbestellungen entgegennahm? »Es war ein verrücktes Gefühl, eine Rechnung zu schreiben, ein Buch zu verpacken und es zu verschicken. Dieser Mensch kriegt jetzt von mir ein Buch? Das war ein starker Moment – über Bücher, über Ideen auch mit ganz fremden Menschen kommunizieren zu können.« Zur Person: Michael Zöllner, geboren am 25. Mai 1969 im baskischen San Sebastian, kam mit fünf Jahren nach Deutschland und ist in der Nähe von Köln aufgewachsen. Nach Abitur und Zivildienst studierte er von 1990 bis 1996 Germanistik, Kunstgeschichte und Philosophie in Köln, daneben an der Düsseldorfer Kunstakademie freie Malerei und Buchgestaltung sowie Schriftentwurf in Den Haag. Seit 1992 arbeitete Zöllner als freier Hersteller für verschiedene Kunstbuchverlage. 1996 wurde er in Düsseldorf Meisterschüler bei dem Typografen Walter Nikkels – in jenem Jahr erschien auch das erste Buch des Tropen Verlags.

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