Interview

"Das Wasser steht jetzt nicht bis Oberkante Unterlippe, aber immer noch bis zum Hals."

Die vor drei Jahren durch einen Brand zerstörte Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar wurde vergangene Woche wiedereröffnet. Lesen Sie hier mehr zur Rede von Bundespräsident Horst Köhler und zur künftigen Rolle der Bibliothek in einem Interview mit Bibliotheksleiter Michael Knoche. VON JüRGEN RICHTER

Horst Köhler bei der Führung durch die wiedereröffnete Anna-Amalia Bibliothek

Horst Köhler bei der Führung durch die wiedereröffnete Anna-Amalia Bibliothek © Jürgen Richter

Zum Besten, was einem Buch passieren kann, gehört die Plazierung im Regal der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek. Hier erlebten vor drei Jahren rund 50.000 Druckwerke aber auch das Schlimmste, was einem Buch passieren kann: Sie verbrannten. Die schnelle Wiederherstellung des historischen Weimarer Bücherschlosses, das gleichrangig neben den Bibliotheken von Den Haag, Oxford oder Saragossa steht, dürfte heute auch ein schlechtes Gewissen ausdrücken, denn die Feuerkatastrophe war durch die bekannten Mängel an Bausubstanz und Brandschutz in der zur Stiftung Weimarer Klassik gehörenden Immobilie erst möglich geworden. Dass die Brandverluste eine Lücke ins Gedächtnis der ganzen Nation gerissen haben, daran erinnerte Bundespräsident Horst Köhler bei der feierlichen Eröffnung des restaurierten Gebäudes. Er würdigte die Macht der Bibliothekare als Hüter des niedergeschriebenen Wissens und ihren Kampf gegen das Vergessen. Und er wertete das Lesen als Metapher für das Verstehen schlechthin, um überzuleiten zum Buch als Ort, an dem die Welt durch Zeichen und Schrift der Vernunft zugänglich wird. Als Kollegen Goethes, der 35 Jahre die Bibliothek des Weimarer Fürstenhauses geleitet hatte, würdigte Köhler die Bibliothekare. Bei einem Treffen mit 14 von ihnen habe er von einer Vielzahl von Ideen und Projekten wie dem Sommerleseclub mit 150 beteiligten Häusern erfahren. Die Bibliotheken seien weder Last noch Luxus, sondern die entscheidenden Bildungsorte neben den Schulen. Und er bescheinigte ihnen, dass sie meist in guter Ordnung aber in schlechter Verfassung seien. Dringenden Handlungsbedarf sah der Präsident bei der Massenentsäuerung des holzhaltigen Papiers aus der Zeit von 1830 bis 1990 und der Prävention von Schäden durch eisenhaltige Tinte. Auch die Langzeitspeicherung von elektronischen Medien mahnte er an. Deshalb sei eine Korrektur fällig bei der Finanzierung, die bei vielen Instituten nicht mehr für die Bewahrung und Erschließung ihrer Bestände ausreiche. Kulturstaatssekretär Bernd Neumann kündigte für die Stiftung Weimarer Klassik eine Initiative zur Erhöhung der institutionellen Förderung um 20 Prozent an und versprach die schrittweise Verbesserung der baulichen Situation. Als Gastgeschenk brachte er 220.000 Euro mit für die Restaurierung des rund 950 Briefe umfassenden Schriftwechsels von Goethe und Schiller, der im benachbarten Archiv verwahrt wird und zur Hälfte als akut gefährdet gilt. Bibliotheksleiter Michael Knoche hob die Ausstrahlung des historischen Rokokosaals in Zeiten austauschbarer Räume hervor. Neben dem neuen Studienzentrum werde die Alte Bibliothek als Ort für die wertvollen Sondersammlungen Besuchern und Nutzern offenstehen. Börsenblatt: Herr Knoche, im historischen Gebäude der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothke wurde der schon vor dem Brand veränderte bauliche Zustand von 1850 wiederhergestellt. Gilt das auch für den Bestand der hier künftig verwahrten Bücher? Knoche: In der Mitte des 19. Jahrhunderts, als mit dem Coudray-Anbau der endgültige Zustand der alten Bibliothek abgeschlossen war, standen rund 130.000 Bücher in den Regalen. Der Bestand ist dann noch gewachsen. Wir streben heute die ursprüngliche Aufstellung im Rokoko-Saal an. Dazu müssen auch die Lücken der Brandverluste geschlossen werden. Börsenblatt: Das Weimarer Bücherschloss hat vom Brand bis zur Wiedereröffnung eine beeindruckende Medienresonanz ausgelöst. Wird das Gebäude in Zukunft noch eine Rolle spielen bei Events, wird es vielleicht bei einem Krimi wie „Name der Rose“ die Kulisse geben? Knoche: Wir wollten hier eine einmalige Aura wieder herstellen, einen Teil des klassischen Weimar wieder erlebbar und nicht nur eine tolle Location verfügbar machen. Mit Events wird die Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek sicher nicht verheizt werden. Aber sie wird auch für besondre Ereignisse erschlossen werden. So haben wir in der Woche der Wiedereröffnung hier ein zeitgenössisches Musikstück uraufgeführt, die 60 verfügbaren Plätze waren umgehend ausverkauft. Wir hätten sie auch über mehrere Wochen besetzen können. Börsenblatt: Sind die hier aufgestellten Kostbarkeiten Objekte der Bewunderung, oder stehen sie auch zum Lesen zur Verfügung? Knoche: Das Lesen, das Zugänglichmachen von Texten ist der eigentliche Sinn einer Bibliothek. In Weimar verstehen wir uns in erster Linie als Forschungsbibliothek und in zweiter als Besuchermagnet. Börsenblatt: Wird das neue Studienzentrum, das etwa 95 Prozent der Buchbestände aufnimmt, künftig eine eigene Rolle spielen, oder gibt es Bezüge zwischen Alt- und Neubau? Knoche: Das neue Studienzentrum steht jedem Benutzer offen, hier wird auch der Zugang zu den wertvollen Handschriften erschlossen. Es wird auch keine Trennung in Schwerpunkte innerhalb der Sammlung geben. Die Sammlung wird insgesamt auf die Literatur- und Kulturgeschichte ausgerichtet sein und sich schwerpunktmäßig der deutschen Literatur widmen. Der Kernbestand wird im musealen Konzept des Rokokosaals erfasst, wobei auch die nach 1850 erschienenen wertvollen Bücher einbezogen werden. Insgesamt gehören 200.000 Drucke aus der Zeit vor 1850 zum Bestand. Börsenblatt: Was ist in Ihren Augen der schwerste Verlust der Brandkatastrophe? Knoche: Da würde ich die rund 2.800 Stücke umfassende Musikaliensammlung nennen. 700 davon waren handgeschrieben. Sie sind vollständig vernicht worden. Was davon in den letzten zwei Jahrzehnten genutzt worden war, das dürften etwa 600 Titel sein, ist als Kopie herausgegangen und konnte nach und nach wieder zurückgeholt werden, darunter sind große Kompositionen. Börsenblatt: Was war das wertvollste Werk, das wiederbeschafft werden konnte? Knoche: Sicher das große illustrierte Werk zur Botanik von Johann Wilhelm Weinmann von 1743 mit Hunderten von kolorierten Kupferstichen. Solche Bücher sind nicht einfach auf dem Markt zu haben, hier kamen wir durch die Auflösung der Herrenhauser Gartenbibliothek zum Zug. Börsenblatt: Misst sich der Wert eines historischen Buchs mehr nach der Auflage, der Ausstattung, dem Alter oder der Prominenz des Autors? Knoche: Generell entscheiden Angebot und Nachfrage. Auch ganz rare Druckwerke sind weltweit immer wieder mal zu kaufen. Ein bei uns verlorener Band von Kopernikus aus dem Jahr 1543 wurde im Antiquariat in den USA gefunden. Bei einem Preis von 1,1 Millionen Dollar haben wir Abstand nehmen müssen. Börsenblatt: Die Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek hat nach dem Brand eine große Welle der Hilfsangebote erfahren, bekommt sie auch Sonderkonditionen beim Ankauf? Knoche: Sonderkonditionen bekommen wir nicht, bei manchen Antiquaren aber Rabatte. Wir erfahren, dass Anteil genommen wird. Das äußert sich auch daran, dass wir gelegentlich Bücher angeboten bekommen, bevor der Katalog herausgeht. Börsenblatt: Werden die historischen Bücher in Zukunft auch durch elektronische Erfassung bewahrt und zugänglich gemacht? Knoche: Bei uns wurden schon etwa tausend alte Drucke digitalisiert. Wir gehen dabei sorgfältig vor, denn es kommt an auf lange Haltbarkeit, die Verknüpfung mit dem Katalog, die schlüssige Strukturierung, etwa nach Stichen oder Musikalien. Pro Jahr sollen weitere tausend Werke erfasst werden. Börsenblatt: Wie wird die Pionierarbeit bei der Konservierung beschädigter Bücher, die in Weimar jetzt notgedrungen geleistet wird, der ganzen Branche zugute kommen? Knoche: 2005 haben wir einen großen Restauratorenkongress in Leipzig durchgeführt, ein weiterer zur Problematik von Brandschäden wird im kommenden Jahr in Köln folgen. Im eigenen Haus werden junge Fachleute in der Ausbildung mit den besonderen Herausforderungen konfrontiert, aktuell sind das drei Buchbinder. Dazu kommen Praktikanten aus Fachhochschulen. Unsere Erfahrungen werden auch über den aus Professoren der Fachhochschulen bestehenden Beirat weitergegeben. Börsenblatt: Sie haben in der Öffentlichkeit die Spezialisierung der Weimarer Bibliothek auf die deutsche Literatur von 1750 bis 1850 hervorgehoben. Gibt es da noch Entdeckungen zu erwarten, und gibt es auch verlegerische Interessen daran? Knoche: Es gibt aus dieser Epoche noch viele Texte, die nicht im allgemeinen Bildungskanon verankert sind. Mit der Süddeutschen Zeitung gibt es als Ansatz, diese zugänglich zu machen, eine erste Edition. Die „Bibliotheca Anna Amalia“ mit derzeit zwölf Titeln, mit Arbeiten von Herder bis Tieck aber auch von ausländischen Verfassern, findet gute Resonanz. Börsenblatt: Der Bundespräsident hat die Wiedereröffnung Ihres Hauses zum Anlaß genommen, den Bildungsauftrag der Bibliotheken ins Bewußtsein zu rücken. Welchen Beitrag leitet die Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek dazu? Knoche: Wir können natürlich nicht den Lehrplan der Weimarer Schulen begleiten. Aber wir bieten Schülerseminare im Rahmen der Leistungskurse an. So sind Schüler eingeladen, eine Woche bei uns zu bestimmten Themen wie den Faust oder zu Krankheit und Tod im Mittelalter zu recherchieren und zu arbeiten. Hier kann sich eine junge Generation mit dem Angebot und der Arbeitsweise einer Forschungsbibliothek vertraut machen. Börsenblatt: Die finanzielle Unterdeckung der Bibliotheken ist allgemein unstrittig, ist aber Weimar mit seiner Sonderrolle als Kulturstadt und der Alarmierung durch die Brandkatastrophe nicht besser gestellt als andere Häuser? Knoche: Wir stehen jetzt nicht nur besser sondern wahrscheinlich einzigartig da durch die private Unterstützung. Am unteren Ende dessen, was wir für unsere Arbeit brauche, stehen wir aber bei der institutionellen Förderung. Immer wieder fehlen die Mittel für die tägliche Arbeit, es können offene Stellen nicht besetzt werden, es kann ein Prospekt nicht gedruckt werden. Auch mein Rücktrittsangebot habe ich verbunden mit der fehlenden finanziellen Absicherung unserer Arbeit. Wenn wir im kommenden Jahr den Erwerbsetat auf 500.000 Euro angehoben bekommen, dann war er zunächst auf 200.000 Euro gekürzt worden – weniger als das, was einer Seminarbibliothek zur Verfügung steht. Das Wasser steht jetzt nicht bis Oberkante Unterlippe, aber immer noch bis zum Hals.

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