Interview

»Wir haben versucht, so weit wie möglich zu objektivieren«

Die Kontroverse um den Schulbuchtest der Stiftung Warentest hält an. Den Eindruck, die Prüfkriterien der Studie seien gerade bei didaktischen Fragen unzureichend und unterrichtsfern, sehen die Schulbuchverlage nach Einsicht in die Gutachten bestätigt (siehe BÖRSENBLATT 45 / 2007). Boersenblatt.net sprach mit Projektleiter Holger Brackemann von der Stiftung Warentest.

Holger Brackemann, Abteilungsleiter Produkttests II bei der Stiftung Warentest

Holger Brackemann, Abteilungsleiter Produkttests II bei der Stiftung Warentest © Stiftung Warentest

Mit dem Schulbuchtest haben Sie sich offensichtlich großen Ärger bei den Schulbuchverlagen eingehandelt. Was haben Sie gehört? Brackemann: Mir ist außer den Reaktionen in der Presse nur eine Liste mit den Statements zu den von uns festgestellten Fehlern bekannt, die der VdS Bildungsmedien veröffentlicht hat. Dazu gibt es jetzt wiederum eine Stellungnahme der Stiftung Warentest, die detailliert auf die einzelnen Punkte eingeht. Unmittelbare Reaktionen der Verlage habe ich bisher nicht erhalten. Die Schulbuchverlage konnten inzwischen die Unterlagen einsehen und bekamen Auszüge in Kopie zugeschickt. Ist es üblich, dass die Unterlagen immer unter Verschluss gehalten werden? Brackemann: Dass wir die Gutachten in Auszügen nach draußen geben, ist die Ausnahme. Wir haben es unter anderem deshalb getan, weil die Gutachten beim Thema Biologie sehr detailliert sind. Der Gutachter hat auch einzelne Kapitel untersucht, die gar nicht in unsere Bewertung eingeflossen sind. Auf diese Passagen beziehen sich aber nun Kommentare einiger Verlage, die jetzt durch die Presse gegangen sind. Um zu vergleichbaren Ergebnissen zu kommen, haben wir uns nur Kapitel angeschaut, die in jedem Schulbuch vertreten waren. In der Regel klären wir Nachfragen von Anbietern zu unseren Tests telefonisch, darüber hinaus haben die Unternehmen die Möglichkeit, die Prüfberichte bei uns im Hause einzusehen. Dieses Prozedere hat bisher nicht zu Beschwerden der Anbieter geführt. Wie ist die Schulbuchstudie finanziert worden? Sind auch Mittel aus anderen Bereichen – etwa aus dem Fonds für Weiterbildungstests, den das Bildungsministerium für die Jahre 2002 bis 2007 bereitgestellt hat – eingeflossen? Brackemann: Es ist absurd, hier einen Zusammenhang herzustellen, wie dies verschiedentlich in der Öffentlichkeit versucht wurde. Die vom Bundesbildungsministerium finanzierte Abteilung für Weiterbildungstests beschäftigt sich mit der beruflichen Weiterbildung. Die Mittel würden nicht sachgerecht eingesetzt, wenn damit andere Untersuchungen finanziert würden. Die Durchführung der Studie ist also vollkommen getrennt von den Weiterbildungsuntersuchungen gelaufen. Nun hat die Abteilung für Weiterbildungstests bereits 2005 bei dem Münchner Sozialwissenschaftler Helmut Kuwan eine Studie zur Wirkung von Weiterbildungstests auf den deutschen Weiterbildungsmarkt in Auftrag gegeben, die unter anderem zu der Empfehlung führte, Tests auf andere Bildungsbereiche auszudehnen. Ist die Schulbuchstudie, die sich mit Lehrwerken für die Fächer Biologie und Geschichte befasst hat, also ein Pilotprojekt für weitere Untersuchungen im Bereich der schulischen Bildung? Brackemann: Ein Pilotprojekt war die Schulbuchuntersuchung nicht. Ich schließe aber nicht aus, dass wir uns dem Thema Schulbuch noch einmal in der ein oder anderen Form zuwenden. Wir haben eine Vielzahl von Leserzuschriften erhalten, die uns Hinweise zu bestimmten Fächern oder Schulformen geben. Der Schulbuchtest hat bei den Lesern vergleichsweise intensive Reaktionen ausgelöst. Die Diskussion entzündete sich – vor allem bei den Verlagen – an dem offenbar unterschiedlich verwendeten Begriff des Fehlers. Daher ja auch die Stellungnahme des VdS Bildungsmedien. War ihnen denn nicht von vornherein bewusst, dass sie mit der Schulbuchstudie nicht nur Neuland betreten, sondern damit auch eine Kontroverse auslösen würden? Denn wenn es um Didaktik geht, verlässt man doch den Boden sicherer Messdaten, wie man sie etwa der Prüfung eines Toasters zugrunde legen kann. Brackemann: Das ist grundsätzlich richtig. Die Stiftung betritt aber mit der Schulbuchstudie insofern kein Neuland, als wir es immer wieder mit Produkten zu tun haben, bei denen sich ähnliche Fragestellungen ergeben. Einen Toaster können Sie zwar in seiner technischen Leistung messen, aber schon bei der Bedienungsanleitung für das Gerät stehen Sie vor ähnlichen Fragen wie bei einem Buch. Sie können noch relativ genau die Übereinstimmung zwischen Bedienungsanleitung und Gerät prüfen, doch schon bei der Frage der Lesbarkeit, der Verständlichkeit oder der Funktion von Abbildungen verlassen Sie die Ebene von objektiven Feststellungen. Wir versuchen dann jedoch – wie auch bei den Schulbüchern - die Bewertung so weit als möglich zu objektivieren. Kann das bei einer so abstrakten Materie wie der Didaktik überhaupt gelingen? Bei »Funktionalität« leuchtet einem das noch ein – aber bei Didaktik: Hätten Sie da nicht einen Gegengutachter bestellen müssen? Brackemann: Zunächst einmal sind die didaktischen Bewertungen jeweils von zwei Gutachtern durchgeführt worden. Für deren Arbeit haben wir eine Reihe von Kriterien definiert, die grundlegende Anforderungen beschreiben. Und wir haben diese Kriterien auch in einer Fachbeiratssitzung mit den Verlagen und anderen Sachverständigen diskutiert. Da hat es damals keine grundsätzliche Gegenwehr gegeben in dem Sinne: „Das könnt ihr so nicht machen!“ Es ist natürlich richtig, dass es verschiedene didaktische Richtungen gibt, aber ich glaube, wir haben mit der Studie nur Grundlagen der Didaktik beleuchtet und uns an keiner abgehobenen Theoriediskussion beteiligt. Noch einmal zurück zum Ausgangspunkt der Studie: Es war da von einem Biologielehrer die Rede, der die Anregung zur Studie gegeben habe. Haben Sie einen neutralen Ausgangspunkt für die Studie gewählt oder gab es nicht auch ein handfestes Interesse daran, ein bestimmtes Ergebnis zu erzielen - Stichwort: einheitlichere Schulbücher? Brackemann: Ich bin darüber verwundert, dass ein solches politisches Interesse unterstellt wird. Aber welches Interesse sollte die Stiftung Warentest an einheitlicheren Schulbüchern haben? Die Stiftung ist nicht ganz unabhängig vom Bund, der ja als Stifter fungiert, und das Bundesbildungsministerium tritt als Geldgeber für andere Tests auf. Da ist es doch nicht abwegig, eine politische Nähe zwischen Förderer und Stiftung zu vermuten – nach dem Motto: wes Brot ich ess, des Lied ich sing. Brackemann: Das ist abwegig. Wenn Sie sich die 40 Jahre Stiftung Warentest anschauen, dann gab es immer wieder Veröffentlichungen, die vielleicht in die aktuelle Diskussion der Bundesregierung hineinpassten, die aber auch deren Auffassung zuwiderliefen. Stichwort Biolebensmittel: Wir hatten in der letzten Bundesregierung eine Verbraucherministerin, die das Thema sehr engagiert verfolgt hat, gleichwohl waren unsere Untersuchungsergebnisse von Biolebensmitteln sehr differenziert. Wir haben in vielen Punkten kritisiert, genauso aber auch positive Aspekte gefunden. Wir bekommen derzeit eine Zuwendung in Höhe von 6 Mio. Euro vom Verbraucherminister, die anteilig auch in den Test von Schulbüchern eingeflossen ist – genauso wie sie in jeden anderen Test auch einfließt. Bilden Verlage eher die Ausnahme bei den getesteten Anbietern? Brackemann: Nein. Wir haben beispielsweise im Mai einen Test von Radwanderführern veröffentlicht, in dem auch Fehler zu Tage traten. Das führte in diesem Fall nicht zu Reaktionen der Anbieter. Wir haben die Richtigkeit der Routenangaben in den Führern überprüft, indem wir sie in der Praxis abgefahren sind – im Grunde ein ähnliches Vorgehen wie bei den Schulbüchern. Interview: Michael Roesler-Graichen

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