Analyse

Das E-Book zwischen Euphorie und Skepsis

Nun ist Amazons sagenumwobenes Kindle (es spricht sich tatsächlich wie das Münchner »Kindl«) endlich auf dem US-Markt, da melden sich auch schon die ersten Skeptiker zu Wort: Wenn es das E-Book auch diesmal nicht schafft, dann kann es einpacken, meinte etwa Boris Langendorf in seinem Branchendienst. Eine Analyse von BÖRSENBLATT-Redakteur Michael Roesler-Graichen. VON MICHAEL ROESLER-GRAICHEN

Der neue E-Book-Reader von Amazon – das »Kindle«

Der neue E-Book-Reader von Amazon – das »Kindle« © Amazon.com

BÖRSENBLATT-Redakteur Michael Roesler-Graichen

BÖRSENBLATT-Redakteur Michael Roesler-Graichen © Nicole Hoehne

Um das E-Book (als digitales Buch) an sich muss man sich aber keine Sorgen machen. Elektronische Bücher haben sich im STM-Bereich, aber auch in vielen anderen professionellen Bereichen, durchgesetzt. Man denke nur an das rund 20.000 Titel umfassende E-Book-Angebot des wissenschaftlichen Springer-Verlags oder an das umfangreiche Angebot des Münchner E-Book-Anbieters Ciando. Als riskant werden hingegen alle Versuche betrachtet, E-Book-Lesegeräte bei den Lesern zu etablieren – gegen traditionelle Lesegewohnheiten und das sinnlich-haptische Leseerlebnis, das durch keinen Hardware- oder Softwareffekt kompensiert werden könne. Ob sich mobile Lesegeräte also auf Dauer durchsetzen, bleibt abzuwarten. Sicher, in der Geschichte der Medientechnik hat es viele Flops gegeben, etwa die Bildplatte in den 70er Jahren, die sich gegenüber der VHS-Videokassette nicht durchsetzen konnte. Doch es spricht einiges dafür, dass es in Zukunft mobile Lesegeräte mit hohem Lesekomfort auf E-Ink-Basis (wie »Kindle«) geben wird – in nennenswerter Stückzahl. Das E-Book als mobile digitale Bibliothek wird sich einen Marktanteil erobern, wie ihn sich andere Trägermedien – etwa im Audiomarkt der iPod – erobert haben. Deshalb werden andere Medien nicht verdrängt – vor allem nicht das Buch, das vor allem den Publikumsmarkt mit den Schwerpunkten Belletristik und Sachbuch bis auf Weiteres dominieren wird. Entscheidend für die Durchsetzung wird auch das Pricing sein. Liegt die Preisschwelle mit 399 US-Dollar für das »Kindle« zu hoch? Es ist jedenfalls nicht teurer als die Acht-Gigabyte-Version des neuen iPhone, das zunächst 599 Dollar kosten sollte – und dann von Steve Jobs um 200 Dollar reduziert wurde. Und es ist billiger als die deutsche Version des iPhone, die trotz des relativ hohen Preises von 299 Euro zahlreiche Abnehmer findet. Mit Amazons »Kindle« kommt aber nicht nur ein neues, im Vergleich zum 649 Euro teuren »Iliad« von iRex erschwingliches Gerät auf den Markt, sondern zugleich ein neues Geschäftsmodell. Denn künftig befinden sich E-Book-Hardware und –Content in ein und derselben Welt: dem Amazon-Universum, in dem man Content herunterladen, im Volltext einsehen, als gedrucktes Buch bestellen oder sich via Printing-on-Demand individuell zuschneiden lassen kann. Und im Gegensatz zu E-Book-Insellösungen, wie es sie vor Jahren bei Gemstar oder Franklin (mit dem eBookman) gab, betreten die (amerikanischen) E-Book-Kunden bei Amazon einen Kontinent: mit 90.000 verschiedenen Buch-, Zeitschriften- und Zeitungstiteln (sowie zahlreichen Blogs). Doch die Diskussion um das E-Book wird in den kommenden Jahren noch eine ganz andere Qualität erreichen: durch Initiativen, die die mobile Technologie zu Bildungszwecken im globalen Maßstab einsetzen werden. Ein Beispiel ist die Initiative One Laptop per Child (OLPC) von Nicholas Negroponte, des Gründers des MIT Media Labs. In der Community, die darüber diskutiert, werden auch E-Book-Reader als preisgünstige Instrumente vorgeschlagen – etwa mit einem Solarzellen-Antrieb, der das Energieproblem bei E-Books lösen könnte. Hinzu kommt, dass Schwellenländer wie China und Brasilien E-Book-Reader unter der Schülerschaft verteilen wollen, um Kosten zu sparen und die Alphabetisierung voranzutreiben. Schließlich ist auch der französische Bildungsminister Xavier Darcos von der Idee getrieben, überlastete Schülerrücken zu entlasten und E-Book-Terminals für Schüler zu testen. Ab dem kommenden Schuljahr 2008/09 ist ein erster Feldversuch in französischen Sekundarklassen (an Colléges) geplant. Die digitalen Schulbücher müssen aber, so Darcos, noch mehr können als die Geräte, die in diesem Jahr auf den Markt gekommen sind: Sie sollen die Inhalte farbig darstellen. Einige Hersteller wie Fujitsu testen bereits farbige E-Paper-Displays. Noch ist es hierzulande still um das mobile E-Book – doch es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Entwicklung in den USA, in Frankreich oder in Fernost auch bei uns ankommt.

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2 Kommentar/e

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  • Jörg Heuer

    Jörg Heuer

    Hätte Acer bei seinem eeePc ein 8 Zoll Monitor und ein Monitorschanier wie bei einem Konvertible bzw XO verbaut, hätten wir einen E-Book reader und kleines Notizbuch in einem. Dafür wäre auch ein höherer Preis als 299 € angemessen (350-400€).

  • Tom

    Tom

    Ich verstehe beim Amazon Kindle nicht, warum man diese häßliche Tastatur eingebaut hat. Eine Touchscreen-Tastatur (wie in jedem durchschnittlichen Handy) hätte es doch auch getan und das Gerät deutlich smarter und moderner wirken lassen. Sieht so eher wie ein medizinisches Gerät aus.

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