Interview

»Navigator der Wissenswelt«

Zweieinhalb Jahre nach Erscheinen von Band 1 der 21. Auflage der Brockhaus Enzyklopädie macht B. I. & F. A. Brockhaus eine strategische Kehrtwende und stellt sämtliche Inhalte der Enzyklopädie kostenlos ins Internet – erweitert, aktualisiert und werbefinanziert. Bifab-Vorstand Marion Winkenbach und Online-Redaktionsleiterin Sigrun Albert erläutern im Gespräch mit boersenblatt.net die Gründe für den überraschenden Wechsel in die Web-Welt.

Marion Winkenbach, Vorstand von B. I. & F. A. Brockhaus

Marion Winkenbach, Vorstand von B. I. & F. A. Brockhaus © B. I. & F. A. Brockhaus

Sigrun Albert, Leiterin der Online-Redaktion von B. I. & F. A. Brockhaus in Leipzig

Sigrun Albert, Leiterin der Online-Redaktion von B. I. & F. A. Brockhaus in Leipzig © B. I. & F. A. Brockhaus

Warum starten Sie jetzt Brockhaus online? Ist das Geschäft mit klassischen Print-Nachschlagewerken kaputt? Hat sich der Markt für A-Z-Lexika so schnell gedreht? WINKENBACH: Der Markt für klassisches Nachschlagen ist nicht am Ende. Aber er ist in der Tat vor allem für allgemeine Lexika schwieriger geworden. Hauptursache ist das veränderte Mediennutzungsverhalten - immer mehr Menschen wählen für die Informationssuche bevorzugt Angebote aus dem Internet. Dieser Trend hat sich schneller verstärkt, als wir es erwartet hatten. Dies zeigt sich an der 21. Auflage der Brockhaus Enzyklopädie, die wir vor rund zweieinhalb Jahren neu aufgelegt haben und die unsere Erwartungen nicht zufriedenstellend erfüllt hat. Auch die aktuelle Künstlerausgabe der Enzyklopädie, gestaltet durch Armin Mueller-Stahl, und das Kooperationsprojekt mit der »Welt« sind hinter unseren Erwartungen zurückgeblieben. Lohnt sich das Print-Lexikongeschäft dennoch auf anderen Feldern – auch für den Buchhandel? WINKENBACH: Wir sind davon überzeugt, dass auch der Printmarkt für bestimmte Lexika eine Zukunft hat. Gerade der Bereich themenbezogener Sachlexika zeigt, dass man mit Gedrucktem nach wie vor sehr erfolgreich sein kann. Titel wie der »Brockhaus Kochkunst« oder der »Brockhaus Wein« sind wahre Verkaufsschlager, und auch die aktuelle Neuerscheinung dieses Frühjahrs, der »Brockhaus Alternative Medizin«, wird sicherlich ebenfalls sehr erfolgreich werden. Daher steht fest: Brockhaus wird auch weiterhin Bücher machen und ein wichtiger Partner des Buchhandels bleiben. In unserem Hause erscheinen mit dem Duden »Die Deutsche Rechtschreibung« und dem »Guinnessbuch der Weltrekorde« im Übrigen ja auch zwei Titel, die in der Jahresbestseller-Liste – und damit in der Gunst der Buchhändler – ganz oben stehen. Brockhaus ist eine Marke, die für geprüfte Qualität steht. Wie wollen Sie sich von Wikipedia abgrenzen? WINKENBACH: Diese beiden Angebote sind bei näherer Betrachtung so unterschiedlich, dass ein Vergleich aus unserer Sicht gar keinen Sinn macht. Hinter Brockhaus online steht ein Verlag, der über 200 Jahre Erfahrung mit der Erstellung von lexikalischem Wissen hat, und damit die ganze Qualität der Marke Brockhaus. Bei der Auswahl von relevanten Inhalten, ihrer strukturierten Aufbereitung, der objektiven Überprüfung von Texten und Bildern und der Auswahl von Multimedia-Inhalten setzen wir auf die langjährige Erfahrung bei der Redaktionsarbeit und Qualitätssicherung. Bei Brockhaus online findet der Nutzer relevante Informationen, die sich auf das Wesentliche konzentrieren. Die Zielgruppen von Brockhaus online werden in der Regel internetaffin sein. Sind die Inhalte mehr auf Tages- und Medienaktualität abgestimmt? Gibt es Themenbereiche, die Sie ausbauen wollen? Und wo ziehen Sie die Grenze zu kurzlebigen Boulevard-Themen? ALBERT: In unseren Zielgruppen gibt es zunehmend nur noch internetaffine Menschen. Nur wenige sind hier nicht online. Und diese würden dann wahrscheinlich auch nicht unbedingt zum Buch greifen. Die Zielgruppen von Brockhaus online sind ganz klar die klassischen bildungsorientierten Gruppen, die Brockhaus auch bisher angesprochen hat. Aber eben auch vermehrt jüngere Menschen, die noch keine so starke Bindung an den Verlag haben. Für diese planen wir spezielle Angebote. Natürlich ist klar, dass wir, wenn wir uns im Internet bewegen, andere Aktualitätskriterien definieren müssen, als im Printbereich. Aber wir erheben nicht den Anspruch einer Tageszeitung. Klar ist aber auch, dass aktuelle Ereignisse sehr schnell eingearbeitet werden. Inhaltlich bauen wir momentan besonders den Bereich der Lifestyle-Themen und die Bereiche Musik, Kino und so weiter verstärkt aus. Kurzfristige Boulevard-Themen finden allerdings auf Brockhaus online schlicht nicht statt. Bevor Sie Brockhaus online launchen, werden Sie das neue Produkt auf Herz und Nieren geprüft haben. Fürchten Sie einen zweiten »Stern«-Test? WINKENBACH: Wir fürchten keinen Test. Mit Brockhaus online starten wir mit einer einzigartigen Substanz, die wir für das Medium „Internet“ entwickelt und aufbereitet haben. Wir sind sicher, dass wir die richtigen und relevanten Antworten liefern werden. Die Testkriterien sind nicht Masse oder Länge von Einträgen, für uns zählen Relevanz, Richtigkeit und Sicherheit - sprich Objektivität - der angebotenen Informationen. Und das ist das Wichtigste: Brockhaus online ist nicht manipulierbar. ALBERT: Wie es für ein solches Projekt selbstverständlich ist, haben wir eine intensive Testphase eingeplant. Gerade aktuell haben wir einen Test mit einer großen Anzahl von Studenten hinter uns. Derzeit wird die Auswahl der über vier Millionen Bilder, die man bei Brockhaus online finden kann, verankert. Sobald dies geschehen ist, gehen die Tests weiter. Interview: Michael Roesler-Graichen

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