Jonathan Littell im Gespräch mit Daniel Cohn Bendit

Littell auf einer Grenzlinie

Seit einer Woche ist er nun endlich in den Buchhandlungen, Jonathan Littells Roman „Die Wohlgesinnten“. Und wie immer man den literarischen Wert des Buches veranschlagt, eine Qualität kann man ihm auf jeden Fall bescheinigen: die Fähigkeit, erhitzte Debatten auszulösen. VON WOLFGANG SCHNEIDER

Gestern abend waren das literarische Berlin und zwei Drittel der deutschen Literaturkritik anwesend, um im ausverkauften Berliner Ensemble den Autor im Gespräch mit Daniel Cohn-Bendit zu erleben. Verehrer und Verächter des Romans saßen nebeneinander in einträchtiger Erwartungsspannung. Nachdem der Schauspieler Christian Berkel etwas temperamentlos den Eingangsmonolog gelesen und Rainald Goetz in einer schummrig ausgeleuchteten Proszeniums-Loge bereits emsig an seiner Parodie der Veranstaltung geschrieben hatte (Goetz-Blog), betrat endlich Jonathan Littell die Bühne, genauso kühl und schlaksig, wie er auf Fotos wirkt. Anfangs nach Kräften rauchend und am Whisky nippend, wirkte er zunächst etwas unkonzentriert, bis das Gespräch Fahrt aufnahm. Cohn-Bendit bekannte, von dem Roman fasziniert zu sein, ihn aber auch wegen seiner schwer erträglichen Grausamkeiten „dreimal gegen die Wand“ geworfen zu haben. Auf die Frage, wie erst der Autor beim Schreiben gelitten haben müsse, wich Littell zunächst aus, erzählte dann aber eine Anekdote: Am Nachmittag habe er in der Nationalgalerie vor dreihundert Jahre alten Gemälden gestanden, auf denen martialische Szenen zu sehen seien: Kriegsgreuel, Frauen, denen die Brüste abgerissen werden. Für den Künstler sei das jedoch gewiss keine Frage der Erschütterung, sondern der richtigen Farbgebung gewesen: Hier ein Klecks Gelb, dort ein wenig mehr Rot. Im Gespräch wurde deutlich, wie Littell seine Figur Max Aue versteht: eben nicht als finsteren SS-Perversling, sondern als eine Art Jedermann, den Zeitumstände und Karriere in eine Kettenreaktion der Entgrenzung geführt haben. Das ist in keinem Moment als „Entschuldung“ misszuverstehen, sondern eine ungemütliche Einladung an den Leser, sich selbst als mitgemeint zu betrachten. Was Aue passiert ist, könnte prinzipiell jedem passieren. Für Littell ist die Judenvernichtung nur im Zusammenhang mit den militärischen Operationen zu verstehen. Damit widerspricht er gleichsam abschließend jenen Verfechtern der „sauberen“ Wehrmacht, die die Verbrechen ganz zur Zuständigkeit der SS erklärten. „Glücklicherweise erwiesen sich die Beziehungen zur Wehrmacht als ausgezeichnet“, schreibt Aue im Roman mit höhnender Ironie. Immer wieder kommen Wehrmachtssoldaten zu den Massakern: Exekutionstourismus. Die nationalsozialistischen Massenmorde sind für Littell nicht einzigartig. Während andere Nationen ihren Kolonialverbrechen schon im 19. Jahrhundert begingen, hätten die Deutschen unter den Nazis ihr „Kolonialspiel“ mit den martialischen Möglichkeiten des 20. Jahrhunderts in Osteuropa durchgeführt, meinte er gegenüber Cohn-Bendit. Littell ist ein Zaungast gewaltsamer Tode, nicht nur als Autor, sondern auch in seiner hauptberuflichen Tätigkeit als humanitärer Helfer an Brennpunkten wie Bosnien und Ruanda. Mit drastischen Beispielen erzählte er an diesem Abend, wie er in Afrika wiederholt erlebt habe, dass auch Personen mit erklärtem Helfer-Selbstverständnis nicht gefeit seien gegen die Versuchungen, mit denen kriegerische Ausnahmesituationen und Räume der Entgrenzung aufwarten: Macht über Menschen, sexuelle Unterdrückung. Dementsprechend geht es auch in den „Wohlgesinnten“ nicht nur um die literarische Bewältigung von Holocaust und Russlandkrieg, sondern um ein düsteres Panorama der condition humaine im Ausnahmezustand. Es gehört zu den Merkwürdigkeiten der deutschen Littell-Rezeption, dass das Buch vielfach Historikern und Holocaust-Spezialisten zur Rezension anvertraut wurde, die dann feststellten, Littell habe nichts Neues zu sagen. Alles längst bekannt! Aber seit wann müssen Romane neue Thesen entwickeln? Und nicht jeder ist vertraut mit den Standardwerken der Geschichte des Zweiten Weltkriegs und der Holocaust-Forschung. Von daher leistet dieses Erzählwerk die emotional aufrührende Vermittlung einer großen Portion historischen Wissens – seit je eine Dienstleistung des historischen Romans. Immerhin hat Littell vor der Niederschrift eine ganze historische Bibliothek in sich hineingefressen. Diese Belesenheit des Autors wurde auch im Gespräch deutlich. Als einen Text, der ihn besonders stark beeindruckte, nannte Littell das wie absurdes Theater anmutende Interview, das der katalanische Journalist Eugeni Xammar Anfang der zwanziger Jahre mit Hitler führte. Dort kündigte der spätere Diktator bereits zehn Jahre vor der Machtergreifung die Judenvernichtung mit ungeheuerlicher Beiläufigkeit an („Das wäre natürlich die beste Lösung...“). Jüngst sind Xammars Reportagen („Das Schlangenei“) auch in deutscher Übersetzung bei Berenberg erschienen. Mit Recht hob Cohn-Bendit jene Momente des Romans hervor, in denen Max Aue kurz davor steht, den Kokon seiner nationalsozialistischen Weltanschauung zugunsten einer humaneren, freieren Sicht aufzusprengen: erschüttert vom Massaker in Babi Jar oder beeindruckt von den weltoffenen Ansichten seines intellektuellen Freundes Voss, der dann versehentlich erschossen wird. Oder in dem faszinierenden Gespräch mit dem Politkommissar Ilja Semjonowitsch Prawdin. Zwei Todfeinde, die unter anderen Umständen gute Freunde hätten sein können, betreiben Totalitarismustheorie und einen sowjetisch-nationalsozialistischen Systemvergleich. Ein großer Dialog, der an Dostojewski oder Wassili Grossman erinnert; und ganz gewiss nicht „authentisch“. Geschickt operiert Littell auf einer Grenzlinie. Einerseits gehört Aue zur SS-Elite, andererseits ist er uns aber nahe genug für die Lektüre-Identifikation. Er ist umgeben von SS-Leuten, die bornierte Unsympathen oder Fanatiker sind. Oft kommt es zu Streitigkeiten – und in diesem Zusammenhang schlagen wir uns beim Lesen unweigerlich auf Aues Seite. Einmal, als ihn ein anderer Offizier als Homosexuellen diskreditieren will, äußert er mit schneidendem Hohn: „Ich bin nicht so leicht zu töten wie ein wehrloser Jude“ – eine skandalöse Äußerung für die umstehenden SS-Männer. Immer wieder markiert Aue seine Reserve gegenüber dem Tötungsbetrieb – in dem er selbst jedoch seine Aufgabe treu bis zum Schluss erfüllt. Es gehört zur Raffinesse und Doppelbödigkeit des Romans, dass sich solche Distanzierungsstrategien auch in den Erinnerungen ehemaliger SS-Täter finden, etwa in den larmoyanten Memoiren des Auschwitzkommandanten Rudolf Höß. Littell lässt ihn in wahnwitzigen Monologen über seine Arbeitsüberlastung in Auschwitz klagen. Man hatte erwartet, dass Cohn-Bendit einige der massiven Vorwürfe, die von deutschen Kritikern gegen den Roman erhoben wurden, an Littell weiterreichen würde, damit der Autor selbst Gelegenheit zur Replik hätte. Das geschah leider kaum. Immerhin stellte er die Kitsch-Frage. Littell antwortete, dass der SS – ungeachtet ihres massenmörderischen Charakters – durchaus selbst Züge des Kitsches eigen gewesen seien: „Bürger in schwarzer Lederkluft mit Totenköpfen“. Ansonsten gefiel sich Cohn-Bendit zu oft in umständlichen Ad-hoc-Interpretationen. Ob jener Kopfdurchschuss, den Aue in Stalingrad erhält, womöglich das Loch der Erinnerung repräsentiere, an dem die Deutschen nach dem Krieg litten? Eine schöne Interpretation, entgegnete Littell ebenso knapp wie freundlich. Warum führt der Roman überhaupt in die Urlandschaft aller Landser-Romane, nach Stalingrad? Ist das nötig? Ja, denn es ist dieselbe Sechste Armee, die anfangs in hochmütiger Überlegenheit die russischen Gegner niederwalzte, die bei den Mordaktionen der Einsatzgruppen logistische Unterstützung bot und am Massaker von Babi Jar mit über 33.000 Toten beteiligt war – und die nun selbst im Kessel hungernd und frierend das Grauen am eigenen geschundenen Leib erfuhr. Cohn-Bendit rühmte diese Nemesis-Konstruktion. Da konnte sich Littell ein zufriedenes Autoren-Lächeln nicht ganz verkneifen.

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5 Kommentar/e

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  • R.Schuster

    R.Schuster

    Ich hatle das Buch literarisch völlig misslungen. Es ist eine Sammlung von Fakten (fleißig gesammelt) die in keiner Weise literarische Bearbeitung darstellt. Figuren sind nicht durchgearbeitet, lit. Perspektiven nicht zu erkennen und Konzentration auf das Wesentliche fehlt völlig! Das muss man(n) nicht gelesen haben, da es nichts Neues ist!

  • dot tilde dot

    dot tilde dot

    ich weiß noch nicht wie ich das buch finde, weiß aber jetzt schon, dass die rund 1400 seiten eine weile aufmerksamkeit verschlingen werden. ohne die diskussion und die vielen fragen der kunden würde ich es nicht lesen.

    man muss es gelesen haben, da die kunden fragen wie verrückt.

  • Manfred Keiper

    Manfred Keiper

    Ich halte diesen Roman für sehr bedeutend, vielleicht einer der bedeutendsten Romane dieses Jahres auf dem deutschsprachigen Buchmarkt. Nach über 200 Seiten sich zu vergegenwärtigen, welche Grausamkeiten in einem wunderbaren Erzählfluß einem untergeschoben werden, und dann noch - so im arte-Feature vom 28.2. - Christian Berkel im genau passenden martialischen, aber nicht pathetischen Tonfall das Grauen erzählt zu bekommen, da - so meine Meinung - macht sich doch ein großes Stück Literatur bemerkbar. Das ist Littell gelungen! Hinzu kommt die politische Dimension dieses Buches. Gleiches, was er in der Lesung im BE kundtat, ging auch mir bei der Lektüre durch den Kopf. Dieses Buch wird von vielen deshalb abgelehnt werden, weil Littell mit dem SS-Mann Dr. Max Aue vielen unserer Mitbürger einen Spiegel vorhält, in dem sie erschrocken erkennen werden, dass nicht nur Kultur und Barbarei in toto sehr nahe beieinander liegen können, sondern wie nah man selbst am abstrahierten Denken und Empfinden dieses Schlächters sich wiederfinden kann.

  • Joachim Brune

    Joachim Brune

    Ein verstörendes Buch! Mit tragikkomischen Ansätzen (Hebbel: Ein Sumpf fauler Verhältnisse.
    Die Arbeit von Littell zeigt die Leistungsfähigkeit des Romans im Vergleich zur historischen Darstellung, die diesen wichtigen Zugang zum Thema bisher nicht gefunden hat.

  • Karl Baumgart

    Karl Baumgart

    Statt eines Kommentars habe ich die Frage, WAS um alles in der Welt den Herrn Cohn-Bendit in den Augen des/der Verantwortlichen qualifzierte, dem Autor als Gesprächspartner entgegenzutreten.

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