Branchenparlament

Welche Gefahren birgt der fahrlässige Umgang mit Remittenden und Mängelexemplaren?

Das Branchenparlament, das heute im Frankfurter Goethehaus getagt hat, fordert mehr Sorgfalt beim Handel mit Ware, die sich zum regulären Preis nicht verkaufen lässt. Und diskutierte über den Konzentrationsprozess.

© Harald Schröder

SoA-Vorsitzender Heinrich Riethmüller (Osiandersche Buchhandlung) präsentierte die Ergebnisse einer Umfrage des Sortimenter-Ausschusses, wonach 94 Prozent der befragten Verlage Remittenden wieder einlagern. 38 Prozent geben verkaufsfähige Bücher (inkl. Remittenden) anschließend als Restposten wieder an Händler ab. Riethmüller betonte die Verantwortung der Verlage: "Buchhändler müssen sich darauf verlassen, dass die Ware, die sie von den Verlagen bekommen, auch tatsächlich echte Mängelexemplare sind.“ Verleger Matthias Ulmer (Ulmer Verlag) plädierte in seinem Vortrag für eine deutliche Trennung zwischen echten Mängelexemplaren und „Scheinmängelexemplaren“, also Büchern, deren einziger Mangel ein Stempel im Buchschnitt ist – ein klarer Verstoß gegen die Preisbindung. Außerdem forderte Ulmer eine Diskussion um eine "Mindestbehaltefrist“ für Belletristik im Sortiment, um damit auf die immer weiter sinkenden Lebensdauer von Neuerscheinungen zu antworten. Für alle anderen Titel (bis zum Ladenpreis von 20 Euro) forderte Ulmer die Makulierung: Auch Bücher hätten ein Verfallsdatum, Buchhändler sollten „abgelaufene“ Bücher körperlos remittieren können, in der Papiertonne entsorgen und sollten dafür eine volle Gutschrift vom Verlag erhalten. Wie groß das Problem "unechter“ Mängelexemplare für die Branche tatsächlich ist, darüber gingen die Meinungen im Plenum allerdings auseinander. Während Großantiquar Ernst Nellissen das Thema, gemessen am Gesamtumsatz der Branche, für marginal hält, aber gleichwohl gemeinsame Richtlinien für alle einforderte, warnte Preisbindungstreuhänder Christian Russ davor, das Problem zu unterschätzen: "Alle drei Sparten müssen sich dabei an die eigene Nase fassen." Am Ende der Debatte stand eine "Frankfurter Erklärung", die das Branchenparlament Vorsteher Gottfried Honnefelder übergab. Darin wird noch einmal deutlich gemacht, dass der Handel mit "Schein"-Mängelexemplaren, die erst durch den Stempel zum Mängelexemplar werden, konsequent vom Börsenverein und von den Preisbindungstreuhändern verfolgt werden müsse. Außerdem soll die Börsenvereins-AG PRO, die sich mit der Rationalisierung von Prozessen in der Branche beschäftigt, die Themen Mängelexemplare und Remittenden durchleuchten – etwa die Frage, ob für Bücher unter 20 Euro eine körperlose Remission denkbar wäre. Am Nachmittag ging es im Branchenparlament um den Konzentrationsprozess – und was er für Verlage und Buchhandlungen bedeutet. Dass die Preisbindung die Konzentration hemmt, aber nicht verhindern kann – dieses Fazit zog Argon-Geschäftsführer Henning Stumpp nach einer Analyse der Wettbewerbsfaktoren. Der Detmolder Buchhändler Stephan Jaenicke versuchte dagegen, dem Thema seine "fast mythische Dimension" zu nehmen: Konzentrationsbewegungen seien "ein völlig normaler Marktmechanismus", den andere Branchen längst vollzogen hätten. Der Strukturwandel greife zwar ohne Zweifel tief in die Kultur der Branche ein, treffe vor allem kleinere und mittlere Buchhandlungen: ''Aber wenn der Wind der Veränderung weht, bauen die einen Windmühlen und die anderen Mauern.''

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10 Kommentar/e

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  • Bernhard

    Bernhard

    Es ist schon so eine Sache, mit der Remissionswut unserer Buchhändler.
    Selber sind sie wenig bis gar nicht kaufmännisch versiert, bestellen zögerlich, und wenn sich nicht alles innerhalb von einem Monat verkauft hat, bricht die große Panik aus: d.h. remittieren. Am besten schon vorher das Remissionsrecht sichern damit man auf der sicheren Seite ist.

    Dass sich nicht jedes Buch in allen Buchhandlungen gleich gut verkauft ist eine Tatsache, abgesehen davon, dass Bücher eben "verkauft" werden müssen. Und nicht immer ist der eigene Geschmack maßgebend.
    Bei manchen Buchhändlern ist es leider immer noch so, dass sie am liebsten verkaufen, was sie auch gerne lesen. Leider ist der Lesegeschmack der Käufer anders.

    Also umdenken, Leute!

  • Chris

    Chris

    Hallo lieber Vorgänger,
    die hohen Remissionsquoten kommen doch wohl daher , dass der Kunde die Bücher schlicht nicht gekauft hat, die Verlage immer noch zu viele Titel produzieren und zu wenig auf die Wünsche von Kunden und Buchhändlern eingehen.
    Vielleicht mal kurz nachdenken, anstatt von "fehlender kaufmännischer versiertheit" des Buchhändlers zu schwadronieren.

  • Bernhard

    Bernhard

    Lieber Chris,

    jedem seine Meinung.
    Fakt ist, dass der Buchhandel immer mehr auf die Kundenwünsche eingehen. Der überwiegende Teil der Kunden lesen eben gerne "leichte" Kost, gängige Titel, die sich immer verkaufen. Wenn einige Buchhandlungen von den Bestsellern immer nur wenige vor Ort haben, die Schaufenster auch nicht entsprechend auf diese hinweisen, werden die Kunden abwandern. Zu den Filialisten!
    Natürlich wird dabei zuviel produziert.
    Aber ist der Buchhändler nicht auch bestrebt, viel zu verkaufen? Auch "austauschbares"?
    Es geht um die Remissionswut, und da stehe ich mit meiner Meinung nicht alleine.

  • Schnorpf

    Schnorpf

    Aus eigener Erfahrung weiß ich z.B., daß "unechte" Remittenden des in diesem Artikel zitierten Verlegers an einen hier nicht näher genannten Großhändler im Ramschbereich verkauft werden mit dere Maßgabe, diese noch "künstlich" zu Mängeln, also den hier kritisierten Mängelexemplar-Stempel auf den Schnitt zu drücken...dies ist natürlich nicht der einzige Verlag, der so elegant seine zuviel produzierten oder schwer verkäuflichen Titel aus dem regulären Sortiment "verramscht" , wohlwissend, daß diese dann beim Buchhändler im modernen Antiquariat landen und dieser niemals mehr den regulären Preis dafür erzielt.
    3 x darf man raten, wer im Zweifelsfalle der Dumme ist ???...und vom Preisbindungstreuhänder verfolgt wird...
    Vielleicht sollten sich die Herren des Branchenparlamentes erst einmal über die Doppelmoral vieler Verlage Gedanken machen...

  • Moritz

    Moritz

    Welchen Verleger meint Schnorpf denn? Und wer ist der "Großhändler im Ramschbereich"? Egal? Weil es sowieso viele andere Verlage genauso machen? Warum fällt es in dieser Branche immer so verdammt schwer, Ross und Reiter zu nennen? Mit der Empfehlung an das Branchenparlament, sich Gedanken zu machen, ist doch nichts gewonnen. Es müssen Fakten her.

  • Martin

    Martin

    Vielleicht haben bei anderen Verlagen Bücher ein Verfallsdatum - bei uns haben sie keines und daher bin ich auch völlig dagegen, Bücher einfach in die Tonne zu kloppen zu lassen, wie von Herrn Ulmer vorgeschlagen.
    Soll der Sortimenter entscheiden, wann meine Bücher nichts mehr wert sind? Schöne neue Welt - eine Wegwerfgesellschaft mit zunehmender Neuerscheinungshektik und Sucht nach stets neuen Produkten/Titeln? Vielleicht sollten wir, wie bei Lebensmitteln, demnächst ein Haltbarkeitsdatum auf unsere Bücher drucken müssen? Wäre doch eine Idee für eine neue EG-Richtlinie. Kauf und Gebrauch nach diesem Datum führt zu geistigem Stillstand?

    In der Ruhe liegt die Kraft, Herr Ulmer. Manche Titel auf unserer Backlist sind 10 Jahre alt und werden immer noch gefragt. Wir verkaufen unsere Auflagen, Sie können Ihre ja gerne in die Tonne packen.

  • Mima

    Mima

    Ist es nicht total müßig, sich hier gegenseitig zu zerfleischen und immer den "Anderen" den schwarzen Peter zuzuschieben? Es ist Umdenken gefragt und nicht NUR vom Buchhändler oder NUR von der Verlagsseite. Es wird Zeit, dass man sich verbündet und sich nicht immer als Gegner gegenübersteht.
    Wir haben eine niedrige Remissionsquote und eine gute LUG. Allerdings haben wir keine Vertreter, die uns Übermengen aufpressen, bei denen wir gleich sagen, dass es nicht läuft. Probieren aber im Gegenzug auch mal etwas aus. Eine Lösung lässt sich doch finden, wenn mal etwas floppt. Denn nicht immer ist es die Schuld des Buchhändlers oder des Verlags sondern einfach mal nicht die richtige Zeit für ein Buch.
    Dieses ganze Schuldrumgeschiebe ist doch echt albern. Zusammenarbeit ist gefragt und die tut auch nicht weh.

  • bücherwurm

    bücherwurm

    Aus eigener Erfahrung im Buchhandel kann ich nur bestätigen, dass mit dem Begriff "Mängelexemplar" von einigen Verlagen sehr großzügig umgegangen wird. Mir ist es nicht nur einmal passiert, dass Kunden mir ein Buch vom MA Tisch auf die Theke legten, und fragten, wo der Mangel denn sei. Ob im Buch Seiten fehlen würden oder was sonst damit wäre. Vor diesem Hintergrund fällt es natürlich schwer, Kunden die Preisbindung verständlich zu machen. Wenn es doch mein preisgebundenes Buch bei der Buchhandlung Soundso billiger gibt ...

  • Chris

    Chris

    Also lieber Bernhard, bei DIr geht anscheinend gar nichts mehr, grammatikalisch und besonders auch inhaltlich.
    Du findest es schlimm, das der "Buchhandel auf Kundenwünsche "eingeht?. Ja worauf denn sonst bitte, wo lebst Du denn?.

  • Thomas C. Cubasch

    Thomas C. Cubasch

    Als österreichischer Verleger mit etwa 140 lieferbaren Titeln wird man immer wieder (gerne) gefragt, ob - speziell neu-erschienene - Bücher nicht mit Remissionsrecht geliefert werden können. Fast immer lehne ich das mit der Begründung ab, daß mir derlei als Unternehmer eines Riesenverlags möglicherweise weniger ausmachen würde, ich allerdings in jedem Falle zu bedenken gebe, daß der Buchhandel bei Remissionen bestenfalls den verlängerten Arm des Verlegers darstellt. Ein Engagement für den Verkauf ist zu erhoffen, aber nicht zu erwarten; das volle Risiko bleibt ja nach wie vor beim Verleger. -
    Kann sich irgendjemand vorstellen, daß im Bereich der Oberbekleidung, des Obst- und Gemüsehandels oder im PBS-Bereich ein derartig riskoloser Zustand für den Fachhandel gegeben ist? Was hielte denn der Buchhandel von interessierten Lesern, die Bücher nach dem Probe-Lesen remittieren?
    Übrigens: Viele Anfragende kann man mit diesen Argumenten dann doch überzeugen - aber versucht wird's beim nächsten Mal eben dennoch wieder. Und dann gibt's auch jene Buchhändler, die mich wissen lassen: "Naja, Sie geben ja nix mit RR, da warten wir noch", und bestellen dann aber in kleinsten Mengen mehrmals nach. Buchhändler sein bedeutet auch: sich etwas zu(zu)trauen, Gespür haben, Einsatzfreude zu entwickeln.

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