Hubert Winkels über Peter Kurzecks »Ein Sommer der bleibt«

»Dieser Roman ist ein Unikum«

”Ein Sommer der bleibt« – der Roman von Peter Kurzeck existiert nur als mündliche Erzählung. Im aktuellen BÖRSENBLATT lesen Sie mehr über dieses Werk. Im Interview mit boersenblatt.net versucht der Literaturkritiker Hubert Winkels eine Einordnung: Ein Gespräch über die Tradition mündlicher Überlieferung und die Einzigartigkeit des Kurzeckschen Unternehmens. VON INTERVIEW: HOLGER HEIMANN

Peter Kurzeck: »Eine glücklicher Erzähler«

Peter Kurzeck: »Eine glücklicher Erzähler« © Harald Schröder

Hubert Winkels: »Die Spontaneität des mündlichen Ausdrucks bingt ein Gefühl der unmittelbaren Anteilnahme hervor«

Hubert Winkels: »Die Spontaneität des mündlichen Ausdrucks bingt ein Gefühl der unmittelbaren Anteilnahme hervor« © Werner Gabriel

»Ein Sommer der bleibt« heißt ein Roman von Peter Kurzeck, den es nur in akustischer Form gibt, der während der Rede, durch das freie, nur mündliche Erzählen des Autors entstanden ist. Wie bewerten Sie dieses Romanprojekt? Winkels: Sie sprechen in Ihrer Frage zweimal von ›Roman‹. Ist »Ein Sommer, der bleibt« überhaupt einer? Immerhin handelt es sich um eine mündliche Erzählung, das heißt, ein so wesentliches Kriterium der Gattung, dass es, ob seiner Selbstverständlichkeit kaum einmal Erwähnung findet: nämlich die schriftliche (!) Verfassung des Romans, ist nicht gegeben. Wollen wir also eine von Fragen animierte tonträgergestützte mündliche Erzählung Roman nennen? Wenn wir uns der Besonderheit bewusst sind, können wir in das so sehr weite und dehnbare Gefäß auch dieses originale Hörbuch aufnehmen. Das gilt natürlich auch für Erzählstoff- und dramaturgie. Denn von einem geläufigen Roman unterscheidet sich »Ein Sommer, der bleibt« durch seine statische, mosaikhafte Form. Er kennt nur geringe Entwicklung und zieht seine Reize nicht zuletzt aus einer immer wieder neu ansetzenden Beschreibung desselben Ortes zur selben Zeit, so dass wir eher die Suggestion eines ewigen Augenblicks genießen, eine Idylle, der die Zeit ausgetrieben scheint, einen Vorschein des Paradieses mithin. Und das alles hat der Peter Kurzeck nur mit seinem mündlichen Erzählen getan! Wie ist das so Entstandene einzuordnen? Winkels: Dieser Roman ist beispiellos, soweit ich sehen kann. Offenbar ohne wie auch immer geartete unmittelbare schriftliche Vorlage eine rund fünfstündige Erzählung zu realisieren mit all der Frische, die eine spontane Erinnerung in einem Gespräch auszeichnet, das ist große Kunst, wenn dieser Begriff denn Sinn macht. Denn: Um Kunst handelt es sich zwar, selbstverständlich, auch wenn man gerne im übertragenen Sinn von kunstlosem Erzählen sprechen möchte. Doch das Attribut ›groߋ ist problematisch, eben weil die Unternehmung einzigartig ist. Es gibt (noch) kein ›größer‹ und ›kleiner‹. Dieser Roman ist ein Unikum. Und außerdem – Sie sprachen vorhin von ›Projekt‹ -, auch diese Redeweise ist problematisch, weil es sich doch um eine sowohl vollständig gegebene wie gelungene künstlerische Arbeit handelt. Sie ist kein Projekt im Sinne prinzipieller Offenheit; und sie ist kein Projekt im Sinne einer modernen experimentellen Struktur. An letzterem könnte man allerdings zweifeln, da es sich um eine neue Form der künstlerisch eingesetzten Mündlichkeit handelt; andererseits ist man an alte und älteste Darbietungsformen von Geschichten erinnert – so dass also das Älteste durch eine geheimnisvolle Konversion, die in nichts als der Ingeniosität eines Erzählers begründet liegt, zum Neuesten wird. Wie schön, allein diese Anmutung. Knüpft Kurzeck unmittelbar an solche alten Traditionen der mündlichen Überlieferung, wie sie besonders in den Kulturen des Orients ausgeprägt sind, an? Oder ist seine Form des Verfassens eines Romans etwas ganz anderes? Winkels: Nun, ich bin kein Fachmann für die orientalische Tradition mündlichen Erzählens. Soviel aber lässt sich sagen: Der Frankfurter Schriftsteller Peter Kurzeck erzählt gerade nicht entlang eines Handlungsfadens, schnürt keine Knoten, strebt keiner Auflösung und keiner Botschaft zu, er versorgt uns nicht mit Neuigkeiten und auch nicht mit exotischen Andersheiten; im Gegenteil: Er erzählt von Vertrauten oder von Zuständen, die vertraut anmuten, auch wenn sie gar nicht zu der vertrauten Lebenswelt des Hörers gehören. Man kann diesen Befund natürlich auch dialektisch wenden und sagen: Gerade die moderne Unvertrautheit mit traditionellen Lebenswelten macht diese zu etwas Besonderem, gibt dem Alten daran den indirekten Status von Außergewöhnlichem, von Neuigkeit. Aber das wäre allzu sophistisch, denn die geschilderte Lebenswelt des Romans ist historisch noch sehr nahe. Vielleicht sollte man hier erwähnen, dass Peter Kurzeck ein kleines hessisches Dorf in den späten vierziger und beginnenden fünfziger Jahren schildert. Oberstaufen heißt es und liegt auf einem Basalthügel nahe der Lahn. Die Eisenbahn ins nahe, für den erlebenden Jungen allerdings noch ferne Gießen, rauscht täglich vorbei. Man kann sie im Sprechen herandonnern hören, sowie man den Wind und die Sonne auf der Haut spürt und das Glück im hohen Weizenfeld richt. Nun aber die erste von zwei wichtigen Einschränkungen oder besser Präzisierungen: Tatsächlich ist eine derartige mündliche Erzählung heutzutage eine Mündlichkeit nach (!) der Schriftlichkeit, ein mündliches Erzählen inmitten und zu Teilen schon nach der schrift- und wichtiger noch: der buchgeprägten Kultur! Das heißt auch, dass die Formen, von der Grammatik, Topik und Rhetorik bis zu den literarischen Referenzen, literaturgeschichtlich gebunden sind, auf unserer literarisch, also schriftlich geprägten Weltaneignung ruhen. Und zweitens, noch wichtiger: Peter Kurzeck selbst hat in seinen vielen Romanen, zumal den frühen und namentlich in »Kein Frühling« von 1987, den Stoff bereits behandelt, das heißt, er hat sich eine Sicherheit der Auswahl, der Fokussierung und Akzentuierung des biografischen Materials erschrieben, so dass jetzt ein Aufrufen von Erinnerung mittels und durch die schriftliche Fassung hindurch gelingen kann. Das heißt, der mündliche Roman kommt eben nach dem fortlaufenden schriftlichen Roman des Autors. Worin sehen Sie den ästhetischen Gewinn und den besonderen Reiz eines solchen Erzählens gegenüber der uns geläufigen schriftlichen Form? Winkels: Tatsächlich bringt die Spontaneität des mündlichen Ausdrucks ein Gefühl der unmittelbaren Anteilnahme hervor. Anteilnahme am Erzählten vermittelt über die emotionale Anteilnahme am Erzähler, der uns in seiner phonetischen Realpräsenz unabweisbar nahe ist. Und zwar auf andere Weise als dies bei einem geläufigen Hörbuch mit vorgelesenen schriftlichen Texten der Fall ist. Eben weil wir hörend Zeuge des Augenblicks werden, in dem sich die folgenschwere Objektivierung eines inneren Prozesses ereignet. Das tun wir natürlich in jedem Gespräch, allein: hier ist es so, dass sich dabei ein Faden entwickelt, den wir dabei beobachten, wie er sich mit anderen zu einem Teppich zusammenknüpft, den wir als episch schön, als kleine Totalität zu erfahren gewohnt sind. Wir erleben also genau den Akt der Produktion als Zusammenfügung der unterschiedenen Produktionsweisen mündlich und schriftlich. Wir hören gewissermaßen ein Buch sprechen. Das Sprechen eines Buches heißt: Einer spricht ein Buch (genitivus objektivus); und: ein Buch spricht durch eine Person (genitivus subjektivus). So abstrakt dies klingen mag – man kann es ganz konkret hören: In einer winzigen Verzögerung beim Sprechen, beim Anheben einer neuen Sequenz, beim raschen, beschleunigten Weitergleiten zu einem sich anschließenden Bild: wie hier eine schriftliche Arbeit in eine mündliche aufgelöst, verflüssigt wird, wie ein mündliches Schweifen rückgebunden wird an die Synthetik der schriftlichen Ordnung. Das ist ein ganz feiner, eine gewisse schwache Grundmelodie erzeugender akustischer Vorgang, der die Zeugenschaft eines kunstvollen Aktes zu einem großen Genuss werden lässt. Man möchte sich in das entworfene Bild hineinlegen wie sein Held an den Strand der Lahn im Sommer, wo er nicht mehr weiß, ob er wacht oder träumt – und wir genießen dieses Genießen zugleich, indem wir es in andauende Bewunderung verkleiden für den, der dies ermöglicht. Und es verschlägt dabei gar nichts, wie dies manchmal in Kritiken von Büchern Peter Kurzecks geschieht, wenn seine Erinnerungsarbeit als mehr als persönlich notwendig, als zwanghaft, als obsessiv gar bezeichnet wird. Und wenn es so wäre? Was folgt daraus für unseren Genuss? Kann Kurzeck Vorbild sein für eine Erneuerung der Tradition mündlichen Erzählens? Winkels: Nun, um gleich an das zuletzt Gesagte anzuknüpfen: Genau das Zwanghafte und Obsessive an der Arbeit von Künstlern, die tiefe Motivation ihres Tuns, die Speisung aus unbeherrschbaren Quellen erzeugt meist jenes Moment der schöpferischen Ingeniosität, das wir über die Maßen bewundern und das den wertvollen Rest ergibt, der übrigbleibt, wenn alle Erklärungen und hermeneutischen Tauschakte – zumindest für einen Moment - zur Ruhe kommen. Der Rest als Quelle – aus der Perspektive des Betrachters. Soll heißen: Die Besonderheit des Kurzeckschen Erzählens sind enorm. So etwas wird sich nicht nur nicht wiederholen lassen – wie fast jede nicht-konzeptuelle künstlerische Arbeit –, man wird auch nicht annähernd an eben diese Gestalt der Vergegenwärtigung von Zeitlosigkeit herankommen. Man muss sich dazu ja auch die Stimme, das Idiom, Färbung und Sprechtempo usw. vorstellen, die eine dem Schriftlichen abgehende hochgradige Individualisierung leisten. Doch davon abgesehen kann das - eben nicht: Literaturereignis, sondern dieses mündliche Erzählereignis durchaus vorbildlich wirken. Nach dem Hören der vier CD´s des »Sommers, der bleibt« fuhr ich zu einer Lesung des in Berlin lebenden österreichischen Schriftstellers Peter Glaser im Düsseldorfer Heinrich-Heine-Institut. Peter Glaser war mir bereits ein Vierteljahrhundert zuvor als begnadeter Erzähler in einer Bilker Studentenkneipe aufgefallen, und hatte damals meine Interessen nach und nach umgelenkt vom philosophischen Erklären und Verstehen zum Erzählen selbst. Und ich flüsterte ihm noch zu, bevor er mit seinem Rollstuhl zur kleinen Bühne vorfuhr, er solle, statt Vieles vorzulesen, doch möglichst viel frei erzählen, was denn zu meinem etwas nostalgisch grundiertem Vergnügen auch geschah. Die Augen schließend hörte ich jetzt das Kurzecksche Verfahren durch den Mund von Peter Glaser exerziert, und höre da: Es funktionierte, in meiner Vorstellung zumindest, blendend. Nun ist Peter Glaser tatsächlich ein großes Talent der mündlichen erzählenden Rede, nicht im performativ überwältigenden Sinn, sondern in der bewunderungswürdigen Formulierungsgenauigkeit und -deliaktesse, zu der er auch in den vorwärtstreibenden Zeitabläufen mündlicher Kommunikation in der Lage ist. Aber warum soll es nicht mehrere Künstler, Lebenskünstler - das wären sie dann - geben, denen dieses Talent zu eigen ist; mehrere, die nicht zu verwechseln wären mit den vielen erzählenden Talkshowgästen, die das Bekenntnis oder die Anklage in Anekdotenform als erzählerisches Formmodell nutzen; und auch nicht mit den ganz anders operierenden neuen Comediens, den Stehgreifkomödianten, die fast ausschließlich die satirische Witzform als formale Bezugsgröße kultivieren. Deshalb: Ja, nur zu, neugierige und mutige Verleger – wie jener Klaus Sander vom Berliner supposé-Verlag, der die Kurzeck Roman-CD-box realisiert hat – und wohl noch mehr: der Peter Kurzeck die Fragen gestellt hat, auf die seine ›Romankapitel‹ eine Art Antwort darstellen. Aber eben dies wissen wir nicht so genau – und das ist nun doch schade, ein Mangel am Rande: Dass wir über das Verfahren, die ›freie‹ Rede Peter Kurzecks hervorzulocken, nichts erfahren, die Mäeutik sozusagen. Man mythisiert immer dort sehr gern und stark, wo man keine Einsicht in Verfahren und Technik hat. Hier herrscht noch ein gewisser Aufklärungsbedarf, gerade wenn solches Verfahren weiterwirken soll. Sogar über die Arbeit des Schnitts wäre man gerne informiert, über das Weggelassene, das Unreine, das Wiederholen, Stolpern, Räuspern; über die Pausen und Neuansätze, das Auflachen und Ausscheren usw. Kursorisch würde man gerne davon erfahren, zumindest solange eine solche Gattung so neu und frisch und vielversprechend ist. Welches sind - neben den von Ihnen schon erwähnten Eigenheiten des Autors Peter Kurzeck, die ihn für solch ein mündliches Erzählen prädestinieren - die wichtigsten Voraussetzungen, damit ein solcher Roman gelingen kann? Winkels: Man darf eine herkömmliche, schlicht anmutende und doch ganz und gar essentielle Fähigkeit nicht vergessen: so herzerwärmend konkret und in größter emphatischer Nähe zu den Dingen erzählen zu können, dass sie präsent werden im Inneren des Hörers, der gar nicht mehr lassen will von diesem Sommer, der bleibt, und der damit auch sein endloser Sommer wird. Das eben ist des Erzählers Größe von Alters her. - Und dies, ein letztes mal sei es betont: medial vermittelt über akustische Informationsübertragung. Ein Glücksfall, hinter dem ein glücklicher Erzähler sich verbirgt.

Schlagworte:

0 Kommentar/e

Diskutieren Sie mit ...

  • Informationen zum Kommentieren

    Bitte kommentieren Sie zur Sache. Aggressive, polemische und beleidigende Kommentare werden nicht veröffentlicht. Wir werden Ihren Kommentar so schnell wie möglich freischalten. Hier lesen Sie unsere Netiquette.

  • Mein Kommentar

    Bitte kommentieren Sie zur Sache. Aggressive, polemische und beleidigende Kommentare werden nicht veröffentlicht. Wir werden Ihren Kommentar so schnell wie möglich freischalten. Hier lesen Sie unsere Netiquette.

    Ihr Profilbild können Sie über den externen Dienst Gravatar einbinden.

    (E-Mail wird nicht veröffentlicht)
    CAPTCHA image
    Wenn Sie die Buchstabenkombination nicht entziffern können, erhalten Sie durch Klick auf die Buchstaben eine neue Kombination.

    * Pflichtfeld