Podiumsdiskussion: Kleine Verlage

Vom Verlagsküchentisch zum Listungsgespräch

Wie Mithalten im Konzert der Großen? Eine Hamburger Podiumsdiskussion des Merlin Verlags über kleine Verlage auf der Suche nach Antworten. VON WERNER IRRO

(v.l.): Stephan Samtleben, Buchhändler in Hamburg, Claudia Bollenbacher, Beraterin, Sigrid Löffler, Chefredakteurin „Literaturen“, Henning Boëtius, Schriftsteller, Manfred Metzner, Verlag Das Wunderhorn und Hannes Hintermeier, Feuilletonredakteur der "FAZ

(v.l.): Stephan Samtleben, Buchhändler in Hamburg, Claudia Bollenbacher, Beraterin, Sigrid Löffler, Chefredakteurin „Literaturen“, Henning Boëtius, Schriftsteller, Manfred Metzner, Verlag Das Wunderhorn und Hannes Hintermeier, Feuilletonredakteur der "FAZ © Patrick Sun

Das Problem haben andere Branchen auch. Eine durchrationalisierte Welt findet ihr Spiegelbild in einer Warenwelt, wo zwischen Allgäu und Nordsee in jedem Laden einer Kette am gleichen Platz das gleiche Produkt zu finden ist. Ein Anbieter, der hier nicht dabei ist, muss sich nach anderen Vertriebswegen umschauen. Das ist so beim Wein, beim Biogemüse, und ebenso bei Büchern. Und trotz dieser Tendenz zur Vereinheitlichung tauchen mit ungebremstem Optimismus immer neue Anbieter auf, von denen sich viele dauerhaft etablieren. Der Merlin Verlag ist einer von diesen „Kleinen“, der es längst geschafft hat, jenseits des Mainstreams seine Bücher machen und dafür auch ein Publikum finden zu können – in diesem Jahr feiert Merlin seinen 50. Geburtstag. Sein Selbstverständnis, „unentdeckte Impulse und vielversprechende künstlerische Ansätze aufzuspüren und die gesellschaftlichen Diskussionen zu begleiten, besser noch, ihnen einen Schritt voraus zu sein“, könnten wohl auch die heutigen Jungverleger unterschreiben. Als Geburtstagsgeschenk an die Öffentlichkeit hat Merlin zusammen mit dem Literaturhaus in Hamburg ein Podiumsgespräch veranstaltet, um über klein und groß, über literarischen Anspruch und Marktrealität zu diskutieren. Diesmal kein Lamento!, lautete das Versprechen der Moderatorin Sigrid Löffler, und so sehr alle bemüht waren, sich daran zu halten, gelang es doch nicht. Zu viele Fakten sprechen einfach zu deutlich die Sprache des Marktes. Warum – schon wäre man mitten im Thema gewesen – waren zu diesem Abend nur klägliche zwei Dutzend Interessierte in das ansonsten notorisch überfüllte Literaturhaus an der Alster gekommen? Löffler hatte Vertreter aller Instanzen der „Verwertungskette Buch“ um sich versammelt. Henning Boëtius, der als Autor einen Text in die Welt setzt, woraus ein Verleger wie Manfred Metzner vom Verlag Das Wunderhorn ein Buch macht, das entweder von den Distributoren „im großen Stil“ ins Sortiment aufgenommen wird, vertreten durch Claudia Bollenbacher, bis vor kurzem bei der Buchhandelskette Thalia für den Einkauf der non-books verantwortlich, oder vielleicht doch nur bei einer „kleinen, aber feinen“ Buchhandlung wie der von Stephan Samtleben, einem „inhaltsorientierten Buchhändler“. Schließlich der Kritiker, der, wenn alles wunschgemäß läuft, das Buch rezensiert. Hannes Hintermeier von der FAZ vertrat das Feuilleton. Wie absurd es sein kann, Marktteilnehmer allein durch die Brille groß-klein wahrzunehmen, zeigte sich sofort anhand von Zahlen. Samtleben ist es beispielsweise gelungen, von dem sperrigen und teuren Suhrkamp-Erstling von Adrianus F.Th. van der Heijden ganze 250 Exemplare zu verkaufen. Als Georg Perecs „Das Leben – Eine Gebrauchsanweisung“ kurzzeitig in einer Rowohlt-Taschenbuchreihe erschien, hat sein Laden allein für 5 % der verkauften Auflage verantwortlich gezeichnet. Vor wenigen Tagen erfuhr der Buchhändler nun, dass Random House seiner Vertreterin untersagt hat, ihn auf ihrer Reise weiterhin zu besuchen; er wird zukünftig wohl telefonisch von München aus betreut. Ein großer Taschenbuchverlag teilte ihm gleichzeitig mit, dass für seine Buchhandlung ab sofort andere Konditionen gelten, schlechtere natürlich. Wie es dem kleinen Buchhändler mit den großen Verlagen geht, so dem kleinen Verlag mit den großen Buchhandelsketten. Manfred Metzner: „Aus Verwaltungsgründen bestellen die Buchhandlungen schon längst nicht mehr bei den Verlagen, obwohl sie bei uns bessere Konditionen erhalten als beim Barsortiment. Man bestellt allenfalls noch den einzelnen nachgefragten Titel, pflegt unser Angebot aber nicht.“ Claudia Bollenbacher betonte zwar die Freiheit jedes Filialleiters, zu bestellen, was er für richtig hält, verteidigte im selben Atemzug jedoch das rein umsatzorientierte Marktverhalten der Kette. Verlagsvertreter werden nur zu den „Listungsgesprächen“ eingeladen, wenn die Abverkaufszahlen des Vorjahres stimmten: „Die Mitarbeiter wären bei der Vielzahl der Verlage sonst überfordert.“ Womit man wieder bei der schieren Größe war, deren Stichworte Expansionstempo, Handelsmacht, Umschlaggeschwindigkeit lauten. Als jüngstes Beispiel wurde der Deutsche Buchpreis angeführt. In seinem dritten Jahr hat er sich entgegen seiner Intention zu einem zusätzlichen Instrument der Marktbereinigung entwickelt: Titel, die auf der Longlist nicht zu finden sind, existieren für den Handel praktisch nicht, die neuen Romane von Annette Pehnt oder Ulrich Peltzer sind hierfür Beispiele. Die großen Ketten definieren mittlerweile nahezu ausschließlich, was verkauft wird, das Feuilleton kann dagegen nicht anschreiben. Wie es den kleinen Verlagen, oft nur aus zwei, drei Personen bestehend und vom Küchentisch aus agierend, dennoch gelingt, ein Publikum zu finden, wurde nicht Thema. Leider fehlte die ganz junge Verlegergeneration bei dem Gespräch. Ein einziges Mal kam die Runde auf die Politik zu sprechen. Metzner berichtete von der Initiative, 2001 die Kurt Wolff Stiftung zur Förderung unabhängiger Verlage zu gründen. Zu verdanken ist die Stiftung entscheidend dem damaligen Kulturstaatssekretär Michael Naumann. Ein Beispiel dafür, wie wichtig eine einzige politische Weichenstellung für die Branche sein kann. Stolz berichtete Metzner, der auch Vorstandsvorsitzender der Stiftung ist, von der 2. Auflage der 100-seitigen Selbstdarstellung von 41 Verlagen. Die Broschüre – außen irritierend poppig, innen erstaunlich blass – liegt mittlerweile in 55.000 Exemplaren vor. Seine Formulierung vom „Slow Buch“ ist ein Versuch, mit dem Zeitgeist mitzuhalten: „Wer das Besondere sucht, findet es bei diesen Verlagen.“ Bewährt lateinisch umrahmt dagegen das Verlagssignet des Merlin Verlags: „in hoc signo florebis“. Man muss nur 50 Jahre durchhalten, und schon liegt man voll im Trend – nie war Latein so „in“ wie heute.

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