Meinung

Und nie auf Buchhändler hören!

Verlagsgründung: Tipps für Leute, die partout selbst scheitern wollen. Von Vito von Eichborn.

Es gibt entschieden zu viele gute Bücher. Lassen wir gedanklich den Schrott mal weg (was auch immer das sein mag in den Augen des Betrachters) – niemand von uns kann auch nur einen Bruchteil der wirklich guten Novitäten wahrnehmen oder gar lesen. Wofür braucht diese Welt des Überangebots von tollen Büchern also einen neuen Verlag? Die Neugründung eines reinen Publikums- oder gar Literaturverlags geht überhaupt nicht. Wer etwas von einer Nische versteht oder von einer Zielgruppe, hat bessere Karten. Für die Programmarbeit gilt: Wenn man sich nach den Mehrheiten richtet, macht man sicherlich weniger Fehler. Aber der Durchschnitt, der es allen recht machen will, war noch nie innovativ. Nie auf Buchhändler oder Feuilletons hören! Ihre Erfahrungen sind von gestern. Die Backlist erwirtschaftet den laufenden Verlagsunterhalt. Ohne einträgliche Copyrights kann man’s lassen. Eine Neugründung ist, da immer ohne Backlist, also nicht lebensfähig. Doch wir wissen: Manchmal geht das Kamel durchs Nadelöhr. Wer nicht reich ist und einen gesunden Menschenverstand hat, lässt es bleiben. Wer Autoren und Mitarbeiter zu gut bezahlt und dazu noch wertvolle Materialien verwendet, ist nicht geizig – und hat keine Chance. Wer nicht der Meinung ist, dass jedes erfolgreiche Buch am Markt, das ins eigene Programm gepasst hätte, ein persönlicher Fehler ist, ist nicht gierig – und hat keine Chance. Je intelligenter ein Buch ist, desto weniger Leser gibt es dafür. Der Markt verlangt das Triviale. Das Kernproblem von Neugründern ist in aller Regel – und dies gilt besonders für die Literatur –, dass sie zu anspruchsvoll sind. Viele Lektoren aus traditionsreichen Häusern sind zu klug, zu gebildet, auch zu missionarisch, als dass sie »marktfähigen Kram« machen könnten, selbst wenn sie es wollten. Wer zu viele Liebhabereien verlegt, hat schon verloren. Verkaufsqualität und Inhaltsqualität haben nur eine kleine gemeinsame Schnittmenge. Und nur die macht Sinn, verlegt zu werden. Dummerweise gibt es solche Bücher so selten. Nur Erfolg bringt Erfolg, der Teufel scheißt auf den größten Haufen. Bücher im Lager, die sich nicht bewegen, sind wertlos. Also hemmungslos ramschen oder makulieren. Niemals als Neuling mit etablierten Verlagen konkurrieren. Die haben das länger gelernt. Die Liste der vom Kleinverlag entdeckten Autoren, die zum Konzern gewechselt sind, ist endlos – aus gutem Grund. Sollen sie, wenn jemand sie mit Marketingmacht und Scheckbuch abwerben will, aus Treue auf mehr Leser und Geld verzichten? So. Nun bitte dies noch einmal lesen. Nur die paar Stichworte notieren, die einleuchten. Dann den Rest vergessen. Und alles anders machen, als es hier oder sonstwo erzählt wird. Alles Neue entsteht an den Rändern. Was lohnt? Bemerkenswertes, Ungewöhnliches, Komisches, Geheimes, Ungeheuerliches und: Tabus. Diese Thesen sind dem Text »Auch Verlage sind nur Menschen« entnommen, erschienen in »Verlagsgründung« von Ralf Plenz (Input Verlag). Zu gebildet für marktfähigen Kram. Wie soll ein Verleger also noch Geld verdienen? Diskutieren Sie mit uns!

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15 Kommentar/e

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  • Begeisterter

    Begeisterter

    Das war doch mal nötig! Eine Welle der Neugründungen um den größten Haufen herum, auf den der Teufel immer scheißt, wird über unser Land schwappen. Nischen werden besetzt, Geheimes bleibt nicht geheim, ungeheuerliche Tabus werden gebrochen. Aufbruchstimmung! Und trotz Pisa die ungeschminkte Wahrheit: Lektoren und Neugründer sind einfach zu gebildet. Wir brauchen mehr Ungebildete im Land - und Teufel, die endlich mal neben den größten Haufen scheißen! da capo!

  • Kritiker

    Kritiker

    Aus eigener Erfahrung kann ich hinzufügen: Niemand interessiert es, ob die Bücher aus einem unbekannten (und auch noch kleinen!) Verlag potentiell gut verkäuflich wären. Die Chance, zu beweisen, dass die Welt neue bessere Bücher sehr wohl braucht, gibt einem der Buchhandel erst gar nicht. Es ist leichter Lizenzen nach England zu verkaufen als Thalia auch nur 10 Exemplare desselben Buches.

  • Verleger i.G.

    Verleger i.G.

    Der Sarkasmus ist ja ganz erfrischend, vor allem gegen die verhornten Bildungsdämel und die esoterische Langeweile der Sortimenter, doch wird dieser Sarkasmus wohl nichts am Erscheinungsbild von Teufels Scheißhaufen verändern? Wenn ich das beherzige, was Herr von Eichborn karikierend anspricht und als Empfehlung nehme, haben wir nicht genau das, was zur Zeit so schwer erträglich ist? An den Pastelltönen der Buchtische kann schon die Charakterlosigkeit der Anbieter abgelesen werden. Klevere Event- und Skandal-Absahner schieben den Hintern des Teufels unter ihren Haufen und der Rest wird dann auf den Haufen „Bildungsersatzbefriedigung“ (Kehlmann, Handke, Grass, Walser etc., die zum größeren Teil schon zu dem Skandalhaufen gehören) umgeleitet. Sind unsere besten Bücher nicht die, die ungedruckt sind oder nicht verkauft in den Auslieferungslagern liegen? Wie der Kritiker richtig bemerkt, ist es das Sortiment, welches die Selbstleselust verloren hat und daher ist die Überschrift von Eichborn „Und nie auf Buchhändler hören“ unbedingt zu beherzigen.

  • Andreas Reichardt

    Andreas Reichardt

    Scheinbar sind wir (Ubooks) nicht bei Verstand, denn bei der Verlagsgründung standen gerade mal 400 DM zur Verfügung.
    Und nach sieben Jahren kann man sagen: Es ist irre schwierig, die bestehenden, höchst konservativen Strukturen (Buchhändler, Barsortimente, Vertrieb, Auslieferung etc.) für einen zu interessieren, aber man kann diese Felder unterwandern und umgehen. Bis zu einem gewissen Punkt.
    Denn schlussendlich entscheidet der Leser. Und dem gefällt gottseidank, was wir machen.
    5-stellige Auflagen verkaufen (die Betonung liegt auf dem letzten Wort) muss man erstmal schaffen. Ubooks hat das nicht dank der Unterstützung des Börsenvereins oder der Buchhändler, des Vertriebs etc. geschafft, sondern TROTZ!

    Das bestätigt Herrn von Eichborns These, nie auf Journalisten oder Buchhändler zu hören. Haben wir nie. Wir machen das, was uns gefällt und hoffe, es gefällt auch anderen ... und derzeit ist das der Fall.
    In diesem Sinne: Hört mehr auf Euch selber!

  • Verleger i.G.

    Verleger i.G.

    Vito von Eichborn schrieb: "Lassen wir gedanklich den Schrott mal weg (was auch immer das sein mag in den Augen des Betrachters) ..."
    Bei einer Leseprobe bei A.R. "Aus dem Off" mußte ich an diesen Einleitungssatz von Eichborn denken. Alle 7 Jahre sollte man das Leben ändern, wie wäre es jetzt einmal mit Autohandel?

  • Beobachter

    Beobachter

    Recht hat der, der übrig bleibt!
    und noch ein schöner Satz:
    "Schönheit liegt im Auge des Betrachters"
    So, nun weitermachen und glücklich sein ;)

  • Beobachter und Mitdenker

    Beobachter und Mitdenker

    Recht hat der, der übrig bleibt!
    und noch ein schöner Satz:
    "Schönheit liegt im Auge des Betrachters"
    So, nun weitermachen und glücklich sein ;)

  • Verleger i.G.

    Verleger i.G.

    Da haben Sie, lieber Beobachter & Co. Herrn Eichborns Sarkasmus einfach umgedreht, meinte der nicht das der Schrott im Auge des Betrachters liegt?
    Recht hat sicher der, der bleibt, doch mehr Recht hat noch der, der wiederkommt. Diese Art Bleiberecht wird an der Ewigkeit gemessen. Einen einfachen Rat habe ich heute bei Jean Paul gelesen, der kann vielleicht auch für Verleger und Buchhändler gelten: „Der letzte, aber vielleicht bedeutendste Wink, den man Romanschreibern geben kann und schwerlich zu oft, ist dieser : Freunde, habt nur vorzüglich wahres, herrliches Genie, dann werdet ihr euch wundern, wie weit ihr’s treibt! --“

  • Begeisterter

    Begeisterter

    Genau, lieber Verleger i.G., einfach geniale Bücher für die bereits gierige Zielgruppe machen, die dann bei Frau Heidenreich besprochen werden. Schon sind zwei neue Sterne am Himmel der Autoren und Verlage (also fast eine neue Galaxie) geboren. Ist doch wirklich simpel. btw. suche ich immer noch den Sarkasmus bei Herrn Eichborn...

  • Verleger i.G.

    Verleger i.G.

    Zielgruppe und Frau Heidenreich, das geht mir irgendwie nur so zusammen:. Das weite All wird zur Zielscheibe erklärt und die Treffsicherheit wird vom gesamten Buchhandel bestaunt. Das ist vielleicht auch pfiffig, „wahres, herrliches Genie“ ist jedoch was anderes. Wenn das nicht sarkastisch war, Sie, lieber Begeisterter, nicht sarkastisch sind, dann ist es Herr von Eichborn in der Tat auch nicht. Die verlegerische Kaltschnäuzigkeit unserer Tage (heute Beispiel Klett) ist beeindruckend. Mit freundlichen Grüßen an die Begeisterten und die Kritiker, bleiben Sie, wie Sie heißen.

  • Bücherwurm

    Bücherwurm

    Ob nun Herr Eichborn sarkastisch ist oder nicht, Tatsache ist, dass eine Buchhandlung mit ausschließlich literarischem Sortiment schnell pleite wäre. Denn letztendlich bestimmt der Käufer, was er lesen will und was nicht. Tatsache ist auch, dass sich das Buchgeschäft sowohl von der Verlags- als auch von der Buchhandelsseite rechnen muss. Da geht es um Kalkulation, Verkäuflichkeit eines Titels und um Rabatte.
    Traurig aber leider wahr. Gute Bücher sind nicht immer gut verkäuflich. Und Kleinverlage nicht immer attraktiv, weil die Rabatte nicht stimmen.

  • Sebastian von Roos

    Sebastian von Roos

    Bemerkenswert, ungewöhnlich, komisch, ungeheuerlich und: tabulos (gegenüber den Weltreligionen) ... herzlichen Dank für die Kurz-Zusammenfassung unseres Buches. ;-)

  • Begeisterter

    Begeisterter

    in der Tat, lieber Verleger i.G., ist sowohl mein gewählter Name als auch mein Posting ausschließlich sarkastisch gemeint. Was ich eigentlich sagen wollte: Die hier von Herrn Eichborn verbreiteten Allgemeinplätzchen taugen nun wirklich nicht als "Anleitung" für ein erfolgreiches neu gegründetes Verlegen. Was man letztlich für den Erfolg benötigt sind ein gewisses Gespür für den Markt (also die Leser), sehr viel Begeisterung und Überzeugung, Durchhaltevermögen, ein dickes Fell und vor allem eine gehörige Portion Glück. Die Reihenfolge ist beliebig, aber alle Komponenten müssen zusammen kommen. Bestseller und Erfolg lassen sich nicht in Schubladen und "Anleitungen" packen!

  • Unmöglich

    Unmöglich

    Ich habe es vor 10 Jahren schon mal mit Büchern versucht, mit einem ähnlichen Startbudget wie der Kollege von Ubooks, und es hat nicht funktioniert. Ich hatte es deshalb aufgegeben. Nun haben wir durch Zufall ein unglaubliches Manuskript erhalten und daraus ein wunderbares, tolles Buch produziert mit 15.000 Euro Druckkosten.
    Nun wollen wir es vertreiben. Da stellt sich das Bild wie folgt dar:
    In 30% aller Buchhandlungen ist das Buch nicht erhältlich und auch nicht bestellbar. Das heißt alle lokalen Anzeigen, Aktivitäten, Interviews etc. nützen nichts, weil die Leute in die Buchhandlungen gehen und mitgeteilt kriegen: Das Buch gibt es nicht (dass es seit 3 Monaten ordentlich im VLB gemeldet ist, brauch ich wohl nicht erwähnen)
    Natürlich liegt das daran, dass diese Buchhandlungen ausschließlich die Barsortimentskataloge benutzen. Ins Barsortiment aber wiederum kommen wir nicht. Das Barsortiment L. sagt: "keine Aufnahme mangels Nachfrage".
    Das Barsortiment K. sagt: "vom Umfang des Verlagsprogramm her lohnt es sich nicht".
    Kurzum, trotz ordentlichen Buch, ISBN und allem ist unsere Neuerscheinung eben NICHT »weltweit bestellbar.«
    Das ist frustig !!!!!!

    Wozu also überhaupt Kosten für ISBN und VLB frage ich? Diese Einrichtungen sind für uns großteils nutzlos und es ist rausgeschmissenes Geld. Was mich ärgert ist, dass damit geworben wird: »Das Verzeichnis Lieferbarer Bücher (VLB) ist die umfassendste Datenbank für den Buchhandel und die zentrale Marketing- & Kommunikationsplattform der Branche.« heißt es auf dieser Webseite. Das stimmt schlicht und ergreifend nicht und es wäre eigentlich ein Fall für die Wettbewerbszentrale.
    Der erste Schritt Verlagsgründungen zu unterstützen, wäre, Buchhandlungen berufsständisch zu verpflichten, das VLB auch zu benutzen. Es wird doch sonst auch viel vorgeschrieben.
    Ich finde eine Buchhandlung, die nicht in der Lage ist, VLB Bücher auch zu bestellen, sollte gefälligst berufsständisch abgemahnt werden oder wie auch immer.
    Es wäre doch die erste Pflicht im Sinne einer Publikationsfreiheit dieses Vereins hier sich gegen die Marktmacht des Barsortiments durchzusetzen.

    *erbost*

  • gekaufte Welt

    gekaufte Welt

    und was auch noch dreist ist: Das Barsortiment L. teilt der Buchhandlung X sinngemäß mit: "Bestellung wurde übermittelt, aber es erfolgte keine Reaktion von Verlagsseite".
    Die Bestellung wurde aber nicht übermittelt!!
    L. kann ja gerne mitteilen, dass sie das Buch nicht beschaffen können oder wollen, aber zu sagen: sie hätten es versucht, obwohl das gar nciht stimmt, ist ebenfalls ein Wettbewerbsverstoß.
    Mal sehen, schön wäre, wenn sich mal eine kritische TV-Sendung mit diesem Thema befasst.

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