Offener Brief

"Innovative Buchbesprechung statt spätabendliche Kaffeefahrt"

Der Bundesverband junger Autoren und Autorinnen wendet sich mit einem Offenen Brief an das ZDF: Inhalt des Briefes ist die Forderung nach einem Nachfolgesendungsformat von »lesen!«.

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Hier der Brief im Wortlaut:

Sehr geehrte Programmleitung des ZDF,

nachdem mit Entlassung von Elke Heidenreich der Sendeplatz ihrer Büchersendung »lesen!« frei geworden ist, bietet sich für das ZDF die einzigartige Gelegenheit, ein junges und dynamisches neues Buchsendungsformat an ihre Stelle zu setzen. Die Zeit einer spätabendlichen „literarischen Kaffeefahrt“ muss vorbei sein, in denen Bücher von Prominenten nur in die Kamera gehalten und gelobt werden, wobei insbesondere Bücher aus dem Ausland oder Bestseller in der Heidenreich-Sendung häufig ihren Sendeplatz bekamen. Was bei Heidenreich in den ersten Sendungen noch als recht frisch erschien, zeigte sich zuletzt nur noch als eine reine Werbeveranstaltung für bestimmte Bücher mit Starallüren-Charakter. Dies bedauern wir sehr. Wir befürchten gar, dass das neue Format sogar noch flacher, noch weniger analytisch und kritisch mit Literatur umgeht als “lesen!” und weiterhin „Starallüren“ hervorhebt.
Nachdem das ZDF bereits mit der kurzfristigen Ersatzsendung von Christine Westermann und aspekte-Moderator Wolfgang Herles nach der überraschenden Beendigung der Zusammenarbeit mit Elke Heidenreich die Chance vertan hat, ein frisches Format – etwa mit einem Moderator unter 35 Jahren und aufregender junger Literatur – anzubieten und stattdessen auf eine lustlose Anpreisung von Büchern wieder durch bekannte Fernsehleute setzte, ist es nun höchste Zeit, endlich ein innovatives Buchsendungs-Format zu entwickeln und wieder mehr Kultur statt schlichte Anpreisung zu wagen. Denn junge Literatur in Deutschland und Europa ist sehr vielfältig. Sie ist es wert, gelesen und entdeckt zu werden. So ist es z.B. auch wert, etwa anhand von Einspielern auf die vitale und innovative junge Buchszene einzugehen und zu zeigen, dass das Buch ein generationenübergreifendes Kulturmedium darstellt. Literatur lebt von der Begeisterung der Menschen, und nicht allein durch die Anpreisung von Autorennamen und Buchtiteln. Junge Literaten wünschen sich, dass das ZDF von dem Konzept letztlich einer Werbeveranstaltung für bestimmte Bücher wieder wegkommt und dieses Feld demzufolge lieber anderen Sendern überlässt.
Stattdessen soll wieder der ernsthaftere Austausch über Plots und innovative Ideen von Büchern geführt werden. Wir fordern, dass in der neuen Sendung wieder Bücher„besprochen“ werden, und nicht nur über sie „gesprochen“ wird. Der Bundesverband junger Autoren und Autorinnen sieht es an der Zeit an, etwas Neues und Ungewöhnlicheres auszuprobieren und damit junger Literatur auf diesem besonderen Sendeplatz mit einem innovativen, modernen und von Spontaneität überzeugten Format eine Plattform zu bieten.
Wir bitten Sie, die Chance eines innovativen und überzeugenden Sendungsformats nun zu nutzen und nicht wieder zu übergehen. Gehen Sie weg von dem Starallüren-Charakter, der von diesem Sendeplatz in den letzten Jahrzehnten erst durch Marcel Reich-Ranicki und zuletzt durch Elke Heidenreich stets ausgegangen war und setzen Sie z.B. einen unbekannten jungen Moderator mit einem neuen Sendekonzept an ihre Stelle. Ferner bitten wir Sie, Ihre Praxis der Ausstrahlungsfrequenz und der zuletzt späten Sendezeit zu überdenken und damit Ihrem öffentlich-rechtlichen Programmauftrag zur gebührenden Förderung von Kultur wieder im vollen Umfang nachzukommen. Für konkrete Anregungen scheuen Sie sich nicht, den Kontakt zu uns zu suchen. Der BVjA steht Ihnen als Diskussionspartner für die Belange junger Autoren und zeitgenössischer Literatur immer gerne zur Verfügung.

gez. Bundesverband junger Autoren und Autorinnen durch: Vorstandssprecher Tobias Kiwitt

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3 Kommentar/e

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  • Wolf-Dieter Sonnenburg

    Wolf-Dieter Sonnenburg

    Ein sinnvoller Vorstoß!
    Lasst uns über Bücher sprechen die wir mögen und nicht jammern über die die wir nicht mögen. Lasst uns ansteckend sein in unserer Begeisterung für Bücher! "Leser für Leser" könnte eine solche Sendung heißen. Auf dem Teppich bleiben mit einer ambitionierten Leserrunde in wechselnder Zusammensetzung und einem Moderator. Keine Runde von "Fachleuten" die sich Scharmützel fürs Ego liefern, sondern Leser die ohne Allüren sagen können warum ihnen ein Buch gefallen hat und weshalb sie es anderen Lesern empfehlen können.

    Die Forderung, Bücher besprechen und nicht über sie zu sprechen, scheint mir doch etwas spitzfindig,

  • Manuela Breitner

    Manuela Breitner

    Ein sehr sinnvoller Vorstoß, so denke auch ich!
    Das ZDF soll einmal endlich auch junge Literatur stärker in den Vordergrund rücken. Es kann nicht sein, dass ständig Bestseller aus den USA besprochen werden und junge europäische Literatur kaum eine Chance hat.
    Das ZDF soll nicht immer nur an die Marketinginteressen der Verlage denken, sondern wirklich wieder den Kulturauftrag erfüllen und Plots besprechen. Wir haben so viele ausgezeichnete junge Autoren.
    Ich wünsche mir eine Sendung, die Lust aufs Lesen macht und alle Facetten der Buchszene umfasst.
    Das Hineinhalten von Buchcovern in die Fernsehkameras kann es ja wohl nicht sein, wofür ich GEZ-Gebühren zahle!

  • Jo Endeman

    Jo Endeman

    Na ja, wer sich ans ZDF wendet und will, daß dort eine für die Literatur „junge unter 35 Plattform" geboten wird, kann so „jung“ im Körper nicht mehr sein, insbesondere dann, wenn er so artig angepaßt drum bittet! Und wer zwar zurecht beklagt, daß der „’öffentlich-rechtliche’ Programmauftrag“ nicht erfüllt wird, sich mit dieser Klage aber ans verkrustete Medien-Management wendet, nun, der macht damit deutlich, daß ihm der bürokratische Krebs selbst schon im Kopfe sitzt. „Kultur“ soll bloß eine „verjüngt“ bessere Einbettung ins Programm bekommen? Man achte auf die eigenen Starrallüren. - Was wir u.a . brauchen ist ein anderes Fern-Sehn.

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