Buchhandel von morgen

Thalia: Weit, weiter – Weiterstadt?

Thalia treibt die Branche an, stellt entscheidende Fragen, auch unbequeme, und gibt den Takt vor. Heute eröffnete das Unternehmen in Weiterstadt eine Filiale im neuen Einkaufscenter "Loop5". Nichts auf den ersten Blick Großes – und doch strategisch ein großer Wurf. Hier beginnt die Zukunft, sagt Thalia-Chef Michael Busch. Weit, weiter, Weiterstadt - der neue Superlativ im Sortiment? VON CAS, TW

Spielen und Lernen: Wii und Nintendo

Spielen und Lernen: Wii und Nintendo © Thalia

Hier entlang zu Jing und Jang: Vitao-Wellnessbereich

Hier entlang zu Jing und Jang: Vitao-Wellnessbereich © Thalia

Rund und bunt: Der Kinderbuchbereich

Rund und bunt: Der Kinderbuchbereich © Thalia

Dass das stationäre Geschäft stagniert, ist keine neue Nachricht. Seit Monaten mühen sich viele damit ab, einen Ausweg zu finden, um weiter wachsen. Dabei auf Verdrängung zu setzen: Für Thalia wäre das allein viel zu kurz gedacht, meinte Michael Busch heute in Weiterstadt. Wichtiger sei es, auf die bevorstehenden Entwicklungen, den Wandel der technischen Möglichkeiten wie auch den Wandel der Kundenansprüche, jetzt schon vorbereitet zu sein. Busch zitierte Michael Gorbatschows berühmten Satz an Honecker: "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben."


Der Druck kommt aus dem Internet, vor allem aus Richtung Amazon, so viel ist klar. "Die Vertriebskanäle verschieben sich", erklärt der Thalia-Manager, "auch wir haben das lange Zeit unterschätzt." Jetzt will er sich neuen Raum für Wachstum schaffen, die Filiale Weiterstadt diene da als eine Art Labor. Busch: "Mit manchen Sachen, die wir hier probieren, werden wir baden gehen, aber dazu ist ein Pilot da."

Thalia sucht nach Optionen, um den Kunden-Wunsch nach individualisierten Produkten sowie unterschiedlichen Bezugs- und Informationswegen zu erfüllen. Denkverbote kennt der Handelsriese aus Hagen dabei nicht – und erwägt auch schon mal Eigenproduktionen, digital und gedruckt. "Das ist nicht die von uns präferierte Lösung, aber wenn die Verlage nicht mitziehen, werden wir diesen Weg gehen" – möglicherweise bereits im nächsten Jahr. Der Filialist geht also auf Kurs: vom reinen Händler zum Inhalte-Manager.


Ein Rundgang durch die Weiterstädter Filiale:

Dreh- und Angelpunkt der Neuausrichtung ist das Multi-Channel-Konzept. Die Vertriebskanäle Internet und Laden sollen noch enger miteinander verzahnt werden. Die Botschaft an die Kunden: Bei uns bekommst Du alles aus einer Hand, online, offline – überall und jederzeit.

Thalia setzt dafür zwar viel Technik ein, im Grunde geht es dabei jedoch vor alles um eines: den Faktor Mensch. Wenn man Themen emotional rüberbringe, lasse sich ein Markt durchaus steuern – so Buschs Devise. "Auf diesem Weg lässt sich eine große Differenzierung erreichen."

Stichwort Interaktivität: Die Brücke, die Thalia zwischen den beiden Welten baut, besteht aus Worten: Der Filialist will in puncto Kommunikation alle Register ziehen. Phase 1 (aktuell): Die Rezensionen der Mitarbeiter (siehe thalia.de) können in jeder Abteilung der neuen Buchhandlung via Touchscreen abgerufen (und gelesen werden) – jeweils mit dem Hinweis, dass sie von der Website des Unternehmens stammen.

Interessanter wird, was für Phase 2 geplant ist: Thalia arbeitet an einer Community – einem Forum, in dem sich jeder über Bücher und Themen rund um das Lesen austauschen kann. In Weiterstadt werden dafür jetzt die ersten Pflöcke eingeschlagen (an mehreren Terminals, die in der Mitte des Ladens stehen, lassen sich Rezensionen direkt eintippen). Der Nukleus dieser Online-Lesergemeinschaft ist ja günstigerweise schon aktiv: die Mitarbeiter selbst. Unter ihnen, versichern sie alle in Weiterstadt sehr glaubwürdig, gebe es ein paar regelrechte "Rezensions-Heroes". Erlebnisbuchhandel für den Buchhändler quasi - motivational auch nicht verkehrt.

Interaktivität in der Kinderbuchabteilung (ca. 150 Quadratmeter) heißt: Die Kleinen können an drei Touchscreens (elektronisch) malen und sich ihr Bild anschließend direkt (per E-Mail) verschicken.

Eingerichtet ist der Laden im Shop-in-Shop-Stil. Das gilt unter anderen für die Bereich PBS, für die Kinderbuchabteilung und den Wellness-Bereich "Vitao" (nach dem bekannten Gondrom-Modell).

Das Sortiment wurde neu abgemischt, Bücher bleiben aber im Fokus. Auf der Fläche von knapp 2.000 Quadratmetern sind rund 30.000 Titel untergebracht. Zusatzsortimente: Non-Books (Geschenke), einige Spiele (aber nur eine Auswahl; direkt nebenan eröffnete Vedes), DVDs. Um den Sony-Reader zu präsententieren, wurde eigens ein neuer Tisch beim Ladenbauer in Auftrag gegeben; der hat was von einem modernen Altar, könnte aber bei der Evolutionsgeschwindigkeit elektronischer Geräte bald auch als Museumsvitrine durchgehen. 

Games rücken ins (bewusst energiesparende) Weiterstädter Rampenlicht – aber nur solche, die Saturn und andere großen Händler eher selten im Programm haben. Thalia konzentriert sich auf das große Gesellschaftsthema Lernen. Die Abteilung misst 85 Quadratmeter; Thalia hat alle großen Player an Bord geholt, konzentriert sich also nicht nur auf Nintendo. Auch  die XBox und die Playstation sind zu haben (und zu testen). Zwei wichtige Verabredungen prägen diese Themenwelt. Erstens: Nur familientaugliche Spiele kommen ins Sortiment. Zweitens: Die Buchhändlerinnen, die hier verkaufen, kennen die Produkte und können informiert beraten, wenn zum Beispiel eine überforderte Großmutter ein DS light-Spiel für ihren Enkel sucht.

Print-on-Demand-Dienste für Zeitungsleser sind ebenfalls neu: Rund 200 Medien aus aller Welt lassen sich direkt vor Ort ausdrucken (Format: ca. DIN A3; pro Ausdruck 4,95 Euro). 

 

Mehr über die Pläne von Thalia lesen Sie im Börsenblatt, das nächste Woche erscheint.

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6 Kommentar/e

Diskutieren Sie mit ...

  • Harald Kraft

    Harald Kraft

    Es bleibt abzuwarten, wie sich
    dieser ,große Wurf` von Thalia
    entwickeln wird.
    Kinder tauchen jedenfalls bei
    Thalia in eine Art Zukunftswelt.
    In diesem Beitrag steht: ,Die Kleinen
    malen und können sich ihr Bild
    anschließend direkt (mit E-Mail)
    versenden`.
    Es kommt jetzt unweigerlich die
    Frage von mir:
    Werden aus Kinder jetzt langsam
    ,Superkinder`?
    Manche Denkmuster sind da
    vielleicht etwas zu hoch angesetzt.
    Bei Thalia geht es auch um den
    ,Faktor Mensch`.
    Dies kann ja betriebswirtschaftlich
    und werbetechnisch so gesehen
    werden.
    Aber es wäre nicht richtig, wenn
    alle Dinge auf den ,Faktor Mensch`
    zu beziehen wären.
    Der Buchhandel sollte jetzt nicht zu
    stark herumexperimentieren.
    Es wäre viel besser, einmal darüber
    nachzudenken, was sich in einem
    positiveren Sinn ändern sollte, damit
    wieder mehr Kundschaft in die
    Buchhandlungen kommt.
    Jede Buchhandlung müsste sich
    auch mehr um ihre Firmenkultur
    kümmern.
    Freundlichkeit und dieses gewisse
    ,Outfit` sind jetzt gefragt.
    Entscheidend ist doch, wie ich als
    Buchhändler/Buchhändlerin auf
    meine Kundschaft zugehe.
    Wir kommen nicht aus den ,Krisen`
    heraus, wenn nur gejammert und
    ein Mißmut verbreitet wird.
    Die Frankfurter Buchmesse wird
    zeigen, welche Signale und Zeichen
    demnächst im Buchhandel gesetzt
    werden.

    Harald Kraft, Bibliotheksangestellter, München

  • Harald Kraft

    Harald Kraft

    Eine Ergänzung:

    In vielen Aktionen, so auch im
    Buchhandel, fehlt vor allem ein
    vernunftbedachtes Handeln.
    Gewiss, das Internet ist in fast
    allen Bereichen spürbar und
    dadurch sind auch negative
    Auswirkungen bemerkbar.
    Das Internet, E-Books und auch
    die Digitalisierung sind nicht mehr
    zurückdrehbar.
    Es kommt daher auf das
    richtige Verhalten des
    einzelenen Menschen - auch im
    Handel an.
    Wie lässt sich in der Gegenwart noch
    eine Gründung eines kleinen Buchladens
    verwirklichen?
    Ist dies für junge Buchhändler und
    Buchhändlerinnen heute überhaupt
    noch zu realisieren?
    Welche Kombination (Verbindung)
    verwirkliche ich in so einem Buchladen?
    Buch und Kaffee oder Buch und
    Schokolade, Buch mit einer
    wechselnden Ausstellung mit Kunst-
    bildern usw.
    Kreative Gedanken haben ja erst dann
    einen Sinn, wenn sich diese auch
    realisieren lassen.
    Es gehört heute viel Mut und auch
    Überlegung dazu, dass eine Idee, so
    z. B. ,kleiner Buchladen` einmal
    starten kann.

    Harald Kraft, Bibliotheksangestellter, München

  • mb

    mb

    man muss es mal so sehen: endlich bewegt sich mal etwas.

    wenn auch, und das ist nun für den buchhandel wirklich typisch: zu spät!
    web 2.0, virales marketing ect. sind im buchhandel erst nach ZEHN jahren ein thema. oh wie peinlich.
    zehn jahre hat thalia gebraucht, um zu erkennen
    das man durch emotionalität, durch persönlichkeit und profil kunden langfristig binden kann.
    (gut: hugendubel und co haben das bis heute nicht begriffen)

    sicher sollte man nicht jedem trend hinterherrennen, denn ein "me-too" ist nun auch sicher nicht die beste lösung, aber die zeichen der zeit sollte man schon erkennen.

    langfristig sollte sich die filiallisten fragen: was ist der vorteil, oder welcher vorteil sollte es sein eine buchhandlung zu betreten?

    - preis? (NEIN! vielleicht höchstens im bereich MA und ramsch alla weltbild/ jokers/2001)
    -verfügbarkeit? Nein! (wer kann schon mit dem internet mithalten?)
    - beratung? (aaah, ja.... jetzt haben wirs!)
    - emotionale bindung JAAA! (wie erreicht man das? liebe marketing leute: kauft euch nen buch oder besucht ein seminar, besser noch zwei!)
    - sortiment? JAAAA, ja und nochmals ja! (die auswahl, die dem kunden im internet geboten wird ist schlicht weg zu groß: was der kunde braucht ist eine gute, übersichtlich auswahl die auf SEINE bedürfnisse abgestimmt ist! und das erreicht man sicher nicht durch einen zentraleinkauf, der 80-90% des sortiments regelt und durch 50-fach präsentation versucht an die frau zu bringen!
    sorry weltbild aber bestseller bekomm ich nun mittlerweile überall: selbst bei rewe und schlecker!)
    - individualität (warum sieht eigentlich jede neue ketten-buchhandlung exakt gleich aus? (Corporate Design nun hin oder her, da die meisten unternehmen eh keins haben) warum ist sie nicht auf die bedürfnisse der standorte angepasst?
    (da wären wir bei den möbeln, den farben, dem sortiment...)

    erlebnisbuchhandel/ erlebniseinkauf: bisher nur eine phrase, aus der hoffentlich irgendwann mal mehr wird. bisher sind alle filialisten weit davon entfernt. (thalia ist da noch am nächsten dran!)

    ich bin so gespannt, was sich in den nächsten jahren so entwickelt und werde weiter börsenblatt lesen und mit offenen augen durch die welt spazieren ;)

  • Busch-Funk

    Busch-Funk

    Für die Branche vielleicht nichts aufregend Neues, dennoch ein schöner Artikel über Michael Busch und Thalia - der Lektüre-Tipp zum Feierabend:

    jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/487972

  • Heizkissen für Rückenschmerzen

    Heizkissen für Rückenschmerzen

    Interessante Bücher zum Thema Heizkissen gibt es ausserem hier: http://www.heizkissen.de

    Viel Spass beim Stöbern!

  • Voltaire

    Voltaire

    So bitter es auch ist, Thalia ist zur Zeit die Ideenschmiede der Filialbranche. Und allemal besser ist der Versuch, die Ware Buch durch irgendwelchen Hokus Pokus an den Mann zu bringen, als durch wahllose und willkürliche Personalreduzierung mit dem Vorschlaghammer eine ganze Kultur zu zerstören, wie bei der DBH. Welchen Stellenwert hat dort denn das Buch, wenn der Mensch schon als Stück Scheiße mit dem Fuß unter dem Tisch durchgeschoben wird.
    Verschwiegen wird hier immer noch die innovative Kraft der "kleinen Buchhandlungen". Über 10 Prozent sind in den letzten paar Jahren kaputt gegangen oder gemacht worden. Aber der Rest ist stärker, sie müssen sich nur ihrer Stärke bewußt werden. Und ebenso ist es den Verlagen zu wünschen. Die Ausbeutung durch Thalia hätte ein Ende, wenn sich die Branche mal einheitlich zeigen würde. Aber das ist, was uns zur Zeit fehlt. Solidarität. Das zeigt uns das Wahlergebnis und jede Fahrt mit dem Auto durch eine beliebige Stadt oder Autobahn. Wie sieht also die Zukunft des Buchhandels aus? Mit Sicherheit nicht wie der personalarme Bestseller-Baumarkt Hugendubel. Auch nicht wie die hochgerüstete Thalia-Multimedia-Event-Station. Es ist irgendwo dazwischen. Die Vielfalt macht es.

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