Frankfurter Buchmesse

Blitzlichtgewitter zur rechten Zeit – Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller auf der Buchmesse

Wo Herta Müller auftaucht, ist kein Durchkommen mehr. Doch der Trubel, der sich auf der Buchmesse um die frisch gebackene Literaturnobelpreisträgerin ereignet, fühlt sich gut und richtig an: Da ist jemand genau zur rechten Zeit am rechten Ort – besonders deutlich wird das in ihrem Gespräch mit chinesischen Exil-Literaten. VON MAX FLORIAN KüHLEM

Herta Müller unterzeichnet eine Erklärung für den Menschenrechtsanwalt Gao Zhisheng, der seit Monaten vermisst wird

Herta Müller unterzeichnet eine Erklärung für den Menschenrechtsanwalt Gao Zhisheng, der seit Monaten vermisst wird © Daniel Müller

Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller

Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller © Daniel Müller

Völlig überfüllt: der 3sat-Stand

Völlig überfüllt: der 3sat-Stand © Daniel Müller

Zwiegespalten: Herta Müller freut sich über den Nobelpreis, fürchtet aber den Rummel

Zwiegespalten: Herta Müller freut sich über den Nobelpreis, fürchtet aber den Rummel © Daniel Müller

Herta Müller freut sich über einen chinesischen Vorabdruck von "Atemschaukel"

Herta Müller freut sich über einen chinesischen Vorabdruck von "Atemschaukel" © Daniel Müller

Herta Müller zwischen chinesischen Autoren und Bei Ling

Herta Müller zwischen chinesischen Autoren und Bei Ling © Daniel Müller

Schon am 3sat-Messestand kommt Herta Müller ganz von selbst auf das Thema China zu sprechen. Moderator Ernst A. Grandits fragt die Autorin, die den Nobelpreis auch für ihre „Landschaften der Heimatlosigkeit“ erhalten hat: „Ist Sprache Heimat?“ Und erntet die Rückfrage: „Kann das Chinesisch der Politdiktatur Heimat für die Verfolgten sein?“ Später wird sie noch expliziter: Die offizielle chinesische Abordnung auf der Buchmesse nennt sie einen „Staatsausflug mit Schrifsteller-Zierde“. Auf zehn Funktionäre komme ein Schrifsteller – „ein braver“.

Verbunden fühlt sich Herta Müller mit den chinesischen Dissidenten, mit den Schriftstellern im Exil: „Ich weiß, wie es ist, in einer Diktatur zu leben, in der man nicht seine Meinung sagen kann“, sagt die Frau, die unter dem rumänischen Diktator Ceaușescu traute, eine Zusammenarbeit mit der Staatssicherheit auszuschlagen.

Von den chinesischen Exilanten wird sie dafür gefeiert. Kaum glauben können sie es am Donnerstag, dass Müller wirklich zu ihnen kommt, an den winzigen Stand der Zeitung „The Epoch Times“, die unabhängige China-Berichterstattung für die ganze Welt leistet. Doch es war Müllers eigener Wunsch mit Autoren wie dem in den USA lebenden Bei Ling zusammenzukommen, ihnen Mut zu machen. Dafür reicht ihre reine Anwesenheit, die Tatsache, dass sie 20 Jahre nach dem deutschen Mauerfall und dem chinesischen Tiananmen-Massaker mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde. „Für alle schreibenden Dissidenten ist das unheimlich wichtig, eine echte Ermutigung“, sagt die Chefredakteurin der deutschen Epoch Times Lea Zhon. „Im Gegensatz zum Friedensnobelpreis, der an Barack Obama verliehen wurde, ohne, dass er wirklich etwas getan hat, denken wir: Wow, das ist ein echter Preis!“

Müller von den Chinesen geliebt, weil sie eine Autorin der Erinnerung ist, ein lebendiges Gedächtnis vergangener Gräueltaten. „Das Leben hat immer einen Rückspiegel“, sagt sie am 3sat-Stand. Und bedauert: „Dass Chinas Wirtschaft sich so rauschhaft entwickelt und man gleichzeitig nicht einmal über die Kulturrevolution sprechen darf ... Wo sind wir da?“ Über 400 Menschen lauschen ihrem lockeren Gespräch am Stand des Fernsehsenders – ausgelegt ist er für 45 Zuschauer. Ein wahres Blitzlichtgewitter geht anfangs auf die Autorin nieder, man hat zusätzliches Personal engagiert, um den reibungslosen Ablauf der fürs Fernsehen aufgezeichneten Gespräche zu gewährleisten. „Nur bei Günter Grass 1999 war noch mehr los“, erinnert sich 3sat-Sprecher Frank Herda. „Vorher kam die Polizei mit Hundestaffel und der Autor rückte mit einer Eskorte an.“

Herta Müller gilt eigentlich als öffentlichkeitsscheu. Bei ihren Publikumsauftritten gibt sie sich jedoch erstaunlich offen und gelassen: Dass sie in dieser Wochen Lesungen krankheitsbedingt absagen musste, führt sie nicht auf den Druck der sprunghaft angestiegenen öffentlichen Wahrnehmung zurück: „Es war der Magen, nicht der Kopf.“ Immerhin seien es die Bücher, die ausgezeichnet wurden, findet sie. „Ich habe das Gefühl, die anderen sind alle aufgeregter als ich. In zwei Wochen hat sich das sicher gelegt.“

Im Moment kann sie sich ihr Verlag Carl Hanser vor Presseanfragen kaum retten – und ihre Autorin nur schwerlich vor aggressiven Autogrammjägern schützen. „Einige sind sehr distanzlos, stellen sich direkt vor sie und halten ihr Bücher unter die Nase“, beschreibt Hanser-Sprecherin Annette Pohnert die Situation. Auch Rumänen kämen, die sich in der Geschichte, die Müller in ihrem Roman „Atemschaukel“ beschreibt, wieder finden und ihr für einen Moment nah sein möchten. „Ich kann das trennen“, sagt Herta Müller und flieht nicht. Zwischen den öffentlichen Terminen bei arte, 3sat oder dem Blauen Sofa des ZDF sitzt sie am Hanser-Stand, kann theoretisch jederzeit entdeckt und angesprochen werden.

Und manchmal sind die Autogrammjäger auch liebenswerte Typen: Der extra aus Schleswig-Holstein angereiste Antiquar Ulrich Pflugstert wartet in stoischer Ruhe vor dem Ruheraum der 3sat-Autoren. In seiner Hand hält er ein altes, schönes Notizbuch, in dem sich 1920 schon der deutsche Reichskanzler und Friedensnobelpreisträger Gustav Stresemann verewigt hat. „Über 1000 Autogramme von Autoren habe ich schon gesammelt“, sagt Pflugstert, „auch eines von Herta Müller bereits 1991. Doch jetzt brauche ich sie noch einmal für meine Nobelpreisträgerseite.“ Und tatsächlich: Obwohl ihre Pressedamen die Autogrammjäger verscheuchen wollen, fasst sich Müller ein Herz und unterschreibt. Dann verschwindet sie, zum nächsten Blitzlichtgewitter.

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