Strukturwandel

Independents: Geld vom Staat?

Der Strukturwandel hat der Branche kräftig zugesetzt, so sehr, dass manche längst weiche Knie bekommen und die Vielfalt, inhaltlich wie vertrieblich, ernsthaft in Gefahr sehen. „Wenn die zehntletzte unabhängige Buchhandlung schließt, stirbt der letzte unabhängige Verlag“, mahnt zum Beispiel Stefan Weidle – und schlägt vor, der Staat solle helfen. Eine ideale Lösung oder völlig abwegig? VON TW

Die Durststrecke für unabhängige Verlage nimmt kein Ende, trotz aller Kooperationen – die Diskussionen um den Seite3-Text der "Süddeutschen Zeitung" haben es noch einmal deutlich gezeigt. Weidle, Verleger aus Bonn (Weidle Verlag) und Vorstandsmitglied der Kurt-Wolff-Stiftung, sie als großes Handicap dieser Tage die immer rigider werdende Einkaufspolitik des Buchhandels – und prophezeit: „Setzen wir Unabhängigen den Filialisten nichts entgegen, gehen wir alle unter.“


Ist es wirklich fünf vor zwölf? Weidle meint ja – und kämpft weiter um die Zukunft der Independents. Sein Vorschlag: Damit unabhängige Verlage, in erster Linie die literarischen, vom Sortiment (und von den Lesern) wieder stärker wahrgenommen werden, möchte er den Staat in die Pflicht nehmen – ähnlich wie in Frankreich.

Wie berichtet, wurde dort Ende August ein Förderprogramm für kleine Sortimente aufgelegt, das die Unternehmen als Bastionen der Hochkultur feiert und steuerlich begünstigt. Für die erste Etappe hat das Pariser Kulturministerium 406 Sortimente ausgewählt (Details: siehe hier).

Dass es eines Tages auch für deutsche Sortimente solche Steuergeschenke gibt, dürfte aufgrund der gesetzlichen Unterschiede ausgeschlossen sein. Weidle weiß das, hat allerdings ohnehin einen etwas anderen Ansatzpunkt: Ihm geht es darum, neue gesellschaftliche Anerkennung und finanzielle Hilfen für jene Buchhändler zu erreichen, die "ihr Angebot selbst gestalten und den Mut haben, auch solche Titel ans Lager zu nehmen, die nicht unbedingt Bestseller sind – aber dennoch die literarische Kultur dieses Landes repräsentieren".

Analog zur Förderung der Programmkinos ließe sich eine Art Prämiensystem für den Buchhandel entwickeln, so Weidle. Die Auswahl könne durch eine in erster Linie von Verlagsvertretern besetzte Jury erfolgen (Weidle: „Nur sie kennen die Buchhandlungslandschaft wirklich gut.“), unter Maßgabe bestimmter Kriterien. Zwei seiner wichtigsten: „Die Buchhandlungen müssten noch Einzelbestellungen für Kunden machen und das VLB nutzen.“

Zwei Politikern hat der Bonner Verleger sein Konzept bereits vorgelegt: dem Staatssekretär für Kultur in Nordrhein-Westfalen, Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff, und der Berliner CDU-Politikerin Monika Grütters, die seit dieser Woche den Kulturausschuss des Bundestags leitet. Die ersten Reaktionen seien freundlich gewesen, erzählt er, ein klares Bekenntnis stehe aber noch aus. Rückfragen des Börsenblatts ergaben nun: Während sich NRW noch im Analyse-Status befindet, erteilt Grütters der Initiative eine Absage.

Ein Vergleich zwischen der Förderung der Programmkinos und des unabhängigen Buchhandels sei nicht hilfreich, argumentiert Grütters. "Programmkinos zeigen Filme, die sonst nicht zu sehen wären; das gesamte Sortiment des Buchhandels ist jedoch jederzeit bei allen Händlern erhältlich." So abwehrend das auch klingt: Die Arbeit der Unabhängigen lobt sie dennoch in den höchsten Tönen. An kaum einem anderen Ort fühle sie sich so wohl wie in »ihrer« kleinen Buchhandlung nebenan, bekennt sie: »Ich sehe eine wichtige und notwendige Aufgabe darin, diese Angebote zu unterstützen« – was sich aber erst einmal nur in einem Appell niederschlägt: »Als Kulturpolitikerin rufe ich gerne dazu auf, die kleine, gut sortierte Buchhandlung der berühmten Kette, den Mischkonzernen vorzuziehen!«

Im Übrigen, so Grütters, setze sich die Politik ja längst aktiv für Verlage und Buchhandlungen ein, etwa durch die Unterstützung der Buchpreisbindung, in Form des ermäßigten Mehrwertsteuersatzes oder auch mit finanziellen Hilfen, zum Beispiel für Übersetzungen und Organisationen wie die Kurt-Wolff-Stiftung.

Weidle nickt und schüttelt gleichzeitig den Kopf. Grütters verkenne die Lage, meint er. Denn im Grunde sei es doch so: "Der Staat fördert Bücher, die dann aber nicht zum Kunden kommen, weil sie die Vertriebskette nicht mehr durchdringen", erklärt der Verleger. Die öffentliche Hand gebe somit Geld für Dinge aus, die auf dem breiten Markt keine Chance hätten – "da beißt sich die Katze in den Schwanz".

Was die Branche von diesem Vorstoß hält? Eine Umfrage zeigte vor allem eines: Weidle polarisiert. Stimmen  finden Sie in unserer Bildergalerie, hier.


Hintergrund: Die Situation der Programmkinos

Bundesweit gibt es ca. 340 Programmkinos, die kommerziell betrieben werden – rund 90 Prozent davon sind in der Arbeitsgemeinschaft Kino organisiert. Laut deren Geschäftsführerin Eva Matlok ist die Zahl dieser Kinos – trotz der Konkurrenz mit den Multiplexkinos – stabil geblieben. Dennoch: Ohne Förderung müssten viele aufgeben.

Was den Betreibern der unabhängigen Kinos Matlok zufolge derzeit besonders zu schaffen macht: „Das Publikum wird mit uns alt und die junge Generation rennt verstärkt in die Multiplexkinos“, sagt sie. Da die Großkinos mittlerweile selbst rudern müssten, drängten sie nun auch inhaltlich in den Markt der Programmkinos vor – profilierten sich mit besonderen Filmen. Matlok: „Den Kinos vor Ort wird die Butter vom Brot genommen.“

Programmkinos können sich auf Bundes- und zum Teil auch auf Länderebene um finanzielle Hilfen bewerben. In ihrem Antrag müssen sie jeweils en detail nachweisen, in welcher Form sie sich etwa für Kinder- und Jugendfilme oder Dokumentationen einsetzen (etwa indem sie sämtliche Filmtitel und Kosten auflisten).

Wichtigste Fördermaßnahme: die jährlichen Kinoprogrammpreise des Bundes. Pro Durchlauf hat der Beauftragte für Kultur und Medien, Bernd Neumann, 1,5 Millionen Euro in seinem Topf – für knapp 200 Kinos (ein Hauptpreis: 20.000 Euro; Prämien in Höhe von 15.000 Euro, 10.000 Euro, 5.000 Euro und 2.500 Euro). Zum Vergleich: Insgesamt fördert der Bund die deutsche Filmwirtschaft mit 60 Millionen Euro pro Jahr.

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3 Kommentar/e

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  • franz wanner

    franz wanner

    Manchmal bekommt man, was man wünscht und muß dann damit leben...
    Der Ruf nach dem Staat ist einerseits der endgültige Verzicht auf die eigene Verantwortung und andererseits sowieso die allerschlechteste Lösung. Plötzlich wird das "geschützte Kulturgut" zu "Omi`s Museumsstück" und gleichzeitig der Sumpf des Gerangels um den staatlichen Tropf eröffnet.
    Verlage befürchten im Mainstream und dem Überangebot unterzugehen und sich zudem noch Regalfläche teuer erkaufen zu müssen. Buchhändler befürchten, vom Ertrag der Handelsware nicht überleben zu können. Und das Zielpublikum schrumpft durch zunehmende Leseunwilligkeit. Es geht um die (honorable) Existenz.
    Mal ehrlich, aus welchen Argumenten wird denn eine Existenzberechtigung abgeleitet? Sendungsbewußtsein oder Markt? Sollen staatliche Beamte mittels Bewilligungsbescheid über das Existenzrecht eines Titels, eines Verlages oder Händlers entscheiden? Oder gleichmäßig armut verteilt werden?
    Verlage... ihr habt es doch in der Hand. Euch werden die Händler folgen! Macht Titel, an die ihr glaubt oder weil ihr nicht anders könnt, kalkuliert einen Preis und schützt eure Händler, indem ihr euch selber dran haltet oder gebt den Preis frei und euren Wunschhändlern eine Entwicklungsmöglichkeit.
    Aber unter dem Schutzmantel des "Kulturgutes" irgendwas zu machen und dann einen Existenzschutz vom Staat einzuklagen, empfinde ich als sehr heikel und wenig wünschenswert.
    Das könnte jeder Maler und Bildhauer auch.

  • Joachim Bartholomae

    Joachim Bartholomae

    Ein norwegischer Autor erzählte mir, dass in seinem Heimatland alle einheimischen Buchveröffentlichungen für alle 1500 öffentlichen Büchereien angeschafft wurden. Wenn man ergänzt: Lieferung über den kleinen Sortimentsbuchhandel, dann könnte man hier mit einer einzigen Investition Bibliotheken, Buchhandlungen und Verlagen auf nennenswerte Weise helfen, ohne in den Markt einzugreifen.

  • Paul Vitti

    Paul Vitti

    Wer einen speziellen literarischen Geschmack hat, sollte freiwillig dafür bezahlen. Entweder als Leser oder als Verleger oder als Wohltäter / Mäzen. Jedenfalls nicht über eine zusätzliche Zwangsabgabe für alle, die nur ausgewählten Verlagen oder Buchhandlungen zu Gute kommt. Ich frage mich, worin die Kriterien für eine solche Kulturförderung liegen sollen. Die geringe Größe eines Verlages oder Verlegers kann es ja nicht sein; vielleicht das besonders elitäre und den Markt ignorierende Sortiment eines ökonomisch erfolglosen Independent-Buchhändlers? Es ist immer einfach auf die großen Ketten zu schimpfen, die in punkto Fachwissen und oft auch Breite/Tiefe des Programms gar nicht so schlecht sind, wie immer leichtfertig behauptet wird. Manchmal liegt der Misserfolg eines sogenannten literarischen Werkes auch im Werk selbst begründet.

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