AKEP Jahrestagung 2010 Berlin

"E-Mail – das klingt so nach 90er Jahre"

Zukunft wird gemacht. Und deshalb darf man sie nicht dem Zufall überlassen. Das wurde spätestens nach der Präsentation von Raimund Schmolze (Deutsche Telekom Laboratories) auf der AKEP-Jahrestagung klar. Und wie haben wir uns die Zukunft der Buchbranche vorzustellen? VON ROE

Raimund Schmolze bei seinem Vortrag

Raimund Schmolze bei seinem Vortrag © Tobias Bohm

Schmolze, der bei den Deutsche Telekom Laboratories für "Ideation & User Experience Development" verantwortlich ist, zeigte in seinem Vortrag einige Beispiele. Man fängt schon bei den Jüngsten an: Im Streetlab der Telekom in Berlin-Neukölln, wo Kinder und Jugendliche ihr mobiles Lieblingsprodukt kreieren können – mit Folien, Filzern, Wollfäden und Klebestift. Oder auf der "Sound Safari", auf der sie Töne und Klänge sammeln, um daraus eigene Klingeltöne zu komponieren.

Die Forschung mit und an der Zielgruppe ist der Schlüssel für Produktentwicklung und -bewertung bei der Telekom. Neben der Arbeit mit der User-Generation von morgen sind es Kooperationen mit der Wissenschaft und Start-Ups. Die Telekom Laboratories unterhalten eine Public Private Partnership mit der TU Berlin, aus der täglich neue Publikationen und Patentanmeldungen hervorgehen. Mit dem Projekt "Entrepreneurs in Residence" gibt man jungen Unternehmern eine Starthilfe bis hin zu Ausgründung eines eigenen Unternehmens (Spin-off) durch den Geschäftsbereich T-Venture.

Um neue Produktideen zu entwickeln und zur Marktreife zu bringen, braucht man ein junges Team, "Leute, die keine Mails mehr verschicken, sondern einen Communicator benutzen, denn 'E-Mail, das klingt so nach 90 Jahre'", sagt Schmolze. Und es soll ein interdisziplinäres Team mit einem nicht zu geringen Frauenanteil sein, weil Frauen, so Schmolze, ergebnisorientierter arbeiten.

Auf dem Weg zum Multibook
Was ein Verlag 2015 tun muss, um noch im Markt mitspielen zu können (und nicht etwa anderen Playern das Geschäft zu überlassen), führte Okke Schlüter, Professor für Medienkonvergenz an der Hochschule der Medien (HdM) in Stuttgart, vor. Er konfrontierte die Zuhörer zunächst mit einigen Zahlen und Zukunftserwartungen, wie sie vor allem die Delphi-Studie des Münchner Kreises (2030: Zukunft und Zukunftsfähigkeit der Informations- und Kommunikationstechnologien und der Medien) belegt. Dann stellte er drei Zukunftsszenarien für 2015 vor, die gar nicht nach Science Fiction klangen, sondern so, als müsste in den Verlagen schon längst an den entsprechenden Lösungen gearbeitet werden.

Zum Beispiel Szenario 2: Ein Buchkunde lädt sich morgens auf sein Smartphone eine Leseprobe. Er bestellt von unterwegs aus das physische Buch, Lieferzeitpunkt: heute, 19 Uhr, nach Feierabend. Parallel ordert er für sein mobiles, multimedia-fähiges  Endgerät das elektronische "Multibook", das viel mehr kann als die digitale 1:1-Entsprechung des gedruckten Buch: Es bietet zahlreiche Links zu Zusatzinformationen im Netz, es enthält Bilder und Videos, es verfügt über eine Text-to-Speech-Funktion, es blendet Textkommentare von Community-Freunden ein. Abends, so Schlüter weiter, kann der Kunde dann wieder im Printbuch weiterlesen, und am nächsten Morgen, bei der Fahrt ins Büro, aktiviert er die Vorlesefunktion.

Schlüter selbst arbeitet gerade mit Kooperationspartnern an der Entwicklung eines Multibooks – eines Medienformats, von dem wir dank der Tablet-Revolution noch mehr hören und sehen werden.

 

 

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8 Kommentar/e

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  • Hartwig Schulte-Loh

    Hartwig Schulte-Loh

    Dieses Medien-Kamasutra soll Zukunft sein? Diese Hirnhetze soll Spaß machen? Das wird auch in der näheren Zukunft mit Lesern nicht zu machen sein.Sollte jedoch, eines Tages, die Telekom unsere Hirne durch künstliche ersetzen, sieht es anders aus. Vielleicht haben sie es ja bei ihren Mitarbeitern schon getan.

  • H. Kraft

    H. Kraft

    zu 1.)
    Ich gebe Herrn Hartwig Schulte-Loh völlig recht.
    Wenn dieses hier dargestellte Szenarium sich so verwirklichen sollte, dann benötigen wir auch keine Buchhandlungen mehr.
    Als denkender und kritischer Mensch sollte man sich einmal ernsthaft fragen, ob diese oben genannten Produkte auch wirklich benötigt werden?
    Welchen Menschen brauchen wir da in den nächsten Jahren eigentlich?
    Soll da ein Umdenken gefördert werden?
    Der Mensch sollte auch in Zukunft die Freiheit haben, selber zu entscheiden, was er nun will oder nicht.
    Es geht dabei um die Vernunft und um die Freiheit des Geistes.
    Das Buch sollte auch in der Vielzahl der Medien als Kulturwert erhalten bleiben.
    H. Kraft, München

  • Ro. Be.

    Ro. Be.

    Für Fachbücher klingt das durchaus interessant.

    Ich persönlich werde wohl auch 2015 nicht der oben beschriebene Typus Kunde sein, weil ich vielleicht ein bißchen "retro" bin.

    Aber es gibt doch so viele Leute, die mit dem mainstream schwimmen und vor einem Kauf nicht dauernd fragen, ob sie das brauchen, sondern ob es ihnen gefällt. Denen soll und wird man auch moderne Bücher anbieten können.

    Am besten Momo. Darin kommen die "Grauen Herren", die mittlerweile die Macht übernommen haben, zum ersten Mal vor.

  • krämer

    krämer

    Um neue Produktideen zu entwickeln und zur Marktreife zu bringen, braucht man ein junges Team, "Leute, die keine Mails mehr verschicken, sondern einen Communicator benutzen, denn 'E-Mail, das klingt so nach 90 Jahre'", sagt Schmolze.

    Schwätzer, Schwätzer, Schwätzer.

    E-Mail, ein Zugpferd, der Neuerung, wie ehemals die Eisenbahn.

  • M. K.

    M. K.

    Ein bemerkenswertes Beispiel heißer Luft, über das Sie da berichten. Leseprobe auf dem Smart-Phone, Buch und Multi-Book. Ein Szenario, das vor allem 2 Dinge voraussetzt: viel Geld und viel Zeit. Das Multi-Book mit Filmen, Links, Zusatzmaterial will bezahlt, die Filme wollen gesehen, das Zusatzmaterial genutzt und die Links verfolgt werden - ach ja, und das Buch auch noch gelesen. Das mag alles im Spitzenmanagement großer Konzerne möglich sein, der normale Mittelständler, der Arbeiter und Angestellte dürfte das Modell wohl kaum als realistisch empfinden.
    Abgesehen davon - für Autoren würde ein Multi-Buch eine völlig andere Arbeitsweise bedingen - oder wer soll das Buch erweitern - die Verlage, die Redakteure? Das wird urheberrechtlich sehr interessant werden.
    Bleibt die Frage, warum kostbarer Web-Space für solch einen Bericht verschwendet wird. Eines allerdings war neu und interessant: "Frauen arbeiten ergebnisorientierter" (als Männer wohl in diesem Zusammenhang). Hier allerdings wäre eine Nennung der Quelle in der Tat hilfreich.

  • Buchboy

    Buchboy

    @ H. Kraft

    Warum soll ein "Umdenken" gefordert werden??
    Der Nutzer kann sich doch seine Inhalte im Netz aussuchen wie er es möchte.
    Und entscheiden kann er es auch, gerade im Internet mit seinen mannigfaltigen Möglichkeiten.
    Man muß einfach aktzeptieren, das die digital Natives der Zukunft elektronisch kommunizieren und lesen. Sie wachsen damit auf. Die Gesellschaft, Familie und Schulen können das nicht ändern - gerade auch, weil diese Menschen so kommunizieren wollen!! da kann sich der Rest ein Bein ausreißen! das Buch spielt für diese (jungen) Menschen eben eine untergeordnete wenn sogar gar keine Rolle mehr!
    Mit Vernunft und Freiheit des Geistes hat das weniger repsektive gar nichts zu tun!
    Eines ist aber richtig: In 10 Jahren wird es nur noch vereinzelt Buchhandlungen geben. Der Beruf Buchhändler gehört quasi auf die Liste der bedrohten Arten ;-)

  • Markus Gross

    Markus Gross

    @Buchboy

    Gottchen Sie müssen Zukunftsforscher sein so wie Sie in Ihren Prognosen daneben liegen werden

    Interessant das smiley am Ende Ihres Textes: Wie Sie das zu genießen scheinen das Ende der Buchhändler .. nur werden die Ihnen den Gefallen nicht tun und einfach weiterhin tausendfach Buchhandlungen betreiben ... wetten?

  • Buchboy

    Buchboy

    @ Markus Gross

    Nö, Zukunfstforscher bin ich nicht, nur Realist...
    Was gilt die Wette?

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