Run auf Sarrazin-Buch

Thilo Sarrazin spaltet die Öffentlichkeit. Während sich quer durch die Parteien eine politische Einheitsfront gegen den Autor und sein "nicht hilfreiches" Buch formiert hat und Talker wie Reinhold Beckmann angesichts der Brisanz des Falles das neue Sende-Format des Tribunals ausprobieren, giert das Publikum nach Sarrazins düsteren Befunden.

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Dass der Verlag, die DVA, mit diesem Ausmaß des Buchspektakels jedenfalls nicht gerechnet hat, beweist die geradezu minimalistische Startauflage von 25. 000 Exemplaren, die ebenso wie die Zweit­auf­lage sofort vergriffen war. Auflage drei und vier sind unterwegs, damit wäre in wenigen Tagen bereits die 100.000er-Marke geknackt.
"Deutschland schafft sich ab" entwickelt aber auch Sogkraft für andere Titel. Beim Amazon-Verkaufsranking steigt in Sarrazins Gefolge eine Reihe geistesverwandter Titel auf Spitzenplätze, darunter Jörg Schönbohms Polemik "Politische Korrektheit – Das Schlachtfeld der Tugendwächter" (Manuscriptum Verlagsbuchhandlung) und die rechtsverdächtige Broschüre "Der Fall Sarrazin – Eine gescheiterte Tabuisierung" im Antaios Verlag.
Derweil hat die Buchhandlung Decius in Hildesheim wegen befürchteter Proteste eine geplante Lesung mit Sarrazin abgesagt. Hildesheim sollte die erste Station auf der Lesereise des Autors sein.

wos

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5 Kommentar/e

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  • Herbert Trautwein

    Herbert Trautwein

    Die Verlage legen sich mit jedem ins Bett, der sich danach gut verkaufen lässt...

  • Ede

    Ede

    ... und sind dann nicht bereit für das gerade zu stehen, was sie angerichtet haben: Heute in der Frankfurter Rundschau: Herr Friedman, Sie haben mit Thilo Sarrazin diese Woche über seine kruden Thesen gesprochen. Das Interview ist allerdings nie erschienen. Warum?

    Weil Sarrazin und der Pressevertreter des Verlages beim Redigieren und Autorisieren des Interviews weitergegangen sind als üblich. Gestrichen wurden alle kritischen Fragen zu Sarrazins hochgefährlichen bio-genetischen Aussagen. Ein Beweis, welch gestörtes Verhältnis Sarrazin zu Meinungsfreiheit und Streitkultur hat. Und so hat sich die Chefredaktion der B.Z. zu Recht entschieden, dieses Interview nicht zu drucken.

    Das vollständige Interview unter http://www.fr-online.de/politik/spezials/-kein-mae rtyrer-der-meinungsfreiheit-/-/1472610/4609854/-/i ndex.html

  • Lutz

    Lutz

    also, ich schicke diese "kunden" wieder weg. in meiner buchhandlung wird dieser titel nicht verkauft.

  • Markus Groß

    Markus Groß

    @Lutz

    Ich bin mir noch nicht sicher, was ich tun soll. Natürlich gibt es Probleme bei der Integration etc. Die sollen auch klar beschrieben werden und da sind auch Diskussionsbeiträge und Lösungsvorschläge in Ordnung und erwünscht, die nicht meiner Meinung entsprechen und die meinetwegen auch klar und scharf und sogar zugespitzt formuliert sein dürfen.

    Allerdings empfinde ich die Äußerungen Sarrazins in Teilen so polemisch, ja demagogisch, daß ich mich schwer tue dieses Buch zu verkaufen. Ich halte seine Thesen in Teilen für rassistisch. Sie spalten die Gesellschaft. Die von ihm benutzten Statistiken sind offensichtlich fragwürdig zumindest fragwürdig interpretiert. Aber ich will keine Buchkritik schreiben.

    Für mich stellt sich die Frage: Sollen wir das Buch verkaufen oder nicht. Eine Entscheidung habe ich bereits getrroffen, ich werde das Buch selbstverständlich an Kunden verkaufen, die es bei mir bestellen. Ich bin nicht der Oberzensor und ich kann nicht Gedankenpolizei spielen um herauszufinden, aus welcher Motivation heraus Kunden das Buch lesen möchten.

    Noch nicht entschieden habe ich, ob ich das Buch aktiv anbiete. Also einen Stapel auslege, es ins Fenster stelle etc. Ich will dieses Buch eigentlich nicht bewerben, ich möchte kein Geld investieren um es erfolgreich zu machen und: Ich möchte mit so einem Machwerk nicht mein Geld verdienen.

    Aber erneut: Ich bin kein Zensor und wenn ich einen politischen Diskurs möchte, dann muß ich eine solche Quelle zugänglich machen.

    Vielleicht liegt eine Lösung darin, für jeden verkauften Sarrazin einen Betrag von Euro 8 an eine antirassistische Initiative, einen Verein der sich um Integration kümmert oder die Humanistischen Union zu überweisen.

    Ich wünsche mir eine Diskiussion von Buchhändlern hier im Forum. Möglicherweise gibt es ja noch mehr, die hin- und herüberlegen. Sollten andere die Spendenidee für sinnvoll halten wäre eine Frage ob man sich da nicht zusammen tun kann...

    Also: Was meinen Sie?

    Markus Groß, Daun
    mg@aurel-verlag.de



  • Leser

    Leser

    Ein Absatz aus dem erwähnten Interview mit Friedmann scheint mir besonders hervorhebenswert, da "branchenrelevant":

    Frage: Haben Sie eine Ahnung, warum sich kaum jemand darüber aufregt, dass der Verlag DVA, der zum Bertelsmann-Konzern gehört, ein teils offen rassistisches Buch veröffentlicht?

    Antwort Friedmann: Ich rege mich darüber auf und finde es bedenklich für einen international tätigen Verlag. Ich bin gespannt, wie dessen Repräsentanten sich im Ausland für dieses Buch rechtfertigen werden. Aber man muss natürlich sehen, dass es auch in der Verlagswelt ums Geschäft geht. Was mich allerdings noch mehr aufregt ist, dass sich Sarrazin nun nach der Kritik als Opfer stilisiert und sagt, man solle sein Buch erst mal richtig und in Gänze lesen. Dabei haben er und sein Verlag doch auf den Skandal gesetzt mit der Vorveröffentlichung von Teilen des Buchs im Spiegel und in der Bild-Zeitung. Wer hart austeilt, muss auch einstecken können. Sarrazin ist kein Märtyrer der Meinungsfreiheit – beim ihm wird geprüft, ob das Strafrecht oder das Arbeitsrecht tangiert sind, wie bei jedem anderen auch.

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